Leo Trotzki: Eine erzwungene Erklärung [auch unter dem Titel „Новая нападка на право убежища“ (Ein neuer Anschlag auf das Asylrecht) erschienen, eigene Übersetzung nach Архив Л. Д. Троцкого. Том 9, S. 37-40, verglichen mit der französischen und englischen Übersetzung] Herr Lombardo Toledano und seine Clique unternahmen nach langer und gründlicher Vorbereitung den Versuch, die öffentliche Meinung dieses Landes zu täuschen. Die „Materialien“, mit denen sie auf dem Februarkongress des Gewerkschaftsbundes (CTM) operierten, stellen nichts Neues dar: Das sind Jagoda-Jeschow-Wyschinski-Materialien. Es sind Materialien Stalins. Aufgrund dieser Daten wurden Tausende von Menschen erschossen, die nur dessen schuldig waren, dass sie die Diktatur der Kreml-Clique hassen und ihre Anwälte und Lakaien verachten. Die „Materialien", die Herr Lombardo Toledano verwendet, um die mexikanische öffentliche Meinung zu täuschen, erhalten ihre angemessene Bewertung in der Entscheidung der Internationalen Untersuchungskommission in New York. In seiner moralischen Statur, in seiner Vergangenheit, in seinem einwandfreien Ruf, in seiner persönlichen Desinteressiertheit überragt jedes Mitglied dieser Kommission angefangen mit ihrem Präsidenten John Dewey, Lombardo Toledano und seinesgleichen um mehrere Köpfe. Die Kommission wies Punkt für Punkt alle Vorwürfe der Jagoda, Jeschow, Wyschinski, Stalin und ihrer internationalen Lakaien zurück. Der 21. Absatz des Urteils lautet: „Die Kommission stellt fest, dass Staatsanwalt Wyschinski Trotzkis Rolle vor, während und nach dem Oktoberrevolution phantastisch fälschte.“ Es ist diese „fantastische Fälschung", die der Verleumdung von Herrn Toledano und seine Gehilfen zugrunde liegt. Meine tatsächliche Politik ist für alle zugänglich. Sie ist in meinen Büchern und Artikeln dargelegt. In der UdSSR verteidige ich, wie im Oktober 1917, die Interessen und Rechte der Arbeiter und Bauern gegen eine neue unersättliche und tyrannische Aristokratie. In Spanien verteidige ich die Methoden der Bekämpfung des Faschismus, die den Sieg der Sowjets im Bürgerkrieg (1917-1920) gesichert haben, und ich lehne die tödlichen Methoden der Komintern ab, die den Sieg des Faschismus in Deutschland, Österreich und anderen Ländern sicherten und den Sieg von General Franco vorbereiten. Auf der ganzen Welt verteidige ich die unversöhnlichen Methoden des Kampfes gegen den Imperialismus, die Lenin, Rosa Luxemburg und Liebknecht, meine alten Kampfgefährten und Freunde, anwandten, und ich lehne die Methoden der nun gründlich verdorbenen Komintern ab, die auf allen Vieren vor dem „demokratischen" Imperialismus kriecht und die Interessen der kolonialen und halbkolonialen Völker um der Kastenvorteile der Sowjetbürokratie willen verraten hat. Das sind meine Ansichten. Ich werde sie nicht ändern. Für diese Ansichten trage ich die volle Verantwortung. Nach der Entscheidung der Internationalen Untersuchungskommission in politische oder juristische Auseinandersetzungen mit Herrn Lombardo Toledano zu treten, habe ich keinen Grund. Aber den von ihm betrogenen Leuten werde ich die Wahrheit erklären können. Genau davor haben Toledo und seine Clique Angst. Alle ihre Machenschaften auf dem Kongress verfolgen, wie die Autoren selbst offen enthüllten, ein einziges Ziel: mir den Mund zu stopfen. Sie handeln natürlich nicht von sich aus. Ihr Inspirator sitzt in Moskau. Das Urteil der Internationalen Kommission; die Veröffentlichung der Mitschrift der Untersuchung in Coyoacan; Die Enthüllungen ehemaliger verantwortlicher Agenten des Kreml: Reiss, Barmin, Walter Krivitsky, wie viele andere Fakten des vergangenen Jahres, versetzten der Kreml-Clique einen unheilbaren Schlag. Mein jüngstes Buch, Stalins Verbrechen, wurde bereits in mehreren Sprachen veröffentlicht. Es wird hoffentlich auf Spanisch erscheinen. Auf der ganzen Welt wendet sich die progressive öffentliche Meinung mit großem Abscheu gegen Stalin. Das erklärt das wütende Streben der GPU, mich zum Schweigen zu bringen. Herr Lombardo Toledano und seine Clique irren sich jedoch, wenn sie denken, dass sie den ihnen übertragenen Auftrag ausführen können. Viele Stärkere haben früher versucht, dieses Problem zu lösen, aber ohne Erfolg. Der Zar befahl mir in vier Jahren Gefängnis und zweimal in Sibirien Schweigen.1 Kaiser Wilhelm hat mich in Abwesenheit zu Gefängnis verurteilt, weil ich während des Krieges in der Schweiz nicht schweigen wollte. Die französischen Verbündeten des Zaren vertrieben mich 1916 aus Frankreich wegen desselben Verbrechens. Alfonso XIII. steckte mich in Madrid ins Gefängnis, um mich zum Schweigen zu bringen. Die britischen Imperialisten haben mich zu demselben Zweck in ein kanadische Konzentrationslager gesteckt. Der Advokat Kerenski, der auch für eine gewisse Zeit einen bedeutenden Teil der öffentlichen Meinung täuschen konnte, versuchte mir im Petersburger „Kresty"[-Gefängnis] den Mund zu verschließen. Aber auf den Seiten der Geschichte steht geschrieben, dass ich nicht gelernt habe, auf Befehl zu schweigen. Aber in 40 Jahren des revolutionären Kampfes sah ich in der Arbeiterbewegung viele Karrieristen, die nicht nur schweigen, sondern auch auf Befehl verleumden können. Wenn ich über die Verbrechen der Kreml-Bürokratie gegen die Arbeiter und Bauern, schweigen wollte, würde man mich aufs Schild heben, und die Herren Lombardo Toledanos der ganzen Welt würden vor mir kriechen, so wie sie jetzt vor der Kreml-Clique kriechen. Die norwegischen Sozialdemokraten, Toledanos ältere Brüder im Geiste, fanden nur eine Möglichkeit, mich zum Schweigen über die GPU zu bringen: mich ins Gefängnis zu bringen. Aber an meiner Stelle antwortete mein Sohn in einem Buch, derselbe, den nur der Tod zum Schweigen brachte. Stalin, der mehr versteht als seine Agenten, bezweifelt nicht, dass Toledano nicht in der Lage sein wird, mich durch alte, aufgewärmte Verleumdungen zum Schweigen zu bringen. Deshalb bereitet Stalin andere Maßnahmen vor, die viel effektiver sind. Aber für ihre Unternehmen, über die zur geeigneten Zeit berichtet werden wird, muss Stalin zuerst die öffentliche Meinung vergiften. Für diese Arbeit braucht er Lombardo Toledano. Vor ein paar Monaten behauptete dieser Herr bei einem öffentlichen Treffen, dass ich im Interesse des Faschismus einen Generalstreik gegen die mexikanische Regierung vorbereite. Seinerseits behauptete Herr Laborde – teils Toledanos Helfer, teils sein Meister – später bei einer öffentlichen Kundgebung, dass ich mich mit „faschistischen Generälen" verschwöre. Die Antwort auf diese „Vorwürfe" war ein allgemein verächtliches Lachen. Aber diesen Herren kann es nicht peinlich sein. Sie ließen einige Vorwürfe fallen, um sofort andere zu bringen. Verleumde, verleumde, sagen die Franzosen, etwas bleibt immer hängen! Die Herren Verleumder bauen ihr Spiel weiter auf, indem sie mich beschuldigen, meine Verpflichtung zur Nichteinmischung in Mexikos „Innenpolitik" verletzt zu haben. Den Import der schändlichsten Verleumdungen aus Moskau und ihre Übersetzung ins Spanische identifizieren sie mit der Innenpolitik Mexikos. Ich erkläre: Niemand hat jemals von mir verlangt, und ich habe nie versprochen, darauf zu verzichten, meine politische Ehre vor Verleumdern und meinen Ideen vor Gegnern zu schützen. Ich habe der Regierung des Generals Cárdenas versprochen, mich nicht in die Innenpolitik nach dem allgemeinen menschlichen Verständnis dieses Wortes „Politik" einzumischen. Dieses Versprechen wird mit absoluter Ehrlichkeit ausgeführt. Aber wenn jemand in den Straßen dieser Hauptstadt eine Hand in meine Tasche steckte, um meine Dokumente und Briefe zu stehlen, dann halte ich mich für berechtigt, die kriminelle Hand festzuhalten. Und der Besitzer der Hand weine danach nicht, dass ich mich in die „Innenpolitik" Mexikos einmische. Lombardo Toledano versucht, etwas mehr zu stehlen: meine politische Ehre und fordert gleichzeitig – oh Demokrat, oh Revolutionär! – gewaltsam zu verhindern, dass ich seine Handlungen und ihn mit den Namen bezeichne, die sie verdienen. Ich habe nie das politische Programm und die öffentlichen Funktionen von Herrn Toledano berührt, auch nicht seine Verweise auf Lenin, die in den Bereich des unfreiwilligen Humors gehören. Selbst jetzt lasse ich die Frage beiseite, mit welchen Machinationen Toledano dem Gewerkschaftskongress eine Entscheidung zu einer Frage unterschob, zu der die Mehrheit der Delegierten keine Vorstellung hatte. Aber es ist ziemlich offensichtlich, dass wenn Toledano mit Hilfe von falschen Materialien gegen mich, eine Privatperson, einen politisches Verbannten, der nichts mit den Gewerkschaften Mexikos zu tun hat, einen ganzen Kongress zu einem einzigen Zweck mobilisiert: mich zum Schweigen zu bringen oder mir das Asylrecht zu nehmen, dann handelt er, Herr Toledano, nicht als Vertreter der mexikanischen Innenpolitik, sondern als Agent der Außenpolitik der GPU. Möge er für diese unergiebige Funktion die Verantwortung übernehmen! ★ Leser dieser Zeilen werden ohne Schwierigkeit verstehen, dass weder meine persönlichen Lebensumstände noch der allgemeine Charakter meiner Arbeit mich veranlassen, mich mit Herrn Toledano zu beschäftigen. Aber in diesem Fall geht es um etwas ganz anderes, nämlich die öffentliche Meinung des Landes, das mir und meiner Frau Gastfreundschaft gegeben hat und das ich im vergangenen Jahr zu schätzen und zu lieben lernte. Deshalb und nur deshalb bin ich gezwungen, mit dieser Erklärung auf die breit vorbereitete Verleumdung der mexikanischen Agenten Stalins zu antworten. L. Trotzki 24. Februar 1938 Coyoacán 1 Die französische Übersetzung interpretiert die vier Jahre als Summe von zwei Jahren Gefängnishaft und der zwei Verbannungen nach Sibirien („Le tsar a entrepris de m’apprendre à garder le silence pendant quatre années, me gardant deux ans en prison et m’envoyant à deux reprises en Sibérie.“) |
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