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Leo Trotzki 19380725 Für eine freie revolutionäre Kunst!

Leo Trotzki: Für eine freie revolutionäre Kunst!

[Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, eine deutsche Übersetzung der gemeinsam mit André Breton erstellten Endfassung findet sich hier, eine französische Übersetzung der Endfassung und von André Bretons Input findet sich hier]

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass noch nie zuvor die menschliche Kultur von so vielen Gefahren bedroht war wie heute. Die Vandalen zerstörten mit Hilfe ihrer barbarischen, d.h. sehr dürftigen Mittel die alte Kultur in einer Ecke Europas. Jetzt wird die ganze Weltkultur, vereint durch die Einheit des historischen Schicksals, von den reaktionären Kräften mit der neuesten Technologie angegriffen. Wir beziehen uns nicht nur auf den bevorstehenden Krieg. Schon jetzt, in Friedenszeiten, ist die Stellung von Wissenschaft und Kunst völlig unerträglich geworden.

Natürlich solidarisieren wir uns nicht eine Minute mit der so populären Losung „weder Faschismus noch Kommunismus", die dem Wesen eines konservativen und eingeschüchterten Philisters entspricht, der sich an die Überreste der „demokratischen" Vergangenheit klammert. Echte Kunst, d.h. Kunst, die sich nicht mit Wiederholungen von fertigen Mustern begnügt, sondern dazu neigt, den inneren Bedürfnissen des modernen Menschen und der Menschheit Ausdruck zu verleihen, kann nur revolutionär sein, d.h. muss einfach nach einer vollständigen und radikalen Umstrukturierung der Gesellschaft streben, um die geistige Kreativität aus den Ketten zu befreien und die gesamte Menschheit zu den Höhen aufsteigen zu lassen, die in der Vergangenheit nur einsame Genies erreicht haben. Gleichzeitig erkennen wir, dass nur die soziale Revolution den Weg zu einer neuen Kultur ebnen kann. Wenn wir dennoch jede Art von Solidarität mit der jetzt in der UdSSR herrschenden Schicht ablehnen, dann gerade deshalb, weil sie in unseren Augen keine Vertreterin des Kommunismus, sondern seine verräterische und gefährlichste Feindin ist.

Wir billigen natürlich dem revolutionären Staat das Recht zu, sich gegen die fortschreitende bürgerliche Reaktion auch dann zu verteidigen, wenn sie sich mit dem Banner der Wissenschaft oder Kunst deckt. Aber zwischen diesen erzwungenen und zeitweiligen Maßnahmen der revolutionären Selbstverteidigung und dem Anspruch, die intellektuelle Kreativität der Gesellschaft zu beherrschen, liegt ein Abgrund. Wenn die Revolution für die Entwicklung materieller Produktivkräfte gezwungen ist, ein sozialistisches Regime eines zentralisierten Plans zu errichten, dann muss sie für die intellektuelle Kreativität von Anfang an ein anarchisches Regime der individuellen Freiheit errichten und bereitstellen. Keinerlei Macht, keinerlei Zwang, nicht die kleinste Spur von Kommando! Einzelne Vereinigungen von Wissenschaftlern und Kollektive von Künstlern, die an der Verwirklichung bisher unbekannter grandioser Aufgaben arbeiten, können nur auf der Basis einer freien schöpferischen Gemeinschaft, ohne den geringsten Zwang von außen entstehen und fruchtbare Arbeit entwickeln.

Aus allem, was gesagt wurde, folgt eindeutig, dass wir bei der Verteidigung der Freiheit der Kreativität keineswegs politische Gleichgültigkeit predigen und weit davon entfernt sind, die so genannte „reine" Kunst wiederzubeleben, die in der Regel dem schmutzigen Zweck der Reaktion dient. Nein, wir sind zu sehr von der Funktion der Kunst überzeugt, um ihr den Einfluss auf die Gesellschaft zu verwehren. Als höchste Aufgabe der Kunst in unserer Zeit betrachten wir ihre bewusste und aktive Teilnahme an der Vorbereitung der Revolution. Dem Befreiungskampf kann ein Künstler jedoch nur dann dienen, wenn er subjektiv von seinem sozialen und individuellen Inhalt durchdrungen ist, wenn er dessen Bedeutung und Pathos in seine Nerven aufgenommen hat und frei nach seiner innerweltlichen künstlerischen Verkörperung sucht.

Der Zweck dieses Aufrufs ist es, einen Weg für die Vereinigung revolutionärer Arbeiter der Kunst zu finden, um mit den Methoden der Kunst für die Revolution zu kämpfen und die Kunst selbst vor den Usurpatoren der Revolution zu schützen. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass eine Vereinigung auf dieser Basis für Vertreter der unterschiedlichsten ästhetischen, philosophischen und politischen Schulen möglich ist. Die Marxisten können mit den Anarchisten Hand in Hand gehen, vorausgesetzt, beide brechen unversöhnlich mit der reaktionären Polizei, ob sie von Joseph Stalin oder seinen Vasallen García Oliver vertreten ist.

Viele tausend einsame Denker und Künstler, deren Stimme von dem scheußlichen Lärm militarisierter Fälscher übertönt wird, sind über die ganze Welt verstreut. Hunderte von kleinen lokalen Magazinen versuchen, junge Kräfte um sich zu gruppieren, die nach neuen Wegen und nicht nach Subventionen suchen. Jede progressive Tendenz in der Kunst wird vom Faschismus als Entartung gebrandmarkt. Jede freie Kreativität erklären die Stalinisten für Faschismus. Unabhängige revolutionäre Kunst muss sich zusammenschließen, um die reaktionäre Hetzjagd zu bekämpfen und ihr Existenzrecht öffentlich zu verkünden. Das ist das Ziel einer Internationalen Föderation Unabhängiger Revolutionärer Kunst, die wir für notwendig halten.

Wir werden niemandem die einzelnen Gedanken dieses Aufrufs aufzwingen, den wir selbst nur als ersten Schritt auf einem neuen Weg betrachten. Alle Künstler, alle seine Freunde und Verteidiger, die den Hauptzweck dieses Aufrufs anerkennen, bitten wir, sofort zu antworten. Wir appellieren mit dem gleichen Appell an alle bestehenden unabhängigen linken Publikationen, die bereit sind, sich an der Gründung der Internationalen Föderation und an der Diskussion ihrer Aufgaben und Aktionsmethoden zu beteiligen.

Ausgehend vom auf dem Wege des Drucks und der Korrespondenz verbreiteten internationalen Aufruf werden wir zu kleinen Kongressen im regionalem und nationalem Maßstab übergehen. Auf der nächsten Etappe können wir zur Einberufung einen Weltkongress übergehen, der die offiziellen Grundlage für die Internationale Föderation schaffen wird.

Für freie Kunst für die Revolution!

Für die Revolution für die Befreiung der Kunst!

Unterschriften _______________

Kontaktadressen:

25. Juli 1938


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