Clara Zetkin 19260305 Gewerkschaftsarbeit und Frauen

Clara Zetkin: Gewerkschaftsarbeit und Frauen

(5. März 1926, 15. Sitzung der Erweiterten Exekutive der Komintern)

[Protokoll. Erweiterte Exekutive der Kommunistischen Internationale Moskau, 17. Februar — 12. März 1926. Hamburg-Berlin 1926, S. 444-447]

ZETKIN: Genossen und Genossinnen! Mit Recht ist erklärt worden, dass unsere Arbeit zu 90 Prozent Gewerkschaftsarbeit sein muss. Mit Recht beschäftigen wir uns mit dem größten Ernst mit der Frage der gewerkschaftlichen Einheitstaktik und der gewerkschaftlichen Einheitsfront. Aber sowohl in der uns vorgelegten Resolution zu dieser Frage als auch in allen Reden, die gehalten worden sind, habe ich schmerzlich vermisst, dass nicht mit einem Sterbenswörtchen auf einen sehr wichtigen tatsächlichen Faktor für die Verwirklichung der gewerkschaftlichen Einheitsfront und Einheitstaktik hingewiesen worden ist. Nicht einmal hingewiesen worden ist! Das ist die Notwendigkeit, die gesamte gewerkschaftliche Arbeit mit der höchsten Energie auch auf die Arbeiterinnen auszudehnen. Die Arbeiterin hat — so scheint es — für uns überhaupt nicht existiert. Genossen und Genossinnen, ist das ein Zufall?

Nein, das ist das Betrübliche für mich, dass es kein Zufall ist, sondern eine Widerspiegelung der Tatsache, dass man leider in den Sektionen der Kl — abgesehen von der KPdSU — der Revolutionierung der Frauen — der Arbeiterinnen insbesondere — durchaus nicht die gebührende Aufmerksamkeit widmet, und dass demgemäß unsere kommunistische Arbeit unter den Arbeiterinnen in den Betrieben, in den Fabriken, in den Büros usw. außerordentlich schwach ist.

Es gibt eine einzige Sektion — von der russischen abgesehen —‚ die sich mit Ernst dieser Arbeit zugewandt hat, das ist unsere englische Kommunistische Partei, die bei ihrer Minoritätsbewegung, bei ihrer Kampagne zur Herausbildung eines linken Flügels, auch die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen mit Verständnis und Tatkraft in Angriff genommen hat. Gewiss, ich anerkenne, dass die italienische Partei, trotz der ungeheuren Schwierigkeit ihrer Lage, wie sie durch den Faschismus geschaffen ist, sich bemüht hat, auch in die Betriebe mit großer weiblicher Belegschaft einzudringen und die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren. Ich verzeichne ferner, dass in Frankreich im Laufe des Jahres wiederholt Anläufe genommen worden sind, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren und zu schulen. Aber diese Anläufe sind nach all den Nachrichten, die wir erhalten haben, kläglich zusammengebrochen und haben sich nicht entwickelt zu einer starken, planmäßigen Arbeit unter den breitesten Arbeiterinnenmassen, In Deutschland sieht es betreffs dieser Arbeit auch noch sehr kläglich aus. In allen anderen Sektionen gleichfalls.

Genossen und Genossinnen, dieses Verhalten der Kommunistischen Parteien steht in schroffstem Widerspruch zu den faustdicken Tatsachen, die auf die Bedeutung und Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen, auf ihre planmäßige Aufklärung und Erziehung hinweisen. In Deutschland machten nach einer Statistik aus dem Jahre 1922 die Industriearbeiterinnen fast ein Fünftel der gesamten Industriearbeiterschaft aus. Nach einer Statistik sollten schon 1906 in Frankreich die Industriearbeiterinnen 34 Prozent der gesamten Industriearbeiterschaft gestellt haben. Ich will diese Zahlen nicht miteinander vergleichen und glaube auch nicht an sie, wie an das kommunistische Evangelium. Aber soviel steht fest, dass in den industriell entwickelten Ländern die Arbeiterinnen ungefähr ein Fünftel bis ein Viertel und noch mehr der gesamten Industriearbeiterschaft bilden. Dazu dürfen wir dieses nicht vergessen: die gesamte technische und organisatorische Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft eröffnet der Frau ständig neue Arbeitsgebiete und weist der berufstätigen Frau in der Industrie immer ausschlaggebendere Positionen zu. Im Handelsgewerbe gilt das gleiche. Die fortschreitende Mechanisierung im Handel und in der Kontor- und Büroarbeit zieht immer mehr Frauen in die betreffende Berufsarbeit hinein. Diese Entwicklung wirkt sich auch im Verkehrswesen, in der Verwaltung des Staates, der Gemeinden usw. aus. Stellen wir nun der Zahl der berufstätigen Frauen in der Industrie, im Handel, Verkehr und im Verwaltungsdienst von Privatkapitalisten, von Gemeinden und Staat die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Frauen gegenüber, so ist diese außerordentlich gering.

Noch eine Tatsache, auf die ich Ihre volle Aufmerksamkeit lenke: soweit außerhalb der Sowjetunion Arbeiterinnen, berufstätige Frauen gewerkschaftlich organisiert sind, sind sie fast ausschließlich in rein bürgerlichen Organisationen zusammengeschlossen, Was besagt das? Das heißt, dass, soweit die berufstätigen Frauen gewerkschaftlich zusammengefasst eine Macht bedeuten, sie eine Macht in den Händen unserer Gegner, in den Händen unserer Feinde sind, eine Macht, die sich gegen uns und unsere Bestrebungen wendet.

Genossen und Genossinnen, können wir dem noch länger ruhig zusehen, ohne den Willen zur energischsten Tätigkeit zu bekunden?

Ich glaube nein! Wer das tut, ist ein Feind des Kommunismus. Ich spreche das mit allem Nachdruck aus: wer nicht seine volle Kraft für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen, der berufstätigen Frauen einsetzt, erweist sich letzten Endes, ob er will oder nicht, als ein Feind der Revolutionierung und Mobilisierung der gesamten proletarischen Masse gegen die bürgerliche Gesellschaft. Es ist klar, dass in sehr vielen Industriezweigen Wirtschaftskämpfe nicht durchgeführt werden können ohne die verständnisvolle, opferbereite Mitwirkung der Arbeiterinnen. Ganze Industriezweige werden von der Frauenarbeit beherrscht. Ich nenne nur die Textilindustrie, die Bekleidungsindustrie, die Nahrungsmittelindustrie, die Tabakindustrie u. a, ich verweise ferner insbesondere auf die breiten Frauenmassen die als Telefonistinnen, Telegrafistinnen, Stenotypistinnen und auf anderen Posten im Verkehrswesen im Dienste des kapitalistischen Staates tätig sind. Man spricht so viel von herannahenden großen wirtschaftlichen Kämpfen. Mit Recht. Man betont die Notwendigkeit, dass wir Kommunisten in diesen Kämpfen die Führung haben müssen. Ganz richtig. Aber, Genossen, wenn wir davon überzeugt sind, dass die Entwicklung so vor sich geht, müssen wir auch alle Kräfte einsetzen, um die möglichst größten Chancen des Sieges, des Erfolges zu sichern, die Überlegenheit der kommunistischen Führung zu beweisen. Und eine der wichtigsten Chancen dafür wird geschaffen durch unsere Arbeit zur Aufklärung und gewerkschaftlichen Zusammenfassung der berufstätigen Frauen. Wie stellt ihr euch einen Streik vor, der über die wirtschaftlichen Betriebe hinüber greift in die Gemeindeverwaltung, in die Staatsverwaltung, ohne dass ihr das zahlreiche Heer der Stenotypistinnen, Telegrafistinnen, Telefonistinnen usw. mit euch habt? Worauf ich summarisch hinwies, sind Fragen von größter praktischer Bedeutung.

Und weiter noch. Bei der Behandlung der Gewerkschaftsfragen, bei der Bewertung und Organisierung unserer Gewerkschaftsarbeit können wir uns nicht darauf beschränken, allein die Arbeiterinnen, die berufstätigen Frauen zu erfassen, Wir müssen unsere Arbeit von der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen in den Betrieben auch auf die Heimarbeiterinnen, auf die außerhalb der Betriebe stehenden proletarischen Hausfrauen ausdehnen.

Die Einstellung, die Haltung dieser Frauen ist bei Lohnbewegungen, Streiks, Kämpfen von großer Bedeutung. In manchen Industrien, die gerade für die Schlachten des revolutionären Klassenkampfes von größter Tragweite sind, ist das Verhalten der Arbeiterfrauen von entscheidender Bedeutung. Die Erfahrung hat gezeigt, dass in den Kämpfen der Metallarbeiter und der Grubenarbeiter im Ruhrrevier, dass in der großen Streikbewegung der Bergarbeiter in Oberschlesien, dass bei den Kämpfen der Bergarbeiter in Belgien, in England, in den Vereinigten Staaten und letzten Sommer in Kanada die Arbeiterfrauen eine hervorragende Rolle gespielt haben als Streikposten, als Organisatorinnen von Hilfsaktionen für die Kinder der Streikenden und andere Unterstützung der Kämpfenden in jeder Beziehung. Die 25.000 Bergarbeiterfrauen, die in England im letzten Sommer zur Unterstützung der Forderungen der Bergarbeiter geschlossen aufmarschierten, sind eine Erscheinung, die uns zu denken geben, uns zur größten Tätigkeit anspornen muss.

Genossen und Genossinnen, ich möchte hier an euer Gewissen appellieren, dass ihr dieser bedeutsamen Frage, der gewerkschaftlichen Organisierung, gewerkschaftlichen Schulung der berufstätigen Frauen die größte Beachtung schenkt. Wie stellt ihr euch die Durchführung der Einheitsfront vor, wie die Revolutionierung und die Eroberung der Gewerkschaften, ihre Säuberung von den reformistischen Führern und Verführern, wenn ihr nicht die organisierte Arbeiterin mit euch habt die bis jetzt leider überwiegend eine Stütze der seichtesten Reformisten ist. Sehr zum Schaden der Arbeiterin, denn bei Kompromisseleien im Zeichen der Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmern sind es fast stets in erster Linie und in größtem Maße die Arbeiterinnen, die Frauen, die die Kosten des Friedens mit der Bourgeoisie zu tragen haben.

Deshalb, Genossen und Genossinnen, lege ich euch ans Herz, dass keiner von euch meint, mit der Annahme der Resolution sei es getan, in die hoffentlich noch ein paar Worte über die Bedeutung der gewerkschaftlichen Arbeit unter den Frauen aufgenommen werden. Nein, jeder einzelne von euch muss die Verpflichtung fühlen, in praktischer, alltäglicher Arbeit zur Aufklärung und Organisierung der Arbeiterinnen, der Entwicklung und Schulung der Arbeiterfrauen, das Höchste zu leisten. Es wird so viel gesprochen von Leninismus, von Bolschewisierung. Ich sage euch, ihr seid schlechte Bolschewiki, ihr seid nicht gute Nachfolger unseres Lenin, wenn ihr nicht auch dieser Frage volle Beachtung schenkt und vor allem ihr die volle praktische Durchführungsarbeit widmet. Fort mit eurer Untätigkeit, eurer Lauheit und Flauheit in dieser Frage! Was beweist sie letzten Endes? Dass euch nicht klar geworden ist die Notwendigkeit wirklich revolutionärer Realpolitik, dass euch aber auch nicht aufgegangen ist die ganze Größe, die ganze Herrlichkeit, die ganze umfassende Bedeutung des kommunistischen Ideals. Nehmt von mir Alten den Rat entgegen: Bekehrt euch! Erkennt, handelt, arbeitet! (Großer Beifall.)

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