Leo Trotzki: Von der Redaktion des „Bulletin“ [eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Bulletin der Opposition Nr.9, Februar-März 1930] Der weiter oben abgedruckte Brief aus Moskau beleuchtet, obgleich er noch nicht das ganze Bild der Arretierung und Erschießung des Genossen Bljumkin gibt, doch vollauf die Hauptmomente der Tragödie. Die unmittelbare Ursache des Todes dieses Ausnahmerevolutionärs an Treue und Mut liegt anscheinend bei zwei Umständen: an dessen eigener idealistischer Zutraulichkeit zu Leuten, und an dem völligen Fall des Menschen, an welchen er sich wandte. Möglich ist außerdem, dass auch Radek selbst die Folgen der eigenen Handlung unzureichend beurteilte, weil er seinerseits Stalin idealisierte. Am persönlichen Schicksal Radeks zeigt sich das jämmerliche Schicksal von Kapitulanten mit besonderer Deutlichkeit. Erstes Stadium der Kapitulation: „Der Zentrismus ist doch nicht ganz so schlecht, wie wir dachten“. Zweites Stadium: „Man muss sich den Zentristen annähern, um ihnen in ihrem Kampf gegen die Rechten zu helfen“. Dritte Stadium: „Für das Recht, gegen die Rechten zu kämpfen, muss man mit der Anerkennung der Richtigkeit des Zentrismus zahlen“. Schließlich, das letzte Stadium: Der Kapitulant liefert den bolschewistischen Oppositionellen in die Hände der GPU aus, was ihn zur Erschießung brachte. Und I. N. Smirnow? Und Preobraschenski? Ihre persönliche Rolle bei der Tragödie Bljumkins ist uns unbekannt. Beriet sich Radek jedoch wirklich nicht mit ihnen hinsichtlich dessen, wie man mit dieser delikaten Sache umgeht? Aber das ist schließlich ganz gleich. Sie übernahmen vor der Partei und der internationalen Arbeiterklasse die Verantwortung für alle Niederträchtigkeiten der Stalinschen Bürokratie insgesamt. Folglich können sie sich nicht von der Verantwortung auch für den gegebenen Fall ausnehmen. Nun zu einer anderen Seiten der Frage. Die Erschießung Bljumkins ereignete sich einen beträchtlichen Zeitabstand nach der Einreichung der „Erklärung“ d.h. der von Rakowski, Okudschawa und Kosior. Die bürgerliche und sozialdemokratische Presse versuchte bekanntlich, die Erklärung als Kapitulation darzustellen, d.h., als unsere Ablehnung des Kampfes für unsere Ansichten mit dem Ziel, uns die Gewogenheit des Apparats zu verdienen. In diesem Geiste schrieb natürlich auch die verächtliche kleine Zeitung der russischen Menschewiki. Ein kleiner Söldner aus demselben Lager, ein gewisser Rosenfeld, gab über den „Populaire“ dem französischen Kleinbürgertum bekannt, dass der ehemalige rote Botschafter Rakowski auf seine Ansichten verzichtete, um wieder einen hohen Posten zu erlangen. All dieser menschliche Schund beurteilt Revolutionäre nach sich selbst, misst sie nach seinem Maßstab. Aber es ist wahrlich eine Schande, sich zu erinnern, dass sich auch in den Reihen der Opposition Elemente befanden, oder diese zumindest zu ihr gezählt wurden, welche nichts Besseres fanden, als die Erklärung der russischen Opposition im selben Geist einschätzen, d.h. als einen Schritt auf die Seite der Ideenkapitulation. Selbstverständlich erhob Urbahns, welcher keine Gelegenheit versäumt, den Leninbund zu kompromittieren, die erste Anklagestimme gegen echte Revolutionäre, nachdem er im Verlauf von Monatеn ohne Kommentar die beschämenden Artikel von Kapitulanten (Radek, Smilga, Preobraschenski) abgedruckt hatte. Damit das Bild die ganze erforderliche Vervollkommnung erhalte, trat in der Rolle eines revolutionären Cato der von Wunden bedeckte alte Kämpfer Paz von der Höhe seiner „Plattform“ aus auf (wo ist sie, diese Plattform?). Es gibt eine Gattung kommunistischer Dilettanten, welche rings um das Lagerfeuer der Revolution herumgehen, sich aber am meisten darum sorgen, sich nicht die Finger zu verbrennen. Ein Teil dieser Art „Kommunisten“ reihte sich seinerzeit auch in der Opposition ein – in der Hoffnung darauf, dass sie sie von der Parteidisziplin erlöst, ihnen einen hohen Rang erhält und ihnen zur gleichen Zeit keine persönlichen Opfer auferlegt. Und diese Art Salon-„Revolutionäre“ geben Unterrichtsstunden in Standhaftigkeit – Rakowski, Sosnowski, Kote Zinzadse, Okudschawa, W. Kasparowa, Budu Mdiwani und vielen anderen, welche Jahrzehnte des revolutionären Kampfes, Gefängnisse, Untergrund, Verbannung auf ihrem Rücken haben, und welche ihre Treue zum Proletariat auch heute in den Bergen des Altai, in den Zwangsarbeits-Gefängnissen Tscheljabinsk und Tobolsk, aber nicht in den Sälen des Pariser Justizpalasts demonstrieren. Bljumkin wurde dafür erschossen, dass er mit der Sache der russischen Opposition verbunden war, – derselben, welche die Erklärung Rakowskis und anderer unterschrieb. Und die fürchterlichen Ankläger – das muss man auch laut sagen! – haben bisher keinen Finger krumm gemacht, um den russischen Oppositionellen zu helfen, die sich in den Gefängnissen und der Verbannung befinden. Umgekehrt machen sie in Gestalt Urbahns' alles, um solche Hilfe unmöglich zu machen. Falsche, aber umso treulosere Freunde braucht die revolutionäre Abteilung der Bolschewiki-Leninisten nicht. Vor uns liegen noch zu viele Schwierigkeitеn und Prüfungen. „Lieber weniger, aber besser“. Aus einem kleinen Häuflein verwandelten wir uns bereits zweimal in der Vergangenheit (1905 und 1917) in entscheidende historische Kräfte. Wir sind nicht müde. Wir kennen unseren Weg. Vorwärts! |
Leo Trotzki > 1930 >