Leo Trotzki: Antwort auf Fragen eines Vertreters der Daily News [Fragen: eigene Übersetzung nach dem englischen Text, verglichen mit der französischen Übersetzung, Antworten: eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Bjulleten opposizii, Nr. 74, Februar 1939, verglichen mit der englischen und französischen Übersetzung] 1. Die News sagte in einem am 29. Oktober 1938 veröffentlichten Leitartikel unter anderem, dass „Trotzki ein Freund und Berater von Cárdenas ist", und dass Sie daher hinter der Enteignung von Erdöleigentum in Mexiko stünden. Ihr Anwalt, Herr Albert Goldman, hat gefordert, dass die News den Leitartikel zurückziehen. Würden Sie bitte Ihre persönliche Meinung über die Wahrheit oder Falschheit der Behauptungen der News äußern? 2. In der Tagespresse der Vereinigten Staaten wurde häufig angedeutet, wahrscheinlich weil die Regierung Cardenas Ihnen Asyl gewährt hat, dass Sie die Inspiration für viele der politischen Maßnahmen von Präsident Cardenas seien; außerdem habe er Sie häufig konsultiert, insbesondere in Bezug auf seine Agrarpolitik und die Übernahme der Industrie durch die Regierung zum Wohle der Arbeiter. Ist das wahr? Da sich Ihre Redaktion telegrafisch verpflichtet hat, meine Antworten wörtlich wiederzugeben, antworte ich auf Ihre Fragen gerne. Die Redakteure der Daily News sprechen in ihren Artikeln über Mexiko, über seine Regierung und über meine angebliche Beteiligung an der mexikanischen Politik mit einer lobenswerten Offenheit, die unhöflich erscheinen mag. Ich werde versuchen, Unhöflichkeit zu vermeiden, jedoch ohne Nachteil für die Offenheit. Die Behauptung der Daily News (29. Oktober 1938), dass Trotzki „ein Freund und Ratgeber von Cárdenas" sei, ist völlig falsch. Ich hatte nie die Ehre, General Cárdenas zu treffen oder mit ihm zu reden. Ich hatte keinen anderen schriftlichen Verkehr mit ihm als in Bezug auf das Asylrecht. Ich hatte und habe keine Beziehung, direkt oder indirekt, zu anderen Regierungsmitgliedern.1 Ich akzeptierte und akzeptiere keinerlei politische Beteiligung am inneren Leben des Landes, außer der Entlarvung der Verleumdungen, die hier Stalins Agenten gegen mich verbreiten. Schließlich ist das Programm der Vierten Internationale, das ich vertrete, sehr weit vom Programm der mexikanischen Regierung entfernt. Es ist auf der anderen Seite nicht schwer zu verstehen, dass die mexikanische Regierung, die um das nationale Prestige ihres eigenen Landes besorgt ist, niemals auf den Rat eines ausländischen Emigranten zurückgreifen würde. Über die agrarischen und anderen Maßnahmen der mexikanischen Regierung habe ich aus den Zeitungen erfahren, genau wie die meisten anderen Bürger. Auf der Grundlage welcher Angaben kam Ihre Zeitung zu Ihrem Schluss? Natürlich auf der Grundlage der einfachen Tatsache, dass mir die Regierung von General Cárdenas Asylrecht gewährt hat. Ist das nicht ungeheuer? 1916 wurde ich aufgrund meines Kampfes gegen den imperialistischen Krieg aus Europa vertrieben und fand Zuflucht in den Vereinigten Staaten. Ohne Pass, ohne Visum, ohne dumme und erniedrigende Prozeduren! Ihre Grenzbehörden befragten mich, ob ich Trachom hätte, aber sie waren durchaus nicht an meinen Ideen interessiert. Indessen waren vor 22 Jahren, das darf ich Ihnen versichern, meine Ideen genauso schlecht wie heute. Niemandem kam es damals in den Sinn, daraus den Schluss zu ziehen, dass Präsident Wilson mir das Asylrecht gewährt habe, um meinen „Rat" zu befolgen. Sie wenden vielleicht ein, dass das in jener entfernten Epoche war, als die Vereinigten Staaten noch nicht frei von den Überresten der Barbarei waren; und dass die wirkliche Blüte der Zivilisation erst nach dem großen befreienden „Krieg für die Demokratie" begann. Ich werde nicht streiten. Die demokratische Zivilisation hat inzwischen anscheinend eine solche Blüte erreicht, dass die Tatsache der Gewährung des Asylrechts an mich durch die mexikanische Regierung sofort die Hypothese aufkommen lässt: anscheinend hat diese Regierung Sympathien für die Ansichten Trotzkis. Gestatten Sie mir jedoch, darauf hinzuweisen, dass die Gewährung des Asylrechts für seine Gleichgesinnten noch keine Demokratie ist: das machen sowohl Hitler als auch Mussolini als auch Stalin. Zu ihrer Zeit machten dies sowohl der russische Zar als auch der türkische Sultan. Der Grundsatz des Asylrechts impliziert, wenn er ernst genommen wird, die Gastfreundschaft auch in Bezug auf politische Gegner. Ich darf mir erlauben zu denken, dass die Regierung von General Cárdenas mir Gastfreundschaft gewährte nicht aus Sympathie für meine politischen Ansichten, sondern aus Respekt vor ihren eigenen. 3. Mr. Henry J. Allen, der ehemalige Gouverneur von Kansas, besuchte Mexiko im Herbst 1938. Er nahm an einem Seminar für amerikanische Touristen2 in Ihrem Wohnsitz in Mexiko-Stadt teil. Später schrieb er unter anderem: „In den letzten Wochen hat Cardenas nach ganz Lateinamerika Abgesandte geschickt, die die Vorteile der Konfiszierung predigten. … Es ist leicht zu erraten, wer ihn das gelehrt hat – Trotzki. … Lombardo Toledano, der nach Russland ging, um das Sowjetsystem zu studieren, und der ein Anhänger Trotzkis ist" … etc. Mr. Allen wiederholte den Kern dieser Anklagepunkte kürzlich in New York City. Bitte geben Sie die Wahrheit oder Falschheit dieser Vorwürfe an. Mister Allen habe ich auf seine Insinuationen in der mexikanischen Wochenzeitung „Hoy“ geantwortet, und Sie haben die Möglichkeit, meine Antwort vollständig zu nutzen. In Mister Allens Artikeln und Reden, soweit sie sich auf mein Leben und meine Tätigkeit in Mexiko beziehen, ist kein Wort Wahrheit. Sie selbst zitieren in Ihrer Frage die Behauptung Allens, dass Lombardo Toledano, der Sekretär eines der Gewerkschaftsdachverbände, mein „Unterstützer" sei. In Mexiko kann diese Phrase homerisches Gelächter verursachen, was für den Ruf des Ex-Gouverneurs von Kansas kaum schmeichelhaft wäre. Es genügt zu sagen, dass mein eigenartiger „Unterstützer" systematisch in Reden und Artikeln wiederholt, dass ich … den Sturz der Regierung Cárdenas vorbereite. Was sind seine Gründe für solche Behauptungen? Genauso wie bei Ihrer Zeitung. Was ist ihr Zweck? Meine Auslieferung in die Hände des GPU zu erreichen. Ich habe vorgeschlagen, dass Toledano eine unparteiische Kommission bildet, um seine Aussagen öffentlich zu überprüfen. Toledano ist natürlich ausgewichen. Ich bin bereit, meinen Vorschlag an die Adresse von Ex-Senator Allen zu wiederholen. Natürlich wird auch er ausweichen. Toledano und Allen sind nicht identisch, aber symmetrisch, zum Mindesten in dem Sinne, dass sie sich in gleichen Abständen vom Meridian der Gewissenhaftigkeit befinden. 4. Ihr Anwalt, Mr Albert Goldman, wird laut einer Geschichte in der mexikanischen Zeitung Excelsior mit den Worten zitiert, dass der Anstifter „dieser in der Daily News (meiner Zeitung) veröffentlichten Leitartikel ein hier lebender Auslandskorrespondent ist, der Verbindungen zu den Kommunisten in den Vereinigten Staaten und in Mexiko hat". Soweit Herr Goldman diese Anschuldigung gegen die News öffentlich erhoben hat, darf ich den Namen des Auslandskorrespondenten haben? Ja, ich habe Informationen, dass der Informant der Daily News über meine „Beteiligung" an der mexikanischen Regierungspolitik ein Mitglied der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten ist. Sie wissen, wie schwierig in solchen Fällen die Lieferung einer juristischen Beweisführung ist, auch wenn die Fakten unbestreitbar sind. Für Ihre Redaktion wäre jedoch die Nachprüfung der Richtigkeit dieser Behauptung nicht schwierig. Es bestehen zwei Gruppen, die an den Insinuationen interessiert sind, die Ihre Zeitung in einer Reihe von Artikeln wiederholt: auf der einen Seite sind es Kapitalisten, die mit der mexikanischen Regierung unzufrieden sind und ihre Maßnahmen als vom „Kommunismus" inspiriert3 darstellen wollen; auf der anderen Seite ist es die GPU, der mein Asylrecht in Mexiko kompromittieren will. Eine Kombination der Bemühungen dieser beiden Gruppen ist völlig möglich: Obwohl sie nicht identisch sind, sind sie symmetrisch. 5. Es wurde in New York City öffentlich erklärt, dass Ihr Aufenthalt in Mexiko City von einer Gruppe von Anti-Stalinisten in New York City finanziert werde. Bitte geben Sie die Wahrheit oder Falschheit dieser Behauptung an. Die Quelle meiner Existenz ist meine literarische Arbeit. Und nur sie! Aber es ist ganz richtig, dass meine Freunde in den Vereinigten Staaten, wie in anderen Ländern, selbstlos nach Mexiko kommen, um mir bei meiner Arbeit zu helfen und mich vor möglichen Anschlägen zu schützen. Sie tun dies aus eigener Initiative und geben freiwillig ihre Zeit und ihre eigenen Mittel oder die Mittel ihrer Freunde. Sie machten das, als ich in der Türkei, in Frankreich und in Norwegen lebte. Sie machten und machen dies nicht um meiner selbst willen, sondern um der Ideen willen, die ich vertrete. Offensichtlich haben diese Ideen Anziehungskraft. 6. Ist die „Achse" Rom-Berlin-Tokio eine Bedrohung für den Weltfrieden? Natürlich ist die „Achse" Berlin-Rom-Tokio eine Bedrohung für den Frieden. Aber dies ist nur eine Seite der Kriegsgefahr. Krieg erfordert zum Mindesten zwei Seiten. Zeitgenössische Kriege entstehen aus der Unversöhnlichkeit imperialistischer Interessen. Auf ein und denselben Schienen unseres Planeten fahren mehrere mit Habgier und Neid4 beladene Züge gleichzeitig aufeinander zu. Natürlich müssen sie aufeinanderprallen. Welcher der Maschinisten derzeit mehr „schuldig" ist, welcher weniger, hat keine Bedeutung. Schuld daran ist das Regime des Imperialismus, das den Reichtum der Nationen und der Menschheit den Hände einiger Monopolisten übergab. Dieses Monopolregime muss beendet werden: Die Expropriateure müssen expropriiert werden. P. S. - Jetzt, nachdem ich Ihre Zeitung vom 10. Dezember erhalten habe, muss ich eine Ergänzung zu dem oben Gesagten machen. Wenn die Daily News behauptet, dass ich die Inspiration für die Enteignung der mexikanischen Regierung war, liegt darin keine Verleumdung. Es ist einfach eine Unwahrheit. Aber Ihre Zeitung hat jetzt eine zweite Behauptung gemacht, die eine Lüge und zur gleichen Zeit eine Verleumdung ist. Die Daily News behauptet, dass mexikanisches Öl auf meinen Rat hin an die deutsche Regierung verkauft werde und dass mein Ziel darin bestehe, Stalin zu schädigen. Die Daily News verficht hier im eigenen Namen die Version, die wie ein gelber Faden durch alle Moskauer Prozesse lief.5 Die Internationale Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Dr. John Dewey erklärte die Moskauer Anklagen zur Fälschung. Ein Leitartikel Ihrer Zeitung kann eine aufgedeckte Fälschung nicht in Wahrheit verwandeln. An wen die mexikanische Regierung Öl verkauft, ist ihre Sache. Ich stehe dazu in keiner Verbindung. Ich möchte nur anmerken, dass die „Demokratien" eine einfache Möglichkeit haben, mexikanisches Öl in ihren Händen zu konzentrieren: Man muss es kaufen. In dem Maße wie Großbritannien beispielsweise mexikanisches Öl boykottiert, zwingt es die mexikanische Regierung, dieses Öl an Deutschland, Italien oder Japan zu verkaufen. Die Regierung Chamberlains nimmt sich offenbar die Interessen der Ölmagnaten mehr zu Herzen als die Interessen der nationalen Verteidigung, ganz zu schweigen von den Interessen der „Demokratie". Aber das ist noch nicht alles. Wenn die Herren des Schicksals der großen Demokratien, die der Tschechoslowakei Hitler zu seinem Geburtstag geschenkt haben, hierauf mit Empörung über die mexikanische Regierung herfallen, die ihr Öl an jeden verkauft, der es kaufen will, ist es unmöglich, nicht zu sagen, dass die Heuchelei hier alle zulässigen Grenzen überschreitet und daher dumm und lächerlich6 wird. Aber ich beschäftige mich jetzt mit der anderen Seite der Frage. Die Aussage, dass ich mit Hilfe von mexikanischem Öl Hitler helfen will, Stalin zu besiegen, ist nicht nur eine Lüge, sondern auch eine Verleumdung. Die UdSSR und Stalin sind nicht dasselbe. Ich bin ein Gegner Stalins, aber nicht der UdSSR. Die Aufgabe des Sturzes der reaktionären und parasitären Diktatur der Stalin-Oligarchie ist die Aufgabe der russischen Arbeiter und Bauern. Diese Aufgabe Hitler anvertrauen können nicht sie. Hitler ist nur der bedrohliche Vertreter7 des deutschen Imperialismus. Der Sieg Hitlers würde eine schreckliche wirtschaftliche, politische und nationale Sklaverei für alle Völker der UdSSR bedeuten und vor allem – die Wiederherstellung der Rechte des Privatkapitals. Oder glauben Sie, dass ich ein Befürworter der Expropriation der Ölquellen8 nur für Mexiko bin? Nein, die Verstaatlichung der Produktionsmittel, die durch die Oktoberrevolution verwirklicht wurde – gegen Hitler wie auch gegen alle anderen Imperialisten – zu verteidigen, betrachte ich es als die elementare Pflicht jedes Sozialisten, angefangen mit mir selbst. L. Trotzki. Coyoacan, 28. Dezember 1938? 1 Der Satz fehlt in der französischen Übersetzung 2 In der französischen Übersetzung: „Studenten“ 3 In der französischen Übersetzung: „,exotischen Kommunismus'“ 4 In der englischen Übersetzung: „Hass“, in der französischen Übersetzung: „Rivalität“ 5 In der französischen Übersetzung: „Sie übernimmt damit die durch die Moskauer Prozesse verbreitete Version.“ 6 In der französischen Übersetzung statt „dumm und lächerlich“: „grotesk“ 7 In der französischen Übersetzung: „Vollstrecker der Drecksarbeit“ 8 In der englischen Übersetzung: „Ressourcen“ |
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