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Leo Trotzki 19381208 SOS!

Leo Trotzki: SOS!

Zur Frage der Lage in Frankreich

[Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der französischen Übersetzung]

Das imperialistische Frankreich ist endgültig in ein kritisches Stadium eingetreten. Das parlamentarische Regime ist klar dem Untergang geweiht. Frankreich muss sich entweder in ein Land der faschistischen Diktatur oder in eine sozialistische Republik verwandeln. Ein Drittes gibt es nicht.

1936 erlangte die revolutionäre Bewegung der französischen Arbeiter ein grandioses Ausmaß. Narren dachten, dass die Streikbewegung das Ergebnis der Aktivitäten der Volksfront sei. Genau umgekehrt: Der zunehmende Druck der Massen und die von hier aus aufkommende revolutionäre Gefahr bewirkten, wie in Spanien, die Gründung der Volksfront.

Jede Revolution, auch in einem Land, das ein Dutzend Revolutionen vollbracht hat, beginnt mit naiven Illusionen und Vertrauensseligkeit. Neue Generationen müssen neu lernen. Die Volksfront in Frankreich stellte sich die gleiche Aufgabe, die sich im März 1917 in Russland die sogenannte „Koalition" der Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre stellte: das Anhalten der Revolution in ihrer ersten Etappe. Der Unterschied besteht darin, dass die reformistische Bürokratie in Frankreich (Sozialisten, Kommunisten, Syndikalisten) unermesslich mächtiger ist, als sie 1917 in Russland war. Zur Unterstützung der französischen Volksfront trat auch der Kreml im Namen der Oktoberrevolution auf, die gegen die russische Volksfront siegte. Schließlich ist die revolutionäre Partei in Frankreich unermesslich schwächer, als sie in Russland war.

Dank dieser Bedingungen gelang es der französische Koalition zweifellos, zu bremsen und es ist unmöglich im Voraus zu sagen, in welchem Grade.1 Wenn es tief und lang ist, dann wird die ohnehin hoffnungslos gespaltene Volksfront völlig weggefegt, und in Frankreich wird eine reaktionäre Diktatur herrschen. Wenn, womit man fest rechnen2 kann, die Bewegung, die von der Volksfront vorübergehend niedergedrückt3 ist, einen Ausweg für sich findet, kann sie siegen und mit dem Sieg des Sozialismus enden. Ein Drittes gibt es nicht.

Die derzeitigen offiziellen Leiter des Proletariats, sie sind die Organisatoren der Volksfront: Jouhaux, Leon Blum, Thorez und Co. sind echte Totengräber der parlamentarischen Demokratie. Niemand hilft dem Faschismus jetzt so, wie diese morschen „Säulen" der Dritten Republik. Von einer „Gefahr" für die imperialistische Demokratie zu sprechen, ist zu spät: Sie ist dem Untergang geweiht, sie wird verschrottet. Aber auch die französische Arbeiterklasse ist in der größten Gefahr.

Dies zu verniedlichen, wäre kriminell. Aber es wäre ebenso kriminell, die Kräfte des französischen Proletariats, seine Kampftraditionen, sein Talent für revolutionäre Improvisation zu verniedlichen. In seiner Menge sind Tausende und Abertausende von revolutionären Elementen verstreut. Der französischen Sektion der Vierten Internationale ist es gelungen, ernsthafte Kader zu schulen. Die drohende Gefahr wird unweigerlich eine Schicht der Arbeiterklasse nach der anderen nach links schieben. Den fortgeschrittenen Elementen des Proletariats gab der Kongress der Vierten Internationale ein revolutionäres Programm. Was ihnen fehlt, ist Kommunikation untereinander, zentralisierte Organisation, technische und materielle Mittel. Es ist notwendig, die revolutionären Arbeiter Frankreichs mit einer Atmosphäre der internationalen Sympathie und aktiven Unterstützung zu umgeben. Der Faschismus bereitet einen Bürgerkrieg vor. Ein wichtiger Nerv jeden Krieges ist Geld. Man muss der französische Sektion der Vierten Internationale mit Geld zu Hilfe kommen. Diese Pflicht geht weit über den Kreis der Mitglieder der Vierten Internationale allein hinaus. Alle Freunde der Freiheit und des Sozialismus sind verpflichtet, den fortschrittlichen Arbeitern Frankreichs zu Hilfe zu kommen.

Gibt es noch Zeit? Alles spricht dafür, dass es noch welche gibt. In Frankreich gibt es keine starke faschistische Partei. Es stimmt, eine so große Organisation, wie es Hitlers Partei schon vor der Machteroberung war, würde es in Frankreich nicht geben: Das entspricht nicht den Traditionen und nicht den Bräuchen des Landes. Eine Organisation von viel geringerer Größe ist in Frankreich fähig, die verzweifelten und entmutigten kleinbürgerlichen Massen in einen reaktionären Umsturz fortzuziehen. Aber immer noch ist die gegenwärtige organisatorische Schwäche des französischen Faschismus ein äußerst wichtiger Trumpf in den Händen der Revolutionspartei. Bevor der faschistische Umsturz endgültig reif wird, muss zwangsläufig eine gewisse Zeit vergehen, eine Reihe von Monaten, vielleicht ein Jahr, vielleicht zwei.

Während dieser Zeit kann auch eine junge revolutionäre Partei Wunder vollbringen. Man muss Alarm schlagen. Man muss eine internationale Kampagne gegen die aufziehende faschistische Katastrophe in Frankreich eröffnen. Man muss verstehen und den Massen erklären, dass eine Katastrophe wie in Deutschland von den Parteien des Zweiten und Dritten Internationalen vorbereitet wird. Man muss der revolutionären Vorhut Frankreichs Mut, Kühnheit und Initiative geben. Man muss eine internationale Sammlung für einen revolutionären Fonds für das französische Proletariat beginnen. Die Initiative gebührt den fortgeschrittenen Elementen der Vereinigten Staaten. Man muss nach vorne schauen und die aufziehende Gefahr erkennen, so wie sie ist. In Frankreich entscheidet sich das Schicksal des Weltproletariats, einschließlich des Proletariats von Nordamerika. Man muss alle Kräfte anspannen, ohne einen einzigen Tag zu verlieren. Heroische Aufgaben erfordern heroische Mittel!

L. Trotzki

8. Dezember 1938, Coyoacán

1 In der französischen Übersetzung: „Unter diesen Bedingungen ist es der französischen Koalition zweifellos gelungen, die revolutionäre Bewegung von 1936 zu verlangsamen und bis zu einem gewissen Grad zu demoralisieren. Bis zu welchem Punkt und für welche Zeit? Es ist unmöglich, dies im Voraus zu sagen.

2 In der französischen Übersetzung: „hoffen“

3 In der französischen Übersetzung: „gebrochen“

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