Leo Trotzki: Brief an Gérard Rosenthal (8. Dezember 1938) [eigene Übersetzung nach dem französischen Text, dort unter dem Titel „Historique de l'affaire Sieva“, Geschichte der Siewa-Angelegenheit] Werter Maître und Freund, Dieser Brief stellt eine vollständige Vollmacht dar, um Ihnen zu ermöglichen, sich in meinem Namen mit dem Fall meines Enkels Wsewolod (Siewa) Wolkow zu befassen, der sich derzeit bei Frau Jeanne Martin des Pallières befindet. Ich möchte Ihnen einen kurzen Hintergrund zu diesem Fall schildern. Nach dem Tod meiner Tochter Sinaida, der Mutter Siewas, im Januar 1933 in Berlin, wurde Siewa von meinem verstorbenen (16. Februar 1938) Sohn, Leo Sedow, aufgenommen, der damals in Berlin in einer eheähnlichen Gemeinschaft mit Frau Martin des Pallières zusammenlebte. Nach verschiedenen Wechselfällen im Zusammenhang mit der Machtergreifung des Nazi-Regimes in Deutschland, während denen Siewa momentan von meinem Sohn getrennt wurde, fand er sich 1934 in Paris wieder bei ihm. Seit dem Tod meines Sohnes stellt sich natürlich die Frage, wo Siewa wohnen werde. Frau Martin schrieb mir am 17. März dieses Jahres zum Thema Siewa: „Ich habe keine gesetzlichen Rechte an ihm, aber vielleicht viele moralische Rechte. Sei's drum, wenn Sie es fordern, gebe ich ihn Ihnen. Aber Sie sollten wissen, egal wie hart es sein mag, sollte man immer noch wissen, dass ich ein Herz habe und dass man nicht unnötig darauf oder damit spielen sollte. Wenn Sie mir Siewa nehmen, wird es für immer sein" etc. Und sie bestand sehr darauf, dass die Antwort schnell und eindeutig sein sollte. Als Antwort darauf habe ich Frau Martin des Pallières eingeladen, nach Mexiko zu kommen, um mit meiner Frau und mir alle offenen Fragen zu besprechen und eventuell mit uns zusammen mit Siewa zu leben. Ich sah keine andere Möglichkeit, das Problem zu lösen. Sie konnte mit jener überschwänglichen etwas überzogenen Brutalität schreiben, die ihr eigen ist: „Sie lassen ihn mir oder Sie nehmen ihn mir, aber sofort und für immer.“ Ich weiß sehr wenig über Frau Martin des Pallières und was ich weiß, hat mich nicht mit dem unbegrenzten Vertrauen inspiriert, das sie von mir forderte. Es handelt sich um das Schicksal eines Kindes, dessen Vater, der seit fast fünf Jahren vermisst wird, vielleicht noch in einem Gefängnis Stalins lebt und eines Tages seine Rechte präsentieren kann. In seiner Abwesenheit liegen alle formalen Rechte in meinen Händen. Frau Martin kennt sie selbst. Ich war durchaus bereit, die moralischen Rechte, die sie nur als Lebensgefährtin meines Sohnes besaß, anzuerkennen, aber ich kann meinen Enkel, das einzige Wesen, das mir von meiner ganzen Familie verblieben ist, nicht als ein Objekt betrachten, das ich „sofort und für immer" Frau Martin zum Geschenk machen kann, die seit der Zeit, als sie ihren Brief schrieb, alles getan hat, um in mir das größte Misstrauen gegenüber ihrem Charakter und ihrer Einstellung zu wecken. Am 19. September habe ich über Frau Martin einen Brief an Siewa geschickt. Sie sagte meinen Freunden Marguerite und Alfred Rosmer, dass sie ihn nicht erhalten habe. Das ist nicht wahr. Der eingeschriebene Brief kam nie wieder zurück. Auch die Kopie, die Frau Marguerite Rosmer an Frau Martin geschickt hat, hatte das gleiche Schicksal. Ich habe nie eine Antwort erhalten. Ich füge hier einige Kopien dieses Briefes für Ihre mögliche Verwendung bei. Zu Lebzeiten unseres Sohnes hatten wir immer regelmäßige Informationen über Siewa und Briefe von ihm. Nun ist es praktisch eine gewaltsame Freiheitsberaubung des Kindes durch Frau Martin, die nach ihrer eigenen Formel „keine gesetzlichen Rechte" an ihm hat. All meine Versuche, dieses Problem gütlich zu lösen, meine wiederholten Vorschläge, nach Mexiko zu kommen, mein immer dringenderes Drängen, mit dem Jungen hierher zu kommen oder ihn mit meinen Freunden zu schicken – all das hat zu nichts geführt. Trotz allem bin ich bereit, auch jetzt noch alles zu tun, um die moralischen Rechte von Frau Martin neben meinen legalen und moralischen Rechten zu befriedigen. Aber ich „gebe" ihr den Jungen nicht, jetzt weniger denn je. Wenn Frau Martin mit dem Jungen hierher kommt, hat sie die Rechte eines Mitglieds unserer Familie an ihm, nicht weniger, aber nicht mehr. Andernfalls muss Siewa so schnell wie möglich hierher kommen, d.h. sobald Sie die rechtlichen Formalitäten erledigt haben. Wenn Frau Martin die Entscheidung weiterhin mit Ausflüchten, falschen Versprechungen sabotiert, wie sie es bisher getan hat, bitte ich Sie, lieber Maître, unverzüglich rechtliche Schritte einzuleiten. Die notwendigen Schritte für das mexikanische Visum Siewas werden derzeit unternommen und werden in wenigen Tagen problemlos abgeschlossen sein. Materielle Vorkehrungen für seine Reise müssen von Marguerite und Alfred Rosmer getroffen werden, im Einvernehmen mit Frau Martin, wenn sie sofort zustimmt, unabhängig von ihr, wenn sie widerspricht. Mit dem nächsten Brief sende ich Ihnen die fotostatische Kopie von Frau Martins zitiertem Brief. P.S. Ich schicke Ihnen eine zusätzliche Kopie dieses Schreibens, damit Sie sie an Frau Martin übermitteln können, mit einer Frist von 24 oder höchstens 48 Stunden, um endgültig zu antworten, bevor rechtliche Schritte unternommen werden. |
Leo Trotzki > 1938 >