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Leo Trotzki 19380301 Wie wurde die Untersuchung vor dem dritten Prozess durchgeführt?

Leo Trotzki: Wie wurde die Untersuchung vor dem dritten Prozess

durchgeführt?

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit den englischen und französischen Übersetzungen]

1Die Untersuchung wurde natürlich in einem undurchdringlichen Geheimnis durchgeführt. Sehr wichtige Episoden der Untersuchung wurden jedoch bekannt, zum Teil aus der sowjetischen Presse2, zum Teil aus den Enthüllungen sowjetischer Vertreter, die mit dem Kreml gebrochen hatten (Reiss, Barmin, Krivitsky und andere), teilweise aus anderen Quellen.

Bucharin wurde in der Aussage Radeks (Gerichtssitzung am 24. Januar 1937) als „Verschwörer" benannt. Seit dieser Zeit war Bucharin im Gefängnis. Die GPU arrangierte für Radek, der die Rolle eines Agenten des Staatsanwalts3 Wyschinski spielte, ein Treffen mit Bucharin. Radek erzählte Bucharin, mit dem er befreundet war: „Gestehe alles, was von dir verlangt wird, und du bleibst am Leben. Ich lebe ruhig auf dem Lande, ich habe meine eigene Bibliothek, ich kann mich nur nicht mit Fremden treffen." Diese Argumente wirkten nicht auf Bucharin.

Auf einer Plenarsitzung des Zentralkomitees im Februar 1937 wurden Bucharin, der ehemalige Chef der Komintern, und Rykow, der ehemalige Regierungschef, aus dem Gefängnis vorgeladen – eine in der Parteigeschichte beispiellose Tatsache! Sie wurden aufgefordert, „freiwillige Geständnisse" zu machen und zu helfen, die Feinde der Partei (Trotzki und seine Gleichgesinnten) zu besiegen. Rykow weinte bei der Sitzung des Zentralkomitees. Der weiche Bucharin verhielt sich im Gegenteil aggressiv und bezichtigte Stalin der juristischen Fälschung. Beide weigerten sich, die beschämende Rolle zu übernehmen. Stalin schrie: „Zurück ins Gefängnis, mögen sie sich von dort aus verteidigen!" Bucharin und Rykow wurden von Agenten der GPU, die an der Tür warteten, ins Gefängnis gebracht. Dank der zahlreichen Mitglieder des Plenums wurde diese Szene am selben Tag in bürokratischen Kreisen bekannt.

Der Angeklagte Rakowski, der ehemalige Regierungschef der Ukraine, dann Botschafter in London und Paris, wurde im Februar 1937 verhaftet. Das erste Verhör in seiner Wohnung dauerte 18 Stunden ohne Unterbrechung. Die Ermittler der GPU wechselten, aber der 64-jährige Rakowski blieb 18 Stunden ohne Essen oder Trinken. Rakowskis Frau wollte ihm ein Glas Tee geben, aber sie durfte das nicht unter dem Vorwand, sie könnte ihren Mann vergiften (!). Kontinuierliche Verhöre über Dutzende von Stunden, unter dem hypnotisierenden Licht spezieller Suchscheinwerfer, bilden das übliche System der GPU, um den Widerstand der Nerven zu schwächen. Mratschkowski, der im Sinowjew-Kamenew-Prozess erschossen wurde, wurde 90 Stunden lang mit kürzesten Unterbrechungen verhört. Das erscheint unglaublich; aber die Methoden der GPU sind allgemein „unglaublich". Diese Tatsache wurde unter anderem von Ignaz Reiss berichtet, der sich auf Sluzkij berief, eine der zentralen Figuren der GPU. Die Tatsache ist auch einigen amerikanischen Journalisten bekannt.

In der Zwischenzeit wurde die sogenannte „Säuberung" fortgesetzt, deren Hauptaufgabe die Vorbereitung des dritten Prozesses im vergangenen Jahr war. Dutzende und Hunderte von Verwandten, Freunden, Angestellten, Kollegen der Angeklagten wurden verhaftet. Der Zweck der Festnahmen bestand darin, jeden der Angeklagten mit einem Ring falscher Denunziationen von ihm nahestehenden Personen zu umgeben.

Diejenigen der Kandidaten für Angeklagte, die sich weder durch dauernde Verhöre, blendende Suchscheinwerfer noch durch Dutzende falscher Zeugenaussagen erdrücken lassen, werden im Zuge der Ermittlungen ohne Gerichtsverfahren nach einem einfachen Dekret der GPU erschossen, d.h. auf persönliche Anordnung Stalins. Am 19. Dezember letzten Jahres berichtete die Zeitung die Erschießung des herausragenden sowjetischen Diplomaten Karachan und des ehemaligen Sekretärs des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets Jenukidse als „Spione". Karachan und Jenukidse waren während ihrer gesamten Arbeit eng mit den Angeklagten des neuen Prozesses verbunden. Sie wurden der gleichen Verbrechen beschuldigt. Warum waren sie nicht auf der Anklagebank? Nur weil sie während der Untersuchung nicht gebrochen wurden. Sie wurden erschossen, um anderen Hartnäckigen die letzte Warnung zu geben. Man muss hinzufügen, dass die Gefangenen nicht nur keine Anwälte, sondern auch keinen Zugang zu Verwandten haben – außer denen, die wie Radek den Gefangenen dazu geneigt machen, die erforderlichen Aussagen zu machen. So wurden die Angeklagten im Laufe eines Jahres nach mehreren Jahren der vorläufigen Verfolgung und Repression „erzogen".

Am 19. Januar dieses Jahres berichtete die Presse, dass das Plenum des Zentralkomitees in Moskau im Januar beschlossen habe, die Massensäuberung zu lockern. Die Weltöffentlichkeit beeilte sich, eine Schlussfolgerung über den Beginn eines neuen, weicheren Kurses zu ziehen. In der Tat wurde die Massen„säuberung" nur deshalb eingestellt, weil ihr unmittelbares Ziel bereits erreicht war, d. h. der Wille des Angeklagten gebrochen, und die Möglichkeit des Prozesses gesichert war. Dies war der Verlauf der Untersuchung.

Die ausländischen Agenten Moskaus eilten, die neue gerichtlichen Verhöhnung ein „öffentliches" Gericht zu nennen. Als ob das Verfahren „öffentlich" würde durch die Tatsache, dass die Inquisition in dem von ihr gewählten Moment den Vorhang über einem kleinen Teil ihrer Arbeit lüftet!

Der Prozess wird am 3. März beginnen. Indessen erklärte die Prawda am 28. Februar, dass die Angeklagten die Erschießung nicht vermeiden könnten. Die Prawda ist Stalins persönliches Organ. Welche Bedeutung hat das Gericht, wenn Stalin durch sein Organ das Urteil vor dem Beginn der gerichtlichen Untersuchung diktiert? Nur jene Söldner, die vor kurzem die stalinistische Verfassung zur „demokratischsten der Welt" erklärt haben, können dieses Gericht „öffentlich" nennen.

★ ★ ★

Im neuen Prozess kann man einige Verbesserungen im Vergleich zu den vorherigen erwarten. Die Monotonie der Reue der Angeklagten in den ersten beiden Prozessen wirkte selbst auf die patentierten „Freunde der UdSSR" deprimierend. Vielleicht werden wir also diesmal auch jene Angeklagten sehen, die gemäß ihrer Rolle ihre Schuld leugnen und sich dann im Kreuzverhör geschlagen geben. Man kann jedoch im Voraus voraussagen, dass keiner der Angeklagten den Staatsanwalt Wyschinski in Verlegenheit bringen wird.

Vielleicht eine weitere Neuerung. In den früheren Prozessen war das völlige Fehlen materieller Beweise auffällig: Dokumente, Briefe, konspirative Adressen, Revolver, Bomben. Alle in diesem Prozess erwähnten Briefe wurden ausnahmslos „verbrannt". Es ist sehr wahrscheinlich, dass die GPU dieses Mal beschlossen hat, gefälschte Dokumente herzustellen, um den freundlichen ausländischen Anwälten und Journalisten wenigstens einen Anschein von Unterstützung zu geben. Das Risiko ist nicht groß: Wer in Moskau kann die Arbeit der GPU überprüfen?

Trotz allem ist es möglich, dass durch das Gericht eine unangenehme Überraschung an die Adresse Stalin und der GPU während des bevorstehenden Prozesses wartet. Es ist möglich, dass diesmal der Strom der Reue durch den empörten Ausruf einer Person unterbrochen wird: „Dies alles ist eine Lüge vom Anfang bis zum Ende!" Eine solche Überraschung ist nicht ausgeschlossen. Aber sie ist immer noch unwahrscheinlich. Der Saal wird vollgestopft mit gut ausgebildeten GPU-Agenten sein, die in der Lage sind, sowohl für die Angeklagten, die bereits moralisch gebrochen sind, als auch für sorgfältig ausgewählte Journalisten die richtige Atmosphäre zu schaffen.

Darüber hinaus wird jedem Angeklagten ein Geheimnis zur Rettung seines Lebens versprochen. Das Bild von Radek und seiner Datscha wird immer vor den Augen dieser gequälten Menschen flackern. Ein noch größeres Hindernis wird der Gedanke an die Familie sein, an die Angehörigen, die im Falle eines offenen Protests unweigerlich zugrunde gehen würden. Aber egal, wie glatt der Prozess äußerlich abgeht, er wird als politischer, moralischer und psychologischer Unsinn der Fälschung in die Luft explodieren. Dies wird zu gegebener Zeit gesagt werden.

18.00, 1. März 1938, Coyoacan

1Bekannter ist eine auf den 2. März datierte Fassung unter dem Titel „Der Prozess wird als Antwort auf die Dewey-Kommission gesehen“ bzw. „Der Prozess, Antwort auf das Urteil der Dewey-Kommission“ und mit dem einleitenden Absatz: „Der neue Moskauer Prozess soll mit eindrucksvolleren Argumenten das Weltvertrauen in Stalins „Justiz" stärken. Man kann nicht bezweifeln, dass der Prozess in bedeutendem Maße Josef Stalins dramatisierte Antwort auf das Urteil der Untersuchungskommission unter der Leitung von John Dewey ist. Wir werden darüber in künftigen Artikeln sprechen. Im Moment beschäftigen wir uns mit der Vorgeschichte des Prozesses.”

2Dieser Halbsatz fehlt in der französischen Übersetzung

3 „Generalstaatsanwalts“ in der englischen und französischen Übersetzung

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