Leo Trotzki: Vier Ärzte und drei Opfer1 [eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit den englischen und französischen Übersetzungen] Vier Ärzte auf der Anklagebank werden beschuldigt, zwei sowjetische Würdenträger, Kuibyschew und Menschinski, und den Schriftsteller Maxim Gorki ermordet zu haben. Bisher glaubte man, dass diese drei Personen an Krankheiten gestorben waren, die zumindest für Menschinski und Gorki viele Jahre andauerten. Die Totenscheine wurden von einem halben Dutzend Leuchten der sowjetischen Medizin und dem Volkskommissar für Gesundheit unterzeichnet. Die Leichen wurden verbrannt. Von einer neuen ärztlichen Untersuchung kann keine Rede sein. Was ist die Grundlage der Anklage? Offensichtlich beruht sie auf „freiwilligen Geständnissen". An zwei der Ärzte – die „Terroristen" Lewin und Pletnew – erinnere ich mich persönlich gut. Sie waren offizielle Ärzte der Regierung seit den ersten Jahren der Revolution. Bei den anderen beiden, Kasakow und Winogradow, erinnere ich mich nur an die Nachnamen. Als Ärzte konnten sie nicht von höheren Positionen träumen als von denen, die sie einnahmen. Am politischen Leben nahmen sie nicht teil. Was könnten die Motive für sie sein, das Schrecklichste aller Verbrechen zu begehen: die Tötung eines Kranken durch einen Arzt? Dieser Vorwurf wird noch unerklärlicher, wenn man sich die drei angeblichen Terroropfer genau ansieht. Kuibyschew gehörte zwar zum sowjetischen Olymp, aber niemand hielt ihn für eine unabhängige Persönlichkeit. Er wurde als bürokratisches Werkzeug von Amt zu Amt versetzt. Er besaß keine Autorität in der Partei, er hatte keine politischen Ideen. Wer und warum hätte ihn töten sollen? Menschinski, der bereits schwer krank war, wurde nach Dzierżyńskisi Tod 1927 Leiter der GPU. Stalins Vertrauensmann in der GPU für die geheimsten Aufgaben war eigentlich Jagoda. Aber da Jagoda, einer der gegenwärtigen Angeklagten, verdientermaßen verachtet wurde, wurde der kranke Menschinski mit der Funktion eines Deckmantels ernannt. Bei offiziellen Treffen lehnte sich Menschinski gewöhnlich mit verzerrtem Gesicht zurück. Sein Tod kam nicht früher, sondern später als erwartet. Warum musste man ihn vergiften? Am auffälligsten ist jedoch die Aufnahme Maxim Gorkis in die Liste der „Ermordeten". Als Schriftsteller und Mensch genoss er breite Sympathie. Er war nie ein Politiker. Im Oktober 1917 und später war er ein ideologischer Gegner der Bolschewiki, aber er unterhielt ausgezeichnete persönliche Beziehungen zu allen. Schon in jungen Jahren war er an Tuberkulose erkrankt und lebte auf der Krim, dann im faschistischen Italien, wo er angesichts des rein literarischen Charakters seiner Tätigkeit keine Schwierigkeiten mit der Polizei Mussolinis hatte. In den letzten Jahren hat sich Gorki wieder auf der Krim niedergelassen. Da er sehr mitfühlend und allen möglichen Einflüssen ausgesetzt war, umgab ihn die GPU mit einem Ring ihrer Agenten in Form von Sekretären und Schreibkräften. Ihre Aufgabe bestand darin, keine unerwünschten Besucher zu Gorki zu lassen. Was war der Sinn darin, einen 67-jährigen kranken Schriftsteller zu töten? Die unglaubliche Auswahl an Tätern und Opfern durch die GPU ist darauf zurückzuführen, dass selbst die fantastischsten Fälschungen noch aus Elementen der Realität aufgebaut werden müssen. Die Lage der GPU erwies sich als sehr schwierig: Trotz der Tatsache, dass die „Verschwörung", wie sich herausstellte, bereits 1918 begann; trotz der großen Anzahl von Terroristenzentren, die von den traditionellen Führern der Bolschewistischen Partei, den Mitgliedern des Zentralkomitees und der Regierung angeführt werden; schließlich trotz der Teilnahme der hervorragendsten Generäle der Roten Armee (Tuchatschewski, Jakir usw.) an der Verschwörung, hat wirklich, d.h. im Bereich der drei Dimensionen, die Welt keine Staatsstreiche, Aufstände und Terrorakte gesehen, sondern nur Verhaftungen, Verbannungen und Hinrichtungen. Gewiss, die GPU konnte sich auf einen einzigen Terrorakt berufen, auf die Ermordung Kirows im Dezember 1934 durch den Jungkommunisten Nikolajew aus unbekannten, höchstwahrscheinlich persönlichen Gründen und zumindest unter direkter Beteiligung hochrangiger GPU-Agenten (Stalin wurde gezwungen, am 23. Januar [1935] zwölf von ihnen zu schweren Gefängnisstrafen zu verurteilen)2. Der Leichnam Kirows trat in den letzten drei Jahren in allen politischen Prozessen auf. Nacheinander tötete jeder Kirow: die Weißgardisten, die Sinowjewisten, die Trotzkisten, die Rechten. Diese Ressource ging zur Neige. Um die Anklage-Konstruktion der Verschwörung zu unterstützen, waren neue Opfer von „Terror" nötig. Die Suche nach ihnen musste unter den kürzlich verstorbenen Würdenträgern stattfinden. Und da die Würdenträger im Kreml starben, d.h. unter Bedingungen, die den Zugang fremder „Terroristen" ausschlossen, war es notwendig, die Ärzte des Kremls zu beschuldigen, ihre eigenen Patienten zu vergiften, natürlich nach den Anweisungen von Bucharin, Rykow oder, schlimmer noch, Trotzki. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass Ordschonikidse nicht in der Reihe der „Opfer" enthalten ist, der verstorbene Chef der Schwerindustrie, der im Gegensatz zu den drei genannten eine wichtige politische Rolle als eines der prominentesten Mitglieder des Politbüros spielte. Hier kommen wir zu dem unheimlichsten Knoten des juristischen „Amalgams". Der Sekretär Sinowjews, Bogdan, beging Selbstmord. Die GPU versuchte, diesen Tod der Opposition zuzuschreiben. Folglich erklärten die Angeklagten, dass Bogdan nicht unter dem Druck der Verfolgung Selbstmord begangen habe, sondern auf die Entscheidung des Oppositionszentrums hin als Strafe für die Verweigerung eines Terrorakts. Es gibt viele solche Beispiele. Viele sagen, dass der Vorwurf der Vergiftung nach dem gleichen Typ aufgebaut sei, d.h. die wirklichen oder nur angeblichen Verbrechen der Bürokratie werden der Opposition zugeschrieben. In dem Buch „Der Brief des alten Bolschewisten“, das in den letzten zwei Jahren in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde, wurde vermutet, dass Gorki wegen seines wachsenden Widerstands gegen den stalinistischen Terror von der GPU vergiftet wurde. Dass Gorki trauerte, klagte und weinte – kein Zweifel. Aber eine Vergiftung Gorkis durch die GPU hielt und halte ich für unglaublich. Tatsache ist jedoch, dass das Gerücht über diese Vergiftung sowohl in der UdSSR als auch im Ausland sehr verbreitet war und auf Vertrauen stieß. Der Tod Ordschonikidses erzeugte ähnliche Gerüchte und Verdächtigungen.3 Informationen aus Moskau besagen, dass Ordschonikidse die Ausrottung der alten Bolschewiki scharf bekämpfte. Das liegt ganz im Charakter Ordschonikidses, der mehr als jeder andere im Umfeld Stalins ein Gefühl von moralischer Verantwortung und persönlicher Würde behielt. Die Opposition Ordschonikidses in solch einer akuten Frage stellte eine große Gefahr für Stalin dar. Gorki konnte nur weinen. Ordschonikidse konnte handeln. Daher die Gerüchte von Ordschonikidses Vergiftung. Ob sie wahr waren oder nicht, sie waren extrem hartnäckig. Unmittelbar nach der Festnahme Dr. Lewins, des Leiters des Kreml-Krankenhauses, erschien in der ausländischen Presse die Nachricht, dass Lewin den Tod Ordschonikidses mit Vergiftung erklärt habe. Dieses Faktum ist äußerst bedeutsam. Dr. Lewin verdächtigte die GPU, Ordschonikidse zu vergiften, mehrere Monate bevor die GPU Dr. Lewin beschuldigte, Kuibyschew, Menschinski, Gorki zu vergiften. Die Namen der anderen drei Ärzte wurden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Diskussionen über die Todesursache Ordschonikidses in der Mitte der Kreml-Ärzte geführt wurden. Das war mehr als genug, um sie zu verhaften. Die Festnahme wurde zum Ausgangspunkt des „Amalgams". Die Replik der GPU ist einfach: „Sie vermuten, dass Ordschonikidse vergiftet wurde? Wir vermuten, dass Sie Kuibyschew, Menschinski und Gorki vergiftet haben. Sie wollen nicht gestehen? Wir werden Sie sofort erschießen. Wenn Sie zugeben, dass Sie die Anweisungen von Bucharin, Rykow oder Trotzki befolgten, können Sie auf Nachsicht hoffen.“ All das scheint unglaublich. Aber Unglaublichkeit ist das Wesen der Moskauer Prozesse. Sie sind nur in der vergifteten Atmosphäre möglich, die sich unter dem Bleideckel des totalitären Regimes angesammelt hat. 2. März 1938 Coyoacán 1 Dieser Artikel wurde, leicht gekürzt und betitelt „Vier Ärzte wussten zu viel" (Four doctors knew too much), in der New York Times vom 4. März 1938 veröffentlicht – [Anmerkung der Искра-Research] 2Der eingeklammerte Satz fehlt in der englischen und französischen Übersetzung. 3 Die Passage ab „Der Sekretär Sinowjews“ bis hierher fehlt in der englischen und französischen Übersetzung. |
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