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Leo Trotzki 19380422 Die Enteignung des mexikanischen Öls

Leo Trotzki: Die Enteignung des mexikanischen Öls

An den Herausgeber der Zeitung „Daily Herald".

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit den englischen und französischen Übersetzungen]

Gnädiger Herr! Im Wörterbuch aller zivilisierten Nationen gibt es das Wort Zynismus1. Als klassisches Beispiel für nackten Zynismus sollte jetzt in alle Enzyklopädien der Schutz der britischen Regierung für die Interessen einer Clique kapitalistischer Ausbeuter aufgenommen werden. Ich irre mich daher nicht, wenn ich sage, dass die öffentliche Meinung der ganzen Welt mit großem Interesse die Stimmen der britischen Labour Party zur unerhörten Rolle der britischen Diplomatie in der Frage der Enteignung2 der Ölaktiengesellschaft Águila3 durch die Regierung Mexikos erwartet.

Die juristische Seite der Angelegenheit ist einem Kind klar. Um den natürlichen Reichtum Mexikos zu nutzen, stellten sich die britischen Imperialisten unter den Schutz und gleichzeitig unter die Kontrolle der mexikanischen Gesetze und der mexikanischen Behörden. Niemand hat die Kapitalisten dazu gezwungen, weder durch militärische Gewalt noch durch diplomatische Noten. Sie haben ganz freiwillig und bewusst gehandelt. Nun wollen Herr Chamberlain und Lord Halifax die Menschheit glauben machen, die britischen Kapitalisten hätten sich verpflichtet, die mexikanischen Gesetze nur in dem Maße anzuerkennen, wie sie es selbst für nötig halten. Rein zufällig ist die völlig unparteiische4 Interpretation der mexikanischen Gesetze durch Chamberlain-Halifax5 buchstäblich dieselbe wie die Interpretation der interessierten Kapitalisten.

Die britische Regierung kann jedoch nicht leugnen, dass nur die mexikanische Regierung und das oberste Gericht dieses Landes kompetent sind, die mexikanischen Gesetze zu interpretieren. Lord Halifax, der so viel Sympathie für die Gesetze und Gerichte Hitlers hegt, mögen die mexikanischen Gesetze und Gerichte unfair erscheinen. Aber wer gab der britischen Regierung das Recht, die Innenpolitik und die Gerichtsverfahren eines unabhängigen Staates zu kontrollieren? Diese Frage enthält bereits einen Teil der Antwort: Die britische Regierung, die daran gewöhnt ist, über Hunderte Millionen von Kolonialsklaven und Halbsklaven zu verfügen, versucht, die gleichen Methoden auf Mexiko anzuwenden. Nachdem sie auf mutigen Widerstand gestoßen ist, weist sie ihre Anwälte an, hastige Argumente vorzubringen, in denen juristische Logik durch imperialistischen Zynismus ersetzt wird.

Die wirtschaftliche und soziale Seite des Problems ist so klar wie seine rechtliche Seite. Das Exekutivkomitee Ihrer Partei würde meines Erachtens richtig handeln, wenn es eine Sonderkommission einsetzen würde, um zu untersuchen, was britisches und allgemein ausländisches Kapital in Mexiko hineingesteckt hat und was es herausgezogen hat. Eine solche Kommission könnte der britischen Gesellschaft in kurzer Zeit eine gewaltige Bilanz der wirtschaftlichen Ausbeutung präsentieren!

Eine kleine Clique britischer Magnaten pumpt im vollen Sinne des Wortes die Lebenssäfte Mexikos ebenso wie einer Reihe anderer rückständiger oder schwacher Länder aus. Als reinstes Pharisäertum erscheinen die feierlichen Reden über die Einführung der „Zivilisation" durch das ausländische Kapital, über seinen Beitrag zur Entwicklung der Volkswirtschaft usw. Bei der Sache geht es in Wirklichkeit um die Plünderung des natürlichen Reichtums des Landes. Die Natur brauchte viele Millionen Jahre, um Gold, Silber und Öl in den Boden und unter den Boden6 Mexikos zu legen. Ausländische Imperialisten wollen diese Reichtümer in kürzester Zeit plündern, indem sie die billige Arbeit und die Schirmherrschaft ihrer Diplomatie und ihrer Flotte nutzen.

Besuchen Sie ein beliebiges Zentrum der Bergbauindustrie: Hunderte von Millionen Dollar, die vom ausländischen Kapital aus dem Boden gezogen werden, geben der Kultur des Landes nichts, absolut nichts: keine Straßen, keine Gebäude, keine städtischen Annehmlichkeiten. Selbst die Räumlichkeiten der Kompanien selbst ähneln oft Kasernen. Warum auch mexikanisches Öl, mexikanisches Gold, mexikanisches Silber für die Bedürfnisse des fernen und fremden Mexiko ausgeben, wenn man mit den Profiten Paläste, Museen, Theater in London oder in Monaco bauen kann? Dies sind die Zivilisatoren! Als Gegenleistung für den Reichtum, den sie zerstören, hinterlassen sie Löcher im mexikanischen Land und zerrüttete Gesundheit mexikanischer Arbeiter.

Die Noten der britischen Regierung berufen sich auf „internationales Recht". Sogar die Ironie lässt vor diesem Argument machtlos die Hände sinken. Von welcher Art von internationalem Recht sprechen wir? Offensichtlich von dem, das in Äthiopien triumphierte und das abzusegnen sich die britische Regierung vorbereitet. Offensichtlich von dem gleichen Recht, das die Flugzeuge und Panzer Mussolinis und Hitlers in Spanien schon das zweite Jahr mit ständiger Unterstützung der britischen Regierung verkünden.

Letztere führte endlose Verhandlungen7 über den Abzug ausländischer „Freiwilliger" aus Spanien. Die naive öffentliche Meinung stellte sich lange Zeit vor, es gehe um die Einstellung der Intervention ausländischer faschistischer Banditen. Tatsächlich verlangte die britische Regierung von Mussolini eines: dass er seine Truppen aus Spanien abziehen werde, nachdem er Francos Sieg gesichert habe. In diesem Fall, wie in allen anderen, sollte die Aufgabe nicht darin bestehen, „internationales Recht" oder „Demokratie" zu verteidigen, sondern die Interessen der britischen Kapitalisten im spanischen Bergbau vor möglichen Anschlägen Italiens zu schützen.

In Mexiko verfolgt die britische Regierung grundsätzlich dieselbe Politik wie in Spanien; nur in Bezug auf Spanien – in einer passiven Form, in Bezug auf Mexiko – in einem aktiven. Wir sind jetzt Zeugen der ersten Schritten dieser Aktivität. Wie wird sie sich weiter entfalten? Niemand kann das jetzt vorhersagen. Chamberlain weiß das selbst noch nicht. Man kann mit Sicherheit sagen: Die weitere Entwicklung der Politik der Anschläge des britischen Imperialismus auf die Unabhängigkeit Mexikos wird in hohem Maße vom Verhalten der britischen Arbeiterklasse abhängen. Hier kommt man nicht mit vagen Formeln davon. Es bedarf starker Entschlossenheit, um die kriminelle Hand der imperialistischen Gewalt lahmzulegen. Ich ende daher, wie ich begonnen habe: Die öffentliche Meinung der Welt erwartet die feste Stimme der britischen Labour Party!

P.S. Einige imperialistische Zeitungen versuchten, mich als Initiator der Enteignung zu präsentieren. Solcher Unsinn verdient nicht einmal eine Widerlegung. Über alle Etappen des Kampfes der Gruppe des ausländischen Kapitals gegen die mexikanischen Gesetze erfuhr ich als eine Privatperson, die die Gastfreundschaft dieses Landes genießt, aus den Zeitungen. Aber das war mehr als ausreichend, um sich eine Meinung zu bilden. Diese Meinung zu sagen ist für jeden Teilnehmer des proletarischen Befreiungskampfes eine elementare Pflicht.


L. Trotzki


22. April 1938, Coyoacán

1In der englischen und französischen Übersetzung in Anführungszeichen

2Nach der englischen und französischen Übersetzung. Im russischen Original steht „эксплуатация“ (ekspluatatsija, Ausbeutung) statt „экспроприация“ (ekspropriatsija, Enteignung), offenbar ein Flüchtigkeitsfehler

3In der englischen und französischen Übersetzung „Eagle“

4In der englischen und französischen Übersetzung in Anführungszeichen

5In der französischen Übersetzung: „die die Herren Chamberlain und Halifax vornehmen“

6In der englischen Übersetzung nur: „in den Untergrund“

7In der französischen Übersetzung „Die selbe Regierung betrieb endlose Scharlatanerien“

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