Leo Trotzki: Brief an Mark Zborowski und Lilia Estrin1 [Eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Архив Л. Д. Троцкого. Том 9, verglichen mit der französischen Übersetzung, dort unter dem Titel „Réponses à des questions“, Antworten auf Fragen] Werte Freunde! Ich habe Ihren Brief Nr. 34 mit Auszügen und Anfragen anlässlich der Sache Ciliga erhalten. Die Anschuldigung gegen Ciliga als Leiter der Balkansektion des Pariser Zentrums der Trotzkisten ist der Gipfel des Unsinns. Ciliga ist, wie Sie wissen, in keiner Weise ein Trotzkist. So haben weder mein Sohn Leo Sedow noch ich ihn jemals betrachtet. Ich habe eine umfangreiche Korrespondenz zu diesem Thema. Ich habe mich sogar geweigert, die Artikel Ciligas im russischen Bulletin abzudrucken, weil sie politisch völlig von unserer Linie abweichen. Auf der anderen Seite enthält das französische Buch Ciligas, das der Sowjetunion gewidmet ist, vor allem in der zweiten Hälfte eine Reihe von äußerst feindlichen Urteile an die Adresse der Organisation, der ich angehöre. Die Autoren des Artikels in der „Correspondence"2 sind nicht nur unehrenhaft, sondern auch unwissend. Natürlich muss alles getan werden, um Ciliga zu helfen, die Falschheit der Anschuldigungen zu beweisen. In dieser Hinsicht wären die Briefe Ljewas aus dem entsprechenden Zeitraum von großer Bedeutung, da sie ohne Schwierigkeiten beweisen würden, dass er nicht in Jugoslawien war. Ich befürchte jedoch, dass es nicht möglich sein wird, sie bis zum Termin zusammenzustellen und durchzusehen. Vielleicht ist es auf dieser Grundlage möglich, die Vertagung des Prozesses einzufordern? Was das von Ihnen zugesandte (von Souvarine beschaffte) Zitat über Kronstadt betrifft, so bedarf es zusätzlicher Untersuchungen. Ich vermute, die Sache ist so: Der Befehl zur Unterdrückung der Meuterei wurde natürlich von mir unterzeichnet und in Leningrad veröffentlicht. Es ist möglich, dass dies den Eindruck meiner Ankunft in Leningrad erweckt hat. Es ist sogar möglich, dass solche Gerüchte bewusst in Umlauf gebracht wurden, um die Meuterer einzuschüchtern. An einen Besuch meinerseits in Leningrad am 5. März habe ich absolut keine Erinnerungen. Aber das hat nicht die kleinste Bedeutung. Die eigentliche Arbeit zur Unterdrückung der Meuterei begann am 16. März, als ich in Moskau war; dies kann belegt werden aufgrund des Parteitagsprotokolls, der Moskauer Zeitungen und so weiter. Wer also sagt, dass ich persönlich den Aufstand „erwürgt" und unterdrückt habe, der sagt auf jeden Fall nicht die Wahrheit, unabhängig davon, ob ich am 5. März in Petersburg war oder nicht. Selbst die am 8. März begonnene [.…]3 Offensive der Rotarmisten – zweifellos in meiner Abwesenheit – tat nichts, unterdrückte nichts, es wurde keine „Grausamkeit" begangen; und die eigentliche Unterdrückung, die am 16. März begann, wurde bewusst ohne meine Teilnahme durchgeführt. Die Frage läuft also darauf hinaus, ob ich wirklich am 5. März auf der Reise vom Ural nach Moskau in Petersburg war und ich ein Ultimatum über die Aufgabe von Kronstadt in Petersburg oder in Moskau unterzeichnet habe? Dies ist eine zehntrangige Frage4, die nicht die geringste politische Bedeutung hat. Aber sie unterliegt noch der Überprüfung. Es ist durchaus möglich, dass die zitierte Fußnote auf einem Missverständnis beruht. (Falls notwendig, können Sie diese Zeilen im Bulletin zitieren.) Vielleicht ist dieser Brief (der erste Teil) für Genossen Gérard nützlich? [L. D. Trotzki] 14. November 1938 1 In der französischen Übersetzung nur an Lilia Estrin adressiert 2 In der französischen Übersetzung: „Inprekorr“ 3Ein Wort ist unleserlich 4 In der französischen Übersetzung: „von keinerlei politischer Bedeutung“ |
Leo Trotzki > 1938 >