Leo Trotzki: Brief an Alfred Rosmer 14. Mai 1938 [eigene Übersetzung nach Léon Trotsky, Œuvres 17, mars 1938 a juin 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1984, S. 234 f., dort unter dem Titel „L’Enquête“, Die Untersuchung] Lieber Freund, Wir haben Ihnen die Vollmacht geschickt und ich hoffe, Sie haben sie jetzt erhalten. Jeanne hatte uns, fast zur gleichen Zeit wie Sie, einen weiteren Vollmachtstext mit einem anderen Namen als Anwalt geschickt. Aber ich hoffe, dass die versendete Vollmacht die gesamte Aufgabe abdeckt und dass Sie mit Jeanne auf jeden Fall in dieser Frage zurechtkommen werden. Jeanne findet, dass unsere Kommission auf dem Feld der Ermittlung nicht tätig ist. Zum Beispiel erzählt sie uns, dass Dr. Simkovs zwei Söhne vermisst werden, dass Verdacht gegen die Krankenschwester besteht und so weiter. Es ist durchaus möglich, dass sie in ihrer Nervosität diese oder jene Tatsache übertreibt, aber aus der Ferne bin ich eher geneigt, meinen ersten Verdacht aufrechtzuerhalten. In der Klinik gab es zumindest eine kriminelle Nachlässigkeit seitens der Leiter: Ljowas nächtlicher Spaziergang, sein Besuch bei einem anderen Patienten, die Geschichte von der Orange, die er aß – all das ist ein unwiderlegbarer Beweis. Diese Mahlzeit war vielleicht genug, um ihn zu töten, genauso wie das Stück Eis, an dem er lutschte, während er allein blieb. Diese Nachlässigkeit hat sehr wohl einem GPU-Agenten ermöglicht, ihn bewusst zu töten. Auf der anderen Seite deckt die Verwaltung der Klinik, um ihre eigene Nachlässigkeit zu decken, beiläufig ein mögliches Verbrechen der GPU. Auf jeden Fall stellte Dr. Thalheimer im kritischen Moment die Frage nach einem möglichen Selbstmord. Was ist mit dieser Frage passiert? Ich bekam bis jetzt keine Erklärung. Die Presse hat jedoch die Aussage des Genossen Gérard wiedergegeben, dass er nicht an ein Verbrechen glaube. Ich fand und finde diese Aussage, erst recht vom Rechtsanwalt des Nebenklägers, unerklärlich und gefährlich.1 Sie konnte nur den Behörden, die in ziemlicher Verlegenheit waren, eine Beerdigung des Falles erleichtern. Ich habe Jeanne geschrieben, dass ich nichts mit den Aktionen eines von ihr hinzugezogenen bürgerlichen Rechtsanwalts zu tun haben kann. Auf der anderen Seite möchte ich, dass unser Komitee die von Jeanne formulierten Hinweise und Verdächtigungen mit der nötigen Energie klärt. Ich weiß nicht, wie die New Yorker Kommission auf Ihren Vorschlag reagiert hat, den letzten Prozess zu untersuchen. Ich denke, die Begründung war eher negativ. In diesem Fall müssen wir die Archive in Paris möglicherweise nicht durchsehen. Außerdem hatte ich es für notwendig gehalten, die Dokumente in Paris nur während des Prozesses und unmittelbar danach durchzusehen. Ich glaube jetzt, dass wir die Dokumente einfach so senden sollten, wie sie sind, um sie mit anderen zu klassifizieren und sie gegebenenfalls systematischer zu verwenden. Die in den vorhergehenden Briefen erwähnte „Freundin" oder „Freund" ist Cannon oder seine Frau oder Shachtman, die bald aufbrechen müssen. Die mexikanische Regierung hat die Beziehungen zu England abgebrochen. Die Leute hier haben wirklich Mut. Bravo! 1 Laut Fußnote der Œuvres hat Rosenthal kategorisch bestreiten, eine derartige Aussage gemacht zu haben. |
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