Leo Trotzki: Hinter Kremlmauern1 [Eigene Übersetzung nach Bjulleten Opposizii (Bulletin der Opposition), Nr. 73, Januar 1939, verglichen mit der englischen Übersetzung in New International [New York], Vol.5 No.3, March 1939, pp.70-74 und der französischen Übersetzung in Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, p. 41-57.] Auch Leuten, die mit den Akteuren und den Verhältnissen gut vertraut sind, erscheinen die jüngsten Ereignisse im Kreml unverständlich. Ich fühlte dies besonders deutlich bei den Nachrichten, dass Jenukidse, der ehemalige ständige Sekretär des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets, erschossen wurde. Nicht, dass Jenukidse eine herausragende Persönlichkeit gewesen wäre, ganz und gar nicht. Die Berichte einiger Zeitungen, er sei ein „Freund Lenins" und „einer aus dem engen Kreise, der Russland regiert", sind falsch. Lenin behandelte Jenukidse gut, aber nicht besser als Dutzende andere. Jenukidse war eine politische Randfigur, ohne persönliche Ambitionen, mit der ständigen Bereitschaft, sich an die Situation anzupassen. Aber deshalb war er der am wenigsten passende Kandidat für eine Erschießung. Unmittelbar nach dem Sinowjew-Kamenew-Prozess im Jahre 1935 begann die Zeitungsjagd gegen Jenukidse ganz unerwartet. Er wurde der Verbindung mit Volksfeinden und unmoralischen Lebenswandels beschuldigt. Was heißt Verbindung mit „Volksfeinden"? Es ist sehr wahrscheinlich, dass Jenukidse, ein gutherziger Mensch, versuchte, den Familien erschossener Bolschewiki zu helfen. „Unmoralischer Lebenswandel" bedeutet: das Verlangen nach persönlichem Komfort, übertriebene Ausgaben, Frauen usw. Und das könnte die Wahrheit sein. Aber die Dinge müssen im Kreml weit gegangen sein, sehr weit, wenn man Jenukidse erschießen musste. Es scheint mir daher, dass eine einfache Geschichte über das Schicksal dieser Person dem Leser erlauben wird, besser zu verstehen, was innerhalb der Kremlmauern geschieht. Abel Jenukidse war ein Georgier aus Tiflis wie Stalin. Der biblische Abel war jünger als Kain. Jenukidse hingegen war zwei Jahre älter als Stalin. Zur Zeit der Erschießung war er ungefähr 60 Jahre alt. Jenukidse gehörte schon in seiner Jugend den Bolschewiki an, die damals noch eine Fraktion einer einheitlichen sozialdemokratischen Partei waren, neben den Menschewiki. Im Kaukasus wurde in den ersten Jahren des Jahrhunderts eine ausgezeichnete Untergrunddruckerei gegründet, die eine bedeutende Rolle bei der Vorbereitung der ersten Revolution (1905) spielte. An der Organisation dieser Druckerei nahm die Brüder Jenukidse aktiven Anteil: Abel oder „der Rothaarige" und Semjon oder „der Schwarze". Leonid Krassin, der spätere berühmte sowjetische Verwalter und Diplomat, finanzierte die Druckerei. Er war in jenen Jahren ein junger begabter Ingenieur, der mit Hilfe des jungen Schriftstellers Maxim Gorki Geld von liberalen Millionären wie Sawwa Morosow für die Revolution gewinnen konnte. Seit dieser Zeit pflegte Krassin freundschaftliche Beziehungen zu Jenukidse: Sie redeten sich beim Vornamen an und waren per du. Aus dem Munde Krassins hörte ich zum ersten Mal den biblischen Namen Abel. In der schwierigen Periode zwischen der ersten und der zweiten Revolution verließ Jenukidse wie die Mehrheit der sogenannten „alten Bolschewiki" die Partei – wie lange, weiß ich nicht. Krassin gelang es, in diesen Jahren ein herausragender Geschäftsmann zu werden. Jenukidse hat kein Kapital gemacht. Zu Beginn des Krieges ging er wieder in die Verbannung, wo er bereits 1916 zusammen mit anderen Vierzigjährigen zum Militärdienst einberufen wurde. Die Revolution brachte ihn nach Petersburg zurück. Ich traf ihn im Sommer 1917 zum ersten Mal in der Soldatensektion des Petersburger Sowjets. Die Revolution rüttelte viele ehemalige Bolschewiki auf, aber sie waren ratlos und unfreundlich gegenüber dem leninistischen Programm der Machtergreifung. Jenukidse war keine Ausnahme, aber er war vorsichtiger und abwartender als die anderen. Er war kein Redner, aber er konnte Russisch gut und konnte bei Bedarf eine Rede mit einem weniger starken Akzent halten als die meisten Georgier, einschließlich Stalins. Persönlich hat Jenukidse einen sehr angenehmen Eindruck gemacht – die Weichheit des Charakters, das Fehlen von persönlichen Ansprüchen, Taktgefühl. Dazu müssen wir eine extreme Schüchternheit hinzufügen: bei der geringsten Gelegenheit lief das sommersprossige Gesicht von Abel hochrot an. Was hat Jenukidse in den Tagen der Oktoberrevolution getan? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er abgewartet. Jedenfalls stand er nicht auf der anderen Seite der Barrikade, wie die Herren Trojanowski, Maiski, Suritz – heutige Botschafter – und Hunderte anderer Würdenträger. Nach der Errichtung des Sowjetregimes wurde Jenukidse sofort Mitglied des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees und sein Sekretär. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies auf Initiative des ersten Vorsitzenden des Zentralen Exekutivkomitees, Swerdlow, geschah, der trotz seiner Jugend die Menschen verstand und wusste, wie man jeden an den richtigen Ort stellt. Swerdlow selbst versuchte, dem Präsidium politische Bedeutung zu geben, und auf dieser Grundlage kam es sogar zu Spannungen mit dem Rat der Volkskommissare, zum Teil mit dem Politbüro. Nach dem Tod Swerdlows Anfang 1919 wurde M. I. Kalinin auf meine Initiative zum Vorsitzenden gewählt, der sich bis zum heutigen Tage auf diesem Posten behauptet – keine kleine Leistung. Sekretär blieb die ganze Zeit Jenukidse. Diese beiden Personen, Michail Iwanowitsch und Abel Safronowitsch, verkörperten in den Augen der Bevölkerung die höchste Sowjetinstitution. Von außen entstand der Eindruck, dass Jenukidse einen guten Teil der Macht in seinen Händen halte. Aber das war eine optische Täuschung. Die wichtigsten Gesetzgebungs- und Verwaltungsarbeiten gingen durch den Rat der Volkskommissare unter Lenins Führung. Hauptfragen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte wurden im Politbüro gelöst, das von Anfang an die Rolle der Superregierung spielte. In den ersten drei Jahren, als alle Kräfte auf den Bürgerkrieg gerichtet waren, konzentrierte sich eine gewaltige Macht auf die Militärbehörde. Das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees nahm in diesem System keine sehr bestimmte und auf keinen Fall eine unabhängige Stelle ein. Aber es wäre falsch gewesen, ihm keine Bedeutung zu geben. Zu dieser Zeit hatte niemand Angst, sich zu beschweren, zu kritisieren oder zu fordern. Diese drei wichtigen Funktionen: Forderungen, Kritik und Beschwerden wurden hauptsächlich über das ZEK verschickt. Bei der Erörterung von Fragen im Politbüro wandte sich Lenin häufig mit freundlicher Ironie an Kalinin: „Was wird das Staatsoberhaupt dazu sagen?" Kalinin lernte nicht schnell, sich unter diesem hohen Pseudonym wiederzuerkennen. Ein ehemaliger Twerer Bauer und Petersburger Arbeiter, hielt er sich auf seinem unerwartet hohen Posten ziemlich bescheiden, und für alle Fälle behutsam. Erst allmählich bestätigte die sowjetische Presse seinen Namen und seine Autorität in den Augen des Landes. Zugegeben, die herrschende Schicht hat Kalinin lange Zeit nicht ernst genommen, nimmt ihn auch jetzt noch nicht ernst. Aber die bäuerlichen Massen gewöhnten sich allmählich an die Idee, dass es notwendig sei, durch Michail Iwanowitsch „Sorgen zu äußern". Die Sache war jedoch nicht auf Bauern beschränkt. Ehemalige zaristische Admirale, Senatoren, Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler und nicht zuletzt die Künstlerinnen suchten den Zutritt zum „Staatsoberhaupt". Alle hatten etwas zum Sorgen: Söhne und Töchter, beschlagnahmte Häuser, Brennholz für das Museum, chirurgische Instrumente, sogar das Beschaffen von kosmetischem Material, das für die Bühne aus dem Ausland benötigt wurde. Mit den Bauern fand Kalinin die notwendige Sprache ohne Schwierigkeiten. Vor der bürgerlichen Intelligenz war er in den ersten Jahren schüchtern. Hier bedurfte er besonders der Hilfe des gebildeten und weltmännischen Jenukidse. Darüber hinaus war Kalinin oft auf Reisen, so wurde der Moskauer Vorsitzende bei Moskauer Empfängen durch den Sekretär ersetzt. Sie arbeiteten zusammen. Beide waren Opportunisten, beide suchten immer nach der Linie des geringsten Widerstandes und passten sich daher gut aneinander an. Wegen seiner hohen Stellung wurde Kalinin in das Zentralkomitee der Partei und sogar unter die Kandidaten des Politbüros aufgenommen. Dank der großen Bandbreite seiner Begegnungen und Gespräche machte er bei den Sitzungen nicht wenige wertvolle Alltagsbeobachtungen. Seine Vorschläge wurden jedoch selten akzeptiert. Aber seine Argumente wurden nicht ohne Aufmerksamkeit angehört und irgendwie berücksichtigt. Jenukidse gehörte nicht zum Zentralkomitee, wie zum Beispiel Krassin. Jene „alten Bolschewiki", die in der Zeit der Reaktion mit der Partei gebrochen hatten, durften in diesen Jahren Sowjet-, aber keine Parteiposten haben. Außerdem hatte Jenukidse, wie gesagt, keine politischen Ansprüche. Er vertraute der Parteiführung vollständig und mit geschlossenen Augen. Er war Lenin mit einem Hauch von Anbetung sehr ergeben, und - es ist für das weitere Verständnis notwendig, das zu sagen - mir zutiefst zugetan. In jenen wenigen Fällen, in denen ich politisch mit Lenin nicht übereinstimmte, litt Jenukidse sehr. Das war, beiläufig gesagt, nicht selten. Ohne eine politische Rolle zu spielen, nahm Jenukidse jedoch einen wichtigen Platz ein, wenn nicht im Leben des Landes, so doch im Leben der regierenden Oberen. Tatsache ist, dass in seinen Händen die Verwaltung der Wirtschaft des Zentralen Exekutivkomitees konzentriert war: vom Kreml wurden Genossenschaftsprodukte nur gemäß den Anweisungen Jenukidses bewilligt. Die Bedeutung davon wurde mir erst später und durch indirekte Beweise klar. Ich habe drei Jahre an den Fronten verbracht. In dieser Zeit begann sich allmählich eine neue Sowjetbürokratie zu bilden. Es ist nicht wahr, dass der Kreml in jenen Jahren im Luxus versank, wie die weiße Presse behauptete. Man lebte tatsächlich sehr bescheiden. Unterschiede und Privilegien bildeten sich jedoch bereits und häuften sich automatisch. Jenukidse stand sozusagen im Zentrum dieser Prozesse. Neben vielen anderen sorgte Ordschonikidse, der damals die erste Figur im Kaukasus war, dafür, dass Jenukidse die notwendige Menge an den Früchten des Bodens in seiner Genossenschaft haben sollte. Als Ordschonikidse nach Moskau zog, gingen seine Pflichten an Orachelaschwili, in dem jeder Stalins zuverlässigen Schützling sah. Der Vorsitzende des georgischen Rates der Volkskommissare, Budu Mdiwani, schickte kachesischen Wein in den Kreml. Aus Abchasien schickte Nestor Lakoba Kisten mit Mandarinen. Alle drei: Orachelaschwili, Mdiwani und Lakoba sind übrigens auf der Liste derer, die erschossen wurden ... 1919 erfuhr ich zufällig, dass es in Jenukidses Lager Wein gebe und schlug vor, es zu verbieten. „Es wäre zu streng", sagte Lenin scherzhaft. Ich habe versucht darauf zu bestehen: „Das Gerücht, dass der Kreml schlemmt, wird an die Front kommen, ich habe Angst vor schlimmen Folgen." Der dritte bei der Unterhaltung war Stalin. „Wie können wir Kaukasier", protestierte er, „ohne Wein sein?“ „Hier, sehen Sie", sagte Lenin: „Sie sind nicht an Wein gewöhnt, aber die Georgier wären gekränkt." „Man kann nichts machen", antwortete ich, „wenn bei Ihnen hier die Sitten schon so aufgeweicht sind.“ Ich denke, dass dieser kleine Dialog im scherzhaften Ton die Sitten des Tages charakterisiert: Eine Flasche Wein galt als Luxus. Im selben Jahr 1920, vielleicht Anfang 1921, lud Kamenew, der mit meiner Schwester verheiratet war, mich telefonisch zu sich nach Hause ein, da ich damals auf einem meiner kurzen Besuche in Moskau war. Ich ging zu ihm im berühmten „Weißen Korridor". Einer der alten Kremldiener öffnete mit einer besonderen Geste der Ehrerbietung und Vertrautheit, die mich sofort alarmierte, die Tür zu Kamenews Wohnung. An einem großen Tisch saßen mehrere Würdenträger des Kremls mit ihren Frauen. Auf dem Tisch standen natürlich Flaschen und Leckereien aus Jenukidses Genossenschaft. Alles das war auf kleinbürgerlichem, höchstens mittelbürgerlichem Niveau. Aber die allgemeine Atmosphäre des Komforts hat mich abgestoßen. Ohne jemanden zu begrüßen, drehte ich mich um, schloss die Tür und ging nach Hause. Der Diener hatte diesmal ein leicht verängstigtes und nüchternes Gesicht. Meine Beziehungen zu Kamenew, die in der ersten Periode nach dem Aufstand sehr gut waren, begannen sich von diesem Tag an zu verschlechtern. Zur Rechtfertigung für mich selbst sage ich, dass ich mich nicht von einem lächerlichen Puritanismus leiten ließ, sondern nur von einer unmittelbaren Reaktion: die Angelegenheiten des Bürgerkriegs beschäftigten mich damals völlig und ungeteilt.2 Mit der Einführung der sogenannten „Neuen Wirtschaftspolitik" (NEP) änderten sich die Sitten der regierenden Schicht schneller. In der Bürokratie selbst gab es eine Schichtung. Die Minderheit lebte an der Macht nicht viel besser als in den Jahren der Emigration und achtete nicht darauf. Wenn Jenukidse Lenin eine Verbesserung seiner persönlichen Lebensbedingungen anbot, wich Lenin jedes Mal mit dem Satz aus: „Nein, in alten Schuhen geht es sich bequemer". Aus dem ganzen Land wurden ihm alle möglichen lokalen Produkte geschickt, mit einem frischen Sowjetwappen. „Wieder wurde Spielzeug gesendet", beklagte sich Lenin, „man muss es verbieten! Und das Staatsoberhaupt schaut zu?" – sagte er und runzelte streng seine Augenbrauen in Richtung Kalinin. Das Staatsoberhaupt hatte bereits zu lachen gelernt: „Warum sind Sie auch so beliebt geworden?" Am Ende wurden die „Spielzeuge" an ein Kinderheim oder ein Museum geschickt ... Meine Familie änderte im Ritterflügel des Kremls nicht den üblichen Lauf ihres Lebens. Bucharin blieb der bisherige alte Student. Sinowjew lebte bescheiden in Leningrad. Aber Kamenew, in dem neben dem Revolutionär immer ein kleiner Schwelger lebte, passte sich schnell an die neuen Sitten an. Noch schneller schwamm Lunatscharski, der Volkskommissar für Bildung, in diese Richtung Es ist unwahrscheinlich, dass Stalin seine Lebensverhältnisse nach dem Oktober wesentlich verändert hat. Aber zu dieser Zeit war er fast völlig außerhalb meines Sichtfelds. Auch andere sahen ihn nicht genau an. Erst später, als er in den Vordergrund trat, wurde mir gesagt, dass er, abgesehen von einer Flasche Wein, als Unterhaltung immer noch liebte, Widder in der Hütte zu schlachten und Krähen durch das Fenster zu erschießen. Ich kann für die Glaubwürdigkeit dieser Geschichten nicht bürgen. Jedenfalls war Stalin zu dieser Zeit in der Struktur seines persönlichen Lebens stark abhängig von Jenukidse, der seinen Landsmann nicht nur ohne „Anbetung" behandelte, sondern auch ohne Sympathie, vor allem wegen seiner Grobheit und Willkür, d. h. jener Züge, die Lenin in seinem „Testament" zu notieren für notwendig hielt. Das unterste Personal des Kreml, das an Jenukidse Schlichtheit, Freundlichkeit und Fairness schätzte, stand Stalin dagegen äußerst feindselig gegenüber. Meine Frau, die 93 Jahre lang für Museen und historische Denkmäler des Landes verantwortlich war, erinnert sich an zwei Episoden, in denen Jenukidse und Stalin sehr charakteristische Züge zeigten. Im Kreml, wie in ganz Moskau, wie im ganzen Land, gab es einen ständigen Kampf um Quartiere. Stalin wollte sein eigenes, zu lautes gegen ein friedlicheres austauschen. Der Tscheka- Agent Belenkij empfahl ihm die vorderen Räume des Kremlpalastes. Meine Frau widersetzte sich: Der Palast war als Museum geschützt. Lenin schrieb meiner Frau einen langen Ermahnungsbrief: es sei möglich, „Museums“möbel aus mehreren Räumen des Palastes zu entfernen, man könne besondere Maßnahmen zum Schutze der Anlage ergreifen; Stalin brauche eine Wohnung, in der man fest schlafen kann; in seiner jetzigen Wohnung sollten Junge untergebracht werden, die auch bei Kanonendonner schlafen können usw., usf., aber die Kuratorin der Museen gab diesen Argumente nicht nach. An ihrer Seite stand Jenukidse. Lenin ernannte eine Kommission zur Überprüfung. Die Kommission befand, dass der Palast nicht für Wohnzwecke geeignet sei. Schließlich überließ der angenehme und zuvorkommende Serebrjakow Stalin sein Quartier, derselbe, den Stalin 17 Jahre später erschoss. Das Leben im Kreml fand auf überaus engem Raum statt. Die meisten arbeiteten außerhalb der Kremlmauern. Sitzungen endeten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Automobile ließen uns nicht schlafen. Am Ende wurde durch das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees, das heißt durch denselben Jenukidse, eine Entscheidung gefällt: Nach 11 Uhr hielten die Autos am Torbogen an, wo die Wohngebäude beginnen; weiter sollten die Herren Würdenträger zu Fuß gehen. Die Entscheidung wurde jedem mitgeteilt und persönlich gegengezeichnet. Aber jemandes Auto fuhr fort, den Befehl zu verletzen. Um drei Uhr morgens wurde ich wieder geweckt, wartete am Fenster auf den Wagen und rief den Fahrer an. „Kennen Sie die Entscheidung nicht?" „Ich kenne sie, Genosse Trotzki", antwortete der Fahrer, „aber was soll ich tun? Genosse Stalin befahl am Torbogen: Fahr zu!“ Es erforderte die Intervention Jenukidses, damit Stalin den Schlaf anderer respektierte. Stalin hat, glaube ich, seinen Landsmann diese kleine Beleidigung nicht vergessen. Eine drastischere Veränderung der Lebensbedingungen der Bürokratie gab es seit der letzten Krankheit Lenins und dem Beginn des Kampfes gegen den „Trotzkismus". Bei jedem politischen Kampf in großem Stil kann man schließlich und endlich die Frage des Beefsteaks finden. Der Perspektive der „permanenten Revolution" stellte die Bürokratie die Perspektive auf ihre persönliche Wohlfahrt gegenüber. Im Kreml und außerhalb des Kreml gab es eine Reihe geheimer Bankette, deren politisches Ziel es war, die „alte Garde" gegen mich zu mobilisieren. 4In dieser Epoche (1924) plauderten Stalin, Dzierżyński und Kamenew bei einer Flasche Wein in einer Villa in Subalow. Auf die Frage, was jeder im Leben am liebsten mochte, antwortete Stalin leicht angeheitert mit ungewohnter Offenheit: „Sein Opfer wählen, alles vorbereiten, sich gnadenlos rächen und dann schlafen gehen.“ Kamenew gab diese Unterhaltung mehr als einmal wieder, nachdem er mit Stalin gebrochen hatte. Kamenew erwartete das Schlimmste von seinem alten Verbündeten, aber trotz allem sah er nicht die schreckliche Rache voraus, die Stalin nach langer Vorbereitung für ihn reserviert hatte. Ob Stalin in der Nacht nach der Ermordung Kamenews, Sinowjews und anderer gut geschlafen hat, weiß ich nicht. Die Organisation der Bankette der „alten Garde" lag weitgehend bei Jenukidse. Jetzt waren sie nicht auf den bescheidenen Kachetianer beschränkt. Seither begann der „unmoralische Lebenswandel", der dreizehn Jahre später Jenukidse zur Last gelegt wurde. Es war unwahrscheinlich, dass Abel selbst zu intimen Banketten eingeladen wurde, wo Knoten der Verschwörung geknüpft und zugezogen wurden. Ja, das hat er selbst nicht angestrebt, obwohl es ihm im Allgemeinen nichts ausgemacht hat, an Banketten teilzunehmen. Der Kampf, der gegen mich eröffnet wurde, gefiel ihm überhaupt nicht, und er zeigte es, wo er konnte. Jenukidse lebte in demselben Ritterflügel wie wir. Ein alter Junggeselle, bewohnte er eine kleine Wohnung, in der früher ein kleiner Beamter untergebracht war. Wir trafen ihn oft auf dem Flur. Er ging schwerfällig, gealtert und sah schuldbewusst aus. Meine Frau, mich, unsere Jungs, grüßte er im Gegensatz zu anderen „Eingeweihten" mit doppelter Freundlichkeit. Aber politisch folgte Jenukidse der Linie des geringsten Widerstands. Er richtete sich nach Kalinin. Das „Staatsoberhaupt" begann zu verstehen, dass die Macht jetzt nicht bei den Massen lag, sondern bei der Bürokratie und dass die Bürokratie gegen die „permanente Revolution", für Bankette, für ein „glückliches Leben", für Stalin war. Zu dieser Zeit war Kalinin selbst eine andere Person geworden. Es war nicht so, dass er sein Wissen stark bereichert oder seine politischen Ansichten vertieft hätte; aber er erwarb sich die Routine eines „Staatsmannes", entwickelte einen besonderen Stil eines schlauen Einfaltspinsels, hörte auf, Professoren, Künstlern und vor allem Künstlerinnen gegenüber ängstlich zu sein. Ich widmete mich nur wenig der Geschichte des Kremls hinter den Kulissen und erfuhr mit großer Verspätung über Kalinins neuen Lebenswandel, und darüber hinaus aus einer völlig unerwarteten Quelle. In einer der sowjetischen humoristischen Zeitschriften erschien 1925 eine Karikatur – es ist kaum zu glauben! – des Staatsoberhaupts in einer sehr intimen Situation. Die Ähnlichkeit ließ keinen Zweifel aufkommen. Außerdem wurde im Text, der im Stil sehr ungezügelt war, Kalinins Initialen genannt, M. I. Ich traute meinen Augen nicht. „Was ist das"? fragte ich einige mir nahe stehende Menschen, einschließlich Serebrjakow (erschossen im Februar 1937). „Dieser Stalin gibt Kalinin eine letzte Warnung." – „Aber aus welchem Grund?“ – „Natürlich nicht, um seine Moral zu schützen. Kalinin muss sich ihm in irgendeiner Weise widersetzen.“ In der Tat wollte Kalinin, der die Vergangenheit gut genug kannte, Stalin lange nicht als Führer anerkennen. Mit anderen Worten, er hatte Angst, sein Schicksal mit ihm zu verbinden. „Dieses Pferd“ – sagte er in engem Kreis – „wird eines Tages unser Wagen in den Graben fahren“. Nur allmählich, grummelnd und zurückhaltend, wandte er sich gegen mich, dann gegen Sinowjew und schließlich mit noch mehr Widerstand gegen Rykow, Bucharin und Tomski, mit denen er durch seine gemäßigten Tendenzen am meisten verbunden war. Jenukidse entwickelte sich im Gefolge Kalinins auf dieselbe Weise, nur mehr im Schatten, und zweifellos mit tieferen inneren Qualen. Nach seinem ganzen Charakter, dessen Hauptmerkmal eine leichte Anpassungsfähigkeit war, musste sich Jenukidse einfach im Lager des Thermidors wiederfinden, er war aber kein Karrierist und noch weniger ein Schurke. Es war schwierig für ihn, sich von den alten Traditionen zu lösen, und es war noch schwieriger, sich gegen die Leute zu wenden, die er respektierte. In kritischen Momenten erwies sich Jenukidse nicht nur nicht offensiv enthusiastisch, sondern im Gegenteil beschwerte er sich, murrte, hielt dagegen. Stalin wusste das nur zu gut und gab mehr als einmal Jenukidse eine Warnung. Ich wusste es sozusagen aus erster Hand. Obwohl das Denunziationssystem bereits vor zehn Jahren nicht nur das politische Leben, sondern auch persönliche Beziehungen vergiftete, gab es zu dieser Zeit noch zahlreiche Oasen des gegenseitigen Vertrauens. Jenukidse war sehr freundlich zu Serebrjakow, einst eine prominente Figur der linken Opposition, und schüttete oft seine Seele vor ihm aus. „Was will er (Stalin) noch", klagte Jenukidse, „ich tue alles, was von mir verlangt wird, aber alles ist ihm nicht genug. Er möchte auch, dass ich ihn für ein Genie halte.“ Es ist möglich, dass Stalin damals bereits Jenukidse auf die Liste derer gesetzt hat, an denen er sich rächen wollte. Aber da die Liste sehr lang war, musste Abel mehrere Jahre warten, bis er an der Reihe war. Im Frühjahr 1925 lebten wir mit meiner Frau im Kaukasus in Suchumi, unter der Schirmherrschaft von Nestor Lakoba, dem allgemein anerkannten Oberhaupt der Republik Abchasien. Er war (von allen muss man sagen: war) eine sehr kleine Person, außerdem fast taub. Trotz des speziellen Tonverstärkers, den er in der Tasche trug, war es nicht einfach, mit ihm zu reden. Aber Nestor kannte sein Abchasien, und Abchasien kannte Nestor, den Helden des Bürgerkriegs, einen Mann von großem Mut, großer Entschlossenheit und praktischer Intelligenz. Michail Lakoba, Nestors jüngerer Bruder, war der „Innenminister" der kleinen Republik und gleichzeitig mein treuer Leibwächter während meiner Ferien in Abchasien. Michail war (auch: war) ein junger, bescheidener und fröhlicher Abchasier, einer von denen, in denen es keine Arglist gibt. Ich habe nie politische Gespräche mit den Brüdern geführt. Nur einmal sagte Nestor zu mir: „Ich sehe nichts besonderes in ihm: weder Verstand noch Talent." Ich verstand, dass er über Stalin sprach und ging auf die Unterhaltung nicht ein. In jenem Frühjahr fand die ordentliche Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees nicht in Moskau statt, sondern in Tiflis, in der Heimat von Stalin und Jenukidse. Es gab vage Gerüchte über den Kampf zwischen Stalin und den beiden anderen Triumvirn Sinowjew und Kamenew. Von Tiflis aus flog ein Flugzeug unerwartet zu einem Treffen mit mir nach Suchumi: ein Mitglied des Zentralen Exekutivkomitees Mjasnikow und der stellvertretende Leiter der GPU Mogilewskij. In den Reihen der Bürokratie tuschelte man über die Möglichkeit eines Bündnisses zwischen Stalin und Trotzki. Tatsächlich wollte Stalin in Vorbereitung auf das Auseinanderfliegen des Triumvirats Sinowjew und Kamenew verängstigen, die leicht einer Panik erlagen. Jedoch, wegen unvorsichtigen Rauchens oder aus einem anderen Grund fing das diplomatische Flugzeug in der Luft Feuer, und seine drei Passagiere samt Pilot starben.5 Ein oder zwei Tage später kam ein anderes Flugzeug aus Tiflis und brachte zwei Mitglieder des Zentralen Exekutivkomitees nach Suchumi, meine Freunde, den sowjetischen Botschafter in Frankreich Rakowski und den Volkskommissar für Post Smirnow. Die Opposition litt zu dieser Zeit bereits unter Verfolgung. „Wer hat euch das Flugzeug gegeben?" fragte ich überrascht. – „Jenukidse!". „Wie hat er sich dazu entschieden?" „Natürlich nicht ohne das Wissen der Behörden." Meine Gäste erzählten mir, dass Jenukidse aufblühte und eine baldige Versöhnung mit der Opposition erwartete. Aber weder Rakowski noch Smirnow hatten politische Aufträge an mich. Stalin versuchte einfach, ohne sich zu binden, Illusionen unter den „Trotzkisten“ und Panik unter den Sinowjewisten zu säen. Wie auch immer, Jenukidse hoffte wie Nestor Lakoba aufrichtig auf eine Kursänderung und sie hoben die Köpfe. Stalin hat ihnen das für nicht vergessen. Smirnow wurde beim Sinowjew-Prozess erschossen. Nestor Lakoba wurde ohne Gerichtsverfahren erschossen, offenbar wegen seiner Weigerung, „offenherzig" Zeugnis abzulegen. Michail Lakoba wurde aufgrund eines Urteil des Gerichtes, vor dem er fantastische Vorwürfe gegen den bereits erschossenen Bruder erhob, erschossen. Was mit Rakowski seit seiner Festnahme passiert ist, ist noch immer unbekannt.6 Um Jenukidse stärker zu binden, stellte Stalin ihn an die Spitze der Zentralen Kontrollkommission, die zuständig war, die Parteimoral zu beaufsichtigen. Hat Stalin vorausgesehen, dass Jenukidse selbst den Verletzung der Parteimoral beschuldigt werden würde? Auf jeden Fall haben ihn solche Widersprüche nie aufgehalten. Es genügt zu sagen, dass der alte Bolschewik Rudsutak, der wegen derselben Anklage verhaftet worden war, mehrere Jahre Vorsitzender der Zentralen Kontrollkommission gewesen war, quasi eine Art Hohepriester der Partei- und Sowjetmoral. Durch das System der Kommunikationskanäle wusste ich in den letzten Jahren meines Moskauer Lebens, dass Stalin ein besonderes Archiv besitzt, das Dokumente, Beweise und diskreditierende Gerüchte gegen alle prominenten Sowjetfiguren ohne Ausnahme enthält. Während des offenen Bruches mit den rechten Mitgliedern des Politbüros, Bucharin, Rykow und Tomski, gelang es Stalin im Jahre 1929, Kalinin und Woroschilow auf seiner Seite zu halten, indem er mit diskreditierenden Enthüllungen drohte. Zumindest schrieben Freunde mir das nach Konstantinopel [Istanbul]. Im November 19277 prüfte die Zentrale Kontrollkommission unter Beteiligung zahlreicher Vertreter der Kontrollkommissionen in Moskau die Frage des Ausschlusses von Sinowjew, Kamenew und mir aus der Partei. Das Urteil war im Voraus festgelegt. Im Präsidium saß Jenukidse. Wir haben unsere Richter nicht verschont. Mitglieder der Kommission fühlten sich schlecht unter den Vorwürfen. Der arme Abel hatte kein Gesicht. Dann sprach Sacharow, einer der vertrautesten Stalinisten, ein besonderer Typ von Gangster, bereit zu jeder Gemeinheit. Die Rede Sacharows bestand aus den übelsten Schimpfwörtern. Ich habe verlangt, dass ihm das Wort entzogen wird. Aber die Mitglieder des Präsidiums, die nur zu gut wussten, wer die Rede diktierte, wagten es nicht. Ich erklärte, dass ich bei einer solchen Sitzung nichts verloren hätte und verließ den Saal. Nach einer Weile gesellten sich Sinowjew und Kamenew zu mir, was einige Mitglieder der Kommission zu stoppen versuchten. Ein paar Minuten später rief Jenukidse mich in der Wohnung an und überredete mich, zum Treffen zurückzukehren. „Wie dulden Sie Hooligans in der höchsten Parteiinstitution?" „Lew Davidowitsch", bat Abel mich, „was zählt Sacharow?" „Mehr als Sie", antwortete ich, „denn er tut, was ihm befohlen wird, und Sie weinen nur." Jenukidse antwortete etwas Unzusammenhängendes, woraus hervorging, dass er auf ein Wunder hoffte. Aber ich hoffte nicht auf ein Wunder. „Sie werden es nicht wagen, Sacharow zu rügen?" Jenukidse war still. „Schließlich werden Sie in fünf Minuten für meinen Ausschluss stimmen?". Als Antwort folgte ein tiefer Seufzer. Das war meine letzte Unterredung mit Abel. Ein paar Wochen später war ich bereits in der Verbannung in Zentralasien, ein Jahr später im Exil in der Türkei. Jenukidse blieb weiterhin Sekretär des Zentralen Exekutivkomitees. Ehrlich gesagt fing ich an, Jenukidse zu vergessen. Aber Stalin erinnerte sich an ihn. Jenukidse wurde wenige Monate nach Kirows Ermordung, kurz nach dem ersten Prozess gegen Sinowjew-Kamenew, entlassen, als sie „nur" zu 10 und 5 Jahren Gefängnis verurteilt wurden, als angebliche „moralische" Täter des Terroraktes. Es besteht kein Zweifel, dass Jenukidse zusammen mit Dutzenden anderer Bolschewiki gegen den Beginn des Massakers der alten Garde Lenins protestieren wollte. Welche Form hatte der Protest? Oh, weit entfernt von einer Verschwörung! Jenukidse wandte sich an Kalinin, telefonierte mit den Mitgliedern des Politbüros, vielleicht auch mit Stalin selbst. Das war genug. Als Sekretär des Zentralen Exekutivkomitees eine der zentralen Persönlichkeiten des Kreml war Jenukidse zu einer Zeit völlig untragbar, als Stalin auf eine gigantische Justizfälschung setzte. Aber Jenukidse war immer noch eine zu große Figur, genoss zu viele Sympathien und sah zu wenig aus wie ein Verschwörer oder ein Spion (damals behielten diese Begriffe im Kreml-Wörterbuch immer noch einen Schatten von Sinn), als dass er einfach ohne Diskussion erschossen werden konnte. Stalin beschloss, in Raten zu handeln. Das Zentrale Exekutivkomitee der Transkaukasischen Föderation appellierte auf Stalins geheimen Befehl an den Kreml, Jenukidse von den Pflichten des Sekretärs des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR zu entbinden, damit er zum Vorsitzenden des höchsten Sowjetorgans von Transkaukasien gewählt werden könne. Diese Bitte wurde Anfang März erfüllt. Aber Jenukidse schaffte es kaum, nach Tiflis zu kommen, als die Zeitungen bereits über seine Ernennung berichteten ... zum Leiter der kaukasischen Kurorte. Diese Ernennung, die den Charakter einer Verhöhnung ganz im Stil Stalins hatte, verhieß nichts Gutes. Hat Jenukidse die Kurorte in den nächsten zweieinhalb Jahren wirklich verwaltet? Vermutlich stand er einfach im Kaukasus unter der Aufsicht der GPU. Aber Jenukidse kapitulierte nicht. Der zweite Prozess gegen Sinowjew-Kamenew (August 1936), der mit der Hinrichtung aller Angeklagten endete, verbitterte offenbar den alten Abel. Es ist Unsinn, dass der halb apokryphe „Brief eines alten Bolschewisten", der im Ausland erschien, von Jenukidse gestammt habe. Nein, er war zu solch einem Schritt nicht fähig. Aber Abel war empört, murrte, fluchte vielleicht. Es war zu gefährlich. Jenukidse wusste zu viel. Es war notwendig, entschieden zu handeln. Jenukidse wurde verhaftet. Die anfängliche Anklage war vage: zu lockerer Lebenswandel, Vetternwirtschaft und so weiter. Stalin handelte in Raten. Aber Jenukidse kapitulierte auch hier nicht. Er weigerte sich, irgendwelche „Geständnisse" zu machen, die es erlaubt hätten, ihm in die Reihe der Angeklagten des Bucharin-Rykow-Prozesses aufzunehmen. Ein Angeklagter ohne freiwillige Geständnisse ist kein Angeklagter. Jenukidse wurde ohne Gerichtsverfahren erschossen – als „Verräter und Feind des Volkes". Lenin hatte dieses Ende Abels nicht vorausgesehen, obwohl er viel voraussehen konnte. Das Schicksal Jenukidses ist um so lehrreicher, als er selbst ein Mann ohne besondere Eigenschaften war, mehr ein Typus als eine Persönlichkeit. Er wurde Opfer seiner Zugehörigkeit zu den alten Bolschewiki. Im Leben dieser Generation gab es eine heroische Periode: unterirdische Druckereien, Kämpfe mit der zaristischen Polizei, Verhaftungen, Exil. 1905 war in der Tat der höchste Punkt in der Flugbahn der „alten Bolschewiki", die in ihren Ideen nicht über die demokratische Revolution hinausgingen. Dem Oktoberumsturz schlossen sich diese Menschen, die bereits von Leben und Müdigkeit zerrüttet waren, meistens mit einem engen Herzen an. Aber um so sicherer sind sie im Sowjetapparat geworden. Nach dem militärischen Sieg über die Feinde schien ihnen ein friedliches und sorgloses Leben bevorzustehen. Doch die Geschichte täuschte Abel Jenukidse. Die Hauptschwierigkeiten standen bevor. Um Millionen von großen und kleinen Beamten mit einem Beafsteak, einer Flasche Wein und anderen Annehmlichkeiten des Lebens zu versorgen, war ein totalitäres Regime notwendig. Es ist unwahrscheinlich, dass Jenukidse selbst – überhaupt kein Theoretiker – Stalins Autokratie aus dem Streben der Bürokratie nach Komfort ableiten konnte. Er war nur eines der Werkzeuge Stalins bei der Einführung einer neuen privilegierten Kaste. Der „moralische Zerfall", der ihm persönlich vorgeworfen wurde, war tatsächlich ein organisches Element der offiziellen Politik. Jenukidse starb nicht deswegen, sondern weil er nicht bis zum Ende gehen konnte. Er ertrug sie lange Zeit, gehorchte und passte sich an. Aber es gab eine Grenze, die er nicht überschreiten konnte. Jenukidse arrangierte keine Verschwörungen und bereitete keine terroristischen Akte vor. Er hob einfach seinen grauen Kopf voll Entsetzen und Verzweiflung. Er erinnerte sich vielleicht an die alte Prophezeiung Kalinins: Stalin wird uns alle in den Graben fahren. Er erinnerte sich wahrscheinlich an Lenins Warnung: Stalin ist illoyal und wird die Macht missbrauchen. Jenukidse versuchte, seine Hand anzuhalten, die auf die Köpfe der alten Bolschewiki niederging. Das war genug. Der Chef der GPU wurde angewiesen, Jenukidse zu verhaften. Aber selbst Genrich Jagoda, der Zyniker und Karrierist, der den Sinowjew-Prozess vorbereitet hatte, hatte Angst vor diesem neuen Auftrag. Dann wurde Jagoda durch den Unbekannten Jeschow ersetzt, den nichts mit der Vergangenheit verband. Jeschow führte leicht jeden vor die Mauserpistole, auf den Stalin zeigte. Jenukidse war einer der letzten. In seiner Person verließ die alte Generation der Bolschewiki die Bühne, er wenigstens ohne Selbsterniedrigung. L. Trotzki. Coyoacan, 8. Januar 1938 1 Da wir die Abrechnung mit Jenukidse seinerzeit nicht vermerkt haben – der vom verstorbenen Herausgeber des Bulletins, L. Sedow, verfasste Artikel liegt neben anderen beschlagnahmten Papieren bei den Ermittlungsbehörden –, veröffentlichen wir einen Artikel über ihn am Jahrestag seiner Hinrichtung. [Redaktion des „Bjulleten Opposizii”] 2Dieser Absatz fehlt im „Bjulleten Opposizii” [Der Übersetzer] 3In den „Œuvres“ und „New International“ steht „zehn” [Der Übersetzer] 4Der Rest dieses Absatzes fehlt im “Bjulleten Opposizii” [Der Übersetzer] 5Im Text und den Übersetzungen ist etwas unklar, ob es drei Passagiere zusätzlich zum Piloten oder drei Personen einschließlich des Piloten waren, aber laut Wikipedia verunglückten neben Mjasnikow und Mogilewski noch Georgi Atarbekow und der Pilot Ambako Saragadse. [Der Übersetzer] 6Der letzte Satz fehlt im „Bjulleten Opposizii“ [Der Übersetzer] 7Im „Bjulleten Opposizii“ irrtümlich „1928” [Der Übersetzer] |
Leo Trotzki > 1938 >