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Leo Trotzki 19380127 Brief an Alexis Bardin

Leo Trotzki: Brief an Alexis Bardin

(27. Januar 1938)

[eigene Übersetzung nach Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, p. 121-123, unter dem Titel „Journal ouvrier et revue théorique“, Arbeiterzeitung und theoretische Zeitschrift]

Mein guter, lieber Freund,

Ich erhielt Ihr großes Paket mit Fabrikzeitungen, Flugblättern usw. und danke Ihnen herzlich. Dies ist die einzig richtige Weise für eine schwache Organisation mit einer kleinen Zeitung, sich den weniger gebildeten Massen zu nähern und gleichzeitig ihre theoretische Konzeption nicht nur zu behalten, sondern auch immer zu vertiefen. In der Organisation von Propaganda und schriftlicher Agitation gibt es auch eine gewisse Art von „demokratischem Zentralismus". Sie nähern sich den Arbeitern mit den Forderungen, den einfachsten Losungen, die direkt dem Leben der Fabrik entnommen sind. Sie müssen nicht bei jeder Gelegenheit, das heißt in jedem Artikel, Schlüsse ziehen. Alles zu seiner Zeit. Aber um diese verstreute, „demokratische" Arbeit leisten zu können, muss das Denken der Partei zentralisiert genug sein, von einem Labor inspiriert sein, in dem alle Fragen, auch die kompliziertesten, analysiert und getestet werden. Die Bank von Frankreich muss gelegentlich ihre Goldreserven erneuern, damit die umlaufende Geldmenge nicht zu einer Inflation führt.

Ich kenne die aktuelle Auflage von La Lutte nicht – jedenfalls unter zehntausend. Aber es gibt Zehntausende von Arbeitern in Frankreich, die nicht nur einen Artikel mit einer breiteren Perspektive verstehen, sondern gerade von der Arbeiterpresse eingehende Antworten auf die komplizierten Fragen der Weltlage verlangen.

Erinnern wir uns an die Diskussion mit der Molinier-Gruppe über die Massenzeitschrift. Die Broschüre unseres armen N. Braun sagt viele ausgezeichnete Dinge darüber. Indem ihr das Zentralorgan der Partei in ein Art Fabrikzeitung verwandeln würdet, würdet ihr niemals die Masse erreichen, aber ihr würdet euer Gesicht verlieren und damit eure eigenen Mitglieder.

Die Tatsache, dass Craipeau etwa ein Drittel (er selbst behauptet 40%) der Parteimitglieder haben kann, ist ein besorgniserregendes Symptom politischer Degradierung. Craipeau ist persönlich ein ausgezeichneter Genosse (aufrichtig, hingebungsvoll), aber ich fürchte, dass er sich mehr und mehr auf den Vereecken-Weg macht, das heißt in die Sackgasse.

Ich bin sehr besorgt über die internen Diskussionen des belgischen Zentralkomitees. Wie das Evangelium sagt, werden die Mücken ausgesiebt und die Kamele verschluckt. Ich glaube, dass die Schwierigkeiten der belgischen Sektion weitgehend durch das Fehlen einer theoretischen Zeitschrift in französischer Sprache erklärt ist. Die Wichtigkeit dieser Frage kann nicht genug betont werden. Das Wetter ist stürmisch, die Massen sind besorgt, die intelligentesten Arbeiter versuchen besonders zu verstehen, und wir können sie nicht durch die Wiederholung von Tageslosungen befriedigen. Ihr müsst ihnen eine vollständige Antwort geben. Ein Dutzend, etwa hundert Arbeiter dieses Kalibers, die von unserer allgemeineren Auffassung überzeugt sind, können uns Zehntausende von Basisarbeitern bringen.

All dies ist nicht gegen die Massenarbeit gerichtet. Unsere Arbeit in den Gewerkschaften ist absolut entscheidend. Die schwerste Schuld der Genossen von Borinage war es, ihre Zeit, ihre Bemühungen und ihr Prestige verloren zu haben, indem sie „Gewerkschaften" für ihre eigene Befriedigung schufen. Sie wurden nicht von einer Erfahrung eines Jahrzehnts inspiriert, nicht von den Lehren der ersten Kongresse der Kommunistischen Internationale, nicht von den Entscheidungen der Vierten Internationale, sondern vom Beispiel Sneevliets, des Bürokraten ohne Programm oder Prinzipien. Die Arbeit in den reformistischen Gewerkschaften muss, wiederhole ich, an erster Stelle stehen. Damit diese Arbeit wirklich revolutionär ist, muss die Partei ein gutes Zentralorgan und eine theoretische Zeitschrift haben. Glauben Sie nicht, dass die französische Sektion mit der belgischen Sektion (vielleicht auch der Genfer Gruppe) die Existenz einer monatlichen theoretischen Zeitschrift gewährleisten könnte? Ist der „Internationalismus", auf den man sich in Worten beruft, nicht genug für eine solche Verwirklichung? Es handelt sich jedoch um die Existenz der französischen Sektion und der belgischen Sektion.

Ich weiß nicht, ob die französischen Genossen genug Gelegenheit haben, dem Leben in unserer Sektion in den Vereinigten Staaten zu folgen. Sie haben bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Das Niveau ihrer Diskussionen war sehr hoch und die Konferenz resultierte in fast vollständiger Einstimmigkeit mit sehr erhöhter Autorität der Führung. Ich erinnere mich der Skandale, die Sneevliet gegen den Eintritt der Amerikaner in die Sozialistische Partei machte. Er schimpfte gegen die Zweite Internationale, Opportunismus und so weiter. Natürlich wiederholte Vereecken all diese Vorwürfe. Die US-Sektion ist jedoch die einzige, die spürbare Fortschritte gemacht hat und echte politische Reife zeigt.

Ich habe gerade die Nummer 4 der Quatrième Internationale erhalten. Sie ist sehr erfreulich. Aber trotz aller feierlichen Versprechen haben wir nicht die geringste Hoffnung, dass Nummer 5 bald kommt. Die einzige Möglichkeit, eine regelmäßige Publikation zu gewährleisten, ist meines Erachtens eine Koalition mit den Belgiern.

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