Leo Trotzki: Brief an das Internationale Sekretariat 27. Juli 1936 [Veröffentlicht am 15. August 1936 in La Lutte ouvrière, der Zeitung der Revolutionären Sozialistischen Partei von Belgien, der belgischen Sektion der Vierten Internationale und Leon Trotsky, Le Mouvement communiste en France, 1919-1939, herausgegeben von Pierre Broué (Les Editions de Minuit, Paris, 1967).. Nach Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, S. 224-226] Werte Genossen: Die Ereignisse in Spanien, wie sie auch endigen mögen (und ich rechne mit einem günstigen Ergebnis), werden für die Entwicklung der Vierten Internationale in Frankreich und überall von historischer Bedeutung sein. Die Frage der Volksfront stellt sich jetzt allen Arbeitern mit absoluter Klarheit. Viele französische Sozialisten fragen sich (siehe zum Beispiel den Artikel in Le Populaire von diesem elenden Maurice Paz): „Warum haben die Führer der spanischen Volksfront, die seit Februar an der Macht waren, nicht die notwendigen Schritte gegenüber der Armee unternommen? Welch ein Fehler! usw." Diese Leute verstehen eben nicht, dass es sich hier nicht um „Fehler", sondern um Klasseninteressen handelt. Wenn die Bourgeoisie genötigt ist, ein Bündnis zwischen ihrem linken Flügel und den Arbeiterorganisationen zu schließen, dann braucht sie das Offizierskorps mehr denn je als ein Gegengewicht – denn dann ist die wichtigste Frage, nämlich die des Schutzes des Eigentums gestellt. Das war absolut kein Fehler! Die Volksfrontregierung in Spanien war keine Regierung, sondern einfach ein Verwaltungsinstrument. Die wirkliche Regierung befand sich beim Generalstab, bei den Banken usw. Die französischen Radikalen waren ermächtigt, ein Bündnis mit den Arbeitern unter der Bedingung zu bilden, dass sie nicht an das Offizierskorps rührten. Da aber die Arbeiter auf ihren Forderungen beharren, wird zum Schluss sich die ganze Staatsmaschine gegen sie richten. SAPler betrachten die Volksfront als eine Bereicherung der proletarischen Taktiken. Sie können ihren Klassencharakter nicht erkennen, weil sie völlig unfähig sind: die Radikalen werden nur als der rechte Flügel der Volksfront angesehen; in Wirklichkeit sind sie dort, um die herrschende Klasse zu vertreten, und mit ihrer Hilfe hält das Finanzkapital seine Macht aufrecht – innerhalb der Volksfront und über das Proletariat. In Frankreich ist die Frage klarer und akuter als in Spanien gestellt. Daladier hält die Armee unter seiner Obhut. Es handelt sich nicht darum, die paar Offiziere zu entfernen, die sich als faschistische Prahlhänse gebärden; das gesamte Offizierskorps steht der Arbeiterklasse durch und durch feindlich gegenüber. Wer sie isolieren will, der „desorganisiert die Armee". Aber Hitler steht vor den Toren! Die Bourgeoisie – samt der Bourgeoisie in den Reihen der Radikalen – kann niemandem gestatten, an ihr Offizierskorps zu rühren. Auch die „Kommunisten" wollen nicht, dass irgendjemand daran rührt, denn mit diesem Offizierskorps müssen sie die Sowjetunion „verteidigen". Und morgen wird das gleiche Offizierskorps die Volksfront angreifen, das heißt in erster Linie die Arbeiterklasse, und sie werden eine Militärdiktatur errichten und ein Bündnis mit Hitler gegen die UdSSR schließen. In unseren an Katastrophen so reichen Zeiten zeigen sich die verbrecherischen Folgen einer opportunistischen Politik bei jeder Wendung der Ereignisse mit zehnfacher Stärke! Im jetzigen Zeitpunkt können wir auch klarer noch das Verbrechen erkennen, das die Führer der POUM, Maurín und Nin, am Anfang dieses Jahres begangen haben. Jeder denkende Arbeiter kann und wird diese Leute fragen: „Habt ihr nichts vorausgesehen? Wie konntet ihr das Volksfrontprogramm unterzeichnen und uns dazu bringen, Azaña & Co. zu vertrauen, statt uns das größte Misstrauen gegen die radikale Bourgeoisie einzuflößen? Jetzt müssen wir für eure Irrtümer mit unserem Blut bezahlen." Die Arbeiter müssen auf Nin und seine Freunde einen besonderen Zorn haben, denn sie gehörten einer Tendenz an, die vor wenigen Jahren die Volksfrontpolitik genau analysiert und diese Analyse in jedem Stadium konkretisiert und erläutert hatte. Und Nin kann zu seiner Entschuldigung nicht Unwissenheit anführen – im Übrigen eine jämmerliche Entschuldigung für einen Führer – denn er hätte zum mindesten die Dokumente lesen müssen, die er einst unterschrieben hat. Die spanischen Ereignisse werden der Vierten Internationale in Spanien und Frankreich wie überall neue und große Möglichkeiten eröffnen – gerade auf Kosten der zentristischen Tendenzen. Wir haben guten Grund, daran zu zweifeln, dass das Londoner Büro unter den gegenwärtigen Bedingungen stark genug ist, auch nur ihre Mitglieder zu einem „Friedenskongress" im November zusammenzurufen. Wir haben in jedem Fall nicht das geringste Interesse daran, unsere Teilnahme zuzusagen und diesem Kongress der Nullen, der vielleicht niemals stattfinden wird, eine gewisse Autorität zu verleihen. Wir müssen uns den Massen zuwenden, in die Massenorganisationen eindringen, und das um jeden Preis, mit allen Mitteln, ohne dass wir uns von einer konservativen Unversöhnlichkeit beeinflussen oder lähmen lassen. Vor diesen Massen aber müssen wir unsere Unabhängigkeit bewahren, jeden Kompromiss mit prahlerischen Zentristen, jedes Niederreißen der Grenzen zwischen ihnen und uns – mit einem Wort, jede verbrecherische Aussöhnung – vermeiden. Mit den besten Grüßen Leo Trotzki |
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