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Leo Trotzki 19380310 Der Fall des Prof. Pletnew

Leo Trotzki: Der Fall des Prof. Pletnew

[Eigene Übersetzung nach Bulletin der Opposition (Bolschewiki-Leninisten) Nr. 65, verglichen mit den englischen und französischen Übersetzung]

1Der Angeklagte Pletnew, Professor der Medizin, ist jetzt 662 Jahre alt. Er ist ein Arzt des Kreml fast vom Tag des Oktoberumsturzes an. Mit Politik hatte er nichts zu tun. Die Dienste Pletnews wurden von Lenin, Krupskaja und allen Würdenträgern des Kremls in Anspruch genommen. Pletnew hatte viele Auszeichnungen. Die sowjetische Presse hat ihn wiederholt mit Lob überschüttet. Aber die Situation änderte sich plötzlich Mitte 1937: Pletnew wurde öffentlich zum „Vergewaltiger und Sadisten" erklärt. In der Prawda vom 8. Juni 1937 erschien ein großer Artikel, in dem die brutale Gewalttätigkeit Pletnews gegen die „Patientin B." mit ungewöhnlichen Einzelheiten beschrieben wurde. Der Artikel zitierte einen Brief von Frau B. an Pletnew, der folgende Zeilen enthielt: „Sei verflucht, hinterhältiger Verbrecher, der mir eine unheilbare Krankheit verpasste, die meinen Körper entstellte ..." und so weiter. Die „Prawda" sagte uns, dass Pletnew versuchte, sie in ein Irrenhaus zu bringen, und auf ihren Vorwurf antwortete: „Beschaffen Sie sich Gift und vergiften Sie sich." Der Artikel erzeugte einen sehr seltsamen Eindruck, da er vor dem Prozess gegen Pletnew gedruckt wurde. Für jeden, der die Sitten der Sowjetbürokratie kennt, war es klar, dass ein solcher Artikel gegen einen hochrangigen Kreml-Arzt in der »Prawda« nur mit der Erlaubnis Stalins oder auf seine direkten Verfügung veröffentlicht werden konnte. Schon damals war es naheliegend zu vermuten, dass es eine große Intrige gegen Pletnew und die geheimnisvolle „Patientin B." aller Wahrscheinlichkeit nach eine Agentin der GPU war.

Sofort, d.h. vor dem Prozess, wurde vom unsichtbaren Zentrum die sogenannte „öffentliche Meinung" mobilisiert, d.h. Ärzte in Moskau, Kiew, Tula, Swerdlowsk usw. wurden aufgefordert, Resolutionen zu verabschieden, die „die härteste Strafe für dieses Monster“ forderten. Die Resolutionen wurden natürlich in der Prawda gedruckt. Die entsprechenden Nummern der Prawda liegen in unseren Händen.

Am 17. und 18. Juli 1937 wurde der Fall Pletnew in einer geschlossenen Sitzung des Moskauer Gerichts verhandelt. In der UdSSR wird man oft zur Erschießung verurteilt, weil man einen Sack Mehl gestohlen haben. Umso mehr konnte man ein erbarmungsloses Urteil über einen Vergewaltiger erwarten, der einer Patientin eine „unheilbare Krankheit" verpasste, ihren Körper „entstellte" usw. Indessen erfuhren die Leser aus derselben „Prawda" vom 19. Juli, dass Pletnew „zu 2 Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt" wurde, d.h. tatsächlich von jeder Strafe freikam. Das Urteil schien so unerwartet wie zuvor die Anklage.

Nach 7 Monaten treffen wir Pletnew als Angeklagten, der den Tod von Menschinski, Kuibyschew und Maxim Gorki absichtlich beschleunigt hat. Pletnew gibt natürlich seine Schuld zu. Er hat diese monströsen Verbrechen „auf Befehl" Jagodas, des ehemaligen Chefs der GPU, begangen. Warum hat er Jagoda gehorcht? Aus Angst. Der Kreml-Arzt, der alle Regierungsmitglieder kennt, wagte es nicht, den Kriminellen zu denunzieren, sondern wurde zu seinem gehorsamen Werkzeug. Unglaublich? Dies ist die Aussage. Wir hören nichts mehr über den sadistischen Pletnew. Die „Patientin B." wurde nicht vor Gericht geladen. Sie hat ihre Rolle vor dem Prozess erfüllt. „Sadismus" interessiert niemanden. Jetzt entpuppt sich Pletnew, ein Arzt aus zaristischer Zeit, als Terroragent des „Trotzki-Bucharin-Blocks" unter der direkten Führung von Jagoda, dem ehemaligen Chef der GPU.

Ist es möglich zu bezweifeln, dass es eine enge innere Verbindung zwischen den beiden Prozessen von Pletnew gibt? Um den Trotzkisten die Terrorakte zuzuschreiben, war es notwendig, sie zu erfinden. Zu diesem Zweck wurde Jagoda, der Scharfrichter der Trotzkisten, zu einem Agenten der Trotzkisten und der Arzt wurde zu einem Giftmischer. Der Vorwurf des Sadismus wurde vor sieben Monaten mit einem solchen ohrenbetäubenden Lärm erhoben, nur um den Willen des alten Arztes, des Familienvaters, zu brechen und ihn zu einem gehorsames Werkzeug in den Händen der GPU für den künftigen politischen Prozess zu machen. Unter Anklage der Gewalt gegen „Patientin B." wurde Pletnew die Hinrichtung angedroht. Hinter den Kulissen wurde jedoch eine Einigung erzielt, wodurch Pletnew mit der Verurteilung auf Bewährung davon kam. Das ist die Belohnung für seine fantastischen Geständnisse beim Prozess des 21. Der Fall Pletnews ist besonders lehrreich, weil hier alle Sprungfedern herausstehen.3

Coyoacan, 10. März 1938

1In der englischen und französischen Übersetzung steht folgender Einleitungssatz: „In dieser Erklärung verwenden wir nur offizielle Daten, die von der Moskauer Prawda entnommen wurden.“

2In der französischen Übersetzung „70“

3 In der englischen Übersetzung folgt: „P.S. - Die Nachricht wurde weit in der Presse verbreitet, dass Stalin während der zaristischen Tagen angeblich ein Agent provocateur war, und dass er sich jetzt an seinen alten Feinden räche. Ich traue diesem Klatsch überhaupt nicht. Seit seiner Jugend war Stalin ein Revolutionär. Alle Fakten über sein Leben zeugen davon. Ex-post-facto seine Biographie rekonstruieren bedeutet, den gegenwärtigen Stalin zu nachzuäffen, der aus einem Revolutionär zum Führer der reaktionären Bürokratie wurde.“

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