Leo Trotzki: Brief an Dwight MacDonald [eigene Übersetzung nach Архив Троцкого. Том 9, Charkow 2013, S. 22-24, verglichen mit der französischen Übersetzung in Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, p. 99-101, Hervorhebungen von dort] Mr. Dwight MacDonald New York, NY 20. Januar 1938 Lieber Herr MacDonald, Ich werde ganz offen mit Ihnen sprechen, denn Schweigen oder unaufrichtiges halbes Lob würde Respektlosigkeit gegenüber Ihnen und Ihrem Unternehmen bedeuten. Mein allgemeiner Eindruck ist, dass die Redakteure von Partisan Review fähige, gebildete und intelligente Leute sind, dass sie aber nichts zu sagen haben. Sie suchen nach Themen, die niemanden beleidigen können, aber sie können niemandem etwas geben. Ich habe nie beobachtet oder gehört, dass eine Gruppe mit dieser Art von Stimmung erfolgreich war, das heißt, Einfluss gewann und Spuren in der Geschichte des Denkens hinterließ. Am Rande: Ich befasse mich überhaupt nicht mit dem Inhalt Ihrer Ideen (sei es nur, weil ich ihn in Ihrem Journal nicht sehe). „Unabhängigkeit" und „Freiheit" sind zwei Leerstellen. Aber ich bin bereit zuzugeben, dass „Unabhängigkeit" und „Freiheit", wie Sie sie verstehen, echte kulturelle Werte darstellen. Perfekt! Aber dann müssen Sie sie mit einem Schwert oder zumindest mit einer Peitsche in Ihrer Hand beschützen. Jede neue künstlerische oder literarische Richtung (Naturalismus, Symbolismus, Futurismus, Kubismus, Expressionismus, etc.) begann mit einem „Skandal", zerschlug vielen altes ehrwürdiges Geschirr und verpasste ehrbaren Autoritäten blaue Flecke. Dies ergab sich nicht nur aus den Suche nach Reklame (obwohl es daran keinen Mangel gab). Nein, diese Leute – Künstler ebenso wie Literaturkritiker – hatten etwas zu sagen. Sie hatten Freunde, sie hatten Feinde, sie kämpften und das bewies ihr Existenzrecht. Was Ihre Publikation anbelangt, so scheint sie hauptsächlich ihre Seriosität beweisen zu wollen. Sie verteidigen sich vor den Stalinisten wie sittsame junge Leute, die von Flegeln beleidigt werden. „Warum greifen sie uns an?" Beschweren Sie sich, "weil wir nur eines wollen: leben und leben lassen?" Diese Art Richtung kann nicht erfolgreich sein. Natürlich gibt es viele enttäuschte „Freunde der UdSSR" und generell langweilige Intellektuelle, die sich einmal die Finger verbrannt haben und vor allem Angst haben, sich zu engagieren. Diese Leute werden Ihnen lauwarme und verständnisvolle Briefe schicken, aber sie werden den Erfolg des Journals nicht garantieren, denn ein ernster Erfolg basiert nie auf politischer, kultureller und ästhetischer Desorientierung. Ich würde gerne hoffen, dass dies nur ein vorübergehender Zustand ist und dass die Herausgeber von Partisan Review aufhören werden, vor sich selbst Angst zu haben. Ich muss jedoch sagen, dass der Sammelband, die Sie planen, diese meine Hoffnungen keineswegs stärken kann. Sie stellen die Frage nach dem Marxismus, als würden Sie eine Geschichte mit einer leeren Seite beginnen. Der Titel des Sammelbandes klingt furchtbar protzig und zugleich leer. Die meisten Autoren, die Sie einladen, haben durch ihre Vergangenheit – leider! – ihre völlige Unfähigkeit zum theoretischen Denken erwiesen. Einige von ihnen sind politisch tot. Wie können Tote mit der Entscheidung beauftragt werden, ob der Marxismus lebt? Nein, ich lehne kategorisch ab, an dieser Art von Unternehmen teilzunehmen. Ein Weltkrieg nähert sich. Der innere politische Kampf in allen Ländern hat die Tendenz, sich in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. In allen Bereichen der Kultur und Ideologie wirken Ströme von höchster Spannung. Sie wollen anscheinend ein kleines kulturelles Kloster schaffen, das durch Skepsis, Agnostizismus und Respektabilität vor der Außenwelt geschützt ist. Ein solches Unternehmen eröffnet keine Perspektiven. Es ist durchaus möglich, dass der Ton dieses Briefes Ihnen scharf, inakzeptabel und sektiererisch erscheinen wird. In meinen Augen wäre dies nur ein zusätzlicher Beweis dafür, dass Sie eine friedliche Zeitschrift veröffentlichen und nicht aktiv am geistigen Leben unserer Epoche teilnehmen möchten. Wenn Sie meinen, dass mein "sektiererischer" Ton im Gegenteil kein Hindernis für den weiteren Meinungsaustausch ist, dann stehe ich Ihnen voll und ganz zu Diensten. [L. D. Trotzki] |
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