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Leo Trotzki 19380309 Stalins Artikel über die Weltrevolution und der heutige Prozess

Leo Trotzki: Stalins Artikel über die Weltrevolution und der heutige Prozess

[Nach Unser Wort, Halbmonatszeitung der IKD, 6. Jahrgang, Nr. 3. (87), Mai 1938, S. 1 f. Verglichen mit dem russischen Original und den englischen und französischen Übersetzungen]

Im Februar schenkte die gesamte Weltpresse einem Artikel Stalins, der der Frage der Unabhängigkeit1 der Sowjetunion von der Unterstützung durch das internationale Proletariat gewidmet war, keine geringe Aufmerksamkeit. Der Artikel wurde gedeutet als ein Verzicht Stalins auf die internationale Zusammenarbeit mit den westlichen Demokratien namens der Weltrevolution. Goebbels' Presse verkündete: «Stalin hat die Maske abgeworfen. Stalin hat gezeigt, dass er sich in seinen Taten nicht von Trotzki unterscheidet», usw. Derselbe Gedanke wurde auch in kritischeren Publikationen der demokratischen Länder entwickelt. Muss man diese Interpretation wirklich noch widerlegen? Tatsachen wiegen schwerer als Worte. Hätte Stalin sich vorgenommen, auf den Weg er Revolution zurückzukehren, würde er nicht Revolutionäre ausrotten und demoralisieren. Letzten Endes hat Mussolini recht, wenn er im «Giornale d'ltalia» sagt, bisher habe noch niemand der Idee des Kommunismus (der proletarischen Revolution) solche Schläge versetzt und Kommunisten mit solcher Wut ausgerottet wie Stalin.

Der Artikel vom 12. Februar wiederholt, betrachtet man ihn – was nicht schwer ist – rein theoretisch, lediglich die Formeln, die Stalin im Herbst 1924 zum ersten Male in Umlauf brachte, als er mit der Tradition des Bolschewismus brach: innerhalb der UdSSR haben «wir» den Sozialismus errichtet. Insofern wir die nationale Bourgeoisie liquidierten und die Zusammenarbeit des Proletariates mit der Bauernschaft organisierten: aber die UdSSR ist von bürgerlichen Staaten umgeben, die mit Interventionen und mit Wiederherstellung des Kapitalismus drohen: darum gilt es die Verteidigung zu verstärken und für Unterstützung durch das Weltproletariat Sorge zu tragen. Stalin hat auf diese abstrakten Formeln niemals verzichtet. Er gab ihnen bloß allmählich einen neuen Sinn. 1924 wurde unter der Hilfe seitens des westlichen Proletariats zuweilen noch die internationale Revolution verstanden. 1938 bedeutet sie politische und militärische Zusammenarbeit der Komintern und der bürgerlichen Regierungen. die der UdSSR im Kriegsfälle direkte oder indirekte Unterstützung gewähren können. Diese Formel setzt freilich eine revolutionäre Politik bei den sogenannten «kommunistischen Parteien» in Deutschland und Japan voraus. Aber in diesen Ländern ist die Bedeutung der Komintern ja beinahe gleich null.

Dennoch hat Stalin sein «Manifest» vom 12. Februar nicht zufällig veröffentlicht. Der Artikel selbst sowie der von ihm ausgelöste Widerhall bilden ein höchst wesentliches Element der Vorbereitung des heutigen Prozesses. Als Stalin nach einer Unterbrechung von einem Jahre den Prozessfeldzug gegen die Überreste der alten Generation der Bolschewiki wiederaufnahm, trachtete er danach, bei den Arbeitern der UdSSR und der ganzen Welt den Eindruck zu erzeugen, als handle er nicht im Interesse seiner eigenen Clique, sondern der Weltrevolution. Daher die bewusste Zweideutigkeit gewisser Aussprüche des Artikels: ohne die konservative Bourgeoisie zu schrecken, sollten sie die revolutionären Arbeiter beschwichtigen.

Es ist deshalb ganz falsch zu behaupten, Stalin habe mit diesem Artikel seine friedliche Maske abgeworfen. In Wirklichkeit trug er eine Zeitlang eine halb revolutionäre Maske. Die internationale Politik ist für Stalin vollkommen der inneren untergeordnet. Die Innenpolitik bedeutet für ihn vor allem Kampf um Selbsterhaltung. Die politischen Probleme sind auf diese Weise den Polizeifragen untergeordnet. Nur auf diesem Gebiete arbeitet Stalins Denken ununterbrochen und unermüdlich.

Als Stalin 1936 geheim die Massensäuberung vorbereitete, lancierte er den Gedanken einer neuen Verfassung, der «demokratischsten der Welt». Wahrlich, an Lobesworten war anlässlich dieser so glücklichen Wendung in der Politik des Kreml kein Mangel! Gäbe man heute eine Sammlung der Artikel heraus, die von Moskaus patentierten Freunden anlässlich der demokratischsten Verfassung geschrieben wurden, so mancher Autor müsste vor Scham erröten. Das Geschrei um die Verfassung verfolgte gleichzeitig mehrere Zwecke, wovon der hauptsächliche der die anderen uneingeschränkt beherrschte, aber die Bearbeitung der öffentlichen Meinung vor dem Sinowjew-Kamenew-Prozess war.

Am 1. März gab Stalin das berüchtigte Interview an Howard-Scripps2: Ein kleiner Punkt dieses Gespräches blieb damals unbemerkt: die künftigen demokratischen Freiheiten, sagte Stalin, sind für alle bestimmt, aber für Terroristen wird es keine Gnade geben. Denselben bösartigen Vorbehalt machte Molotow in dem Interview, das er dem Direktor der «Temps», Chastenet, erteilte. «Die heutige Lage», sagte das Haupt der Regierung, «macht gewisse raue, früher angewandte administrative Maßnahmen immer unnützer. Jedoch», fügte Molotow mit Stalin hinzu, «die Regierung hat die Pflicht (se doit), gegen die Terroristen stark zu bleiben …» («Le Temps», 24. März 1936) «Terroristen»? Allein, nach dem episodischen unter der Mitwirkung der GPU verübten Mord an Kirow vom 1. Dezember 1934 hat es keinerlei terroristische Akte gegeben. Die «terroristischen» Pläne? Von den trotzkistischen Zentren ahnte damals noch niemand etwas. Die GPU erfuhr von diesen «Zentren» und ihren «Plänen» erst aus reumütigen Geständnissen. Indes, Sinowjew, Kamenew und die anderen begannen ihre angeblichen Verbrechen erst im Juli 1936 zu beichten. Leo Sedow wies dies schon damals auf Grund der offiziellen Materialien in seinem «Rotbuch» (Paris 1936) nach.

Auf diese Weise haben Stalin und Molotow in den oben genannten Interviews von Terroristen Kraft einer «Vorahnung» gesprochen, d.h. zwecks inquisitorischer Vorbereitung der späteren Beichten. Das Gerede, von den demokratischen Freiheiten und Garantien war nur eine leere Schale. Der Kern war der kaum merkliche Hinweis auf die anonymen «Terroristen». Dieser Hinweis wurde bald durch die Erschießung einiger tausend Menschen entziffert.

Parallel zu der reklamehaften Vorbereitung der «stalinschen Verfassung» fanden im Kreml eine Reihe von Banketten statt, auf der die Regierungsmitglieder sich mit Vertretern der Arbeiter- und Kolchosaristokratie (den «Stachanowisten») umarmten. Auf den Banketten wurde verkündet, für die USSR sei endlich das Zeitalter des «glücklichen Lebens» angebrochen. Stalin wurde endgültig in den Rang des «Vaters der Völker» erhoben, der den Menschen liebt und zart um ihn besorgt ist. Täglich veröffentlichte die Sowjetpresse Fotografien, wo Stalin im Kreise glücklicher Menschen dargestellt war, nicht selten mit einem lachenden Kinde auf dem Arm oder auf den Knien. Es sei mir gestattet darauf hinzuweisen, dass ich beim Anblick dieser idyllischen Fotografien oft zu Freunden sagte: «Offenbar bereitet sich etwas Furchtbares vor. Die Absicht des Regisseurs war, der Weltöffentlichkeit das Bild eines Landes auszumalen, das nach rauen Jahren des Kampfes und der Entbehrungen endlich den Weg der «demokratischsten» Verfassung betritt, die vom «Vater der Völker», der die Menschen, insbesondere die Kinder so liebt, geschaffen wurde …, und auf diesem, das Auge ergötzenden Hintergrunde unversehens die Teufelsgestalten der Trotzkisten auftreten zu lassen, die die Wirtschaft sabotieren, Hungersnöte organisieren, Arbeiter vergiften, auf den «Vater der Völker» Attentate verüben und das glückliche Land den faschistischen Gewalttätern zur Zerfleischung ausliefern.

Gestützt auf einen totalitären Apparat und auf unbeschränkte materielle Mittel, hat Stalin einen in seiner Art einzigartigen Plan ersonnen: das Weltgewissen zu vergewaltigen, und mit Zustimmung der gesamten Menschheit auf immer mit jeglicher Opposition zur Kremlclique abzurechnen. Als dieser Gedanke 1935-1936 in Form einer Warnung geäußert wurde, erklärten ihn allzu viele mit «Trotzkis Hass gegen Stalin». Persönlicher Hass ist in Fragen und Verhältnissen historischen Ausmaßes überhaupt ein nichtiges und verächtliches Gefühl. Außerdem ist Hass blind. In der Politik aber wie im persönlichen Leben gibt es nichts Schrecklicheres als Blindheit. Je schwieriger die Lage, umso mehr ist es geboten, dem Rat des alten Spinoza zu folgen: «Nicht weinen, nicht lachen, sondern verstehen».

Während der Vorbereitung des jetzigen Prozesses entpuppte sich die «demokratischste» Verfassung bereits als bürokratische Farce, als ein provinzielles Plagiat an Goebbels. Die liberalen und demokratischen Kreise im Westen bekamen es satt, die Betrogenen zu spielen. Misstrauen zur Sowjetbürokratie, das leider oft mit einer Abwendung von der UdSSR zusammenfällt, begann immer breitere Schichten zu erfassen. Andererseits griff heftige Unruhe in den Arbeiterorganisationen um sich. In der praktischen Politik steht die Komintern rechts von der Zweiten Internationale. In Spanien erstickt die kommunistische Partei mit Tschekamethoden3 den linken Flügel der Arbeiterklasse. In Frankreich wurden die Kommunisten, nach einer Äußerung des «Temps», die Vertreter eines «marktschreierischen Chauvinismus». Dasselbe ist mehr oder weniger in den Vereinigten Staaten und einer Reihe anderer Länder zu beobachten. Die traditionelle Politik der Klassenzusammenarbeit. im Kampfe gegen welche die Dritte Internationale entstanden war, ist nunmehr in konzentrierter Form zur offiziellen Politik des Stalinismus geworden; zum Schutze dieser Politik sind die blutigsten Repressionen der GPU ausersehen. Artikel und Reden haben nur den Zweck, zur Maskierung dieser Tatsachen zu dienen. Das ist der Grund, warum man den Angeklagten theatralische Monologe über das Thema in den Mund legt, was sie, die Trotzkisten, seit zwanzig Jahren für Reaktionäre, Konterrevolutionäre, Faschisten, Feinde der Arbeiterklasse seien, und wie sie schließlich im GPU-Gefängnis begriffen hätten, dass nur in Stalins Politik Rettung läge. Andererseits hatte es Stalin selber am Vorabend einer neuen blutigen Hekatombe nötig, der Arbeiterklasse zu sagen: «Wenn ich gezwungen bin, die alle Generation der Bolschewiki zu vernichten, so ausschließlich im Interesse des Sozialismus. Ich vertilge die Leninisten auf Grund von Lenins Doktrin.» Das ist der wahre Sinn des Artikels vom 12. Februar. Einen anderen Sinn hat er nicht. Wir stehen hier vor einer abgekürzten Wiederholung des Manövers der «demokratischen» Verfassung. Die erste Erpressung (es gilt die Dinge beim Namen zu nennen) war hauptsächlich für die bürgerlich-demokratischen Kreise des Westens berechnet. Die jüngste Erpressung hatte es vornehmlich auf die Arbeiter abgesehen. Die konservativen Staatsmänner Europas und Amerikas mögen sich jedenfalls nicht aufregen. Für eine revolutionäre Politik bedarf es einer revolutionären Partei. Diese hat Stalin nicht. Die bolschewistische Partei ist erschlagen. Die Komintern ist restlos demoralisiert. Mussolini hat auf seine Weise recht: noch niemand hat der Idee der proletarischen Revolution solche Schläge versetzt wie der Verfasser des Artikels vom 12. Februar.

L. Trotzki.

Coyoacan. 9. März 1938, 11 Uhr vormittags.

1Im russischen Original und den englischen und französischen Übersetzungen: „Abhängigkeit“

2In den englischen und französischen Übersetzungen: „Roy Howard“

3Im russischen Original und den englischen und französischen Übersetzungen: „GPU-Methoden“

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