Leo Trotzki: Stalin und Hitler (Zur Schlussrede Wyschinskis)
[Eigene
Übersetzung nach Bulletin
der Opposition (Bolschewiki-Leninisten) Nr. 65, verglichen mit
den englischen
und französischen
Übersetzung, Zwischenüberschriften nach der englischen Übersetzung] Es liegt eine tragische Symbolik in der Tatsache, dass der Moskauer Prozess mit den Fanfarenklängen endet, die den Einmarsch Hitlers in Österreich ankündigen. Das Zusammentreffen ist kein Zufall. Natürlich ist sich Berlin der Demoralisierung bewusst, die die herrschende Clique des Kremls im Kampf um die Selbsterhaltung der Armee und Bevölkerung des Landes zugefügt hat. Stalin hat letztes Jahr keinen Finger krumm gemacht, als Japan zwei russische Inseln im Amur eroberte: Er bereitete damals die Erschießung der besten Roten Generäle vor. Umso zuversichtlicher kann Hitler jetzt, während des neuen Prozesses, seine Truppen in Österreich einrücken lassen. Egal, was man über die Angeklagten der Moskauer Prozesse denkt, egal wie man ihr Verhalten in den Klauen der GPU bewertet, sie alle – Sinowjew, Kamenew, Smirnow, Pjatakow, Radek, Rykow, Bucharin, Rakowski und viele andere – zeigten ihre selbstlose Hingabe an die Sache des russischen Volkes und seines Befreiungskampfes. Indem er sie und Tausende weniger bekannte, aber nicht weniger loyale Arbeiter unterdrückt, schwächt Stalin die moralische Widerstandskraft des Landes als Ganzes weiter. Karrieristen ohne Ehre und Gewissen, auf die er sich zunehmend verlassen muss, werden das Land in schwieriger Stunde verraten. Im Gegenteil, die sogenannten „Trotzkisten", die dem Volk und nicht der Bürokratie dienen, werden im Falle eines Angriffs auf die UdSSR die Kampfpositionen einnehmen, wie sie sie in der Vergangenheit eingenommen haben. [Wyschinski – Weißgardist] Aber was geht das Wyschinski an, der sich während der Jahre der Revolution im Weißen Lager versteckte, und den Bolschewiki erst nach ihrem endgültigen Sieg beigetreten ist, als sich die Gelegenheit zu einer Karriere eröffnete? Wyschinski fordert 19 Köpfe und vor allem Bucharins Kopf, den Lenin mehr als einmal als „Liebling der Partei" bezeichnete und den er in seinem Testament „den besten Theoretiker der Partei" nannte. Mit welcher Rage applaudierten die Agenten der Komintern Bucharins Berichten, als er noch im Zenit stand! Aber als die Kreml-Clique ihn stürzte, verbeugten sich die „Bucharinisten" von gestern vor den monströsen Fälschungen Wyschinskis. Der Staatsanwalt verlangt Jagodas Kopf. Von allen Angeklagten verdiente allein Jagoda1 eine harte Strafe, allerdings nicht für die Verbrechen, deren er beschuldigt wurde. Wyschinski vergleicht Jagoda mit dem amerikanischen Gangster Al Capone und fügt hinzu: „Aber wir sind Gott sei Dank nicht in den Vereinigten Staaten." Kein Schädling2 hätte einen gefährlicheren Vergleich machen können! Al Capone war nicht der Polizeichef in den Vereinigten Staaten. Indessen stand Jagoda über 10 Jahre lang an der Spitze der GPU und war der engste Mitarbeiter Stalins. Laut Wyschinski ist Jagoda „der Organisator und Anreger monströser Verbrechen". Aber alle Verhaftungen, Vertreibungen und Tötungen der Opposition, einschließlich des Sinowjew-Kamenew-Prozesses, wurden unter der Leitung des Moskauer Al Capone begangen. Muss man Zehntausende von Repressionen nicht noch einmal überdenken? Oder hörten die Aktionen des geheimen „Trotzkisten" Jagoda auf, „monströse Verbrechen" zu sein, wenn sie sich gegen die Trotzkisten richten? Es gibt keine Möglichkeit, dieses Gewirr von Widersprüchen und Lügen zu verstehen. [Gangstersystem bleibt] Wyschinski fordert den Kopf von Lewin und anderen Ärzten des Kremls, die, statt Leben zu verlängern, angeblich den Tod beschleunigt haben. Aber laut der gerichtlichen Untersuchung haben sie diese Verbrechen nicht für politische oder persönliche Zwecke begangen, sondern aus Furcht vor dem selben Jagoda. Der Chef der GPU, Stalins Majordomo, drohte den Ärzten, ihre Familien auszurotten, wenn sie bestimmte Patienten nicht vergifteten. Und so groß war Jagodas Macht, dass selbst hochrangige Kreml-Ärzte nicht wagten, Capone bloßzustellen, sondern gehorsam seinen Befehlen gehorchten. Wyschinski baut seine Anklage auf diese „reuigen Geständnisse" auf. Es stellt sich heraus, dass Capone uneingeschränkt die Sowjetunion regiert. Es stimmt, jetzt wurde sein Platz von Jeschow eingenommen. Aber wo ist die Garantie, dass er besser ist? In einer Atmosphäre des totalitären Despotismus, mit einer erstickten öffentlichen Meinung, ohne jegliche Kontrolle, ändern sich nur die Namen der Gangster, aber das System bleibt bestehen. Fünfeinhalb Stunden sprach Wyschinski und verlangte 19 Erschießungen, 17 Minuten pro Kopf. Für Rakowski und Bessonow forderte der großzügige Staatsanwalt „nur" 25 Jahre Haft. So kann Rakowski, der 50 Jahre3 dem Kampf für die Befreiung der Werktätigen gegeben hat, hoffen bis zum 90. Geburtstag seine eingebildeten Verbrechen abgebüßt zu haben! [Unglauben allgemein] Der einzige Trost angesichts dieses schrecklichen und verrückten Prozesses ist eine radikale Wendung der öffentlichen Meinung. Die Stimme der Weltpresse ist völlig einstimmig. Nirgends glaubt irgendjemand mehr den Anklägern. Jeder versteht die wahre Bedeutung des Prozesses. Es besteht kein Zweifel, dass die Bevölkerung der UdSSR nicht aus Blinden oder Tauben besteht. Die Fälscher haben sich von der ganzen Menschheit isoliert. Der gegenwärtige Prozess ist eine der letzten Erschütterungen der politischen Krise in der UdSSR. Je früher die Diktatur von Al Capone durch die Selbstverwaltung der Arbeitern und Bauern ersetzt wird, desto stärker wird die UdSSR dem Faschismus von außen und von innen entgegenstehen. Die Stunde der Wiederbelebung der Sowjetdemokratie wird 4wie eine Totenglocke für Hitler, Mussolini und Franco klingen! Coyoacan, 12. März 1938 1In der englischen und französischen Übersetzung eingefügt: „zweifellos“ 2In der englischen Übersetzung „Verräter“, in der französischen Übersetzung „Saboteur“ 3In der englischen Übersetzung: „der fünfzig Jahre lang seine Energie und sein beträchtliches persönliches Vermögen“, in der französischen Übersetzung: „der fünfzig Jahre lang seine Energie und sein persönliches Vermögen – das beträchtlich war –“ 4In der englischen und französischen Übersetzung eingefügt: „dem Fortschritt der Menschheit einen mächtigen Anstoß geben und“ |
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