Leo Trotzki: J. G.1 Bljumkin wurde von Stalin2 erschossen [eigene Übersetzung nach dem russischen Text, nach Bulletin der Opposition, Nr. 9, Februar 1930, verglichen mit der englischen Übersetzung] Es besteht kein Zweifel mehr unter denen, die es zunächst nicht glauben wollten: Bljumkin wurde unter dem Vorwurf erschossen, dass er sich in Konstantinopel mit Trotzki traf und mit ihm ein Gespräch über das Schicksal der Partei und die Ziele der Opposition hatte. Bljumkin wurde erschossen auf Beschluss der GPU. Eine solche Tatsache konnte nur stattfinden, weil die GPU zu einem rein persönlichen Organ3 Stalins geworden war. In den Jahren des Bürgerkriegs machte die Tscheka eine harte Arbeit. Aber diese Arbeit wurde unter der Kontrolle der Partei durchgeführt. Hunderte Male erhoben sich aus dem Bereich der Partei Proteste, Erklärungen, Forderungen nach Erklärungen zu diesen oder jenen Strafen. Der Kopf der Tscheka war Dzierżyński, ein Mann mit hoher moralischer Kraft4. Er unterstand dem Politbüro, dessen Mitglieder zu allen Fragen eine eigene Meinung hatten und für sie einzustehen wussten5. All dies schuf die Garantie dafür, dass die Tscheka ein Instrument der revolutionären Diktatur war. Jetzt ist die Partei erdrosselt. Über die6 Erschießung Bljumkins werden Tausende und Zehntausende von Parteimitgliedern schreckliche Dinge in den Ecken flüstern. An der Spitze der GPU steht Menschinski: nicht ein Mann, sondern der Schatten eines Mannes. Die Hauptrolle in der GPU spielt Jagoda, ein erbärmlicher Karrierist, der sein Schicksal mit dem Schicksal Stalins verbunden hat und bereit ist, ohne zu denken oder selbst zu urteilen alle dessen persönliche Befehle auszuführen. Das Politbüro existiert nicht. Bucharin hat bereits erklärt, dass Stalin die Mitglieder des sogenannten Politbüros in seinen Händen halte mit Hilfe von durch die GPU gesammelten Dokumenten. Unter diesen Umständen war die blutige Abrechnung mit Bljumkin Stalins Privatsache. Dieses unerhörte Verbrechen kann auch unter den derzeitigen Bedingungen der Apparat-Allmacht nicht unbemerkt stattfinden. Stalin konnte nicht anders, als das vorher zu spüren, und die Tatsache, dass er bei aller Vorsicht beschlossen hat, Bljumkin zu töten, bezeugt, wie groß die Angst dieses Mannes vor der linken Opposition ist. Es besteht kein Zweifel, dass Bljumkin der Strafe zum Opfer fiel, weil nur eine kleinen Minderheit der Opposition Radek und anderen Kapitulanten folgte, während die Opposition jenseits der Grenzen in einer Reihe von Ländern große ideologische und organisatorische Fortschritte macht. Mit der Erschießung Bljumkins will Stalin der internationalen Opposition der Bolschewiki-Leninisten sagen, dass er Hunderte und Tausende von Geiseln im Land hat, die mit ihrem Kopf für den Erfolg des echten Bolschewismus in der Weltarena bezahlen werden. Mit anderen Worten, nach dem Ausschluss aus der Partei, dem Entziehen der Arbeit, dem Verdammen der Familen zu Hunger, Haft, Deportation und Verbannung, versucht Stalin, die Opposition mit den letzten Mitteln, die ihm noch zur Verfügung stehen, einzuschüchtern: Erschießungen. Man kann mit Gewissheit sagen, dass die Resultate genau das Gegenteil von dem Ziel sein werden, das Stalin sich stellt. Eine historisch fortschrittliche Ideenströmung, die sich auf die objektive Logik der Entwicklung stützt, kann weder eingeschüchtert noch erschossen werden. ★ ★ ★ Schon bald nach dem Aufstand der linken SRler – als Bljumkin, ein achtzehnjähriger Junge, eine Bombe auf Mirbach warf – ging er zu den Bolschewiki über, nahm heroisch am Bürgerkrieg teil. Dann arbeitete er ziemlich lange7 im militärischen Sekretariat des Gen. Trotzki. Später arbeitete er hauptsächlich für die GPU, aber auch für das Militär und die Partei. Er führte sehr verantwortliche Aufträge aus. Seine Hingabe an die Oktoberrevolution und die Partei war bedingungslos. Bis zur letzten Stunde verblieb Bljumkin in verantwortlicher Sowjarbeit. Wie konnte er als Oppositioneller in ihr verbleiben? Dies erklärt sich aus dem Charakter seiner Arbeit: Sie hatte einen ganz eigenen Charakter. Bljumkin hatte es nicht oder kaum mit Parteizellen zu tun oder nahm an Diskussionen über Parteifragen teil, etc. Das bedeutet nicht, dass er seine Ansichten verheimlicht hätte. Im Gegenteil, sowohl Menschinski als auch Trilisser, dem ehemaligen Leiter der Auslandsabteilung der GPU, sagte er, dass seine Sympathien auf der Seite der Opposition seien, aber dass er natürlich wie jeder Oppositionelle bereit sei, seine verantwortungsvolle Arbeit im Dienste8 der Oktoberrevolution auszuüben. Menschinski und Trilisser hielten Bljumkin für unersetzlich, und das war kein Fehler. Sie beließen ihn bei der Arbeit, die er bis zum Ende machte. Bljumkin machte Trotzki wirklich in Konstantinopel ausfindig. Wie wir bereits oben erwähnt haben, war Bljumkin persönlich eng mit Trotzkis Arbeit im Sekretariat verbunden. Er erstellte insbesondere einen der militärischen Bände des Genossen Trotzki (wie im Vorwort dazu ausgeführt). Bljumkin kam zum Gen. Trotzki in Konstantinopel, um herauszufinden, wie er die Situation einschätze, und um zu prüfen, ob er das Richtige tue, im Dienste einer Regierung zu bleiben, die seine engsten Gesinnungsgenossen ausweist, verbannt und inhaftiert. L. D. Trotzki antwortete ihm, dass er natürlich das Richtige tue, seine revolutionäre Pflicht zu erfüllen – nicht im Verhältnis zur Stalinschen Regierung, die die Rechte der Partei an sich riss, sondern im Verhältnis zur Oktoberrevolution. In einem der Artikel Jaroslawskis gibt es einen Hinweis darauf9, dass im Sommer Trotzki mit einem Besucher gesprochen und ihm vorausgesagt habe, dass die Sowjmacht bald und unvermeidlich untergehen werde. Natürlich lügt der abscheuliche Speichellecker. Aber aus dem Vergleich von Fakten und Daten ist uns klar, dass vom Gespräch des Gen. Trotzki mit Bljumkin die Rede ist. Auf seine Frage nach der Vereinbarkeit10 seiner Arbeit mit seiner Zugehörigkeit zur Opposition sagte Trotzki ihm unter anderem, dass seine Vertreibung ins Ausland sowie die Inhaftierung anderer Genossen unsere Hauptlinie nicht ändere, dass in der Minute der Gefahr die Opposition in der vordersten Stellung stehen werde, dass Stalin sie in schwierigen Stunden rufen müsse, wie Zereteli die Bolschewiki gegen Kornilow rief. In dieser Hinsicht sagte er: „Wenn es sich nur nicht als zu später weist“. Offensichtlich beschrieb Bljumkin dieses Gespräch nach seiner Verhaftung als Beweis für die wahren Stimmungen und Absichten der Opposition: Man darf nicht vergessen, dass Gen. Trotzki unter dem Vorwurf der Vorbereitung eines bewaffneten Kampfes gegen die Sowjetmacht ausgewiesen wurde! Durch Bljumkin wurde ein Informationsbrief an Gleichgesinnte nach Moskau geschickt, der auf den gleichen Ansichten basiert, wie sie in einer Reihe von veröffentlichten Artikeln des Gen. Trotzki zum Ausdruck kamen: Stalins Repressionen gegen uns bedeuten noch keine Veränderungen im Klassencharakter des Staates, sondern nur die Vorbereitung und Erleichterung einer solchen Veränderung; unser Weg ist immer noch ein Weg der Reform, aber nicht der Revolution; der unversöhnliche Kampf um ihre Ansichten muss auf lange Zeit berechnet werden. Später wurde berichtet, dass Bljumkin verhaftet worden war und dass der durch ihn gesandte Brief in Stalins Hände fiel. Bljumkin wurde 1918 nicht wegen seiner führenden11 Teilnahme am bewaffneten Aufstand gegen die Sowjetmacht erschossen, aber 1929 wegen seines selbstlosen Dienstes für die Sache der Oktoberrevolution, wobei er jedoch in wichtigen Fragen mit der Stalin-Fraktion divergierte, und es für seine Pflicht hielt, die Ansichten der Bolschewiki-Leninisten (Opposition) zu verbreiten. Es ist durchaus möglich, dass Stalin versuchen wird, eine vergiftete Variante, im Geiste der Verbindung mit dem „Wrangel-Offizier", der Vorbereitung von Unruhen oder terroristischer Handlungen, durchzuführen. Auf solche Niederträchtigkeiten muss man vorbereitet sein. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass solche Erklärungen einen ernsthaften Eindruck hinterlassen werden, zum einen, weil sie zu sehr nach den Tricks der bonapartistischen Polizei riechen, aber auch vor allem, weil Stalin für den Kampf gegen die Opposition bereits alle seine Ressourcen aufgebraucht hat. Es besteht keine Notwendigkeit, daran zu erinnern, dass die prinzipientreue Position, auf der Bljumkin mit12 uns allen stand, von seiner Seite jegliche abenteuerliche Kampfmethoden ausschloss. L. Trotzki. 1In der englischen Übersetzung: „Jakob“ 2In der englischen Übersetzung: „den Stalinisten“ 3In der englischen Übersetzung: „Instrument“ 4In der englischen Übersetzung: „Autorität“ 5In der englischen Übersetzung: „sich seiner persönlichen Meinungen in allen Angelegenheiten bewusst waren und unterstützten, wofür er stand“ 6In der englischen Übersetzung: „Mit der“ 7 In der englischen Übersetzung fehlt: „ziemlich lange“ 8In der englischen Übersetzung: „in der Verteidigung“ 9In der englischen Übersetzung: „zu der Tatsache“ 10In der englischen Übersetzung: „Verbindung“ 11Fehlt in der englischen Übersetzung 12In der englischen Übersetzung: „im Namen von“ |
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