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Leo Trotzki 19380303 Hinter den Moskauer Prozessen

Leo Trotzki: Hinter den Moskauer Prozessen

3. März 1938

[eigene Übersetzung nach Writings of Leon Trotsky 1937-1938, New York ²1976, p. 197-205 und Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, pp. 228-23 unter dem Titel „Le nouveau Procès de Moscou“, Der neue Moskauer Prozess, Zwischenüberschriften nach der französischen Übersetzung, Hervorhebungen, soweit nicht anders angegeben nach der englischen Übersetzung]

[1. Die Angeklagten]

Drei Männer, Bucharin, Rykow und Rakowski, sind die Hauptfiguren des gegenwärtigen Hochverratsprozesses in Moskau. Durch ihre Haltung kann man zum ersten Mal die Tiefe der Reaktion in der UdSSR ermessen.

Ich traf Rykow zum ersten Mal im Jahre 1910 in Paris.1 Dubrowinski, ein Bolschewik, der längst tot ist, flüsterte mir, auf Rykow zeigend, zu: „Alexej wäre in jedem anderen Land Ministerpräsident gewesen." Vierzehn Jahre später wurde Rykow auf meine Empfehlung auf den Posten gewählt, der durch Lenins Tod frei wurde – Präsident des Rates der Volkskommissare.

Ohne rein theoretische Interessen besitzt Rykow einen klaren politischen Verstand und außergewöhnliche Fähigkeiten als Verwalter. Trotz der Tatsache, dass er stottert, ist er ein Redner von großer Kraft. Rykow hat sein ganzes bewusstes Leben einem Ideal gewidmet.

Bucharin ist im Gegensatz zu Rykow ein reiner Theoretiker, Vortragender und Schriftsteller. Einer der wenigen Bolschewiki, die keine organisatorischen Fähigkeiten haben, ist er gerade deswegen nie ein Teil des Regierungspersonals geworden; aber er war Chefredakteur des Zentralorgans Prawda, ein Amt von außerordentlicher Bedeutung. Nachdem Sinowjew in Ungnade gefallen war, wurde er Führer der Kommunistischen Internationale (1926-27). Es gab immer eine ansprechende, kindliche Eigenschaft in Bucharins Charakter, die ihn, wie Lenin es ausdrückte, zum „Liebling der Partei" machte.

Bucharins theoretisches Denken zeichnet sich durch Launenhaftigkeit und eine Tendenz zu Paradoxien aus. Oft stritt er sich heftig mit Lenin, der ihm im Ton eines Lehrers antwortete. Diese polemische Schärfe verdarb jedoch nie ihre freundschaftlichen Beziehungen. Bucharin liebte Lenin und fühlte sich mit ihm verbunden wie ein Kind mit seiner Mutter. Wenn uns jemand in diesen Jahren gesagt hätte, dass Bucharin (zwanzig Jahre später)2 beschuldigt würde, versucht zu haben, Lenin zu ermorden, wäre jeder von uns gekommen, um den Propheten in eine Irrenanstalt zu werfen.

Ich kenne Rakowski seit 1903. Unsere innige Freundschaft dauerte bis 1934, als er seine „oppositionellen" Sünden bereute und in das Regierungslager zurückkehrte. Als internationaler Revolutionär im vollen Sinne spricht Rakowski neben Bulgarisch (seiner Muttersprache), Französisch, Russisch, Rumänisch, Englisch und Deutsch fließend. Er kann Italienisch und andere Sprachen lesen. Rakowski, der aus neun europäischen Ländern abgeschoben wurde, verband sein Schicksal mit der Oktoberrevolution, der er auf den verantwortungsvollsten Posten diente. Von Beruf Arzt, brillanter Redner und Schriftsteller, gewann er das Herz eines jeden durch seine Eigenschaften der Offenheit, der menschlichen Freundlichkeit und des Reichtums seiner geistigen Ausstattung3.

Bucharin hat dreißig Jahre revolutionäre Arbeit auf dem Konto, Rykow fast vierzig, Rakowski fast fünfzig. Diese drei Männer werden nun beschuldigt, plötzlich „Spione" und „Agenten" fremder Mächte geworden zu sein, die darauf abzielen, die UdSSR zu zerstören und zu zerstückeln und den Kapitalismus zu etablieren. Alle drei haben nach langen inquisitorischen Behandlungen in einem GPU-Gefängnis ihre Schuld eingestanden.

Der Nächste der Angeklagten nach der Bedeutung ist Krestinski, ein Rechtsanwalt von Beruf und einer der alten Bolschewiki. Er war Stalins Vorgänger als Generalsekretär der Partei, bevor er Volkskommissar für Finanzen und später Botschafter in Berlin wurde.4

Jagoda, zunächst der starke Mann der GPU, später auch ihr offizielles Oberhaupt, nimmt einen besonderen Platz auf der Anklagebank ein. Er war zehn Jahre lang Stalins engster Vertrauter im Kampf gegen die Opposition. Im Wesentlichen eine unbedeutende Person, ohne besondere Unterscheidungsmerkmale, verkörpert er den Geist der Geheimpolizei.

Nach der Vorbereitung des Prozesses gegen Sinowjew und Kamenew im August 1936 bekam Jagoda Angst angesichts der Aussicht auf eine weitere Vernichtung der alten Bolschewiki, in deren Reihen nicht wenige seiner persönlichen Freunde waren. Dies besiegelte sein Schicksal. Erst gestern zum „Marschall" der Polizei befördert, wurde er entthront, verhaftet und zum Verräter und Volksfeind erklärt. Jeschow, der neue Chef der GPU, wandte bei Jagoda die von Jagoda selbst erfundenen Untersuchungsmethoden an und erzielte damit die gleichen Ergebnisse.

Unter den anderen Angeklagten bieten Rosengolz und Selenski ein gewisses politisches Interesse, weil beide alte Bolschewiki und ehemalige Mitglieder des Zentralkomitees sind. Rosengolz ist in erster Linie ein Organisator. Er spielte eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg, größtenteils unter meiner persönlichen Aufsicht.

Selenski war viele Jahre lang Leiter der wichtigsten Parteiabteilung – der Moskauer Sektion.

Iwanow, Grinko und Tschernow sind rein administrative Gestalten, die erst in den letzten Jahren bekannt wurden.

Ich kenne drei der übrigen Namen – Ikramow, Chodschajew und Scharangowitsch – als jene von Menschen, die eine progressive5 Rolle in der Parteibewegung in den Provinzen gespielt haben.

Fünf andere Namen – Krjutschkow, Bessonow, Subarow, Maximow-Dikowskij und Bulanow – rufen bei mir keine besonderen Assoziationen hervor. Auf alle Fälle sind diese Menschen Sterne dritter oder vierter Größenordnung.

Die vier Ärzte des Kreml-Krankenhauses verdienen besondere Aufmerksamkeit. Mehr als einmal habe ich die medizinische Versorgung, die mir zwei dieser Ärzte zu bieten hatten, nämlich Lewin und Pletnew, in Anspruch genommen. Bei den anderen beiden, Kasakow und Winogradow, erinnere ich mich nur an ihre Namen.

Den Ärzten wird vorgeworfen, den Volkskommissar für Schwerindustrie Kuibyschew, den Chef der GPU Menschinski und den Autor Maxim Gorki vergiftet zu haben. Man braucht nur diese unglaubliche Anschuldigung zu nehmen, um die anderen Anschuldigungen bewerten zu können.

Schauen wir uns kurz den gegenwärtigen Zustand der bolschewistischen Partei und der Sowjetmacht an, wie sie jetzt durch Stalins Reihe von Schauprozessen gekennzeichnet werden. Neun Menschen6, die zu Lenins Lebzeiten Mitglieder des Politbüros waren – also der höchsten Institution von Partei und Regierung, haben sich alle, mit den einzigen Ausnahmen von Lenin (der rechtzeitig starb) und Stalin, als „Agenten fremder Mächte" erwiesen.

Jedes einzelne Oberhaupt der Roten Armee und Marine war ausnahmslos „Verräter" – Trotzki, Tuchatschewski, Jakir, Uborewitsch und andere. Alle sowjetischen Botschafter – Sokolnikow, Rakowski, Krestinski, Karachan, Jurenjew und andere – haben sich als „Volksfeinde" erwiesen. Alle Häupter der Industrie und der Eisenbahnen scheinen jetzt „Organisatoren der Sabotage" zu sein7: Pjatakow, Serebrjakow, Smirnow, Liwschiz und andere. An die Spitze der Kommunistischen Internationale wurden zufällig zwei faschistische Agenten gestellt: Sinowjew und Bucharin; zwei andere faschistische Agenten, Bucharin und Radek, wurden ebenfalls an die Spitze der sowjetischen Presse gestellt. Und die Führer der dreißig Sowjetrepubliken entpuppten sich als „Agenten des Imperialismus". Schließlich wurden das Leben und die Gesundheit der Führer von Partei und Regierung Giftmischern anvertraut.

Um dieses Bild zu vervollständigen, müssen wir nur die Unterschrift seines Künstlers, Josef Stalin, darauf setzen.

Die Angeklagten im jetzigen Prozess wie auch in den früheren Prozessen gehören politisch verschiedenen und darüber hinaus feindlichen Gruppen an. Bucharin und Rykow waren die Führer des rechten Flügels der Partei, zusammen mit dem Präsidenten der Gewerkschaften, Tomski, der in den Selbstmord getrieben wurde. Ihr Kampf gegen den Trotzkismus war unerbittlich und durch und durch prinzipientreu. In enger Zusammenarbeit mit ihnen bereitete Stalin, der eine zentristische Rolle spielte, 1928 die Zerstörung der Linken Opposition vor. Ich erfuhr aus den Moskauer Meldungen zum ersten Mal von der Existenz eines trotzkistisch-rechten „Blocks". Der wirkliche Block, an dem der rechte Flügel der Partei viele Jahre lang teilgenommen hat, war ein Block mit Stalin gegen mich8.

Meine Freunde Rakowski, Krestinski und Rosengolz waren für einige Zeit aufrichtige Anhänger meiner Position. Aber Rakowski war der einzige, der eine aktive Rolle in der Linken Opposition spielte. Aus seiner Feder stammen die kühnsten Analysen des politischen und moralischen Degenerationsprozesses innerhalb der Sowjetbürokratie. Rosengolz und Krestinsky konnten eher als Sympathisanten der Opposition denn als aktive Mitglieder charakterisiert werden. Im Jahr 1927 gingen beide in Stalins Lager über und wurden seine treuen Funktionäre. Rakowski hielt länger durch als die anderen. Ich erhielt einen Bericht, leider unbestätigt, dass Rakowski 1934 über Barnaul (im Altai) ins Ausland fliehen wollte, dass er bei dem Fluchtversuch verletzt und in das Kremlkrankenhaus gebracht wurde. Erst nach dieser bitteren Erfahrung kapitulierte er vor der herrschenden Clique, krank und gefoltert9 wie er war.

Ehemalige Rechte, ehemalige Linke, Bürokraten der Stalin-Schule und unpolitische Ärzte hätten nicht an einer gemeinsamen politischen Verschwörung teilnehmen können. Sie wurden nur zusammengebracht, um den boshaften Zielen des Anklägers zu dienen.

Der vorliegende große Prozess dreht sich, wie die ersten zwei, wie um eine unsichtbare Achse um den Verfasser dieser Zeilen. Unweigerlich wurden alle Verbrechen auf meine Bitte hin begangen. Leute, die meine unversöhnlichen Gegner gewesen sind und täglich in der Presse und bei Massenversammlungen gegen mich vorgegangen sind – wie Bucharin und Rykow –, sind plötzlich bereit – niemand weiß, warum – auf mein Signal aus dem Ausland irgendeine Art von Verbrechen zu verüben. Führer der Sowjetregierung wurden auf meinen Befehl Agenten fremder Mächte, „provozierten" Kriege, bereiteten die Zerstörung der UdSSR vor, ruinierten die Industrie, zerstörten Züge, vergifteten Arbeiter mit tödlichen Gasen. Mein jüngerer Sohn, Sergei Sedow, Lehrer an der Ingenieurschule, wurde speziell dieses Verbrechens beschuldigt.

Und zu guter Letzt vergifteten Kreml-Ärzte einen guten Prozentsatz ihrer Patienten einfach aus Hingabe an mich!10

Ich kenne die Umstände und die Menschen genau, einschließlich des Organisators der Prozesse, Stalin. Ich habe die innere Entwicklung des Sowjetsystems zu meiner Zeit aufmerksam verfolgt. Ich habe die Geschichte von Revolutionen und Konterrevolutionen in anderen Ländern gewissenhaft studiert, die auch nicht ohne „Schauprozesse" und Amalgame auskamen.

Während der letzten anderthalb Jahre habe ich fast ununterbrochen in der Atmosphäre der Moskauer Prozesse gelebt. Aber wenn man Meldung nach Meldung darüber liest, wie Bucharin Lenin ermorden wollte, über Rakowskis Verbindungen zum japanischen Generalstab und wie die Kremlärzte den alten Gorki ermordeten, scheint alles wie ein wahnsinniger Traum.

Mit fast körperlicher Anstrengung reiße ich meine Gedanken von den alptraumhaften Kombinationen der GPU los und lenke sie auf die Frage: „Wie und warum konnte das alles möglich sein?"

[2. Die Ankläger]

Wer die Ereignisse in Russland zu beurteilen versucht, sieht sich folgenden Alternativen gegenüber: (1) entweder alle alten Revolutionäre – die den Kampf gegen den Zarismus führten, die bolschewistische Partei errichteten, die Oktoberrevolution verwirklichten, drei Jahre Bürgerkrieg führten, den Sowjetstaat gründeten und die Kommunistische Internationale schufen – entweder alle diese Gestalten waren fast bis auf den letzten Mann im Augenblick dieser Errungenschaften, oder in den nächsten Jahren Agenten der kapitalistischen Staaten; oder (2) die gegenwärtige Sowjetregierung unter der Führung Stalins hat die abscheulichsten Verbrechen der Weltgeschichte begangen.

Viele versuchen, mit einer rein psychologischen Methode diese Frage zu entscheiden. „Wer hat das größere Vertrauen verdient", fragen sie sich, „Stalin oder Trotzki?" Die Spekulation auf einer solchen Ebene bleibt in den meisten Fällen steril. Gemäß der „goldenen Mitte" neigen manche Menschen dazu, einen Kompromiss zu finden. Wahrscheinlich, sagen sie, hat Trotzki eine Art Verschwörung betrieben, aber Stalin hat sie kolossal übertrieben.

Ich schlage vor, den Leser zu bitten, diese Frage für sich selbst nicht nach der subjektiven oder psychologischen Methode oder durch moralische Spekulation zu erörtern, sondern auf der Ebene der objektiven Analyse historischer Faktoren. Dies ist die zuverlässigere Methode. Die Frage der persönlichen Psychologie behält noch ihre Bedeutung, aber das Individuum hört damit auf, Herr des Schicksals der Nation zu sein oder zu scheinen. Er wird selbst zu einem Produkt bestimmter historischer Bedingungen, zum Agenten gewisser sozialer Kräfte.

Es ist notwendig, das Programm der mächtigsten Persönlichkeit, einschließlich des Programms, das zu seinen „Schauprozessen" geführt hat, im Lichte der historischen Kräfte, die sie vertritt, zu untersuchen.

Stalin gehört zweifellos zur Kategorie der alten Revolutionäre. Er ist seit der Revolution von 1905 Mitglied der Bolschewistischen Partei. Aber man kann nicht alle Bolschewiki in ein und demselben Licht darstellen. Stalin stellt den Typus dar, der dem Lenins oder, um die Größe an etwas Vergleichbarerem zu messen, Sinowjews und Kamenews, die lange im Exil unter der direkten Führung Lenins gearbeitet haben, genau entgegengesetzt ist. Stalin ging nur unregelmäßig im Zusammenhang mit Parteiangelegenheiten ins Ausland. Er beherrscht keine einzige Fremdsprache. Auf der theoretischen Ebene besitzt er alle Eigenschaften eines Autodidakten. Bei jedem Schritt stößt man auf gähnende Wissenslücken. Zur gleichen Zeit gehört ihm ein stark praktischer Verstand, sowohl vorsichtig als auch misstrauisch.

Zweifellos ist sein Charakter seinem Verstand überlegen. Er ist ein Mann von unbestreitbarem persönlichem Mut11, der keinerlei besondere Talente, Gedankenflug, kreative Vorstellungskraft, rednerische oder literarische Fähigkeiten besitzt. Sein Ehrgeiz war immer von Argwohn und Rachsucht geprägt. Alle diese Eigenschaften, sowohl positive als auch negative, blieben für viele Jahre in ihm verschlossen, unausgesprochen und deshalb umso aufgestauter.

Stalin erweckte den Eindruck, eine herausragende Mittelmäßigkeit zu sein, aber nicht mehr. Nur durch eigentümliche geschichtliche Umstände wurden seinen zugrundeliegenden Charakterzüge die Möglichkeit gegeben, außerordentlich zu erblühen. Das Jahr 1917 fand Stalin im politischen Sinne „durch und durch provinziell". Er wagte nicht einmal, über die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Reorganisation der Gesellschaft nachzudenken. Sein Programm war von Anfang bis Ende die Bildung einer bürgerlichen Republik.

Nach der Februarrevolution befürwortete er die Einheit mit den Menschewiki und unterstützte die erste Provisorische Regierung, deren Präsident Fürst Lwow war12. Lenins sozialistisches Programm hat Stalin überrumpelt. Er spielte in den großen Massenbewegungen der ersten Jahre überhaupt keine Rolle, sondern beugte sich vor Lenin, trat in die Düsternis, zog sich in die Redaktion der Prawda zurück und schrieb13 Artikel.

Lenin schätzte Stalin für seine Robustheit, Charakterstärke und Vorsicht. In Bezug auf Stalins theoretische Vorbereitung und die Grenzen seines politischen Horizontes machte sich Lenin keine Illusionen. Gleichzeitig hat er den moralischen Charakter dieses „prächtigen Georgiers", wie er ihn 1913 in einem Brief bezeichnete, besser verstanden und zusammengefasst.

Lenin vertraute Stalin nicht, als Sinowjew ihn im Jahre 1921 für das Amt des Generalsekretärs empfahl, gab Lenin folgende Warnung: „Ich rate nicht zu. Dieser Koch wird nur gepfefferte Speisen

zubereiten."

In seinem Testament vom Januar 192314 drängte Lenin die Partei eindringlich, Stalin vom Posten des Generalsekretärs zu entfernen, und bezog sich dabei auf seine Grobheit, seine Illoyalität, seine Neigung zum Machtmissbrauch.15 Halten wir diese Eigenschaften im Verlauf der Diskussionen über die Probleme der Kommunistischen Internationale fest.

Zu Lenins Lebzeiten war von Stalin nie etwas zu hören. Wie schon früher in der Frage einer sozialistischen Revolution in Russland und später in der Frage der internationalen Revolution blieb er immer ein Skeptiker und Ungläubiger.

Die Beschränkungen in seinem historischen Blick und seine konservativen sozialen Instinkte, die er von seinem kleinbürgerlichen georgischen Kreis übernommen hatte, gaben ihm ein extremes Misstrauen gegenüber den Massen ein. Auf der anderen Seite legte er großen Wert auf die Operationen der Komitee„kader". In diesem Tätigkeitsbereich stand er in vollkommener Übereinstimmung mit seinen Qualifikationen als heimlicher Verschwörer.

In der ersten Periode der Revolution – also bis 1923, als die Teilnahme und die Initiative der Massen noch eine entscheidende Rolle spielten – blieb Stalin als Nebenfigur im Hintergrund.

Sein Name sagte niemandem etwas. Die Massen kannten ihn überhaupt nicht. Er war nur eine Quasi-Autorität für jene Parteibürokraten, die von ihm abhängig wurden. Aber je mehr die Massen unter die Peitsche der historischen Notwendigkeiten gerieten, je weniger zuversichtlich sie wurden, je mehr sie müde wurden, desto mehr konnte sich der bürokratische Apparat aufrichten.

Unterdessen hatte die Bürokratie ihren internationalen16 Charakter völlig verändert. Die Revolution beinhaltet im Kern den Gebrauch von Gewalt durch die Massen. Aber die Bürokratie, die dank der Revolution an die Macht gekommen war, entschied, dass Gewalt der wichtigste Faktor in der Geschichte sei. Bereits 1923-24 habe ich mich gegen diesen verbreiteten Aphorismus im Kreml ausgesprochen, der lautete: „Wenn politische Regime in der Vergangenheit fielen, dann nur deshalb, weil die Führer sich nicht dafür entschieden hatten, die notwendige Gewalt anzuwenden.“ Gleichzeitig kam die Bürokratie immer mehr zu der Überzeugung, dass die Massen, nachdem sie sie an die Macht gebracht hatten, ihren Auftrag erfüllt hätten. Die marxistische Geschichtsphilosophie wurde in eine Art Polizeiphilosophie umgewandelt.

Den vollständigsten und konsequentesten Ausdruck der neuen Tendenzen der Bürokratie gab ein Mann, Stalin. Seine geheimen Impulse, sein eigenwilliger Charakter, hatten endlich eine bequeme Anwendung gefunden. Im Laufe einiger Jahre wurde Stalin im vollen und vollständigen Sinn des Wortes „Zar" der neuen Bürokratie, der Kaste des raffgierigen Emporkömmlings.

Mussolini, Pilsudski, Hitler, jeder war auf seine Weise der Initiator einer Massenbewegung, wenn auch einer reaktionären. Alle von ihnen sind zusammen mit dieser Bewegung zur Macht aufgestiegen; aber Stalin war in diesem Sinne niemals der Initiator und konnte es nach den Umrissen seines Charakters nicht sein. Er war der skrupellose Verschwörer, der Mann, der immer im Schatten arbeitete.17

Als sich die Bürokratie an die Spitze der Revolution in einem isolierten, rückständigen Land stellte, stellte sie Stalin fast automatisch auf ihre Schultern – Stalin, der in völliger Übereinstimmung mit ihrer brutalen Polizeiphilosophie stand und besser ausgerüstet – das heißt gnadenloser – war als alle anderen, um die Macht und Privilegien der Bürokratie zu verteidigen.

„Sozialismus", „Proletariat", „Volk", „internationale Revolution" sind heute nur Pseudonyme für die bürokratische Kaste. Je akuter ihr inneres Unbehagen ist, desto öfter macht sie Gebrauch davon. Ihre gesamte Verkörperung18 in der postrevolutionären Gesellschaft beruht auf Täuschungen, Fälschungen, Lügen. Sie kann nicht die geringste Opposition zulassen, weil sie ihre habgierige Politik nicht durch ein einziges überzeugendes Argument verteidigen kann. Sie ist gezwungen, jede Kritik, die gegen ihren Despotismus und ihre Privilegien gerichtet ist, bei der Geburt zu erdrosseln, um zu erklären, dass jede Meinungsverschiedenheit Verrat und Treulosigkeit ist. Zu Beginn bestanden diese Angriffe auf die Oppositionellen aus journalistischen Verleumdungen, Verfälschungen von Zitaten und Statistiken. Die Bürokratie verbarg damit ihre Einnahmen. Aber je mehr sich die neue Kaste über die sowjetische Gesellschaft erhob, desto notwendiger wurde es, stärkere Mittel einzusetzen, um Gegner zu zerschlagen und die Massen einzuschüchtern.

Genau an diesem Punkt hat Stalin die gefährlichen Eigenschaften, vor denen Lenin gewarnt hatte – Grobheit, Illoyalität, Neigung zum Machtmissbrauch –, vollständig ans Licht gebracht. Der „Koch des Kremls" hatte in der Tat die gepfeffertsten Speisen zubereitet.

Die lebendigen Traditionen der Revolution wogen schwer auf Stalins Bewusstsein und zeigten ihm, dass seine Macht die eines Usurpators war. Die Generation der Revolution, obwohl entwertet und zerquetscht, blieb in seinen Augen eine Bedrohung. Seine Angst vor den Massen war größer als alles andere und er mobilisierte den gesamten bürokratischen Apparat, um sie in Schach zu halten. Aber diese Bürokratie selbst hat nie die notwendige Homogenität erreicht. Alte Traditionen und neu erwachte soziale Befürchtungen haben Reibung und Kritik sogar innerhalb der engen Reihen der Bürokratie erzeugt. 19Und aus diesem Grund wurde es notwendig, „Säuberungen" zu unternehmen.

Die journalistische Verfolgung der Opposition musste juristischen Theaterproduktionen Platz machen – Schauprozesse mit Zeugen, Richtern und Angeklagten. Und da die alten Bolschewiki die gefährlichsten waren, muss die GPU diese alten Bolschewiken abwerten, indem sie sie als Spione und Verräter überführte.

Die Methode der GPU ist die Methode einer modernisierten Inquisition – vollständige Isolation, Verhaftung von Verwandten, von Kindern, von Freunden, die Exekution von „einigen" der Angeklagten während der Vorbereitung des Falles (Karachan, Jenukidse und viele andere), die Androhung der Hinrichtung von Verwandten und der einheitliche Lärm der totalitären Presse. All dies ist ausreichend, um die Nerven zu zerstören und den Willen der Gefangenen zu zerstören. Ohne Brandeisen oder kochendes Wasser zu verwenden ist dies alles, was notwendig ist, und man erhält „freiwillige Geständnisse".

Bis vor kurzem war Stalin absolut von der Allmacht dieses Systems überzeugt. Es ist jedoch zweifelhaft, ob er diese Überzeugung noch aufrechterhält. Jeder Prozess hat eine wachsende Unzufriedenheit ausgelöst, nicht nur unter den Massen, sondern auch unter den Bürokraten. Um diese Unzufriedenheit zu überwinden, musste ein neuer Prozess vorbereitet werden. Hinter diesem teuflischen Spiel können wir den immer noch komprimierten, aber immer wachsenden Druck einer neuen Gesellschaft wahrnehmen, die freiere kulturelle Bedingungen und eine würdevollere Existenz einfordert.

Der Kampf zwischen der Bürokratie und der Gesellschaft wird immer intensiver. In diesem Kampf wird der Sieg unvermeidlich an das Volk gehen. Die Moskauer Prozesse sind nur Episoden der Todesqualen der Bürokratie. Stalins Regime wird von der Geschichte hinweggefegt werden.

1Dieser Satz fehlt in der englischen Übersetzung.

2Die Klammer fehlt in der englischen Übersetzung.

3 In der französischen Übersetzung durch „Offenheit, Freundlichkeit, Menschlichkeit und pädagogischen Sinn“

4 In der französischen Übersetzung heißt es weiter: „Einer Meldung teilt mit, dass Krestinski, nervös und ungestüm, bei der ersten Vernehmung durch das Gericht alle Aussagen bestritten habe, die er auf Befehl gemacht hatte. Ob er mit seinem Beispiel andere anstecken, oder nach diesem kurzen Ausbruch des Mutes in Niedergeschlagenheit zurückfallen wird, werden wir in den kommenden Tagen wissen.“

5 In der französischen Übersetzung: „wichtige“

6Nach der französischen Übersetzung, die englische wirkt hier etwas verstümmelt

7Die folgenden Zeilen nach der französischen Übersetzung, die englische wirkt hier ebenfalls etwas verstümmelt.

8 In der französischen Übersetzung ergänzt: „und meine Freunde“

9 In der französischen Übersetzung: „harassé“ („erschöpft“, „ausgelaugt“)

10 In der französischen Übersetzung: „vergifteten mir zum Vergnügen ihre Patienten“

11 In der französischen Übersetzung ergänzt: „und Selbstkontrolle“

12 In der französischen Übersetzung statt „war“: „, deren Außenminister der Liberale Professor Miljukow und deren Kriegsminister der Industrielle Gutschkow waren. All das steht in Hunderten Artikeln und Protokollen geschrieben.“

13 In der französischen Übersetzung ergänzt „ternes“ („farblose“)

14 In der französischen Übersetzung irrtümlich „1924“

15 Diese drei Hervorhebungen nach der französischen Übersetzung

16 In der französischen Übersetzung: „inneren“

17 In der französischen Übersetzung: „Er wartete und konspirierte im Schatten.“

18 In der französischen Übersetzung: „Verwurzelung“

19 In der französischen Übersetzung lauten der Satz und der folgende Absatz: „Dies macht ständige ,Säuberungen' notwendig. Da es unmöglich ist, den Massen zu sagen, dass die Verhaftungen, Verbannungen und Hinrichtungen gegen Menschen gerichtet sind, die die Verminderung der Privilegien der Bürokratie und eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Massen fordern, wurde die journalistische Verleumdung und Verfolgung der Opposition nach und nach durch gefälschte Anklagen ersetzt. Ein totalitäres Regime, in dem Zeugen, Richter, Angeklagte und die Presse in der Hand der Geheimpolizei sind, kann solche juristischen Experimente anstellen – in Berlin wie in Moskau. Aber die für die Kaste der Emporkömmlinge gefährlichsten Elemente sind die Vertreter der revolutionären Generation, auch wenn sie ihre Treue zum alten Banner nur teilweise bewiesen haben, so musste die GPU beweisen, dass diese alten Bolschewiki Spione und Verräter waren.

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