Leo Trotzki: Brief an Alfred und Marguerite Rosmer [eigene Übersetzung nach dem französischen Text in Alfred et Marguerite Rosmer – Léon Trotsky ; Correspondance 1929-1939. Paris 1982, S. 111-117] Prinkipo, 5. Januar 1930 Liebe Freunde, In der Zeitung Miljukows (den Neuesten Nachrichten) vom 29. Dezember gibt es folgendes Telegramm: „Bljumkin wurde erschossen. Köln, 28. Dezember. - Der Moskauer Korrespondent der Kölner Zeitung telegrafiert: In diesen Tagen wurde auf Befehl der GPU der berüchtigte Bljumkin, der Mörder Mirbachs, verhaftet. Bljumkin wurde beschuldigt, geheime Beziehungen zu Trotzki zu haben. Nach dem Urteil der GPU wurde Bljumkin erschossen.“ Ist diese Mitteilung korrekt? Ich besitze keine absolute Sicherheit. Aber eine ganze Verkettung von Umständen erlaubt mir nicht nur, sondern zwingt mich, sie für korrekt zu halten. Um es genauer auszudrücken: Ich habe innerlich keinen Zweifel. Was mir fehlt, ist die juristische Bestätigung von Stalins Ermordung Bljumkins. Sie wissen sicher, dass Bljumkin einige Zeit nach dem bewaffneten Aufstand der linken Sozialrevolutionäre zu den Bolschewiki überlief, eine heroische Rolle im Bürgerkrieg spielte und dann eine ganze Zeit lang in meinem militärischen Sekretariat arbeitete. Später blieb er hauptsächlich im Dienst der GPU, aber auch im militärischen und Parteidienst. Er führte in verschiedenen Ländern Missionen von größter Bedeutung durch. Seine Hingabe an die Oktoberrevolution und an die Partei war absolut. Bis zur letzten Stunde erledigte Bljumkin Arbeit von sehr wichtiger sowjetischer Funktion. Wie konnte er das als Oppositioneller tun? Das erklärt sich aus dem Charakter seiner Arbeit; sie war sehr individuell. Bljumkin hatte wenig oder gar keinen Umgang mit den kommunistischen Zellen, die Möglichkeit, sich an der Diskussion über Parteifragen zu beteiligen, usw. Das bedeutet nicht, dass er seine Gedanken verheimlichte. Ganz im Gegenteil. Gegenüber Menschinski und Trilisser, dem ehemaligen Leiter der Auslandsabteilung der GPU, hatte Bljumkin erklärt, dass seine Sympathien mit der Opposition gingen, dass er aber natürlich, wie jeder andere Oppositionelle, völlig bereit sei, seine wichtige Funktion im Dienste der Oktoberrevolution auszuüben. Menschinski und Trilisser betrachteten Bljumkin als unersetzlich, und das war richtig. Sie überließen ihn seiner Aufgabe, die er bis zum Ende ausführte. Bljumkin besuchte mich wirklich in Konstantinopel. Ich habe bereits erwähnt, dass Bljumkin mit mir durch die enge Zusammenarbeit in meinem Sekretariat verbunden war. Insbesondere hatte er einen meiner militärischen Bände vorbereitet (ich spreche davon im Vorwort zu diesem Band). Bljumkin kam nach Konstantinopel, zu mir, um herauszufinden, wie ich die Situation einschätze und um zu überprüfen, ob er richtig handle, im Dienste der Regierung zu bleiben, die Genossen seiner Tendenz deportierte, verbannte und einsperrte. Ich antwortete ihm natürlich, dass er ganz richtig in Erfüllung seiner revolutionären Pflicht handelte – nicht gegenüber der Regierung Stalins, die die Rechte der Partei usurpiert hatte, sondern gegenüber der Oktoberrevolution. Vielleicht wurde Ihnen aus einem Artikel Jaroslawskis eine Behauptung bezüglich meines Gespräch im Sommer mit einem Besucher zitiert, dem ich die unvermeidliche und unmittelbar bevorstehende Vernichtung der Sowjetregierung vorausgesagt hätte. Der elende Speichellecker lügt, versteht sich. Aber durch einen Vergleich von Fakten und Daten bin ich sicher, dass es sich um mein Gespräch mit Bljumkin handelt. Auf dessen Frage nach der Möglichkeit, seine Arbeit und seine Mitgliedschaft in der Opposition in Einklang zu bringen, sagte ich ihm unter anderem, dass mein Exil, wie die Inhaftierung anderer Genossen, unsere grundlegende Linie nicht ändert; dass im Moment der Gefahr die Oppositionellen auf den vordersten Posten sein werden; dass Stalin in schwierigen Stunden gezwungen sein werde, an sie zu appellieren, wie Zereteli an die Bolschewiki gegen Kornilow appelliert hatte. In diesem Zusammenhang fügte ich hinzu: „Aber es darf nicht zu spät sein.“ Offensichtlich hat Bljumkin nach seiner Verhaftung dieses Gespräch als eine Demonstration der wahren Stimmungen und Neigungen der Opposition dargelegt: Man darf nicht vergessen, dass ich mit dem Vorwurf der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes gegen die Sowjetmacht exiliert wurde! Über Bljumkin schickte ich nach Moskau für unsere Freunde einen Informationsbrief, der auf denselben Ideen beruht, die ich in einer Reihe von veröffentlichten Artikeln dargelegt habe: Die Unterdrückung der Stalinisten gegen uns bedeutet noch nicht die Veränderung des Klassencharakters des Staates, sondern bereitet nur eine solche Veränderung vor und erleichtert sie; unser Weg bleibt, wie in der Vergangenheit, der der Reform und nicht der Revolution; der unerbittliche Kampf für unsere Ideen muss auf eine lange Zeitspanne gerichtet sein. In der Folge erhielt ich die Mitteilung, dass Bljumkin verhaftet worden sei und dass der durch ihn übermittelte Brief in die Hände Stalins gefallen sei. Von den Bedingungen, unter denen Bljumkin verhaftet wurde, weiß ich nichts. Die Regierenden von Moskau wussten, dass er durch Konstantinopel gekommen war. Seine Chefs (Menschinski, Trilisser) waren sich seiner oppositionellen Ideen wohl bewusst. Er ging aus eigener Initiative nach Moskau, im Interesse der Arbeit, die er ausführte. Über die weiteren Ereignisse weiß ich nur das, was in dem obigen Telegramm aus der Kölner Zeitschrft gesagt wird. Die Bedeutung dieser Tatsache bedarf keiner Erklärung. Sie wissen aus dem berühmten Prozess von 1922, dass sogar die Sozialrevolutionäre, die Attentate auf Lenin, Urizki, Wolodarski, mich und andere organisiert hatten, nicht erschossen wurden. Von den linken Sozialrevolutionären, zu denen Bljumkin 1918 gehört hatte, wurde zur Zeit ihres Aufstandes niemand außer dem Organisator, Alexandrowitsch, erschossen. Bljumkin, einer der Teilnehmer an diesem Aufstand, wurde bald ein Bolschewik. Aber wenn er 1918 nicht wegen seiner führenden Beteiligung am bewaffneten Aufstand gegen die Sowjetmacht erschossen wurde, so wurde er 1929 aus dem Grund erschossen, dass er zwar mutig der Oktoberrevolution diente, aber in den Fragen von größter Bedeutung die Ideen der Stalinschen Fraktion nicht teilte und es als seine Pflicht betrachtete, die Ideen der Bolschewiki-Leninisten (Opposition) zu verbreiten. Bljumkin wurde – daran habe ich nicht den geringsten Zweifel – bei der Verhaftung durch die GPU erschossen. So etwas konnte nur geschehen, weil die GPU zum persönlichen Organ Stalins wurde. In den Jahren des Bürgerkrieges leistete die Tscheka eine harte Arbeit. Aber diese Arbeit blieb unter der Kontrolle der Partei. Hunderte von Malen wurde aus Parteikreisen Proteste, Erklärungen und Anfragen oder Forderungen nach Erklärungen zu dieser oder jener Verhaftung abgegeben. An der Spitze der Tscheka befand sich Dzierżyński, ein Mann von überlegener moralischer Stärke. Er blieb dem Politbüro untergeordnet, dessen Mitglieder in jeder Frage klare Vorstellungen hatten und diese zu verteidigen wussten. All dies gab die Garantie, dass die Tscheka das Werkzeug der revolutionären Diktatur blieb. Jetzt wird die Partei erstickt. Tausende und Zehntausende von Parteimitgliedern werden in den Ecken entsetzt über Bljumkins Hinrichtung flüstern. An der Spitze der GPU steht Menschinski, kein Mann, sondern der Schatten eines Mannes. Die Hauptrolle in der GPU spielt Jagoda, ein verabscheuungswürdiger Karrierist, der sein Schicksal an das Stalins gebunden hat und der bereit ist, jeden Befehl des letzteren auszuführen, ohne nachzudenken und ohne darüber zu diskutieren. Das Politbüro existiert nicht. Bucharin erzählte, dass Stalin die Mitglieder des so genannten Politbüro mit Hilfe von Dossiers, die von der GPU gegen sie angesammelt wurden, in seinen Händen halte. Unter diesen Bedingungen ist die Hinrichtung Bljumkins eine persönliche Angelegenheit Stalins. Dieses beispiellose Verbrechen kann nicht unbemerkt bleiben, auch nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen der Allmacht des Apparates. Stalin musste dieses Ergebnis einfach im Voraus vorhersehen, und die Tatsache, dass er trotz seiner treulosen Vorsicht beschlossen hat, Bljumkin zu töten, zeigt, wie groß die Angst dieses Mannes vor der linken Opposition ist. Man kann keinerlei Zweifel haben, dass Bljumkin als Sühneopfer gefallen ist, denn Radek und andere Kapitulanten konnten nur eine kleine Minderheit der Opposition mitnehmen, während im Ausland die Opposition in verschiedenen Ländern durch ernsthafte ideologische und organisatorische Erfolge anklagte. Mit der Hinrichtung Bljumkins will Stalin der internationalen Opposition der Bolschewiki-Leninisten sagen, dass er im Inneren des Landes Hunderte und Tausende von Geiseln besitzt, die für die Erfolge des wahren Bolschewismus in der Weltarena mit dem Kopf bezahlen müssen. Mit anderen Worten, nach den Ausschlüssen aus der Partei, nach der Verurteilung der Familien zum Hungern, nach Verhaftungen, Deportationen usw. versucht Stalin, die Opposition mit dem letzten Mittel, das ihm noch zur Verfügung steht, zu erschrecken: mit Mord. Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Ergebnisse dem Ziel, das sich Stalin gesetzt hat, direkt entgegengesetzt sein werden. Eine historisch fortschrittliche Ideentendenz, die sich auf die objektiven Logik der Entwicklung stützt, kann weder erschreckt noch erschossen werden. Es ist jedoch klar, dass sich die Opposition nicht, indem sie nur den objektiven Verlauf der Ereignisse betrachtet, passiv gegenüber der neuen, diesmal blutigen Etappe der thermidorianischen Repressalien Stalins verhalten kann. Man muss unverzüglich eine internationale Kampagne eröffnen, bei der jeder Oppositionelle die Arbeit tun muss, die sich unter anderen Bedingungen auf die Schultern von drei, fünf oder zehn Genossen verteilte. Wie stelle ich mir den Ablauf dieser Kampagne vor? Vor allem ist es notwendig, diese Tatsache in das Bewusstsein aller Kommunisten zu tragen und von der offiziellen Parteiführung die Bestätigung oder das Dementi dieser Tatsache zu fordern. Je entschiedener, breiter, energischer die Frage gestellt wird, desto vollständiger wird die Führung überrascht sein und desto schneller werden wir die Hintergründe dieser Tatsache herausfinden können. Man muss eine solche Atmosphäre schaffen, dass man aus Paris, Berlin, Wien, Prag, New York Erklärungen von Moskau verlangt. Was ist dazu nötig? Zunächst, scheint es mir, ein kleines Flugblatt zu diesem Thema herauszugeben: „Stimmt es, dass Stalin den Genossen Bljumkin getötet hat?" In diesem Flugblatt müssen wir Cachin, Thälmann und Co. folgende Fragen stellen: Kennen sie diese Tatsache, nehmen sie die Verantwortung für die Ermordung des proletarischen Revolutionärs durch die stalinistische Clique auf sich? Wenn es keine Antwort auf die erste Frage gibt, wie es fast sicher ist, muss man unverzüglich ein zweites Flugblatt mit einem offensiveren Charakter veröffentlichen und in Zehntausenden von Exemplaren über alle möglichen Kanäle und Wege verteilen. Es ist durchaus möglich, dass Stalin im Falle von Druck im Westen und Besorgnis in der KPR versuchen wird, eine Art verschärfte Version in der Art der gemeinsamen Sache mit dem Wrangel-Offizier, der Vorbereitung eines Aufstands oder terroristische Akte zu lancieren. Auf solche Schandtaten muss man vorbereitet sein. Doch solche Erklärungen können kaum einen ernsthaften Eindruck hinterlassen. Zum einen, weil sie den Geruch des Schwindels der bonapartistischen Polizei verströmen, und vor allem, weil Stalin im Kampf mit der Opposition bereits die Ressourcen dieser Art erschöpft hat. Es ist nicht nötig, daran zu erinnern, dass die prinzipielle Position, die Bljumkin mit uns allen einnahm, von seiner Seite die Anwendung jeglicher abenteuerlicher Methoden im Kampf ausschloss, welche sie auch seien. Die Bljumkin-Affäre muss die Sacco-Vanzetti-Affäre der linken kommunistischen Opposition werden. Der Kampf für die Rettung unserer Freunde in der UdSSR muss gleichzeitig zur Überprüfung der Reihen der Opposition in den Ländern des Westens werden. Nach der Durchführung einer Kampagne auf revolutionäre Art und Weise, das heißt, mit der höchsten Anspannung der Kräfte und mit der höchsten Hingabe, wird sich die Opposition mit einem einzigen Schlag um einem ganzen Kopf erheben. Das wird uns das Recht geben zu sagen, dass Bljumkin sein Leben nicht umsonst gegeben hat. Jedes Oppositionszentrum sollte die ersten Schritte der Kampagne sorgfältig planen und sie gründlich vorbereiten. Für die praktische Umsetzung der skizzierten Maßnahmen ist es vielleicht am besten, eine „Troika" mit vollen Befugnissen an jedem Ort zu wählen, der alle Oppositionsmitglieder während dieser Kampagne unterstellt werden sollten. Es ist nicht auszuschließen, dass schon bevor dieser Brief Sie erreicht, die Presse solche Informationen über Bljumkins Schicksal veröffentlicht haben wird, die die rechtliche Frage der Bestätigung überflüssig machen würden. Es bliebe nur noch, den Mord zur Kenntnis zu nehmen und das Zentralkomitee jeder Partei zu fragen, ob es vor der Arbeiterklasse die Verantwortung für dieses Verbrechen übernimmt. Die Gefahr besteht darin, dass die Interpellation zu einem Platzpatronenschuss wird, reduziert auf ein isoliertes Flugblatt. Man muss einen Weg finden, diese Frage immer wieder von neuem zu stellen und diese Anschuldigung ohne Pause den „Chefs" ins Gesicht zu werfen. Man muss an Parteiversammlungen, Arbeiterversammlungen im Allgemeinen teilnehmen, man muss Plakate und kleine zehnzeilige Handzettel vorbereiten, usw., usf. Natürlich ist dieser Brief nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Sein Inhalt kann in Fragmenten verwendet werden. Vielleicht wäre es besser, alles, was mit dem Gespräch zwischen Bljumkin und mir in Konstantinopel zu tun hat, erst im zweiten oder dritten Flugblatt zu veröffentlichen. Ich werde Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt weiteres Material zukommen lassen, insbesondere auch Bljumkins Charaktersierung in Nachrufform, wenn die letzten rein formalen Zweifel an seinem Schicksal ausgeräumt sind. Immer der Ihre, L. Trotzki |
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