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Leo Trotzki 19300108 Brief an Jakob Frank

Leo Trotzki: Brief an Jakob Frank

8. Januar 1930

[Eigene Übersetzung nach dem russischen Text im Архив Л. Д. Троцкого. Том 5]

Werter Esquire!

Ich antworte auf Ihren letzten Brief aus Berlin von 30/XII.

Aus dem letzten Brief Landaus sehe ich, dass die Ereignisse eine völlig unerwartete Wendung genommen haben: Es ist, als hätten Sie den Vorschlag des Ausschlusses Landaus aus der Opposition gemacht und so weiter. Ist das so? Was ist hier los? Ich bin völlig bestürzt. Auf den Brief Landaus antwortete ich in ein paar Zeilen. Eine Kopie füge ich diesem bei.

Vergeblich haben Sie jedoch, scheint es mir, Berndl nicht getroffen, wenn er ein persönlichen Vertrauens würdiger Genosse ist. Sie schreiben, dass er ein „fünfzigjähriges lungenkranken Mitglied der KPD" sei. Die ersten beiden Umstände können ihm nicht zur Last gelegt werden. Das dritte Merkmal (Mitglied der KPD) ist bedauerlicherweise falsch. Er ist nicht mehr Mitglied der KPD, sonst könnte man interessante Informationen durch ihn erhalten.

Sie fragen, warum wir „keine Leute" haben. Diese Frage in Ihrem Brief lässt eine Note von Pessimismus erklingen. Mir scheint, dass das unbegründet ist. Die heutigen kommunistischen Parteien entstanden durch den Krieg und die Oktoberrevolution, d.h. die beiden größten Ereignisse der Weltgeschichte. Urbahns' größter Fehler ist es, dass er es für möglich hält, ohne neue Ereignisse und unabhängig vom Entwicklungsgang neben der bestehenden Kommunistischen Partei eine neue zu bauen. Er ignoriert die gigantische menschliche Auswahl, die nicht von Stalin und Thälmann, sondern von Krieg und Revolution getroffen wurde. Wir gehen nicht diesen Weg, wegen seiner völlige Hoffnungslosigkeit in dem gegebenen historischen Umfeld. Aber in welchem Zustand befindet sich diese Auswahl? Die besten Elemente sind entmutigt und verwirrt und haben keine Zeit zum Reifen. Es leiten Schreihälse, Beamte, Söldner. Es ist notwendig, zwischen einer kleinen Opposition (verleumdet von allen Seiten) und der Oktoberrevolution zu wählen. Um eine solche Wahl zu treffen, muss man sich auf eine theoretische Höhe heben. Aber in den letzten sechs-sieben Jahren ist die Komintern theoretisch nicht gewachsen, sondern zurückgegangen. Um eine Schicht von Arbeiterführern zu heben, braucht man zehn-fünfzehn-zwanzig Jahre. Indessen wurden in den letzten sieben Jahren Führer und Theorien alle zwei Jahre und noch häufiger geändert. In den Köpfen ist ein schreckliches Chaos, mit einer großen Dosis von theoretischem Nihilismus und allerhand Zynismus im Allgemeinen.

Auf der anderen Seite, was haben wir getan, um Klarheit in den Köpfen zu schaffen? Mikroskopisch wenig. Die russische Opposition war im Verlauf all dieser Jahre eine Gefangene der Bürokratie und vom Westen abgeschnitten. Zu uns stieß man durch zufällige Anzeichen. Zum Beispiel eignete sich Urbahns nicht die Ansichten der Opposition an, sondern die Ansichten, die Stalin der Opposition zuschrieb. In allen Ländern gab und gibt es Elemente, die ihre kleinbürgerliche Anarchie mit der Flagge der russischen Opposition bedeckten. Solche „Freunde" (z.B. Paz auf der einen Seite, Monatte auf der anderen Seite) mussten einfach revolutionäre Arbeiter von uns abstoßen. Von den Arbeiten der Opposition wurde nur ein unbedeutender Teil veröffentlicht, und obendrein mit großer Verzögerung, wenn es der Gegenseite schon gelungen war, Chaos in den Köpfen zu erzeugen. Zeit ist ein wichtiger Faktor im Kampf. Irgendeine systematische Arbeit der Opposition, die auf westliche Länder ausgerichtet ist und auf lebendige Ereignisse reagiert, begann im Wesentlichen im vergangenen Jahr. Was kann man da erwarten und fordern? Nichtsdestotrotz ist das, was wir sagen und schreiben, in verschiedenen Gehirnen hängen geblieben. Das ist nicht umsonst, aber damit unsere Saat, die noch sehr spärlich ist, sprießt, braucht man ein gutes Frühlingsgewitter mit Donner und Blitz, ja, vielleicht nicht eins, sondern zwei oder drei. Deshalb bestehe ich so sehr auf der Jugend, auf der grünen Jugend von 18-20 Jahren, deren Gehirne noch frisch sind, nicht wie eine Schiefertafel, die in alle Richtungen zerkratzt ist.

Behandeln Sie Landau nicht sehr streng? Sie schreiben insbesondere, dass er derjenige war, der Mayer auf den Gedanken brachte, sich an das Internationale Büro wegen einer Unterstützung zu wenden. Was ist denn schlecht daran? Dafür kann man ihm keine Vorwürfe machen. Jedoch werden Sie selbst wahrscheinlich in den nächsten Tagen darüber schreiben.

Ich drücke Ihnen fest die Hände.

L. D. Trotzki

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