Leo Trotzki: Brief an Philip Rahv (21. März 1938) [eigene Übersetzung nach der französischen Übersetzung in Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, pp. 347-353, unter dem Titel „Conseils à une revue partisane“, Rat an eine Partisan-Revue] Sehr geehrter Herr Rahv, Ihr Brief vom 1. März hat mir sehr gefallen. Ich bin bereit, alles zu tun, um eine freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen uns aufzubauen. Aber ich möchte auch alles vermeiden, was uns nach dem Beginn unserer Zusammenarbeit zu einem Bruch führen könnte. Aus diesem Grund habe ich erwogen und erwäge immer noch, den Zeitraum des vorläufigen Meinungsaustauschs und der gegenseitigen Annäherung zu verlängern, um eine solide Grundlage für unsere künftigen Beziehungen zu schaffen. Wir haben bereits einen ernsthaften Schritt in diese Richtung getan. Ich freue mich auf die April-Ausgabe der Partisan Review mit der von Ihnen angekündigten programmatischen Erklärung. Ich möchte jedoch gleich einige Überlegungen aussprechen, die wahrscheinlich teilweise mit Ihren Absichten übereinstimmen und teilweise weiter gehen mögen. 1) Die völlige Unabhängigkeit Ihrer Publikation gegenüber der stalinistischen Bürokratie ist natürlich eine wertvolle Tatsache. Aber Unabhängigkeit allein reicht nicht aus. Ein Kampf gegen den demoralisierenden Einfluss des Stalinismus auf das intellektuelle Leben der Intelligenz ist notwendig. Sie haben diesen Kampf bereits begonnen. Es scheint mir jedoch, dass Sie ihm noch nicht die nötige Breite gegeben haben und den entsprechenden Ton nicht gefunden haben. Der Stalinismus ist kein „Sektierertum", wie es die ehrerbietigen Halbgegner wie die Lovestonisten oft schreiben. Das Sektierertum setzt eine bestimmte Summe von Überzeugungen voraus, die eng und begrenzt sein mögen, und eine fanatische Verteidigung dieser Überzeugungen. Stalinisten haben keine Überzeugungen. Sie sind entpersonalisierte Leute, gut ausgebildet, im Grunde Beamte, Lakaien, völlig demoralisierte Speichellecker. Die usurpierte Autorität der Revolution, plus militärische Disziplin, plus unbegrenzte finanzielle Mittel, machte den Stalinismus zum schrecklichsten Geschwür am politischen und intellektuellen Fortschritt. Bestimmte Maßnahmen sind notwendig für den Kampf gegen falsche Theorien; andere für den Kampf gegen Choleraepidemien. Der Stalinismus ist der Cholera unendlich näher als einer falschen Theorie. Der Kampf muss intensiv, wild, rücksichtslos sein. Ein Element des „Fanatismus" in diesem Kampf ist nicht nur akzeptabel, sondern notwendig. Ohne Fanatismus wurde nichts Großartiges in der Geschichte gemacht. 2) Wir müssen die New Masses völlig und bis zum Ende diskreditieren. Es scheint mir, dass Ihr Magazin den New Masses eine Sondernummer widmen könnte. Eine neue Strömung muss in der Lage sein, ihre Schläge zu konzentrieren statt sie zu zersplittern. Was Herbert Solow mit den New Masses in Form von leichten Anspielungen in Heft 3 gemacht hat, ist für weite Kreise unverständlich: Es sollte in Form einer Reihe von Artikeln präsentiert werden, die das Phänomen New Masses von allen Seiten umfassen. Der Eimer mit dem schmutzigen Wasser des Stalinismus muss bis zum letzten Tropfen geleert werden. Darüber hinaus sollte ein seriöser Artikel von Satire und Karikatur begleitet werden. Es ist unmöglich ohne Peitsche voranzukommen! 3) Es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir mit dem Zustand der Neutralität in Bezug auf die Nation und die New Republic brechen müssen. Es gab eine Zeit, in der diese Publikationen amerikanische Intellektuelle und die liberale Bourgeoisie mit der UdSSR „versöhnten". Es ist wahr, dass diese Leute die Bürokratie, reaktionär, parasitär und mehr, mit der Oktoberrevolution und dem Sozialismus identifizierten. Es ist wahr, dass sie sich mit der UdSSR versöhnten, gerade weil sie hofften, dass sie „respektabel" geworden sei. Jedenfalls hatten sie in dieser Zeit ihre eigene Idee, sie liebten das Hinterteil der siegreichen Revolution. Jetzt haben sie ihre „Idee" nicht mehr. Die sowjetische Bürokratie erwies sich als nicht seriös – nicht zufällig. Die Weisen der Nation und der New Republic haben enthüllt, dass sie absolut nichts über die Entwicklung der UdSSR, also das wichtigste Phänomen unserer Zeit, wissen. Ein Louis Fischer, ein zynischer literarischer Schmeichler, vorsichtiger, aber auch abstoßender als ein Duranty, führte sie einfach an der Nase herum. Gegenwärtig sind die Nation und die New Republic besonders besorgt, dass ihre Leser nicht bemerken, dass der im Orakel versteckte Priester nicht sehr intelligent ist. Daher die Wellen von Diplomatie, Tricks, Lügen, Falschheiten, die die Seiten dieser Publikationen füllen. Wir müssen ihren Einfluss auf das radikale Denken zerstören. Der Kampf gegen die Nation und die New Republic muss offen auf der Flagge der Partisan Review stehen. 4) Ich möchte gar nicht sagen, dass Partisan Review in ein rein politisches Organ umgewandelt werden müsse. Die gleichen Tendenzen und Methoden durchziehen in verschiedenen Formen und Graden alle Bereiche der Kultur. Was für ein schreckliches Gift war die Propaganda des „proletarischen Humanismus" – eine Propaganda, die auf Stalin-Jagodas Dudelsack gespielt wurde – am Vorabend der Moskauer Prozesse! Der unglückliche Bucharin reiste extra nach Prag und Paris, um das neue Stalin-Evangelium zu predigen. Die Kultur, Philosophie, Ethik und Politik des Stalinismus mischten sich in einen ekelhaften Haufen. Das muss zerstört werden. Die aufgeblasenen, hochmütigen und scheinheiligen Autoritäten der Nation und der New Republic sind mitten in jeder Vorwärtsbewegung. 5) Ich mache mir keine Illusionen über die Zahl unserer Freunde und Parteigänger und berücksichtige die enorme Stärke des Widerstandes, wie sie von den Kreisen der linken Intellektuellen dargestellt wird, die vom Stalinismus zementiert oder durch „Desillusionierungen" demoralisiert wurden. Aber das Ergebnis dieser Schwierigkeiten kann auf keinen Fall auf dem Weg der Anpassung oder der teilweisen Anpassung an diese Umgebungen liegen. Im Gegenteil, man kann nur durch eine klare und mutige Formulierung der Probleme und durch eine aggressive Politik Freunde mobilisieren, seinen Kreis erweitern, Respekt bei den Zögernden erzeugen. 6) Die alte Generation radikaler Intellektueller wurde vom Louis-Fischerismus vergiftet. Wenn sie heute versucht, dieses Gift loszuwerden, wird sie dem Marxismus gegenüber feindlich (Eugene Lyons und seinesgleichen bilden sich ernsthaft ein, dass sie gestern „Marxisten" und „Bolschewiki" waren). Die besten Elemente dieser Generation mögen in Zukunft auf den Weg der Revolution zurückkehren, wenn der Marxismus die Avantgarde der amerikanischen Arbeiter umfasst. Aber heute können wir uns nicht auf diese Schicht verlassen. Wir müssen uns auf die Jugend konzentrieren, auf die neue Generation, jene von 18 oder 20 Jahren, die in höheren Schulen oder Universitäten zum ersten Mal zum politischen Denken erwachen unter den Folgen einer schweren Krise und der drohenden Gefahr eines neuen Krieges. Die Partisan Review muss das Organ der Jugend werden. 7) Im Moment spreche ich nicht über Arbeiter. Die Gesetze der Arbeiterbewegung sind anders, tiefer und bestimmender. Eines kann mit Gewissheit erwartet werden: eine neue Welle der Radikalisierung in der jüngeren Generation von Intellektuellen unter dem Einfluss dieser tiefgreifenden Prozesse, die im Proletariat stattfinden. In einem bestimmten Stadium werden sich diese beiden Prozesse treffen und die besten Elemente der Intellektuellen werden die neue Arbeiterbewegung befruchten. Wir sind jetzt in der Vorbereitungsphase. Gerade in dieser Vorbereitungsphase kann die Partisan Review eine sehr ernsthafte Rolle spielen. 8) Sie machen mir Vorwürfe, dass ich im Hinblick auf die Partisan Review eine Position des „Ultimatismus" eingenommen habe. Ich akzeptiere diesen Vorwurf, aber ich möchte ihn wieder in seine gültigen Grenzen bringen. Wenn eine politische Partei die Methode des Ultimatismus gegenüber der Arbeiterklasse anwendet („akzeptiere mein Programm oder ich wende mich ab"), ist sie zur Isolation und sektiererischen Degeneration verurteilt. Aber wenn es um die Bildung des Leitungsgremiums – einer Partei oder einer Zeitschrift – geht, ist der Ultimatismus unvermeidlich. Ein Programm ist ein „Ultimatum", das der Stab den Aktivisten vorlegt. Der Inhalt des Ultimatums kann unterschiedlich sein. Die Anpassungs- und Entwicklungsmethoden eines Programms können und müssen flexibel sein. Aber das Programm muss von Anfang an klar sein, sonst kann die Publikation nicht ihre eigene Zukunft verantworten. Das ist der Inhalt meines „Ultimatums". 9) Wenn es heute in Amerika eine junge und vielversprechende künstlerische Bewegung gibt, kann die Partisan Review in gewissem Maße ihr Schicksal mit dem ihren verknüpfen. Es ist jedoch möglich, dass solch eine vitale Bewegung nicht existiert. Man kann hoffen, dass sie als Folge der tiefen Krise dieses Landes auftreten wird. Aber es ist noch niemandem gelungen, eine solche künstlerische Strömung künstlich zu erzeugen. „Die marxistische Ästhetik" hat weder Rezepte noch Vorschriften – und kann keine haben, der Marxismus war der einzige, der den Platz der Technologie in der Entwicklung der Menschheit angibt; das bedeutet jedoch nicht, dass eine marxistische Zeitschrift in Bezug auf technische Erfindungen ein Patentamt ersetzen kann. Die neue Generation von Dichtern, Künstlern etc. kann von der Partisan Review keine fertige ästhetische Rezeptur erwarten, sondern sie beleuchtet die Wege der neuen Kunstformen durch einen Kampf gegen Routine, falsche Autoritäten, verknöcherte Formeln und vor allem gegen die Konvention und die Falschheit. Im Bereich der Schulen und der ästhetischen Methoden scheint mir die Partisan Review in gewissem Sinne eine Haltung des kritischen „Eklektizismus" (ja Eklektizismus) haben zu müssen. Es ist notwendig, neuen Tendenzen die Möglichkeit zu geben, zu erscheinen. Ebenso ist es nicht möglich, rein formale Forschungsergebnisse und Erfahrungen zu ignorieren. Was hier sehr wichtig ist, ist die Breite der Perspektive und die pädagogische Flexibilität auf der Grundlage einer historischen Konzeption mit stabiler Basis. Ich glaube, dass es in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen uns gibt. 10) Da die Frage eines Symposiums über den Marxismus verschoben wurde, können wir die Diskussion darüber auch verschieben. Ich möchte kurz sagen: Ein solches Symposium mag vielleicht eine positive Bedeutung haben, wenn seine Organisatoren entweder Personen einladen, die bewiesen haben, dass sie ernsthaft an der marxistischen Theorie interessiert sind oder dass sie herausragende Persönlichkeiten in der Arbeiterbewegung sind. Die Mehrzahl der Autoren, die Sie nennen, sind die reinsten Dilettanten der Theorie und überdies ohne die geringste Verbindung zur Arbeiterklasse. Wenn Sie John Lewis oder sogar William Green eingeladen hätten, für Sie einen Artikel über den Marxismus zu schreiben, hätte ich es verstehen können, denn die theoretische Dummheit und Ignoranz von Green ist eine wichtige politische Tatsache, die es zu würdigen gilt. Aber Souvarine! Er war nie ein Marxist. Seine Biographie Stalins ist das Werk eines Journalisten, deren wesentlicher Wert auf ihren Zitaten beruht (die meisten von ihnen stammen auch aus dem Biulleten Oppositsii, so dass der Verdienst, sie zusammengetragen zu haben, zu einem großen Teil Leo Sedow gebührt). Es ist lange her, dass Souvarine mit der Arbeiterbewegung gebrochen hat. Er hat absolut keine theoretischen Fähigkeiten. Victor Serge ist ein talentierter Schriftsteller. Wenn er für Sie eine Geschichte oder ein Drama aus dem Leben der russischen Opposition schreiben würde, wäre ich erfreut. Aber er ist überhaupt kein Theoretiker. Außerdem erlebt er nach einer mehrjährigen Gefangenschaft in der UdSSR eine Zeit totaler Verwirrung. Es ist wahr, dass sogar Verwirrung lehrreich sein kann, wenn sie den geistigen Zustand einer Klasse, einer Gruppe, einer Partei kennzeichnet. Aber es macht wenig Sinn, eine Sammlung von Beispielen individueller Verwirrung zu sammeln. Darüber hinaus muss ein Symposium mit sehr unterschiedlichen Artikeln mit einem programmatischen Artikel der Herausgeber versehen werden, der diejenigen anprangert, die sich irren und einen gerechten Standpunkt zum Marxismus vertreten. Wurde ein entsprechender Artikel geplant? Wer möchte es schreiben? 11) Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Frage lenken. Ich habe das Manuskript eines Romans „Ich gestehe“ von einem jungen deutschen Autor, Wolf Weiss. Der Autor verbrachte mehrere Monate in einem Gefängnis der GPU, wurde verhört und halb körperlich halb mental gefoltert. Diese Erfahrung beschrieb er künstlerisch in Form eines Romans von 250 bis 300 Seiten. Diego Rivera möchte etwa 25 Illustrationen für diesen Roman machen. Ich versuche amerikanische Verleger für diese zweifellos hervorragende künstlerische Schöpfung zu interessieren, aber ohne Erfolg. Die deutschen Lektoren in den führenden Verlagen sind offensichtlich entweder ultrakonservative Menschen oder von stalinistischer Disziplin festgehalten oder einfach nur auf künstlerischem Gebiet borniert. Auf jeden Fall habe ich bis jetzt nichts erreicht. Und doch könnte dieser Roman, durch seine literarischen Qualitäten, durch seine Möglichkeit, besonders mit Illustrationen von Diego Rivera, ein großer kommerzieller Erfolg sein und gleichzeitig der GPU einen Schlag versetzen. Gibt es jemanden unter Ihnen, der gut Deutsch kann? Der Stil des Buches ist kompliziert, nervös, gebrochen und erfordert gute Deutschkenntnisse. Das Manuskript befindet sich in den Händen von Sara Jacobs, 372 High Street, Orange, N.Y. PS Die Rechte für die Veröffentlichung des Lenin in Fortsetzungen liegen mit garantiertem Vorschuss bei einem Verlag, so dass ich leider in dieser Hinsicht nichts für Sie tun kann. |
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