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Leo Trotzki 19380724 Der bevorstehende Prozess der Diplomaten

Leo Trotzki: Der bevorstehende Prozess der Diplomaten

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text in Бюллетень Оппозиции (большевиков-ленинцев), Nr. 68-69, August-September 1938, verglichen mit der französischen und englischen Übersetzung]

Zu einer Zeit konnte es scheinen, dass Moskau weitere öffentliche1 politische Prozesse mit ihren monotonen Geständnissen aufgegeben habe. Jedoch sprachen in letzter Zeit die Gerüchte beharrlich über die laufende Vorbereitung eines theatralischen Prozesses2 der Diplomaten. Die politische Lage in der internationalen Arena wie auch in der UdSSR ist so, dass diese Gerüchte als sehr wahrscheinlich angesehen werden müssen. Die vorangegangenen Prozesse hatten zum Ziel, Stalin die Verantwortung für Fehler und Misserfolge in der Industrie, der Landwirtschaft, dem Staatsapparat und der Roten Armee zu nehmen. Der neue Prozess soll offenbar die Verantwortung für die brutalen Misserfolge, die die sowjetische Diplomatie und die Komintern auf der internationalen Bühne erlitten haben, von Stalin auf die Ausführenden3 verlagern. Die Politik der „Volksfront" in Spanien endete in einer Katastrophe.4 Aus der europäischen Politik ist Moskau fast verdrängt worden. Es bleibt nichts anderes, als die Verantwortung für den Niedergang des Ansehens der Sowjets den neuen Sündenböcken in Gestalt der unterwürfigen diplomatischen Agenten zu übertragen. Das ist zweifellos der Grundgedanke des bevorstehenden Prozesses.

Die Angeklagten sind ehemalige sowjetische Vertreter im Fernen Osten (Jurenjew, Bogomolow), in Berlin (der gleiche Jurenjew), in Spanien (Antonow-Owsejenko und Rosenberg). Sie warten auf das Erscheinen Rakowskis als Zeuge und vielleicht sogar als Angeklagter vor Gericht. Die Rollen, die diesen Angeklagten zugewiesen wurden, sind in ihren allgemeinen Merkmalen im Voraus klar: Sie gaben Staatsgeheimnisse preis, gingen ein Bündnis mit Feinden ein, verkauften5 ihr Vaterland und so weiter.

Geheimnisvoll bleibt jedoch die Rolle des ehemaligen Botschafters in Norwegen, Jakubowitsch, vor Gericht. Im Gegensatz zu Antonow-Owsejenko, Rakowski und teilweise Jurenjew gehörte Jakubowitsch nie zu einer Opposition. Es war in der Tat ein unpolitischer Beamter des diplomatischen Dienstes. Aber auch als Beamter blieb er immer im Hintergrund. Einige Jahre lang war er Sekretär der sowjetischen Botschaft in Berlin, bevor er in Oslo eine selbständige Ernennung6 erhielt. Dieser drittklassige diplomatische Posten erhielt 1936 unerwartet politische Bedeutung im Zusammenhang mit den Versuchen der sowjetischen Regierung, meine Auslieferung aus Norwegen zu erlangen. Von dem verstorbenen norwegischen Anwalt Puntervold, der Regierungskreisen nahe stand, war ich seinerzeit ziemlich gut in die hinter den Kulissen befindliche Seite dieser Sache eingeweiht. Jakubowitsch drohte mit einem Boykott der norwegischen Handelsflotte und des Fischhandels und schlug laut Puntervolds Erzählung drohend auf den Tisch im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten. Die verängstigte norwegische Regierung stimmte zu, mich zu internieren, wagte aber nicht die Auslieferung. Dieser Misserfolg wurde zweifellos Jakubowitsch zugeschrieben, denn der Sinowjew-Kamenew-Prozess war vollständig auf meine sofortige Auslieferung an die GPU ausgerichtet.

Eine weitere Schuld ruhte auf Jakubowitsch im Zusammenhang mit dem zweiten Prozess (Februar 1937), dessen Angelpunkt der Flug Pjatakows in einem deutschen Flugzeug nach Oslo für kriminelle Verhandlungen mit mir war. Bekanntlich widerlegten die Fakten, die insbesondere von den norwegischen Behörden7 festgestellt wurden, die Aussage Pjatakows vollständig: Während des gesamten Dezember 1935 landete kein einziges ausländisches Flugzeug auf dem Flugplatz in Oslo. Die Internationale Kommission in New York hat alle relevanten Fakten mit erschöpfender Vollständigkeit und einwandfreier Genauigkeit ermittelt (siehe „Not Guilty", S. 173-191). Das Versagen der sowjetischen Justiz in diesem zentralen Punkt musste Jakubowitsch einfach als schwere Schuld angelastet werden, denn durch ihn sammelte die GPU zweifellos Informationen über mein Leben in Norwegen, über die Bedingungen dieses Landes, insbesondere über den Flugplatz in Oslo. Jakubowitsch tat seinerseits, was er konnte. Allerdings sind die bei diesem Prozess aufgetretenen Fehlgriffe groß genug für die Erschießung des unglücklichen Diplomaten.

Vor Gericht wird Jakubowitsch natürlich nicht bereuen, der GPU einige unvorsichtige oder ungenaue Informationen gegeben zu haben. Er wird wahrscheinlich mit einer anderen Aufgabe betraut werden, nämlich neue Informationen zu geben, die zumindest teilweise den mörderischen Eindruck des Zusammenbruchs von Pjatakows Aussage glätten sollen. Welche Art zukünftiger „Geständnisse" Jakubowitschs kann vorbereitet werden? Hier ist es nicht schwer, sich mehrere Optionen vorzustellen. Wir werden hypothetisch einen von ihnen nehmen, um an einem konkreten Beispiel die Methodik von Stalins Justiz zu zeigen.

Jakubowitsch kann gestehen, dass er wirklich zur trotzkistischen Verschwörung gehörte und der engste Verbündete und Freund Pjatakows war. Er, Jakubowitsch, organisierte nämlich den Flug Pjatakows von Berlin nach Oslo. Die Landung fand nicht auf dem Flughafen statt, sondern auf einem der Fjorde, und er, Jakubowitsch, brachte Pjatakow in seinem eigenen Auto in seine Wohnung und brachte ihn dann zu Trotzki. Pjatakow machte bei dem Prozess falsche Aussagen über die Zeit und den Ort der Landung, um seinen Freund Jakubowitsch zu schützen. Diese neuen Daten über den imaginären Flug, mit deren Präsentation Jakubowitsch betraut ist, werden wahrscheinlich auf gründlicheren Recherchen und Kombinationen beruhen, vielleicht sogar mit einigen vorbereiteten „zufälligen" Zeugen.

Natürlich ist die Sache hier unsererseits nur eine Hypothese. Der künftige Prozess wird eine Verifizierung bringen. Es ist sogar möglich, dass dieser Artikel Wyschinski zwingt, eine andere Option zu wählen und entsprechende Änderungen an seinen Anschuldigungen und Jakubowitschs Aussage vorzunehmen. Zu gegebener Zeit werden wir versuchen, Spuren dieser Veränderungen zu finden: Die Arbeit der GPU ist ziemlich plump und hinterlässt immer schmutzige Spuren. Auf jeden Fall lässt sich nur anhand der obigen Hypothese nachvollziehen, warum sich ein drittklassiger diplomatischer Beamter ohne politisches Gesicht, der einen friedlichen Posten im erz-friedlichen8 Norwegen innehat, nach Berichten aus verschiedenen Quellen fast an der Spitze einer diplomatischen Verschwörung befindet.

Ich füge nur für alle Fälle hinzu, dass ich Jakubowitsch nie getroffen habe, keine politischen Beziehungen, weder direkt noch indirekt, zu ihm hatte und ihn während meines Aufenthalts in Norwegen als den schlimmsten Feind betrachtete, der die Verleumdungskampagne gegen mich führte und nicht an Geld dafür sparte.

Jakubowitschs unvermeidliche neue Fehler im nächsten Prozess werden natürlich von seinen Nachfolgern auf der Anklagebank beantwortet werden müssen, wenn Stalin noch lange Zeit das Fließband der Fälschungen antreibt.

L.T.

Coyoacan, 24. Juli 1938


1Fehlt in der französischen und englischen Übersetzung

2In der französischen Übersetzung: „Schauprozesses“, in der englischen Übersetzung: „öffentlichen Prozesses“

3In der französischen und englischen Übersetzung: „Untergeordneten“

4In der französischen und englischen Übersetzung ist der Satz eingefügt: „Im Fernen Osten hat Moskau nur zu klar seine Ohnmacht enthüllt“

5In der französischen und englischen Übersetzung: „verrieten“

6 In der französischen Übersetzung statt „selbständige Ernennung“: „Posten“

7 Statt „insbesondere von den norwegischen Behörden“ steht in der englischen Übersetzung: „von den norwegischen Behörden ebenso wie von anderen“, in der französischen Übersetzung: „von den norwegischen Behörden“

8In der französischen und englischen Übersetzung: „super-friedlichen“

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