Leo Trotzki: Brief an Charles Walker (15. März 1938) [eigene Übersetzung nach der französischen Übersetzung in Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, pp. 321 f., unter dem Titel „Les Livres à écrire“, Die zu schreibenden Bücher] Sehr geehrter Herr Walker, Ich verstehe sehr gut die Zweifel der Herausgeber an meiner „Effizienz und Pünktlichkeit". Die Lage war bei meiner Autobiographie und den drei Bänden der Geschichte der Russischen Revolution ganz anders. Meine Arbeitsfähigkeit ist in keiner Weise vermindert. Im Gegenteil, das Klima Mexikos ist für mich so günstig, dass ich eine höhere Produktivität bei der Arbeit habe als in Frankreich oder Norwegen. Meine Langsamkeit resultierte aus unvermeidbaren objektiven Faktoren, die von einer höheren Gewalt herrührten. Es ist nicht leicht, in der Geschichte einen anderen Autor zu finden, der die Bedingungen kennt, die ich seit zwei Jahren kenne: Internierung, Vertreibung in die Neue Welt, drei Prozesse in Moskau, zwei Söhne in Lebensgefahr und die Notwendigkeit, gegen eine Welt von Feinden und gegen eine fehlgeleitete Weltmeinung zu kämpfen. Jetzt ist die Situation ganz anders. Das Arsenal des Feindes ist völlig erschöpft. Die Widerlegung des ersten und zweiten Prozesses dauerte fast zwei Jahre, einschließlich meiner Arbeit für die Untersuchungskommission, des Berichts und meines französisches Buch Stalins Verbrechen. Dieser letzte Prozess erfordert keine Widerlegung. Der radikale Wendepunkt der öffentlichen Meinung ist eine vollendete Tatsache. Es ist nicht länger notwendig für mich, die Existenz oder Nichtexistenz des Hotels Bristol oder des Pjatakow-Flugzeugs usw. zu untersuchen. Was die Weltöffentlichkeit jetzt verstehen will, ist: Wer ist Stalin? Wie wurde er, was er ist? Was ist seine wahre Beziehung zu Lenin? Wer war Lenin in Wirklichkeit? Die Weltöffentlichkeit geht nun von Gefühlsverwirrungen zu einer historischen und psychologischen Untersuchung der Quellen über, die diese Empfindungen hervorgebracht haben. In diesem Sinne decken sich meine literarischen und politischen Interessen mit den historischen und psychologischen Interessen der Weltöffentlichkeit. Ich denke, es ist jetzt meine Pflicht, nicht nur gegenüber den Verlegern, sondern gegenüber jedem, der darüber nachdenkt, die Wahrheit über Stalin und Lenin zu erklären. Die beiden Bücher werden natürlich in ihrer Größe und ihrer historischen Verständlichkeit völlig unterschiedlich sein: Das Buch über Stalin (etwa 80.000 Wörter) könnte in sechs Monaten geschrieben werden, so dass es im Herbst in Druck gehen und vor dem neuen Jahr oder sogar vor Weihnachten erscheinen könnte. Das Buch über Lenin wird maximal ein Jahr benötigen: Alle Kapitel liegen mir in Form von Ordnern mit Zitaten, Daten, Bemerkungen und sogar Seiten vor. Zwei Kapitel sind fast fertig. Das ist die Lage. Ich glaube nicht, dass das Risiko für den Verleger sehr hoch ist. |
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