Leo Trotzki: Brief an James P. Cannon 5. Oktober 1938 [Eigene Übersetzung nach dem englischen Text, dort unter dem Titel „Problems of the American Party“, Probleme der amerikanischen Partei, verglichen mit der französischen Übersetzung, dort unter dem Titel „Problèmes du S.W.P.“, Probleme der SWP] Werter Freund: Wir warten hier mit größter Ungeduld auf Informationen über das Treffen in Europa. Wir wissen nur, dass es o.K. war, aber nicht mehr. Ohne auf Ihren Brief zu warten, werde ich mit Ihnen einige Fragen zu unserer Partei (SWP) besprechen. 1. Das Referendum scheint keine sehr glückliche Erfindung gewesen zu sein. Die Diskussion scheint in der Partei zu einer gewissen Verlegenheit geführt zu haben. Das alles kann nur durch Aktion überwunden werden. Es ist an der Zeit, so scheint es mir, der Partei direkt zu zeigen, wie wir in dieser Frage vorgehen müssen. Ich hatte hier zwei lange Gespräche mit Plotkin, einem Organisator der [International] Ladies Garment Workers Union, und fasste unsere Diskussion in einem Artikel zusammen, der versucht, die Frage auf ihre eigentliche politische Ebene zu bringen. Der Artikel befindet sich derzeit in der Übersetzung und wird Ihnen gleichzeitig mit diesem Brief zugesandt. Aber ein Artikel ist natürlich nichts, wenn die Partei nicht eine ernsthafte Aktion in den Gewerkschaften mit dem Slogan beginnt, dass die Arbeiter den Staat in die eigenen Hände nehmen sollten und dass sie dazu ihre eigene unabhängige Labor Party brauchen. Ein energischer Schritt in diese Richtung würde sicherlich all die Missverständnisse und Unzufriedenheiten zerstreuen und die Partei vorantreiben. 2. In dieser wie in allen anderen Fragen ist es absolut notwendig, unserer Propaganda-Agitation einen konzentrierteren und systematischeren Charakter zu geben. So wäre es beispielsweise notwendig, alle lokalen Komitees zu verpflichten, dem Nationalkomitee innerhalb eines Monats einen kurzen Bericht über ihre Verbindungen zu den Gewerkschaften, die Möglichkeiten der Arbeit in den Gewerkschaften und insbesondere die Agitation in den Gewerkschaften für eine unabhängige Labor Party vorzulegen. Die Gefahr besteht darin, dass die Frage der Labor Party zu einer reinen Abstraktion wird. Die Grundlage für unsere Tätigkeit sind die Gewerkschaften – die Frage der Labor Party kann nur insoweit Fleisch und Blut erlangen, als wir in den Gewerkschaften verwurzelt sind. Ein ernsthafter Beginn unserer Arbeit in den Gewerkschaften führte uns zum Slogan einer Labor Party. Jetzt ist es notwendig, den Slogan der Labor Party zu verwenden, um unsere Partei noch stärker in die Gewerkschaften zu drängen. Die Antworten der lokalen Organisationen sollten in einer Reihe von Artikeln und Rundschreiben des Nationalkomitees mit konkreten Anweisungen, Ratschlägen und so weiter untersucht und ausgearbeitet werden. 3. Sehr wichtig in dieser Hinsicht ist die Haltung des Socialist Appeal. Er ist zweifellos eine sehr gute marxistische Zeitung, aber er ist noch kein echtes Werkzeug der politischen Aktion. Die Verbindung der Zeitung mit der realen Aktivität der Partei ist zu locker. Diese Lockerheit1 wird nicht so sehr durch die literarischen Vorstellungen der Redaktion bestimmt, sondern durch den verstreuteten, unkonzentrierten Charakter der Tätigkeit der gesamten Partei. Es ist notwendig, für eine bestimmte Zeit einen Plan für eine politische Kampagne zu erstellen und diesem Plan die lokalen Organisationen, den Socialist Appeal und die New International unterzuordnen. Es scheint uns hier, dass die Labor Party eines der Elemente einer solchen Kampagne sein kann, unter der Bedingung, dass der Schwerpunkt auf unsere Arbeit in den Gewerkschaften gelegt wird. 4. Wir hier waren enttäuscht über die unerklärliche Passivität unserer Partei gegenüber der patriotischen, imperialistischen Wendung der Kommunistischen Partei. Das größte Hindernis für die revolutionäre Bewegung und damit das größte Hindernis für die Entwicklung unserer Partei und ihren Erfolg in den Gewerkschaften ist zweifellos der Stalinismus. Der Kampf gegen diesen perfiden Feind des Proletariats sollte auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig und mit kombinierten Mitteln geführt werden. Die Untersuchung des Dies-Komitees bot uns eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Handeln, aber diese Gelegenheit blieb fast völlig ungenutzt. Wir hätten energisch und leidenschaftlich das Recht der Kommunistischen Partei auf Unamerikanismus verteidigen sollen; es war unsere grundlegende demokratische Pflicht. Gleichzeitig war es notwendig, ihre perfide Wendung von einer unamerikanischen (internationalistischen) Position zu einer amerikanischen (chauvinistischen) zu entlarven. Es war absolut notwendig, jedes Mitglied unserer Partei mit Zitaten aus den Resolutionen und dem Programm der Komintern und ihrer ersten vier, ja sogar sechs Kongresse zu versorgen und diesen Dokumenten die jüngsten Erklärungen, Reden und so weiter gegenüber zu stellen. Diese Arbeit hätte in sehr systematischer, detaillierter Form erfolgen müssen, mit zwei oder drei Artikeln in jeder Ausgabe des Socialist Appeal, mit synthetischeren Artikeln in der New International, mit einem speziellen Handbuch für unsere Agitatoren, einschließlich Zitaten, Anweisungen usw. Ich habe versucht, die Redaktion des Socialist Appeal für diese Frage zu interessieren, aber ohne Erfolg. Sie gaben etwas über die Angelegenheit (aus Olgins Artikeln), aber nichts weiter. Ich glaube, dass diese schwerwiegende Auslassung jetzt bis zu einem gewissen Grad korrigiert werden könnte. Eine solche konzentrierte und systematische Kampagne könnte für zwei oder drei Monate festgelegt werden und hätte den größten erzieherischen Wert für unsere eigenen Genossen, insbesondere für die Jugend. Es ist auch eine der Möglichkeiten, sie auf den bevorstehenden Krieg vorzubereiten. 5. Glauben Sie nicht, dass es jetzt an der Zeit wäre, ein spezielles Parteikomitee für die Arbeit unter den Frauen zu schaffen, mit einer besonderen Beilage des Socialist Appeal und einigen Artikeln in der New International, die die Lage der Arbeiterinnen2 in der Krise beleuchten? Ich werde mit großem Interesse Ihren Brief über das internationale Treffen sowie über den Zustand unserer Partei erwarten, wie Sie ihn bei Ihrer Rückkehr vorgefunden haben. Mit besten Grüßen, mit Genossengruß, Hansen (Trotzki) 1In der französischen Übersetzung: „dieser Charakter“ 2In der französischen Übersetzung: „werktätigen Frauen“ |
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