Leo Trotzki: Brief an das Exekutivkomitee der Ligue Communiste 22. Dezember 1930 [eigene Übersetzung nach dem unvollständigen französischen Text, veröffentlicht unter dem Titel „Les divergences subsistent“, Die Unterschiede bleiben bestehen, ergänzt durch den englischen Text, veröffentlicht unter dem Titel „National Conferences and Internationalism“, Nationale Konferenzen und Internationalismus] Werte Genossen, In einem privaten Brief vom 15. Dezember, den ich heute, am 22., erhielt, informiert mich Genosse Naville, dass die nationale Konferenz der Liga für Mitte Januar geplant ist. Mit anderen Worten, es wurden Schritte unternommen, um allen Sektionen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Meinung zu den diskutierten Themen zu äußern, von deren Lösung die zukünftige Existenz unserer internationalen Organisation abhängt. Das Rundschreiben des administrativen Sekretariats betreffend die Europäische Konferenz sagt1: „Die Konferenz unserer deutschen Sektion, die im Moment stattfindet, wird uns mit Sicherheit die Materialien zur Bewertung der politischen Lage und der Aufgaben der Opposition liefern. Die Vorbereitung der Konferenz der Französischen Kommunistischen Liga muss in demselben Geist erfolgen". Das bedauerliche Beispiel der deutschen Konferenz zeigt, wohin die Unterordnung der internationalen und revolutionären Aufgaben im Allgemeinen unter zweitrangige organisatorische Fragen führt. Die Festlegung des Datums der Konferenz der Liga Mitte Januar würde praktisch die Liquidierung der internationalen bolschewistisch-leninistischen Organisation bedeuten. Denn der marxistische Internationalismus besteht vor allem in der aktiven Teilnahme 2[jeder Sektion am Leben der anderen Sektionen. Nur unter diesen Bedingungen hat es einen Sinn, später eine internationale Konferenz einzuberufen. In demselben Brief teilt mir Genosse Naville seine Solidarität mit meiner Mitteilung an Genosse Gourget bezüglich der Gewerkschaftsfrage mit. Ich wäre nur zu glücklich, wenn die tatsächlichen Tatsachen es mir erlauben würden, dieser Erklärung das notwendige politische Gewicht beizumessen. Die Linie der „Vérité“ in der Gewerkschaftsfrage hat in den letzten Monaten eine direkt entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, wofür weder die russische noch, wie ich glaube, die internationale Opposition die Verantwortung tragen kann. Meiner Meinung nach muss die nationale Konferenz diese Linie bewerten und zurückweisen, um die Möglichkeit für eine richtige Politik in der Gewerkschaftsfrage zu eröffnen. Genosse Naville glaubt, wie man aus seinem Brief schließen kann, dass die gewerkschaftlichen Differenzen die einzigen seien. Dem kann ich leider nicht beipflichten. Es ist wahr, dass sich die Gewerkschaftsfrage im Augenblick am schärfsten stellt. Aber die Erfahrungen eines ganzen Jahres zwingen mich zu dem Schluss, dass es keine einzige wichtige Frage gegeben hat, in der es nicht ernste und scharfe Differenzen zwischen der Redaktion der Russischen Biulleten und der Gruppe (oder Unterfraktion) des Genossen Naville gegeben hat. In der Frage unserer Beziehungen zur Partei und zur Arbeiterklasse hat die Gruppe des Genossen Naville eine völlig falsche Linie vertreten und in der Praxis ausgeführt. Dies wird nicht nur durch eine Reihe von Artikeln der Genossen Naville und Gerard in der „Vérité“ bewiesen. Die Frage der Demonstrationen in den Tagen der "dritten Periode", die Frage der Solidarisierung mit den Opfern der „Falle" [der Polizei für die KP-Führer], die Frage der indochinesischen Demonstration, die Frage der L'Humanité und eine Reihe anderer bilden seit einiger Zeit den Gegenstand] internen Meinungsverschiedenheiten, bei denen ich seit einiger Zeit immer wieder feststellen musste, dass die Naville-Gruppe in all diesen Fragen eine irrige Position einnahm, weil sie selbst einen falschen Ausgangspunkt hatte. Man könnte den Einwand erheben, dass es sich bei all dem um die Vergangenheit handelt. Das würde ich gerne glauben. Aber leider beweist die Politik der Naville-Gruppe hinsichtlich der taktischen „Wende" der Partei, dass unter dem Deckmantel vorsichtiger Formulierungen immer noch die gleichen alten Differenzen bestehen. Der Irrtum in dieser Hinsicht ist um so größer, als einige Genossen der Liga eine Position eingenommen haben, die (im Wesentlichen) völlig richtig ist, für die sie aber von der Redaktion der „Vérité“ brutal angegriffen wurden. Wenn wir auf diese ganze Periode zurückblicken, können wir nur zu dem Schluss kommen, dass Genosse Navilles Gruppe oder Unterfraktion – natürlich unbeabsichtigt – der Parteibürokratie half, fast ungestraft aus den Krämpfen der „Wende" herauszukommen. Können wir diese wichtige politische Erfahrung ohne eine nationale oder internationale Bewertung lassen? Ich denke nicht, dass wir das können. Nicht weniger wichtig ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen der nationalen und internationalen Organisation. Auch hier zeigten sich die Unterschiede fast am gleichen Tag, an dem die Gruppe des Genossen Naville der linken Opposition beitrat. Der Kampf, der hauptsächlich in Briefen und privaten Gesprächen geführt wurde, dauerte fast anderthalb Jahre. Die Gruppe des Genosse Naville hat eine irrige Einschätzung der Rolle der internationalen Organisation für die Bolschewiki-Leninisten, eine Tatsache, die uns im letzten Jahr sehr geschadet hat. Die Tendenz, die Konferenz der Liga ohne die Teilnahme der internationalen Organisation abzuhalten, ist an sich schon ein hinreichender graphischer Ausdruck des grundlegenden Fehlers der Gruppe des Genossen Naville in der Frage des Internationalismus. Die leitenden Genossen der Liga sind bereits mit den anhaltenden und systematischen Unterschieden zwischen der Gruppe des Genossen Naville und der Redaktion der russischen Bulletin vertraut. Die ernsthafte Korrespondenz zu den diskutierten Themen könnte ein Buch füllen. Dieser Frage habe ich mein Rundschreiben Nr. 1 vom 21. Juni 1930 gewidmet. Aus ganz offensichtlichen Gründen vermied ich es, Namen zu nennen und im Allgemeinen, die Pünktchen auf die i's zu setzen, solange ich noch die Hoffnung hegte, unter vier Augen zu einer gegenseitigen Vereinbarung zu kommen; leider waren meine Bemühungen nicht erfolgreich. Die Erfahrungen der letzten Monate haben gezeigt, dass die Meinungsverschiedenheiten heute genau so groß sind wie sie vor anderthalb Jahren waren. In der Politik ist nichts gefährlicher als eine scheinbare äußere Solidarität, die die Divergenzen zwischen den grundlegenden Tendenzen verdeckt. Unter diesen Bedingungen wird der Kampf der Ideen unweigerlich von persönlichen Konflikten und Auseinandersetzungen abgelöst, die die gesamte Atmosphäre vergiften. Ich stimme daher mit dem Genossen Naville überein, dass die Frage der weiteren Zusammenarbeit und der Grundlagen dafür nur durch eine offene und prinzipielle Diskussion gelöst werden kann. Aber im Gegensatz zum Genossen Naville glaube ich, dass diese Diskussion einen internationalen Charakter bekommen muss. Es ist selbstverständlich, dass die Liga, wie jede andere Sektion auch, in ihren Entscheidungen autonom ist. Bevor sie diese Entscheidungen trifft, muss sie jedoch auch den anderen Sektionen die Möglichkeit geben, sich zu äußern, um sie nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Dafür ist es unerlässlich, dass zwischen der Veröffentlichung der Thesenentwürfe und der Einberufung der Konferenz ein Zeitraum von mindestens vier Wochen vorgesehen wird. Auf jeden Fall appelliere ich im Namen der russischen Sektion in der dringlichsten Weise an Sie dafür, weil ich darin die einzige Möglichkeit sehe, eine wirklich internationale Zusammenarbeit in der Zukunft zu gewährleisten. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Krise der Liga, die zu einer Krise unserer internationalen Organisation geworden ist, ohne Krämpfe und Spaltungen gelöst werden kann. Zu diesem Zweck sind zwei Voraussetzungen notwendig: die politische Klarheit und der gute Wille auf beiden Seiten.3 1In der englischen Übersetzung eingefügt: „(im Internationalen Bulletin Nummer 2)“ 2Die folgende längere Passage fehlt in der französischen Fassung und ist nach der englischen Übersetzung eingefügt. Es scheint mir, dass in der französischen Vorlage eine Seite oder so fehlt. 3In der englischen Übersetzung folgt: „Mit kommunistischen Grüßen. L. Trotzki“ |
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