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Leo Trotzki 19380600 Über die nationalen Frage

Leo Trotzki: Über die nationalen Frage

Mai oder Juni 1938

[Eigene Übersetzung nach dem englischen Text]

Ein imperialistischer Krieg, egal in welcher Ecke er beginnt, wird nicht für „nationale Unabhängigkeit", sondern für eine Neuaufteilung der Welt im Interesse getrennter Cliquen des Finanzkapitals geführt. Dies schließt nicht aus, dass der imperialistische Krieg im Vorbeigehen die Position dieser oder jener „Nation" verbessern oder verschlechtern kann; oder, genauer gesagt, einer Nation auf Kosten einer anderen. So wurde Deutschland durch den Versailler Vertrag zerstückelt. Ein neuer Frieden kann Frankreich zerstückeln. Sozialpatrioten berufen sich gerade auf diese mögliche „nationale" Gefahr der Zukunft als Argument für die Unterstützung „ihrer" imperialistischen Banditen der Gegenwart.....

In Wirklichkeit entspringen alle spekulativen Argumente dieser Art und das Aufwerfen von Schreckgespenstern drohender nationaler Katastrophen zum Wohle der Unterstützung dieser oder jener imperialistischen Bourgeoisie der stillschweigenden Ablehnung der revolutionären Perspektive und einer revolutionären Politik. Natürlich, wenn ein neuer Krieg nur mit einem militärischen Sieg dieses oder jenes imperialistischen Lagers endet; wenn ein Krieg weder einen revolutionären Aufstand noch einen Sieg des Proletariats hervorruft; wenn ein neuer imperialistischer Frieden, schrecklicher als der von Versailles, dem Volk jahrzehntelang neue Ketten auferlegt; wenn die unglückliche Menschheit all dies in Stille und Unterwerfung erträgt – dann können nicht nur die Tschechoslowakei oder Belgien, sondern auch Frankreich in die Position einer unterdrückten Nation zurückgeworfen werden (die gleiche Hypothese kann man in Bezug auf Deutschland ziehen). In diesem Fall wird die weitere schreckliche Zersetzung des Kapitalismus alle Völker für viele Jahrzehnte rückwärts ziehen. Wenn diese Perspektive der Passivität, Kapitulation, Niederlagen und des Niedergangs eintritt, werden natürlich die unterdrückten Massen und ganze Völker gezwungen sein, neu zu klettern, mit ihrem Schweiß und ihrem Blut zu bezahlen, auf Händen und Knien den historischen Weg zurückzulegen, der bereits zurückgelegt wurde.

Ist eine solche Perspektive ausgeschlossen? Wenn das Proletariat ununterbrochen die Führung von Sozialimperialisten und Kommunochauvinisten erleidet, wenn die Vierte Internationale keinen Weg zu den Massen finden kann, wenn die Schrecken des Krieges die Arbeiter und Soldaten nicht zur Rebellion treiben, wenn die Kolonialvölker im Interesse der Sklavenhalter weiterhin geduldig bluten, dann wird unter diesen Bedingungen das Niveau der Zivilisation unweigerlich gesenkt und der allgemeine Rückschritt und Zersetzung kann wieder nationale Kriege auf die Tagesordnung für Europa setzen. Aber dann müssen wir, oder besser gesagt unsere Söhne, ihre Politik in Bezug auf zukünftige Kriege auf der Grundlage der neuen Situation festlegen. Heute gehen wir nicht von der Perspektive des Niedergangs, sondern von der Perspektive der Revolution aus. Wir sind Defätisten auf Kosten der Imperialisten und nicht auf Kosten des Proletariats. Wir verbinden die Frage nach dem Schicksal der Tschechen, Belgier, Franzosen und Deutschen als Nationen nicht mit episodischen Verschiebungen der Militärfronten während einer neuen Schlägerei der Imperialisten, sondern mit dem Aufstand des Proletariats und seinem Sieg über alle Imperialisten. Wir schauen nach vorne und nicht nach hinten. Das Programm der Vierten Internationale erklärt, dass die Freiheit aller europäischen Nationen, klein und groß, nur im Rahmen der Sozialistischen Vereinigten Staaten von Europa gewährleistet werden kann.

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