Mateo Fossa: Drei Gespräche mit Leo Trotzki [eigene Übersetzung nach dem spanischen Text, verglichen mit der französischen Übersetzung] Leo Trotzki lebte in einem Dorf in der Nähe von Mexiko-Stadt, in Coyoacán1, einem schönen Ort, umgeben von Bergen. An dem Tag, der für das Gespräch festgelegt war, ging ich in Begleitung von Van, Trotzkis Sekretär, dorthin. Es war Anfang September 1938. Sobald wir am Wohnsitz des bolschewistischen Führers angekommen waren, während wir unter der Galerie darauf warteten, dass Van mich ankündigte, erschien Trotzki an der Bürotür und winkte mich herbei. Ich trat sofort vor, während ich ihn beobachtete. Trotzki erschien mit dem Aussehen, das die Fotografien populär gemacht haben: schlank, fest, mit einem Hauch von Energie und Ehrlichkeit, der sich in seinem durchdringenden und starken Blick zusammenfasste. Er trug einen blauen Baumwollanzug, ähnlich dem eines Mechanikers. Als ich neben ihm stand, streckte er seine Arme aus und wir umarmten uns für einige Sekunden. Er lud mich sofort ein, einzutreten, während er wiederum hinter den Schreibtisch tat, wo er arbeitete. Er begann damit, mir zu sagen, dass er von der Verleumdungskampagne des Stalinismus gegen mich in Mexiko und all den Manövern wusste, die sie unternommen hatten, um mich daran zu hindern, an dem lateinamerikanischen Kongress teilzunehmen, zu dem ich delegiert worden war. Er ermutigte mich, weiter für unsere Klasse zu kämpfen und die Wahrheit zu sagen. Der am meisten verfolgte Mensch auf Erden hatte noch die Kraft, andere zu ermutigen, Verfolgungen zu ertragen, die neben den seinen unbedeutend waren. „Wir dürfen nicht aufgeben", sagte er, „angesichts der Verleumdungen und Manöver der Bürokraten.“ Er fragte mich sofort, welche Organisationen ich vertrete. Ich gab ihm die Beglaubigungen derjenigen, die mir ihr Mandat erteilt hatten. Trotzki setzte seine Brille auf und las sie. Er berichtete einige Details über die Manöver, die die Stalinisten und die Bürokraten der Confederación de Trabajadores de Mexico und der Confederación General del Trabajo Argentina gegen mich durchgeführt hatten, und riet mir, sie dem mexikanischen Proletariat mitzuteilen, was ich kurz darauf in einer speziell durchgeführten Veranstaltung tun konnte. Dann fragte er mich, was mich herbeiführe, und ich antwortete, dass ich seine Meinung zu einigen aktuellen Problemen wissen wollte, um sie den Arbeitern in Argentinien zu übermitteln. Wir haben dort darüber gesprochen und ich habe ihm meine Fragen gestellt. Später brachte mir Van Trotzkis konkretisierte Antworten. Trotzki sprach Spanisch Trotzki sprach ziemlich gut Spanisch und sagte einige Worte, die er nicht kannte, auf Französisch. Trotzkis Schreibtisch hatte auf einer Seite einen anderen Tisch, auf dem sich, wie ich glaube, ein Kopiergerät befand, und auf der rechten Seite eine ziemlich geräumige Bank, auf der sechs oder sieben Mappen mit handschriftlichen Papieren der Werke, die er in Arbeit hatte, platziert waren, die den genauen Eindruck von der ganzen vor ihm liegenden Aufgabe gaben. Auf der rechten Seite befand sich eine Bibliothek mit der kompletten Sammlung der Werke Lenins in russischer Sprache, schön gebunden. An der Wand, links, ein Foto von Lenin, der auf einer Tribüne spricht, zu deren Fuß Trotzki und Kamenew zu sehen waren. Es war das einzige Bild, das den Raum schmückte. Im Hintergrund befanden sich ein kleiner Sessel und eine rustikale russische Truhe, die das Mobiliar komplettierten. Nach einer Weile des Gesprächs mit dem großen Revolutionär erschien seine Lebensgefährtin, eine alte Dame, ziemlich klein, beim Schreibtisch und brachte zwei Tassen Tee und Kekse für uns. Nachdem sie mich herzlich begrüßt hatte, zog sie sich zurück. Sein Interesse für die argentinische Arbeiterbewegung. Trotzki stellte mir mehrere Fragen aus Interesse für die Fragen Südamerikas, auf die ich antwortete, indem ich ihm die Berichte gab, um die er gebeten hatte. Er wollte insbesondere die Situation der argentinischen Arbeiterbewegung wissen, die ich ihm im kurzen Gespräch erläuterte, und mit dem Versprechen, ihm auch einen Bericht vorzulegen, dessen Überbringer ich war, der für den Kongresses bestimmt war, zu dem ich delegiert war. Das habe ich bei meinem zweiten Besuch getan. Er fragte mich sofort nach der Bewegung der Vierten Internationale in Südamerika. Ich antwortete, dass ich nur etwas über Argentinien wüsste und über die anderen Länder nur von den Eindrücken, die ich während der Reise gesammelt hatte, oberflächliche Kenntnisse hatte. Er fragte mich nach dem Genosse Quebracho, zu dem ich antwortete, dass ich ihn persönlich nicht kenne. Er fragte auch, ohne Namen zu nennen, nach den anderen Genossen. Ich sagte ihm, dass ich sie nicht gut kenne, dass sie gespalten seien und dass diejenigen, die ich kenne, nicht in Massenorganisationen aktiv und nur Kaffeehaustheoretiker seien. Trotzki antwortete mir: „Die Vierte Internationale ist zahlenmäßig noch schwach, deshalb müssen wir versuchen, sie zu vereinen. Die Perspektiven kündigen große Ereignisse an, so dass, obwohl wir nur wenige sind, an dieser großen historischen Kreuzung die Gruppen, die eine richtige revolutionäre Position haben, diejenigen sein werden, die die Massen zum Sieg führen, die Bürokratie beiseite werfen und dem Verwirrspiel ein Ende bereiten werden. Die Vierte Internationale kann keine Müllhalde sein, aber angesichts der Knappheit unserer Kräfte muss man versuchen, zusammenzuarbeiten und durch die Aktion diejenigen zu sehen, die positive und ehrliche revolutionäre Arbeit leisten, und diejenigen, die nur eine Last sind, beiseite zu lassen. Ich zeigte ihm eine kleine Skepsis gegenüber unseren Möglichkeiten. Dann antwortete Trotzki mir, dass wir uns egal mit welcher Anzahl der Aufgabe stellen und uns nicht von dem Pessimismus und der Passivität der Umwelt mitreißen lassen sollten. Er sagte mir auch, dass er von einigen Publikationen aus Argentinien wüsste, dass sie sich aber viel mit Trotzki und wenig mit den Fragen des Landes beschäftigten, die sie studieren sollten. „Wir befinden uns an einer solchen historischen Kreuzung", sagte er mir, „dass wir, wenn die Arbeiterklasse die Revolution nicht zum Triumph bringt, in eine Zeit der Regression, des Elends und der Sklaverei eintauchen werden. Es darf kein Zögern geben. Alle, die sich als ehrliche Revolutionäre fühlen, müssen weiter kämpfen, ohne mutlos bezüglich des Triumphs des Sozialismus zu werden.“ Als er das sagte, entflammte er. Er hielt an und klopfte mit der Faust auf den Tisch, während er seine trockenen Lippen mit der Spitze seiner Zunge befeuchtete. Seine revolutionäre Kraft und Dynamik, die den Eindruck erweckte, intakt erhalten zu sein, vermittelten sich dem Besucher wie in seinen besten Tagen. Ich verließ sein Haus voller Elan und neuer Kraft. Zweites Gespräch Das zweite Gespräch fand statt, als Van mich aufsuchte, mit dem Vorschlag, mit mir über meinen möglichen Eintritt in die Reihen der Vierten Internationale zu sprechen, der, wie ich ihm sagte, schon seit einiger Zeit in meiner Absicht lag, da ich von der bürokratischen und konterrevolutionären Degeneration des Stalinismus überzeugt war. Dieses zweite Gespräch wurde auch an Trotzkis Schreibtisch geführt. Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, begannen wir, über verschiedene Themen zu sprechen, die der bolschewistische Führer mit seiner natürlichen Lebendigkeit behandelte. Ich erzählte ihm, dass ich in den vergangenen Nächten die Gelegenheit hatte, den sowjetischen Film Lenin im Oktober zu sehen und die Art und Weise einzuschätzen, wie die historische Wahrheit darin entstellt wurde. Dort erschien Lenin Stalin untergeordnet und suchte immer dessen Gegenwart und seinen Rat, als dem wahre Genie der Revolution. „Diejenigen von uns, die diese Epochen durchlebt haben", sagte ich zu Trotzki, „und uns erinnern, dass Stalins Name in den Tagen des Monats Oktober nie erschienen ist, sind in der Lage, die ganze grobe Verfälschung dieser Darstellungen einzuschätzen. „Die Bürokratie macht die Fälschung schon seit langem", antwortete er. Damit sollen neue Generationen in Russland und anderen Ländern getäuscht werden. Und er zitierte mir sofort eine Reihe von Fakten, die diese Behauptung bestätigten. „Ein alter Genosse, Regisseur des sowjetischen Kinos", fuhr er fort, „kam zu mir nach Hause, um mir die Kürzungen zu zeigen, die auf Befehl der stalinistischen Bürokratie in den Filmen der ersten Jahre der Revolution vorgenommen worden waren, um Trotzkis Beteiligung aus ihnen herauszunehmen. Die historische Wahrheit fiel unter die Schere der Bürokratie. Er zitierte auch den jüngsten Fall, der ihm von der UdSSR über eine Gruppe von Studenten erzählt worden war, die über die Oktoberrevolution arbeiten mussten und auf die damalige Dokumentation wie die Prawda-Sammlungen zurückgegriffen hatten, anstatt sich an die offiziellen Texte zu halten. Dort konnten sie die überwiegende Rolle der Angeklagten in den Moskauer Prozessen und insbesondere Trotzkis einschätzen. Diese in dieser Form konstatierte Wahrheit war es wert, dass die Studenten von der Universität verwiesen und inhaftiert wurden. So behandelt Stalin diejenigen, die die Kühnheit haben, in ihren Quellen nach der Wahrheit zu suchen. Dann sprachen wir über den Stachanowismus und ich drückte meine negative Meinung über ihn aus als etwas, das der sozialistischen Organisation zuwiderläuft. Er stimmte mir zu und erklärte, dass die Produktion in einem sozialistischen Regime wissenschaftlich und menschlich sein sollte, unter Berücksichtigung des Durchschnitts und nicht von Einzelfällen, die dem verschleierten Destajismus2 am nächsten kamen. Als nächstes sprachen wir über die Reihe von Farcen, die von der Bürokratie neben dem Stachanowismus verwendet werden, wie dem Argument der Sabotage in der sowjetischen Produktion. Stachanowismus und Sabotage „Der Stachanowismus und die sogenannte ,Sabotage'“ – sagte er mir – „sind nichts anderes als Manifestationen bürokratischer Degeneration in der UdSSR. Der Stachanowismus schuf ein irritierendes Lohngefälle und eine privilegierte Schicht, die den Interessen der Bürokratie an den Produktionsstätten diente. Was die ,Sabotage' betrifft, so ist sie nichts anderes als eine Mystifikation, um die Unfähigkeit der Bürokratie selbst zu verschleiern. Es ist die Rede von der ,Sabotage' der alten revolutionären Führer. Ich glaube nicht daran … Was passiert, ist, dass sie ehrliche und fähige Führer sind, die das Eindringen des sklavischen Elements der inthronisierten Bürokratie nicht akzeptieren, und deshalb werden sie beschuldigt. Das Gleiche gilt für prominente Männer, die in der Lage sind, mit bürokratischen Methoden umzugehen. Dies ist der Fall bei Bljucher, der nach den letzten Nachrichten gerade aus dem Amt entfernt wurde. Jetzt wird Bljucher eliminiert und nie wieder wird von ihm gehört werden. Dies ist das gleiche Schicksal wie bei allen Menschen mit Persönlichkeit in der UdSSR unter Stalin. Die Bürokratie braucht servile Typen. Deshalb greift sie zu Individuen der untersten Sorte und sogar zu ehemaligen Feinde wie weißen Russen. Es ist notwendig, in der Eliminierung dieser Genossen und in meiner eigenen“ – so fuhr er fort – „nicht persönlichen Ehrgeiz zu sehen, sondern einen Kampf für den Sozialismus, für die Weltrevolution, gegen diese bürokratische Organisation, die in der UdSSR thront. Es gibt diejenigen, die argumentieren, dass meine ganze Haltung auf persönlichen Ehrgeiz zurückzuführen sei. In der UdSSR war ich jedoch Kriegskommissar und ich hätte alles gehabt, was ich gewollt hätte, wenn ich mich einfach hätte gehen lassen3. Aber wir befinden uns nicht im Streit um die Eroberung von Positionen, sondern im Kampf für den Sozialismus, und dem müssen wir alle unsere Handlungen und Ziele unterordnen. Die Genossen dürfen sich nicht von all den Infamien und Verleumdungen beeinflussen lassen, die die Stalinisten verbreitet haben. Wie ist es möglich, dass wir unsere eigene Arbeit sabotieren und uns mit den Feinden der Revolution absprechen, wo sie doch das Ergebnis unseres Handelns war? Unsere ganze Vergangenheit des Kampfes bezeugt das! Dann fragte er mich nach meinem Eindruck von unseren Genossen in Mexiko und von der Arbeiterbewegung in diesem Land im Allgemeinen. Er stimmte mir zu, als ich ihn warnte, dass sie immer noch viele Mängel habe und dass sie durch die Intervention von Menschen außerhalb der Arbeiterklasse in die Führung der Gewerkschaften geschädigt werde, die ganze Wolke von Akademikern, „Pfuschern" und windigen Typen unter der Leitung des traurig berühmten Herrn Lombardo Toledano, der die Kampflust und Selbstverleugnung des mexikanischen Proletariats als Sprungbrett für seine persönlichen Ambitionen oder als Lebensmittel nutzt. Was die Bewegung der Vierten Internationale in Mexiko betrifft, so sagte ich ihm, dass ich den gleichen Eindruck wie von Argentinien hätte. Er antwortete, dass sie in der Tat immer noch schwach sei, aber dass sie sich durch Aktion konsolidieren werde. Ich fragte ihn, ob er nicht glaube, dass die Abwertung der Währung als Folge der Ölenteignung Auswirkungen haben würde, die von der rechten Bourgeoisie genutzt werden könnten, um einen Putsch gegen Cárdenas zu versuchen. Er antwortete, dass Cárdenas trotz der Aktivitäten einiger unerwünschter Menschen, die ihn umgaben, viel Ansehen habe, ein Ansehen, das sich in erster Linie in der Bauernklasse zeige, und dass er nicht glaube, dass eine Kampagne gegen ihn erfolgreich sein könne, wie der Fall General Cedillos gezeigt habe. „Und welche Meinung haben Sie über den Aprismus?“ - fragte ich ihn. „Ich möchte keine Meinungen äußern, denn es ist ein Thema, das ich nicht kenne, und ich werde versuchen, es zu studieren. Jedes Land hat seine eigenen Besonderheiten. Die Apristas, mit denen ich in Mexiko zu tun hatte, erschienen mir ehrlich und intelligent. Wir als Revolutionäre können mit ihnen gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind kämpfen, uns aber getrennt halten und immer daran denken, dass nur wir die Aufgabe der Revolution erfüllen werden.“ Schließlich bat ich ihn um ein Porträt und ein Buch, was er vermeiden wollte, indem er mir sagte, dass er keines habe. Nur auf meinen Wunsch hin nahm er ein Foto und ein Buch in englischer Sprache über seinen Gegenprozess, in das er eine Widmung schrieb. Beim Abschied ermutigte er mich wie immer, den Kampf fortzusetzen und standhaft zu bleiben. Drittes Gespräch Das dritte Gespräch wurde anlässlich meiner Abreise geführt und war sehr kurz. Bei dieser Gelegenheit ging ich in Begleitung einiger Gewerkschaftsführer, die ich in Mexiko getroffen hatte, zu Trotzkis Haus. Beim Betreten fanden wir ihn im Garten jätend und einige Kakteen pflanzend, die er bei einem Ausflug Tage zuvor auf dem Feld gesammelt hatte. Ich rief ihm zu, da er im Garten war. Er antwortete, dass er es tatsächlich wie der Kleinbürger mache, der sich sonntags der Pflege seines Gartens widmet. Sofort betraten wir sein Arbeitszimmer und sprachen einen Moment lang über allgemeine Themen, und als er sich zu der nach seinem vorherigen Rat durchgeführten Veranstaltung äußerte, kritisierte er sie, weil darin keine Resolution verabschiedet worden war. Als ich mich verabschiedete, bat er mich, seine herzlichen Grüße an die Arbeiter Argentiniens zu senden und seine Aufforderung, den Kampf für ihre Emanzipation unentwegt weiterzuführen, auch wenn sie gezwungen seien, alle Bürokraten und Verräter dem Erdboden gleichzumachen. Leo Trotzki ist unter dem Schlag gefallen, den ihm hinterhältig ein Sikarier Stalins versetzt hat. Rächen wir ihn, indem wir seine Ideen und Losungen in die Tat umsetzen. 1Fehlt in der französischen Übersetzung 2 In der französischen Übersetzung: „Akkordarbeit“ 3 In der französischen Übersetzung: „Ich war in der UdSSR Kriegskommissar und hätte mehr als eine Gelegenheit gehabt, Positionen zu erobern“ |
Leo Trotzki > 1938 >