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Leo Trotzki 19380303 Geheimes Bündnis mit Deutschland

Leo Trotzki: Geheimes Bündnis mit Deutschland

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit den englischen und französischen Übersetzungen]

Als der junge Sowjetdiplomat Butenko aus Rumänien nach Italien floh und dort eine halbfaschistische Erklärung abgab, verkündete der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Litwinow der ganzen Welt sofort, dass solche Worte nicht von einem Sowjetdiplomaten, sondern nur von einem Hochstapler aus den Reihen der Weißgardisten stammen könnten. Wenn die Aussage jedoch von Butenko käme, fügte Litwinow hinzu, so zweifle er, der Volkskommissar, keinen Augenblick daran, dass eine solche ungeheuerliche Aussage nur durch Folter habe erpresst werden können.

Lassen Sie uns mit der nötigen Ruhe versuchen, dieses autoritative Urteil als Messlatte an den gegenwärtigen Moskauer Prozess anzulegen.

Diesmal geht es nicht um Butenko, den niemand kennt, sondern um den ehemaligen Regierungschef Rykow, den ehemaligen Chef der Komintern Bucharin, sowjetische Minister und Botschafter, deren Namen untrennbar mit der Geschichte der UdSSR verbunden sind. Sie haben sich nicht einfach in persönlicher Gefahr ins faschistische Italien abgesetzt, sondern traten kollektiv in den Dienst fremder Staaten, um die Sowjetunion zu zerschlagen und den Kapitalismus wiederherzustellen. Wenn Herr Litwinow die halbfaschistische Erklärung eines einzelnen jungen Diplomaten für unwahrscheinlich hält, dürfen wir nicht sagen, dass es tausendmal schwerer zu glauben ist, dass die gesamte ältere Generation der Bolschewistischen Partei zum Faschismus übergelaufen ist. Es stimmt, die Angeklagten bekennen sich schuldig. Aber diese Geständnisse können uns noch weniger überzeugen als Herr Litwinow von Butenkos Erklärung überzeugt war. Wir haben das Recht, mit zehnfacher Kraft die Worte des Moskauer Diplomaten zu wiederholen: „Solche Geständnisse hätten nur durch Folter von den Angeklagten erpresst werden können."

Ein Mensch, sogar ein paar Leute können eine Reihe schrecklicher Verbrechen begehen, wenn diese Verbrechen aus der Sicht der Verbrecher Sinn ergeben. Ein Individuum kann ein sinnloses Verbrechen begehen. Aber was nicht toleriert werden kann ist, dass eine enorme Anzahl von nicht nur geistig normalen, sondern ungewöhnlichen Menschen, eine Reihe von ebenso monströsen wie sinnlosen Verbrechen begangen hat. Eine Besonderheit des gegenwärtigen Prozesses ist, dass er die alten Anschuldigungen verschärft und sie zur vollen und endgültigen Absurdität bringt.

Die Anklage gegen Sinowjew-Kamenew und andere (August 1936) besagte, dass die Verschwörer aus bloßem „Machthunger" zu Terrorakten und sogar zu einem Bündnis mit der Gestapo übergingen. In Radek-Pjatakow Prozess wurde bereits die Anklage laut, die Verschwörer strebten nach Macht, um den Faschismus in der UdSSR zu etablieren. Nehmen wir beide Versionen als wahr an. Die Anklage im gegenwärtigen Prozess behauptet jedoch, dass der Verfasser dieser Zeilen bereits 1921, als er selbst an der Macht war und als Deutschland noch nicht faschistisch war, zu einem Agenten Deutschlands wurde. Hier betreten wir das Feld der Psychopathologie.

1921 haben wir gerade den Bürgerkrieg beendet und siegreich beendet. Die internationale Stellung der Sowjetrepublik war gestärkt. Die Einführung der Neuen Wirtschaftspolitik (NEP) gab der Wirtschaft Auftrieb. Wir hatten das Recht, voller Optimismus in die Zukunft zu schauen. Der Beweis dieses Optimismus ist insbesondere mein Bericht auf dem Dritten Kominternkongress (Juni 1921). Auf der anderen Seite war Deutschland in der Versailler Sackgasse. Seine wirtschaftliche Macht war untergraben, seine militärische Macht existierte fast nicht. Tausende deutsche Offiziere waren zu Landsknechten1 geworden, die den Regierungen aller Peripherieländer ihre Dienste anboten. Selbst wenn ich im Interesse der Vollständigkeit der Analyse zu der Annahme bereit wäre, ich strebte nicht nur nach Macht, sondern nach individueller Macht selbst um den Preis des Verrats und einer geheimen Vereinbarung mit kapitalistischen Regierungen, konnte ich nicht das entwaffnete und gedemütigte Deutschland wählen, das selbst Hilfe brauchte, sie aber anderen nicht geben konnte.

In Moskauer Telegrammen wird mein Name mit dem Namen General von Seeckts in Verbindung gebracht, der damals an der Spitze der Reichswehr stand. Dies gibt einen Anhaltspunkt für eine Hypothese, die, wie ich meine, während des Prozesses indirekt bestätigt werden wird. Es ist bekannt, dass sogar ein Delirium aus Elementen der Realität besteht. Auf der anderen Seite kann eine Lüge nur dann mit Überzeugungskraft auftreten, wenn sie Teilchen von Wahrheit enthält. Wir werden versuchen, auf dieser Grundlage die materielle Basis aufzudecken, auf der der Ankläger seine Konstruktion errichtet hat.

Seit dem Sturz der Hohenzollern hat die [Sowjet-]Regierung ein Verteidigungsbündnis mit Deutschland gesucht – gegen die Entente und den Frieden von Versailles. Die Sozialdemokratie, die damals in Deutschland die erste Geige spielte, fürchtete jedoch eine Allianz mit Moskau und hoffte auf London und vor allem auf Washington. Umgekehrt hielten die Offiziere der Reichswehr trotz ihres politischen Hasses auf den Kommunismus eine diplomatische und militärische Zusammenarbeit mit der Sowjetrepublik für notwendig. Da die Entente-Länder nicht in Eile waren, die Hoffnungen der Sozialdemokratie zu erfüllen, begann die „Moskau"-Orientierung der Reichswehr Einfluss auf die Regierungssphären zu nehmen. Der Höhepunkt dieser Periode war der Abschluss des Rapallovertrages über die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Sowjetrussland und Deutschland (17. April 1922).

Die Militärbehörde, an deren Spitze ich stand, begann 1921, die Rote Armee umzuorganisieren und neu auszurüsten, die vom Kriegszustand zum Friedenszustand überging. Sehr interessiert an der Beschaffung militärischer Ausrüstung, konnten wir damals nur Hilfe aus Deutschland erwarten. Andererseits bemühte sich die durch den Friedensvertrag von Versailles der Entwicklungsmöglichkeiten insbesondere auf dem Feld der schweren Artillerie, der Fliegerei und der Chemie beraubte Reichswehr natürlich, die sowjetische Militärindustrie als Experimentierfeld für militärische Ausrüstung zu benutzen. Eine Reihe deutscher Konzessionen in Sowjetrussland wurde zu einer Zeit eingeweiht, als ich völlig in den Bürgerkrieg verstrickt war. Die wichtigste von ihnen, in Bezug auf ihre Möglichkeiten oder vielmehr die mit ihr verbundenen Hoffnungen, war die Konzession der Junkers Flugzeugwerke. Rund um diese Konzessionen kamen einige deutsche Offiziere. Im Gegenzug besuchten einige Vertreter der Roten Armee Deutschland, wo sie sich mit der Reichswehrorganisation und dem von ihr vorgezeigten Teil der deutschen Militär„geheimnisse" vertraut machten. All diese Arbeit wurde natürlich unter dem Mantel der Geheimhaltung gemacht, da das Damoklesschwert der Verpflichtungen von Versailles über Deutschlands Kopf hing.

Offiziell war die Berliner Regierung an diesem Geschäft nicht beteiligt und wusste nicht einmal davon: Die formelle Verantwortung lag bei der Reichswehr einerseits und der Roten Armee andererseits. Alle Verhandlungen und praktischen Schritte wurden streng geheim durchgeführt. Aber es war ein Geheimnis hauptsächlich gegenüber der französischen Regierung als dem direktesten Feind. Das Geheimnis bestand natürlich nicht lange. Das Agentennetz der Entente, besonders Frankreichs, hat leicht festgestellt, dass es eine Flugzeugfabrik „Junkers" in der Nähe von Moskau und einige anderen Unternehmen gab. In Paris wurde unsere Zusammenarbeit mit Deutschland zweifellos übertrieben. Eine ernsthafte Entwicklung hat sie nicht erhalten, da weder die Deutschen noch wir Kapital hatten. Darüber hinaus war das gegenseitige Misstrauen zu groß. Die halb-freundschaftlichen Beziehungen zur Reichswehr blieben jedoch auch nach 1923 erhalten, als der gegenwärtige Angeklagte Krestinski Botschafter in Berlin wurde.

Auf Moskauer Seite wurde diese Aktion natürlich nicht von mir allein durchgeführt, sondern von der Sowjetregierung als Ganzer, oder vielmehr ihrem führenden Zentrum, dem Politbüro. Stalin war die ganze Zeit Mitglied des Politbüros und, wie alle seine späteren Verhaltensweisen bis 1934 zeigten, als Hitler die von Moskau ausgestreckte Hand zurückwies, war Stalin der hartnäckigste Anhänger der Zusammenarbeit mit der Reichswehr und Deutschland im Allgemeinen.

Die Überwachung der deutschen militärischen Konzessionen wurde durch den jetzigen Angeklagten Rosengolz als Vertreter des Chefs der Militärabteilung durchgeführt. Angesichts der Gefahr, Militärspionage einzuführen, überwachte Dzierżyński, der Chef der GPU, in Zusammenarbeit mit demselben Rosengolz die Konzessionen seinerseits.

Die geheimen Archive der Militärbehörde und der GPU müssen zweifellos Dokumente aufbewahrt haben, in denen über die Zusammenarbeit mit der Reichswehr sehr vorsichtig und geheim gesprochen wird. Mit Ausnahme von Stalin, Molotow, Bucharin, Rykow, Rakowski, Rosengolz, Jagoda und einem Dutzend anderer, mag der Inhalt dieser Dokumente nicht nur dem Staatsanwalt Wyschinski, der zu dieser Zeit im Weißen Lager war2, sondern auch einigen Mitgliedern des derzeitigen Politbüros „geheimnisvoll" erscheinen. Wird der Staatsanwalt einige dieser Dokumente als materielle Beweise auf den Tisch legen, um die Phantasie befreundeter ausländischer Journalisten zu schockieren? Es ist gut möglich, dass unsere Hypothese einer offenen Prüfung unterzogen wird, bevor diese Zeilen den Leser erreichen.

1Im Original „ландскнехтеров“ [landsknechterow]

2Tatsächlich war Wyschinski bereits 1920 ins Sowjetlager umgeschwenkt. [Der Übersetzer]

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