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Leo Trotzki 19380920 Brief an den Ermittlungsrichter

Leo Trotzki: Brief an den Ermittlungsrichter

(20. September 1938)

[eigene Übersetzung nach dem französischen Text, dort unter dem Titel „Sur le Témoignage de Jeanne Martin“, Über die Zeugenaussage von Jeanne Martin, verglichen mit der englischen Übersetzung]

Herr Richter,

Ich habe gerade die Information erhalten, dass Frau Jeanne Martin des Pallières von sich aus in die Untersuchung des Verschwindens von Rudolf Klement eingegriffen hat und dass sie anhand der Fotos der Leiche [der Brücke] von Meulan1 den Wert der Aussagen der Herren Pierre Naville und Jean Rous in Frage gestellt hat.

Ich kann mir natürlich keine Meinung über die Identität der Leiche von Meulan und damit über den materiellen Wert der ihn betreffenden Zeugenaussagen erlauben. Aber ich fühle, dass es meine schmerzhafte Pflicht ist, Ihnen, Herr Richter, einige Informationen zur Verfügung zu stellen, die für Sie bei der Beurteilung der verschiedenen Zeugenaussagen nützlich sein können.

Pierre Naville und Jean Rous kannten Rudolf Klement sehr gut und mussten durch Umgang, Gespräche und Zusammenarbeit einen sehr genauen Eindruck von seinem Äußeren, seinem Charakter und seiner Handschrift gewinnen.

Die Lage von Frau Jeanne Martin des Pallières ist ganz anders. Obwohl sie eine enge Freundin meines verstorbenen Sohnes Leo Sedow war, gehörte sie zu einer politischen Gruppe, die der Organisation von Leo Sedow, Rudolf Klement und der Herren Pierre Naville und Jean Rous äußerst feindlich gesinnt ist. Dieser Feindseligkeit hat sie immer wieder einen recht lebendigen Ausdruck gegeben, auch zu Lebzeiten Leo Sedows. Seit seinem Tod befindet sie sich in einem Zustand der mentalen und moralischen Unausgeglichenheit2. Alle Briefe, die ich von ihr erhalten habe, sowie viele ihrer Handlungen, zeigen dies zweifellos. Sie wusste sehr wenig über Rudolf Klement. In einem ihrer Briefe an mich fragte sie mich, wer Camille sei, der Name, den Rudolf Klement fast ein Jahr lang verwendete. Gleichzeitig hatte sie einen persönlichen Hass auf diesen Mann, den sie kaum gekannt hatte. All dies kommt in ihren Briefen an mich mit äußerster Leidenschaft zum Ausdruck.

Die politische Gruppe, der Frau Jeanne Martin des Pallières angehört, hatte ihre eigenen Gründe, den Hass gegen Rudolf Klement zu nähren (siehe ihr Organ, La Commune). Für diese Gruppe ist es zu einer Ehrensache geworden, zu zeigen, dass Rudolf Klement seine Organisation verraten habe, d.h. dass diese Gruppe versucht, die Version zu unterstützen, mit der die GPU versucht, ihr Verbrechen zu decken.

Ich habe in diesem Fall nur ein einziges Interesse, Herr Richter, die Wahrheit über den Tod des unglücklichen Rudolf Klement festzustellen. Es ist dieses Interesse, das mich zwingt, Ihnen gegenüber Enthüllungen zu machen, die ich unter anderen Umständen lieber vermeiden würde. Ich kenne die Leiche von Meulan nicht. Aber ich kannte und kenne Rudolf Klement, die Herren Pierre Naville und Jean Rous sowie Jeanne Martin des Pallières sehr gut. Und wenn ich zwischen den gegensätzlichen Aussagen von Frau Jeanne Martin des Pallières einerseits und Herrn Pierre Naville und Herrn Jean Rous andererseits wählen müsste, würde ich letzteren jedes Vertrauen schenken.

Bitte akzeptieren Sie, Herr Richter, den Ausdruck meiner hochachtungsvollsten Gefühle.

1In der englischen Übersetzung „Melun“

2In der englischen Übersetzung „war sie mental und moralisch instabil“

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