Leo Trotzki: Der Kongress gegen Krieg und Faschismus [eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen Übersetzung. Der Kongress gegen Krieg und Faschismus wurde laut der russischen Iskra-Research-Website von stalinistischen und dem Stalinismus freundlichen Organisationen organisiert und fand am 12. September in Mexiko-Stadt statt.] Um sich einen klaren Überblick über die Bedeutung des Kongresses gegen Krieg und Faschismus zu verschaffen, ist es notwendig, von den folgenden Umständen auszugehen: 1. Der Kongress wird von der GPU im Auftrag von Stalin für seine diplomatischen Zwecke organisiert. Die Teilnehmer des Kongresses teilen sich in sechs Gruppen ein: a) Geheimagenten des Kremls, einschließlich der verantwortlichsten Agenten der GPU; b) Mitglieder verschiedener Hilfsorganisationen der Komintern, Jugend- usw.; c) liberale und radikale Intellektuelle, Gewerkschaftsfunktionäre usw., die direkte oder indirekte Almosen aus Moskau erhalten; d) Agenten von „demokratischen" Regierungen; e) Geheimagenten faschistischer Regierungen; e) alle Arten von Dilettanten, pazifistischen Damen, Popularitätssuchern und -sucherinnen usw.. Die entscheidende Rolle spielt natürlich die erste Gruppe. Die zweite Gruppe ist der ersten auf der Grundlage militärischer Disziplin untergeordnet. Die dritte Gruppe schließt bewusst die Augen in allen heiklen Fällen. Die vierte und fünfte Gruppe verfolgen die Ziele des Auskundschaftens. Die sechste Gruppe versteht nichts und ist beteiligt, um allen anderen als Tarnung zu dienen. 2. Die Mehrheit dieser „Pazifisten" sind patriotische Politiker der imperialistischen Länder. Wenn diese Herren von „Demokratie" oder „Kultur" sprechen, meinen sie nur ihre imperialistische Demokratie und ihre imperialistische Kultur. So betrachtet es beispielsweise Herr Jouhaux, den Lenin in der Presse nicht anders als als Verräter bezeichnet hat, als selbstverständlich, dass 60 Millionen Kolonialsklaven Frankreichs in einem zukünftigen Krieg für die „Demokratie" ihrer Sklavenhalter sterben müssen. Die britischen wie auch die nordamerikanischen „Pazifisten" verteidigen den Frieden genau und insofern und in dem Maße, wie und solange1 ihre imperialistischen Vaterländer daran interessiert sind. Gleichzeitig schauen sie alle in den Tiefen ihrer Seele auf koloniale und halbkoloniale Völker, wie auf einen historischen Dünger, der ihre Demokratie und ihre Kultur befruchten soll. 3. Die Arbeiter und Bauern aller Länder wollen natürlich ehrlich und aufrichtig den Frieden. Erreichen kann man ihn jedoch nur durch einen revolutionären Kampf gegen die imperialistischen Regierungen. Gerade um den revolutionären antiimperialistischen Kampf zu lähmen, organisieren Jouhaux und seinesgleichen „Volksfronten", d.h. unterwerfen das Proletariat dem „linken" Flügel der imperialistischen Bourgeoisie. Das gibt den Imperialisten die Möglichkeit, sich hinter pazifistischen Kongressen zu verstecken und einen neuen Krieg vorzubereiten, in dem alle rückständigen und schwachen Nationen und Staaten zuerst zertreten werden. 4. Die privilegierten imperialistischen Länder (die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich) betrachten Demokratie als ihr Monopol und sind keineswegs geneigt, Demokratie und Fortschritt in rückständigeren, schwachen Ländern zu unterstützen. England zieht es vor, General Franco in Spanien zu haben, der unweigerlich finanziell von den Londoner Banken abhängig wird und ihnen günstigere und nachhaltigere Ausbeutungsbedingungen bietet, als es die spanische Demokratie hätte tun können. Die Regierung von Washington koexistiert perfekt mit einigen lateinamerikanischen Diktaturen und macht sie zu ihrem unterwürfigen Werkzeug. Es ist daher unzulässig, von Demokratie „im Allgemeinen" zu sprechen. Die imperialistische Demokratie ist vollständig gegen die Demokratie der rückständigen und schwachen, kolonialen und halbkolonialen Völker gerichtet. 5. Imperialistische „Pazifisten" in Friedenszeiten geizen nicht mit großzügigen Phrasen, aber stehen im Konfliktfall auf der Seite ihrer Regierung und erzählen den Volksmassen: „Wir haben alles getan, um den Frieden zu erhalten, aber die Unnachgiebigkeit Mexikos (oder eines anderen Gegners) hat unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt.“ Die imperialistischen Pazifisten bleiben nur in ihrer Freizeit Pazifisten.2 Vom Moment des Konflikts oder Krieges an werden sie alle zu offenen Advokaten ihres nationalen Imperialismus. 6. Die internationale Politik Stalins, die auf der Unterdrückung der Völker der UdSSR beruht, deckt sich im Großen und Ganzen mit der Politik der demokratischen Imperialisten oder versucht, sich mit ihr zu decken. Stalin strebt eine Annäherung an die derzeitigen Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten an. Zu diesem Zweck verwandelte er die jeweiligen Sektionen der Komintern in sozialimperialistische Parteien. Stalin versucht den herrschenden Klassen der mächtigsten Länder zu beweisen, dass er ihre imperialistischen Interessen nicht bedroht. Stalin kann eine derartige Politik nur verfolgen, indem er die Interessen der Weltarbeiterklasse und aller kolonialen und halbkolonialen Völker opfert. Man darf sich nicht durch konventionelle Phrasen und die Reste alter revolutionärer Losungen täuschen. Stalin unterstützt in kolonialen und halbkolonialen Ländern „revolutionäre" und „nationale" Politik genau in den Grenzen, in denen das die interessierten imperialistischen Land erschreckt und ihnen den hohen Wert seiner Freundschaft zeigt. Das grellste Beispiel in der Neuen Welt sind die Vereinigten Staaten und Mexiko. Das wirkliche Ziel Stalins ist es, das Vertrauen und die Freundschaft des Weißen Hauses zu gewinnen. In diesem Spiel ist Mexiko nur eines der Mittel. Stalin versucht zu zeigen, dass er, wenn er will, für die Vereinigten Staaten in Mexiko und generell in Lateinamerika sehr gefährlich werden kann. Aber all dies, um die Interessen Mexikos und Lateinamerikas an den nordamerikanischen Imperialismus zu den entsprechenden Bedingungen zu verkaufen. 7. Nicht besser verhält sich die Sache auch beim Kampf gegen den Faschismus. Jetzt gibt es keine Notwendigkeit, über diese Frage theoretisch zu diskutieren. Es genügt, auf das lebendige Beispiel Spaniens hinzuweisen. Niemand hat Franco so geholfen wie der Block Stalins mit den imperialistischen „Demokratien". Um seine konservative Verlässlichkeit der britischen und französischen Bourgeoisie zu beweisen, erwürgte Stalin mit Unterstützung der spanischen Toledanos, Labordes etc. und mit Hilfe des GPU-Apparats die spanische Agrarrevolution und die sozialistische Bewegung der Arbeiter. Dies und nur dies war die Grundlage für die Möglichkeit für Francos Sieg. 8. Die spanische Erfahrung ist nur eine Probe. Dieselbe Gefahr droht auch anderen Ländern. In der Frage von Öl und Land zeigt sich klar der Gegensatz zwischen den Interessen Mexikos und der beiden mächtigsten imperialistischen „Demokratien". Mexiko handelt in diesem Fall als Vertreter aller unterdrückten, rückständigen und ausgebeuteten Völker. Die imperialistischen Demokraten werden gelegentlich, besonders auf zeremoniellen3 Kongressen, über die Politik des „guten Nachbarn", über Frieden, Völkerfreundschaft und so weiter schwadronieren. Dies wird sie nicht daran hindern, im Falle eines akuten Interessenkonflikts auf den Seiten ihrer imperialistischen Regierungen zu sein. Was Stalin betrifft, so wird er nicht eine Minute zögern, im Interesse der Freundschaft mit den imperialistischen „Demokratien" irgendein koloniales oder halbkoloniales Land zu verraten. 9. Die Einberufung des Kongresses in Mexiko wird von Moskau konzipiert, angeordnet und organisiert. Angesichts der extrem verschärften Beziehungen zu Japan will Stalin gerade jetzt seine potentielle Stärke an der Grenze zu den Vereinigten Staaten zeigen. Er scheint mit einem Revolver zu spielen und lässt wissen, dass seine Mündung gegen Washington gerichtet sein kann, aber dass er jederzeit bereit ist, den Revolver zu sichern oder sogar mit ihm in die entgegengesetzte Richtung das Feuer zu eröffnen, in voller Übereinstimmung mit dem nordamerikanischen oder britischen Militärhauptquartier. Das ist der Kern der Sache. Alles andere sind Phrasen, Deklamationen, Gesten. L. D. Trotzki August 1938 1 In der englischen Übersetzung statt „genau und insofern und in dem Maße, wie und solange“ „nur in dem Ausmaß und solange wie“ 2 In der englischen Übersetzung fehlt der Satz 3In der englischen Übersetzung: „inszenierten“ |
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