Leo Trotzki‎ > ‎1938‎ > ‎

Leo Trotzki 19380317 Eine Antwort an Botschafter Bilmanis

Leo Trotzki: Eine Antwort an Botschafter Bilmanis

17. März 1938

[eigene Übersetzung nach Writings of Leon Trotsky 1937-1938, New York 1970, S. 272-274, verglichen mit der französischen Übersetzung]

An den Herausgeber der New York Times:

In einem Brief an die New York Times vom 12. März 1938 wies der lettische Gesandte in Washington, Alfred Bilmanis, „kategorisch" meine Aussage zurück, nach offiziellen sowjetischen Quellen habe der lettische Konsul, Bisenieks, Nikolajew, dem wirklichen Mörder von Kirow, 5.000 Rubel für seine Terrorakte gegeben und von ihm „einen Brief für Trotzki" erbeten (In der New York Times vom 8. März wurde „von Trotzki" geschrieben, aber das ist offensichtlich ein Fehler in dem Bericht, der obendrein aus dem Blickwinkel, der uns jetzt interessiert, keine Bedeutung hat.)

Der lettische Minister erklärt das: (1) er selbst während des Prozesses Nikolajews lettischer Gesandter in Moskau war und folglich Informationen aus erster Hand besitzen sollte; (2) „in Bezug auf Herrn Bissenieks ist nichts dergleichen in der sowjetischen Presse erschienen"; (3) diese Tatsache (die Nichtveröffentlichung in der Presse) wurde mir auch „gestern" (d. h. am 9. März) von der sowjetischen Botschaft in Washington bestätigt; schließlich (4) „ist Herr Bissenieks, ehemals lettischer Konsul in Leningrad, eine sehr ehrenwerte Person, die nie etwas mit dem Fall Nikolajew zu tun hatte."

Der „kategorische" Charakter dieses Dementi kann einen sich vorzustellen lassen, dass ich diese ganze Episode erfunden habe. Ich habe jedoch nichts erfunden. Der lettische Gesandte hat in seinem Dementi bedauerliche Unvorsichtigkeit bezüglich der Tatsachen gezeigt.

Die Anklage in der Nikolajewaffäre wurde in Prawda vom 27. Dezember 1934 veröffentlicht. In diesem offiziellen Dokument wird es berichtet, dass Nikolajew „viele Male den * * * Konsul in Leningrad * * * besucht hat, mit dem er über möglichen Formen der Hilfe für diese (terroristische) Gruppe konferierte. " Im offiziellen Text wurden die Nationalität und der Name des Konsuls durch Sternchen ersetzt. Späterer hat Nikolajew erklärt, dass „beim dritten oder vierten Besuch im Konsulat" der obengenannte Konsul „mir 5.000 Rubel gegeben hat. Außerdem hat er gesagt, dass er eine Verbindung mit Trotzki herstellen könnte, wenn ich ihm etwas (!) Brief von der Gruppe für Trotzki geben könnte."

Der Hauptartikel der gleichen Ausgabe der Prawda (27. Dezember 1934) erklärt die politische Rolle des Konsuls: Er war die Verbindung zwischen den Terroristen und der „internationalen Bourgeoisie". Die Anklageschrift sagte kein Wort darüber, ob der mir unbekannte Nikolajew dem mir unbekannten Konsul einen Brief für Trotzki gegeben hat oder nicht.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Anklage waren, wie erwähnt, die Staatsangehörigkeit und der Name des Konsuls aus diplomatischen Gründen durch Sternchen ersetzt worden. Aber die Sache hörte hier nicht auf. Die Moskauer Regierung musste innerhalb weniger Tage den Namen des mysteriösen Konsuls veröffentlichen. Um Platz zu sparen, zitiere ich aus Leo Sedows (Paris, 1936) Rotbuch präzise Daten, die in jeder Redaktion leicht verifiziert werden können. Auf den Seiten 35-36 von Sedows Buch steht: „Am 29. Dezember 1934 teilte der französische ,Temps' mit, ,die ausländischen Kreise in Moskau … ergehen sich in Rätseln bezüglich der Nationalität dieses Diplomaten'. Am 30. Dezember teilte eine Telegraphenagentur mit, ,eine Konsularversammlung hat stattgefunden, auf der beschlossen wurde …, von den Sowjetbehörden öffentliche Nennung des Namens des verdächtigten Konsuls zu verlangen'.

Stalin war damals gezwungen, am 2. Januar 1935, den Konsul zu nennen. ,Der in der Anklageschrift zur Kirowmordaffäre erwähnte ausländische Konsul ist der lettische Konsul, Herr Bissinieks', und einen Tag später, am 3. Januar, teilte die TASS mit, der erwähnte Konsul sei ,von seiner Regierung abberufen worden'.“

Die ganze Weltpresse veröffentlichte die offizielle Ankündigung, dass der Konsul, der 5.000 Rubel für die Durchführung des Terroraktes gab und eine Art „Brief für Trotzki" verlangte, der lettische Konsul in Leningrad, Bissenieks, war. In Anbetracht der üblichen Vollständigkeit und Genauigkeit der Informationen in der New York Times bezweifle ich nicht, dass die ganze Episode sowie der Name des Konsuls zu dieser Zeit einen Platz in den Spalten dieses Artikels fanden. Es ist jedoch einfacher, dies in New York als in Coyoacán zu überprüfen. Ausländische Journalisten in Moskau versuchten daraufhin, mit Herrn Bissenieks in Verbindung zu treten, um seine wahre Rolle zu bestimmen. Aber Mr. Bissenieks war nicht zu erreichen. Herr Bissenieks selbst hat, soweit ich weiß, zu keiner Zeit die offizielle sowjetische Ankündigung seiner in der Anklageschrift beschriebenen Rolle zurückgewiesen.

Es ist unmöglich, nicht zu bemerken, dass der Konsul in allen folgenden Prozessen nicht einmal genannt oder erwähnt wurde. Kirow wurde der Reihe nach von verschiedenen „Zentren" ermordet, aber Herr Bissenieks verschwand spurlos aus allen folgenden Versionen. Wenn Herr Alfred Bilmanis zu dieser Zeit ein Mitglied des diplomatischen Korps in Moskau war, musste er einfach an dem Versuch der Diplomaten beteiligt gewesen sein, die Identität des Konsuls festzustellen, der eines schweren Verbrechens beschuldigt wurde. Er musste einfach die Ankündigung des Kommissariats für Auswärtige Angelegenheiten über die Identität des Konsuls sowie die Tass-Mitteilungen kennen. Ich kann nur bedauern, dass sein Gedächtnis ihn jetzt betrogen hat.

Die gegenwärtige Ansage von Herrn Bilmanis, dass Konsul Bissenieks eine „höchst ehrenwerte Person" sei und keine Beziehung zur Angelegenheit Nikolajew hatte, ist, gelinde gesagt, verspätet und ändert nichts Wesentliches bezüglich aller oben erwähnten Tatsachen.

Wurde der Name von Herrn Bissenieks in der sowjetischen Presse erwähnt? Offensichtlich nicht. Aber diese „Unterlassung" erklärt sich aus der Tatsache, dass die Veröffentlichung des Namens des lettischen Konsuls die Version über die Verbindung der Terroristen mit einem ausländischen Imperialismus kompromittiert hätte. Die Leser der sowjetischen Presse vermuteten, es handele sich um einen deutschen oder japanischen Konsul, und der Chef der sowjetischen Presse sah offenbar keinen Grund, diesen Eindruck zu zerstören. Aber dieser Umstand ändert nichts. Das Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten und Tass sind nicht weniger offizielle Organe als die Iswestija.

Während der letzten beiden großen Prozesse in Moskau habe ich der Presse dutzende Tatsachenbehauptungen und Widerlegungen übermittelt. Ich gab Hunderte von diesen an die Internationale Kommission unter der Leitung von Dr. John Dewey (siehe The Case of Leon Trotsky, ein wörtlicher Bericht über die in Coyoacán abgehaltenen Befragungen). Keine meiner Aussagen wurde auch nur teilweise widerlegt. Der erste Versuch einer sachlichen Widerlegung ist der Brief des lettischen Gesandten in Washington. Lassen Sie die öffentliche Meinung beurteilen, in welchem Maße dieser Versuch überzeugt.

Kommentare