Leo Trotzki: Folgerungen in der Sache des Todes Leo Sedows Zweite Erklärung Leo Trotzkis vor dem Ermittlungsrichter [eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Bulletin der Opposition (Bolschewiki-Leninisten), Nr. 70, verglichen mit der englischen und französischen Übersetzung] Herr Ermittlungsrichter1! Zusätzlich zu meiner Erklärung vom 19. Juli habe ich die Ehre, folgende Überlegungen anzustellen: 1. Ich habe mich mit kompetenten Ärzten beraten. Keiner von ihnen kann es natürlich wagen, sich aus der Ferne der Experten-Expertise hoch qualifizierter französischer Spezialisten, die die Obduktion vornahmen, entgegenzustellen. Dennoch finden die Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, einstimmig, dass der Krankheitsverlauf und die Todesursachen in den Schlussfolgerungen nicht mit der notwendigen Vollständigkeit geklärt sind, die die außergewöhnlichen Umstände dieses Falles erfordern. 2. Kurz gesagt, die Unvollständigkeit der Untersuchung wird durch das Verhalten des Chirurgen, Herrn Thalheimer, bestätigt. Er weigerte sich, Erklärungen abzugeben und verwies auf „Berufsgeheimnisse". Das Gesetz gibt dem Arzt ein solches Recht. Aber das Gesetz verpflichtet den Arzt nicht dazu, dieses Recht auszuüben. Um sich hinter dem Berufsgeheimnis zu verstecken, sollte es beim Arzt in diesem Fall ein außerordentliches Interesse geben. Was ist das Interesse von Herrn Thalheimer? Der Schutz des Geheimnisses des Patienten oder seiner Angehörigen kommt in diesem Fall nicht in Frage. Es geht also darum, das Geheimnis des Arztes selbst zu wahren. Woraus kann dieses Geheimnis bestehen? Ich habe keinen Grund, Herrn Thalheimer krimineller Aktivitäten zu verdächtigen. Aber es ist ganz offensichtlich, dass, wenn der Tod Sedows natürlich und unvermeidlich aus dem Charakter seiner Krankheit resultiert wäre, der Chirurg nicht das geringste Interesse oder eine psychologische Motivation haben könnte, die notwendigen Erklärungen abzulehnen. Indem er sich hinter dem Berufsgeheimnis versteckt, sagt Herr Thalheimer: Im Krankheitsverlauf und bei den Todesursachen gibt es besondere Umstände, deren Aufklärung ich nicht unterstützen möchte. Keine andere Interpretation des Verhaltens von Herrn Thalheimer kann gegeben werden. Wenn man rein logisch schlussfolgert, kann man nicht umhin festzustellen, dass der Arzt, zu seinem Verweis auf das Berufsgeheimnis unter den gegebenen Umständen in einen der folgenden drei Fälle greifen konnte: a) wenn er daran interessiert war, sein eigenes Verbrechen zu verbergen; b) wenn er daran interessiert war, seine eigene Nachlässigkeit zu verbergen; c) wenn er daran interessiert war, das Verbrechen oder die Nachlässigkeit seiner Kollegen, Mitarbeiter usw. zu verbergen. Das demonstrative Schweigen von Herrn Thalheimer an sich deutet bereits auf das Programm der Untersuchung hin: Es ist um jeden Preis notwendig, die Umstände aufzudecken, die den Chirurgen veranlasst haben, sich in das Berufsgeheimnis zu hüllen. 3. Unklar, unzureichend und teilweise widersprüchlich erscheinen die Angaben des Klinikinhabers Dr. Simkov. Wusste er oder wusste er nicht, wer sein Patient war? Diese Frage wird nicht vollständig offengelegt. Sedow wurde unter dem Namen „Martin2, französischer Ingenieur" in die Klinik aufgenommen. Indessen sprach Dr. Simkov mit Sedow in der Klinik auf Russisch. Doch es war infolge dessen, dass die Krankenschwester Eismont nach ihren Worten erkannte, dass Martin russisch oder russischsprachig war. Die Aufnahme Sedows unter einem fremden Namen wurde, wie selbst die Ermittlungsdokumente anmerken, aus Sicherheitsgründen gemacht. Wusste Dr. Simkov von diesen Zielen? Und wenn er es wusste, warum sprach er den Patienten in Anwesenheit der Krankenschwester Eismont auf Russisch an? Wenn er es fahrlässig getan hat, hat er dann auch in anderen Fällen die gleiche Fahrlässigkeit gezeigt? 4. Dr. Girmounsky3, der Direktor der Klinik, wurde nach Angaben der Polizei als „sympathisierend mit den Bolschewiki" angesehen. Das ist in unserer Zeit eine sehr bestimmte Charakteristik. Es bedeutet: ein Freund der Kreml-Bürokratie und ihrer Agenten. Girmounsky sagte, dass er erst am Vorabend von dessen Tod von Frau Molinier von der wahren Identität des Patienten erfuhr. Wenn man diese Worte als wahr annimmt, muss man schließen, dass Herr Simkov, der Girmounsky von der Ankunft des Patienten telefonisch benachrichtige, die wahre Identität des „französischen Ingenieurs Martin" vor seinem engsten Mitarbeiter verbarg. Ist das wahrscheinlich? Vor Schwester Eismont sprach Simkov, wie gesagt, mit dem Patienten auf Russisch. Girmounsky kann Russisch. Oder hatte Simkov besondere Gründe, sich vor Girmounsky zu hüten? Welche? 5. „Mit den Bolschewiki sympathisieren" ist eine sehr bestimmtes Charakteristikum. Die Untersuchung endet hier offensichtlich auf halbem Wege. Unter den Bedingungen der russischen Emigration bleibt diese „Sympathie" in unseren Tagen nicht platonisch. Der „Sympathisant" nimmt gewöhnlich eine feindselige Haltung gegenüber der weißen Emigration ein. Aus welcher Reihe nimmt Herr Girmounsky seine Klienten? Hat er Umgang mit den Kreisen der sowjetischen Botschaft, der Handelsmission und so weiter? Wenn ja, dann gehören zum Kreis seiner Klienten zweifellos die verantwortlichsten Agenten der GPU. 6. Über die politischen Sympathien des Klinikinhabers, Herrn Simkov, sagen die Dokumente aus irgendeinem Grund nichts aus. Das ist eine ernste Lücke. Simkovs enge Zusammenarbeit mit Girmounsky lässt vermuten, dass Herr Simkov den sowjetischen Kreisen nicht feindlich gesinnt ist und möglicherweise Verbindungen in diese Kreise hat. Welche? 7. Dr. Simkov ist Mitarbeiter der medizinischen Zeitschrift „L'Œuvre chirurgicale franco-russe". Was ist der Charakter dieser Publikation: Ist er die Sache eines Blocks von französischen Ärzten und der sowjetischen Regierung, oder umgekehrt, treten im Namen der russischen Medizin weiße Emigranten auf? Diese Frage wurde nicht beantwortet. Indessen wissen nicht nur die Polizei, sondern auch die Kleinkinder, dass die GPU unter dem Deckmantel aller Arten von medizinischen, juristischen, literarischen, pazifistischen und anderen Organisationen und Publikationen ihre eigenen befestigten Punkte schafft, die ihr, besonders in Frankreich, zur Straflosigkeit eines Verbrechens dienen. 8. Es ist unmöglich, hier einen der wichtigsten Umstände nicht zu erwähnen, auf den ich Ihre besondere Aufmerksamkeit lenken möchte, Herr Richter. Herr Simkov hatte, wie bekannt, das Unglück, in diesem Jahr zwei Söhne zu verlieren, die einem Einsturz4 zum Opfer fielen. In jener Periode, als das wahre Schicksal der Jungen noch rätselhaft, sagte Herr Simkov in einem Interview mit der französischen Presse, wenn seine Söhne entführt worden5 seien, könne dies nur von „Trotzkisten" als Rache für den Tod Sedows getan worden sein. Diese Hypothese erschien mir in jener Zeit als monströs. Ich muss unverblümt sagen, dass eine solche Annahme entweder von einer Person kommen konnte, deren Gewissen nicht ganz ruhig6 war, oder einer Person, die in politischen Kreisen verkehrt, die mir und Sedow tödlich feindlich gesinnt sind, wo die Agenten der GPU den Gedanken eines unglücklichen Vaters direkt zu einer fantastischen und empörenden Annahme drängen konnten. Aber wenn Herr Simkov freundschaftliche Beziehungen zu jenen Kreisen hat, die sich systematisch mit der physischen Vernichtung der „Trotzkisten" beschäftigen, dann ist es nicht schwer zuzugeben, dass diese freundschaftlichen Beziehungen auch ohne das Wissen von Herrn Simkov für Verbrechen gegen Sedow benutzt worden sein könnten. 9. Im Hinblick auf das Klinikpersonal, beginnend mit Herrn Girmounsky, wiederholt die polizeiliche Untersuchung immer wieder die Formel der „Nichtteilnahme" dieser Personen an aktiven politischen Aktivitäten, anscheinend in der Meinung, dass dieser Umstand von der Notwendigkeit weiterer Untersuchungen befreie. Diese Ansicht ist offensichtlich falsch. Die Sache geht nicht um offenes politisches Handeln, sondern um die Erfüllung der geheimsten und kriminellsten Aufgaben der GPU. Agenten dieser Art, wie militärische Spione, können sich natürlich nicht durch die Teilnahme an Agitation usw. kompromittieren; im Gegenteil, im Interesse der Verschwörung führen sie eine sehr friedliche Lebensweise. Die eintönigen Verweise auf die „Nichtteilnahme" aller Befragten an einem aktiven politischen Kampf bezeugte extreme Naivität der Polizei, wenn sie nicht das Bestreben verstecken würden, eine ernsthafte Untersuchung zu vermeiden. 10. Indessen, Herr Richter, ist ohne eine sehr ernste, intensive und mutige Untersuchung eine Aufdeckung der Verbrechen der GPU unmöglich. Um eine ungefähre Vorstellung von den Methoden und der Wesensart dieser Institution zu geben, muss ich hier aus der offiziösen sowjetischen Zeitschrift „Oktober" vom 3. März dieses Jahres zitieren. Der Artikel ist dem Schauprozess gewidmet, nach dem der ehemalige Leiter der GPU, Jagoda, erschossen wurde. „Wenn er in seinem Büro blieb," sagt die sowjetische Zeitschrift über Jagoda, „allein oder mit dem Knecht Bulanow, warf er sein Maske ab. Er ging in die dunkelste Ecke dieses Raumes und öffnete seinen geheimsten Schrank. Gifte. Und er sah sie an. Dieses Tier in Menschengestalt weidete sich an den Fläschchen im Licht, verteilte sie unter seinen zukünftigen Opfern.“ Jagoda ist die Person, die die Deportation von mir, meiner Frau und unserem Sohn ins Ausland organisiert hat; Bulanow, der im Zitat erwähnt wird, hat uns als Vertreter der Behörden von Zentralasien in die Türkei begleitet. Ich gehe nicht auf die Diskussion ein, ob Jagoda und Bulanow wirklich für die Verbrechen verantwortlich waren, deren sie zu beschuldigen man offiziell als notwendig erachtete. Ich brachte das Zitat nur, um in den Worten einer offiziösen Publikation das Klima, die Atmosphäre und die Methoden der Tätigkeit der Geheimagenten Stalins zu charakterisieren. Der derzeitige Leiter der GPU, Jeschow, Staatsanwalt Wyschinski und ihre ausländischen Mitarbeiter sind natürlich nicht besser als Jagoda und Bulanow. 11. Jagoda brachte eine meiner Töchter zum vorzeitigen Tod, die andere – zum Selbstmord. Er verhaftete meine beiden Schwiegersöhne, die dann spurlos verschwanden. Die GPU arretierte meinen jüngsten Sohn, Sergei, wegen des unglaublichen Vorwurfs der Vergiftung von Arbeitern, woraufhin die arretierte Person verschwand. Die GPU trieb durch ihre Verfolgungen zwei meiner Sekretäre in den Selbstmord: Glasman und Butow, die den Tod einer entehrenden Aussage nach Jagodas Diktat vorzogen. Zwei weitere meiner russischen Sekretäre, Posnanskij und Sermuks, verschwanden spurlos in Sibirien. In Spanien hat die Agentur der GPU meinen ehemaligen Sekretär, einen tschechoslowakischen Staatsbürger, Erwin Wolf, arretiert, der spurlos verschwunden ist. Vor kurzem hat die GPU in Frankreich einen anderen meiner ehemaligen Sekretäre, Rudolf Klement, entführt. Wird ihn die französische Polizei finden? Wird sie nach ihm suchen wollen? Ich erlaube mir, daran zu zweifeln. Die obige Liste der Opfer umfasst nur die Personen, die mir am nächsten stehen. Ich spreche nicht von den Tausenden und Zehntausenden von denen, die in der UdSSR von den Händen der GPU in der Eigenschaft als „Trotzkisten" sterben. 12. In der Reihe der Feinde der GPU und der von ihnen geplanten Opfern nahm Leo Sedow neben mir den ersten Platz ein. Die GPU hat ihn nicht aus den Augen gelassen. Mindestens zwei Jahre lang jagten die GPU-Gangster Sedow in Frankreich wie ein Wild. Diese Tatsachen sind im Zusammenhang mit dem Fall des Mordes an I. Reiss unerschütterlich belegt. Kann man auch nur für eine Minute zugeben, dass der GPU Sedow in der Zeit seines Aufenthalts in der Klinik aus den Augen verloren hat und den außergewöhnlich günstigen Moment verpasst hat? Das anzunehmen haben die Ermittlungsorgane nicht das Recht. 13. Man kann nicht ohne Empörung, Herr Richter, den Bericht der Kriminalpolizei mit den Unterschriften von Hauret und Boilet lesen. Über die Vorbereitung einer Reihe von Anschlägen auf Sedows Leben heißt es in dem Bericht: „Anscheinend bildeten seine politischen Aktivitäten wirklich ein Objekt der genügend engen Beobachtung von Seiten seiner Gegner". Diese eine Phrasen entlarvt die Justizpolizei! Wo sich die Sache darum handelt, in Frankreich den Mord an Sedow vorzubereiten, spricht die französische Polizei von einer „engen Beobachtung" durch anonyme „Gegner" und fügt ein Wort hinzu: „anscheinend". Herr Richter! Die Polizei will die Wahrheit nicht aufdecken, wie sie sie in der Sache des Raubs meines Archivs nicht aufgedeckt hat, wie sie in der Sache des Mordes an I. Reiss nichts aufgedeckt hat, wie sie in der Sache der Entführung von Rudolf Klement nichts aufdecken wird. Die GPU hat in der französischen Polizei und über ihr mächtige Komplizen. Millionen von Tscherwonez7 werden jedes Jahr ausgegeben, um die Straflosigkeit der stalinistischen Mafia in Frankreich zu gewährleisten. Dazu kommen noch die Überlegungen „patriotischer" und „diplomatischer" Ordnung, die von den Mördern bequem genutzt werden, die im Dienste Stalins stehen und in Paris wie bei sich zu Hause tätig sind. Deshalb trug und trägt die Untersuchung in der Sache des Todes Sedows fiktiven Charakter. L. Trotzki. Coyoacán, 24. August 1938 1In der englischen und französischen Übersetzung: „Herr Richter“ 2In der englischen Übersetzung: „Marten“ 3In der englischen Übersetzung: „Jirmunsky“ 4In der englischen Übersetzung: „Erdrutsch“ 5In der französischen Übersetzung: „Opfer eines Attentats“ 6In der englischen Übersetzung: „rein“ 7In der französischen Übersetzung: „Goldrubel“ |
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