Leo Trotzki: Antwort auf Fragen über die UdSSR [von Frau Henriette Célarié] (6. März 1938) [eigene Übersetzung nach Léon Trotsky, Œuvres 16, janvier 1938 – mars 1938. Institut Léon Trotsky, Paris 1983, pp. 267-269, verglichen mit der englischen Übersetzung, dort sind nur die Antworten wiedergegeben] Was unterscheidet Trotzkis Politik in ihren wesentlichen Punkten von der Stalins? Es ist sehr schwierig, Madame, die unversöhnlichen Differenzen, die zwischen Stalins Politik und meiner bestehen, in einer kurzen Form auszudrücken. Ich habe darüber hinaus diese Frage in meinem Buch Verratene Revolution (Grasset, 1936) ausführlich behandelt. Wenn Sie mir erlauben, eine lapidare Formel zu verwenden, werde ich sagen, dass meine Politik die Interessen der arbeitenden Massen vertritt, jene, die die Oktoberrevolution gemacht haben. Stalins Politik vertritt die Interessen der Bürokratie, dieser neuen Emporkömmlingskaste, die das Volk beherrscht und unterdrückt. Der Hass der Volksmassen gegen die Bürokratie ist das vorherrschende Gefühl in der UdSSR. Eine schreckliche Angst der Bürokratie vor dem Volk ist das Ergebnis. Zitternd um ihre unbegrenzte Macht und wachsenden Privilegien versucht diese Bürokratie jeden Widerstand, jede Kritik, jeden Ausdruck von Unzufriedenheit im Keim zu ersticken. Aber da sie dem Volk nicht sagen kann, dass das Verbrechen der Opposition darin besteht, mehr Freiheit, mehr Wohlstand für die Arbeiter der Städte und des Landes zu verlangen, muss sie den Gegnern Verbrechen zuschreiben, die in den Augen des Volkes als Rechtfertigung für Repression dienen können. Dies ist der Ursprung des sensationellen Moskauer Prozesses. Sie sind nicht vom Himmel gefallen. Ihre Geschichte ist schon lang genug. Schon 1923 oder 1924 begann die herrschende Schicht, die Opposition zu diffamieren und zu verleumden, indem sie ihr Ziele zuschrieben, die entgegensetzt zu ihren eigentlichen Zwecken waren. Diese systematische Fälschung war möglich dank des totalitären Regimes, das die Konzentration der Kontrolle der Presse in den Händen der herrschenden Clique erlaubt. Indem er die Verleumdungen und Fälschungen von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat vergrößerte, schaffte es Stalin, die öffentliche Meinung zu vergiften und der Opposition Ziele und Methoden anzudichten, die in ihrer Abscheulichkeit, Grausamkeit und Absurdität unvorstellbar sind. Nach dieser Vorbereitung, die mindestens zehn1 Jahre dauerte, ging man an die Inszenierung des in den Kellern der GPU vorbereiteten Prozesses. Was soll man von den von Stalin angestrengten Säuberung genannten Prozessen halten? Diesen Prozessen, Madame, widmete ich ein weiteres Buch, Stalins Verbrechen, das vor ein paar Monaten in französischer Sprache bei Bernard Grasset erschien. Es scheint mir, dass ich in diesem Buch eine ausreichende Erklärung gegeben habe, sowohl politisch als auch psychologisch, der zugleich theatralischen, perfiden und schrecklichen Justizfarcen, die in Moskau seit Ende 1934 aufeinanderfolgen. Was kann man von der Einmütigkeit halten, mit der sich die Angeklagten schuldig bekannten? Die Einmütigkeit, mit der sich die Angeklagten schuldig bekannten? Die allgemeine Erklärung ist sehr einfach. Alle Hexen gaben sich selbst in die Hände der Heiligen Inquisition. Sie zeigten sogar mit peinlicher Genauigkeit Ort und Zeit ihres nächtlichen Geschäfts mit dem Teufel an. Die menschlichen Nerven haben sich seit dem Mittelalter nicht wesentlich verändert. Sie können einem Druck, der eine bestimmte Grenze überschreitet, nicht standhalten. Ist es körperliche Folter? Nicht im brutalen Sinne des Wortes. Die Technik der Inquisition hat sich modernisiert, bleibt aber grundsätzlich gleich. Verhaftete Personen werden vollständig isoliert. Sie erhalten nur die offizielle Presse, die gegen sie schreit und täglich ihren Tod fordert. Sie werden unter dem hypnotisierenden Licht mächtiger Suchscheinwerfer fast ununterbrochen ohne Unterbrechung für 24 Stunden oder mehr verhört. Man verhaftet ihre Frauen, ihre Mütter, ihre Kinder und fordert ein Geständnis als Lösegeld für die Freilassung der Geiseln. Die widerspenstigsten Isolierten werden während des vorbereitenden Untersuchung erschossen, um den anderen eine Lehre zu erteilen. So wurden während der Vorbereitung des letzten Prozesses der ehemalige sowjetische Botschafter Karachan und der ehemalige Sekretär des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets Jenukidse ohne Urteil erschossen, weil sie sich weigerten, sich Verbrechen schuldig zu bekennen, die sie niemals begangen hatten. In einem totalitären Regime, in dem Richter, Verteidiger und Presse derselben Person gehorchen, erweisen sich die eben beschriebenen Verfahren als wirksam bei der Durchführung der jüngsten Gerichtsentscheidungen. Wie sieht Herr Trotzki – soweit man es sagen kann – die für Russland bestimmte Zukunft? Ihre letzte Frage, Madame, über die Zukunft der UdSSR ist ebenso schwer zu beantworten wie Ihre erste Frage zur Politik Stalins und der Opposition. Diese beiden Fragen sind eng miteinander verbunden. Ich verweise noch einmal auf die beiden genannten Bücher, in denen ich versucht habe, der französischen Öffentlichkeit einen möglichst vollständigen Bericht über die wirkliche Lage der UdSSR, über mein Programm und über die Art und Weise, wie ich mir die Zukunft vorstelle, zu geben. Ich kann hier nur sagen, dass Stalins Regime nicht andauern kann. Er ist in einer Sackgasse auf allen Seiten blockiert. Die Moskauer Prozesse sind nur die Zuckungen eines sterbenden Regimes. Was kann es ersetzen? Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder Stalin wird von den kapitalistischen Kräften gestürzt, den inneren, äußeren oder beiden. In diesem Fall würden das verstaatlichte Eigentum und die Planwirtschaft dem Kapitalismus weichen. Das politische Regime wäre der brutalste Faschismus, um die Massen zu zähmen, die die Schule der Revolution durchgemacht haben. Oder, und das ist der zweite Teil der Alternative, die Massen werden selbst die demoralisierte Bürokratie stürzen und eine wahre Demokratie auf der Grundlage von sozialisiertem Eigentum und Planwirtschaft etablieren. Es wäre die Entwicklung zum Sozialismus. Es ist nicht notwendig, Ihnen zu sagen, Madame, dass alle meine Bemühungen in diese Richtung gerichtet sind. 1In der englischen Übersetzung: sechs |
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