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Leo Trotzki 19300110 Brief an Siegmund Kanagur

Leo Trotzki: Brief an Siegmund Kanagur

[Eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Архив Л. Д. Троцкого. Том 5, verglichen mit der englischen Übersetzung]

Kopie: Josef Frey

Werter Genosse!

Sie fragen um Rat bezüglich der Verhaltenslinie der revolutionären Elemente der österreichischen Sozialdemokratie. Leider weiß ich zu wenig über die Zusammensetzung, die Ziele und die Methoden Ihrer Gruppe (nur auf der Grundlage von Nr. 1 Ihrer Zeitung „Revolutionärer Sozialdemokrat", des Briefs des Genossen Frey und Ihres Briefes). Statt taktischem „Rat" im eigentlichen Sinne des Wortes muss ich daher bei bestimmten prinzipiellen Fragen innehalten, ohne deren vorherige Klärung ein Meinungsaustausch über praktische Fragen auf Sand gebaut wäre.

Fragwürdig erscheinen Ihnen die Worte „geduldig erklären", mit denen ich die Hauptaufgabe der österreichischen Kommunisten charakterisiere. Sie sagen, dass geduldiges Erklären vor zwei Jahren angebracht gewesen sei, aber dass angesichts der schnellen Entwicklung der Ereignisse keine Zeit dafür bleibe. „Jetzt ist es zu spät“ wiederholen Sie weiter.

Ich sehe da ein Missverständnis. In meiner kurzen Arbeit zur österreichischen Krise habe ich bewusst in Klammern darauf hingewiesen, dass die Formel „geduldig erklären" von Lenin im April 1917 ausgegeben wurde. Sieben Monate später waren wir bereits an der Macht. Das bedeutet, dass das „geduldige" Erklären der revolutionären Partei nichts mit Zaudern, Langsamkeit oder sektiererischer Abgeschlossenheit zu tun hat.

Geduldig erklären" bedeutet nicht, faul, träge, einen Teelöffel pro Tag erklären. Mit seiner Formel sprach Lenin im April 1917 zu seiner eigenen Partei:

Versteht und gebt offen zu, dass ihr eine kleine Minderheit seid; stellt euch keine Aufgaben, für die ihr nicht die Kraft habt (z.B. den unmittelbaren Sturz der Provisorischen Regierung); fürchtet euch nicht, euch den Vaterlandsverteidigern entgegen zu stellen, mit denen jetzt die überwältigende Mehrheit der Massen geht; denkt euch in die Psychologie eines ehrlichen Vaterlsndsverteidigers, eines Arbeiters oder Bauern, hinein und erklärt ihm geduldig, wie man dem Krieg entkommt.“

Lenins Rat bedeutete mit anderen Worten: „Denkt nicht, dass es irgendwelche Rezepte oder Tricks gibt, die euch helfen können, stärker zu werden, ohne zuerst das Bewusstsein der Massen zu gewinnen; widmet eure ganze Zeit, eure ganze revolutionäre Ungeduld – dem „geduldigen Erklären". Das ist die wahre Bedeutung von Lenins Worten.

Man falle, natürlich, nicht in das andere Extrem und interpretiere meine Worte so, als ob ich von der Annahme ausginge, dass die österreichischen Kommunisten in sieben Monaten an die Macht kommen würden. Das ist zumindest unwahrscheinlich. Aber wenn man davon ausginge, dass sich die Ereignisse in naher Zukunft tatsächlich mit schnellem Tempo entwickeln werden (was nicht ausgeschlossen werden kann), dann bedeutet dies nur, dass der Erfolg des „geduldigen Erklärens" schnell zunehmen wird.

Deshalb scheinen mir die Worte „jetzt ist es zu spät" ein völliges Missverständnis. Was anderes können die Methoden von proletarischen Revolutionären sein? Nackte politische Ungeduld, die früher ernten als aussäen will, führt entweder zu Opportunismus oder zu Abenteurertum oder zu einer Verbindung aus beidem. In den letzten fünf oder sechs Jahren sahen wir wir in allen Ländern Dutzende von Beispielen für opportunistische und abenteuerliche Versuche, die Position des Proletariats künstlich zu stärken, ohne die bewusste Beteiligung des Proletariats selbst daran. Alle diese Versuche endeten mit einem Krach und schwächten nur den revolutionären Flügel.

Sie schreiben, dass die sozialdemokratischen Massen in Österreich revolutionär seien, dass aber ihr Revolutionärsein durch den mächtigen Apparat der österreichischen Sozialdemokratie gelähmt werde. Der Masse fehlt, sagen Sie, „nur die entsprechende Führung". „Nur"! Aber dieses Wörtchen „nur" umfasst doch die gesamte Tätigkeit der revolutionären Partei, von den ersten Schritten der Propaganda bis zur Machteroberung. Ohne das Gewinnen des Vertrauens der Massen in der Erfahrung des Kampfes gibt es keine revolutionäre Führung. In den einen Perioden braucht man zum Erlangen dieses Vertrauen Jahrzehnte. In revolutionären Perioden geben Monate (mit der richtigen Politik) mehr als friedliche Jahre. Aber diese Hauptaufgabe der Partei zu überspringen ist unmöglich. Sie steht völlig vor den proletarischen Revolutionären in Österreich. Die Worte vom „geduldigen Erklären" erinnern uns zuallererst an diese Aufgabe: „Gewinnt das Vertrauen der Arbeiter" und warnen vor bürokratischer Selbsttäuschung, die zwangsläufig zu Abenteurertum führt, vor Maskerade-Arbeitsmethoden, vor Machinationen hinter den Kulissen, die die Aufgabe haben, die Geschichte zu überlisten oder die Klasse zu vergewaltigen1.

Sie mögen sagen, dass all dies für Kommunisten prinzipiell richtig sein mag, aber in sich keine Anweisungen für „revolutionäre Sozialdemokraten" enthält.

Ich werde mich hier nicht dabei aufhalten, dass „revolutionärer Sozialdemokrat" für unsere Epoche ein Widerspruch in sich ist: Wenn man kein Kommunist ist, ist man offensichtlich ein linker2 Zentrist. Weder aus Ihrem Brief noch aus der Zeitung wird mir die Basis oder die politische Physiognomie Ihrer Gruppe klar.

Im Gegensatz zu dem, was die Sozialdemokratie über Sie sagt, heißt es in Ihrer Zeitung, dass Ihr Interimskomitee weit von den Kommunisten entfernt sei (s. den Artikel über Leuthner in Nr. 1). Worin besteht Ihre Meinungsverschiedenheit mit den Kommunisten in diesem Fall? Darauf gibt es keinen Hinweis. Trennen Sie vom Kommunismus prinzipielle Grundlagen oder nur die Fehler des offiziellen Kommunismus? Ich glaube, dass die theoretisch unhaltbare, politisch fruchtlose Formel des Sozialfaschismus heute eines der Haupthindernisse für die Sache des „geduldigen Erklärens“ darstellt. Ist Ihre Gruppe mit dieser Formel einverstanden oder nicht? Eine klare Antwort auf diese Frage ist absolut notwendig: Sie bestimmt, insbesondere in Österreich, die gesamte Perspektive und die gesamte Taktik. Aber indem Sie erklären, dass Sie weit von den Kommunisten entfernt sind, entledigen Sie sich nicht der Verantwortung für die politische Formel, die den offiziellen österreichischen Kommunismus lähmt.

In einem weiteren Artikel derselben Nummer sagen Sie, dass die grundlegende demokratische Haltung3 des Austromarxismus falsch sei und darin die Wurzel allen Übels liege, Es fällt mir nicht ein, das zu leugnen. Aber der Verrat der Sozialdemokratie im gegebenen Moment bestand darin, dass sie es verweigert, für die Demokratie zu kämpfen und mit rein parlamentarischen Methoden die Demokratie dem Faschismus ausliefert. Entlang dieser Linie, so stelle ich mir vor, muss jetzt die Empörung der sozialdemokratischen Arbeiter gehen. Indessen stellt Ihre Zeitung dieser Empörung die allgemeinen Formel vom Bankrott der Demokratie im Allgemeinen entgegen.

In der Zeitung gibt es keine prinzipielle Klarheit, die, wie Sie wissen, in der Politik einen großen Vorteil hat. Aber auf der anderen Seite sehe ich in der Halbherzigkeit der Zeitung keinen Ausdruck der Halbherzigkeit der oppositionell-sozialdemokratischen Massen. Ein oppositionelles sozialdemokratisches Organ, das wirklich die Stimmung ehrlicher sozialdemokratischer Arbeiter, die von seiner Führung empört sind, ausdrückte, wäre von gigantischer symptomatischer Bedeutung (was von unserer Seite natürlich nicht ausschließen sondern einschließen würde, einen unversöhnlichen Kampf gegen seine Halbherzigkeit zu führen). Leider hat die erste Nummer Ihrer Zeitung nicht diesen symptomatischen Charakter. Seine Halbherzigkeit und Unklarheit haben einen Spitzencharakter4.

Dem schließt sich noch an, dass ich in der Zeitung selbst nur einen einzigen Namen gefunden haben – den Dr. Reichs, der mir leider nicht bekannt ist. Das Interimskomitee handelt anonym. Wenn das durch polizeiliche Gründe bestimmt ist, dann kann nichts tun. Aber trotz allem muss man sich darüber klar sein, inwieweit die Anonymität einer neuen Gruppe den Kampf für das Vertrauen der Massen erschwert.

Sie drücken Sorge aus, dass die austromarxistische Bürokratie Ihr Interimskomitee bewusst mit ihren Agenten füllen könnte. Ja, Provokation ist untrennbar mit Bürokratismus verbunden. Kämpfen gegen sie kann man jedoch nur durch engere Verbindung mit denen unten5. Wenn Ihre Gruppe eine Strömung im Milieu6 sozialdemokratischer Arbeiter darstellt, sollten Sie sie nutzen, um eine Führung zu präsentieren7, ohne zweideutigen Beamten nachzujagen. Die Arbeiter wissen sehr gut, wer in ihrer Mitte blind an die Führer glaubt, wer die Führer kritisiert und wer sich über sie empört. Auswahl von unten ist in solchen Fällen tausendfach zuverlässiger als Auswahl von oben. Aber dafür muss man natürlich Unterstützung von unten haben. Haben Sie sie?

Natürlich akzeptiere ich nicht den Gedanken, dass hier die Sache nur um Maskierung geht, d.h. um einen Versuch von Kommunisten, unter der Flagge „revolutionärer Sozialdemokratie" aufzutreten und auf diesem künstlichen Weg eine unabhängige sozialdemokratische Partei als Brücke zum Kommunismus zu schaffen. Maskerademethoden haben in revolutionärer proletarischer Politik noch nie etwas Gutes gebracht. Die letzten Jahre haben in dieser Hinsicht viele Beispiele gegeben.

Mit Genossengruß

L. Trotzki

10. Januar 1930

1In der englischen Übersetzung: „der Klasse den eigenen Willen aufzuzwingen“.

2In der englischen Übersetzung: „sich nach links bewegender“

3In der englischen Übersetzung: „Orientierung“

4In der englischen Übersetzung: „Cliquencharakter“

5In der englischen Übersetzung: „mit der Basis“

6In der englischen Übersetzung: „in den Reihen“

7In der englischen Übersetzung: „dann werden sie durch deren Intervention die Führer vertreiben“

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