Leo Trotzki: Aufgaben innerhalb der UdSSR [eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen Übersetzung] Werte Genossen! Die Zentristen blieben bis zum Gürtel im Fünfjahresplan stecken. Einst schrieben sie uns ohne jeden Grund eine Vorliebe für einen starren administrativen Plan zu. In der Tat verwandelten sie selbst den Plan in einen Fetisch. Anders kann es auch nicht sein bei einem Regime, bei dem alles in geheimer Ordnung oben ausgearbeitet und den Massen wie die Sinai-Steintafeln gebracht wird. Der unbiegsame bürokratische Plan, der bereits solches Unheil für die Arbeiterklasse beschert hat, wurde zur gleichen Zeit eine Falle für die zentristische Bürokratie. Sie wird sich nicht aus ihr losreißen können, ohne in ihr zumindest eine Pfote zu lassen. Dieses Mal wird sich ein Opfer in Form von Bauman als unzureichend erweisen. Partei und Land wissen zu gut, wer die Verantwortung für den Fünfjahresplan in vier Jahren trägt. Kalinin und Woroschilow können dieses Mal, um sich aus der Falle loszureißen, versuchen, sich die Pfote abzubeißen, welche Generalsekretär genannt wird. Ob ihre Zähne dafür ausreichen, hängt im Wesen nicht von ihnen, sondern von der ganzen Lage ab. So oder so, aber eine neue Parteikrise naht in Siebenmeilenschritten. Sie wird sich bereits darin von allen vorherigen Krisen charakteristisch unterscheiden, dass in der Partei selbst unbekannte Elemente ungeheuer anwuchsen. Besedowski, Agabekow, Dmitrijewski usw. bilden nun ein schwer zu berücksichtigendes, aber sehr wichtiges Element der ganzen Lage. Diese Subjekte nennen sich selbst Thermidorianer: man muss sich eben irgendwie bezeichnen. Dem Wesen nach ist sie eine Fraktion bürokratischer Lakaien, die die Gefahr wittern und einen neuen Herrn suchen. Auf diese Bruderschaft stützte sich Stalin im Kampf gegen uns. In diesem Kampf „reifte“ die Besedowskerei, d.h. sie verfaulte völlig. Die Besedowskis aber halfen Stalin auch, mit den Rechten des Typs Rykow-Bucharin-Tomski fertig zu werden, obgleich sie selbst natürlich hundert Mal rechter als diese Rechten sind. Die nächste Parteikrise wird unausbleiblich die Intervention der bürokratischen Lakaien hervorrufen. Sie repräsentieren das unmittelbarste bedrohliche unbekannte Element in der Partei selbst, genauer: in ihrem Apparat. Ihr Überfluss, wie auch ihre Bereitschaft zu allem im Angesicht der Gefahr (der Sprung Besedowskis über den Klassenzaun war eine symbolische Geste), werden der nächsten Krise in diesem oder jenem Grad den Charakter eines Staatsumsturzes verleihen. Elemente von letzterem sind längst vorhanden: die Liquidierung des Wahlprinzips in der Partei, die Einmischung der GPU in den Kampf der Fraktionen, das dreiste plebiszitäre Regime usw. Aber jetzt steht im allmählichen Prozess ein Sprung, oder der Übergang von Quantität in Qualität bevor. Stellen wir uns für eine Minute vor, dass in der herannahenden Krise die Besedowskis Stalin stürzen. Ist das ausgeschlossen? Allgemein gesagt, ist das nicht ausgeschlossen. Man muss nur richtig verstehen, was das bedeutet. Die Besedowskis können Stalin nicht anders stürzen, als wie verfaulende Säulen die Kuppel umstürzen. Zu einer eigenständigen Rolle ist die Fraktion der Lakaien, die über den Zaun gesprungen sind, selbstverständlich unfähig. Was aber käme in einem solchen Falle am zweiten Tage nach dem Umsturz auf? Die ausländischen demokratischen Dummchen und Betrüger fangen abermals an, mit der Idee von Sowjets ohne Kommunisten zu flirten. Allgemein gesagt ist auch eine solche historische Episode nicht ausgeschlossen. Aber wenn Sowjets mit Menschewiki und SRlern an der Spitze acht Monate bestanden, die danach den Bolschewiki den Platz abtraten, dann würden Sowjets ohne Kommunisten – bei entgegengesetzt ablaufendem Film – kaum länger als acht Wochen bestehen, bis sie den Platz irgendeiner offenen Kombination des Thermidors mit dem Bonapartismus räumen würden, welcher seinerseits nur ein kurzer Steg zu einem „russenländischen1“ Bonapartismus ohne Umschweife wäre. in der Tat, im Fall eines Zerfalls des Parteiapparats, bei offener Erhebung der Lakaien, bei Desorganisiertheit der Parteimassen, bei tiefer Unzufriedenheit beider grundlegenden Klassen wären „Sowjets ohne Kommunisten“ nur kurzlebiger Ausdruck fortschreitender Lähmung der Revolution selbst. Sowjets ohne Steuer und Segel würden einen Erlöser suchen. Zeitweilig könnte Klim dafür taugen – einer der Klims. Die Besedowskis und Kandidaten für sie in der Armee und in der GPU – alle diese Bljuchers, Tuchatschewskis, Jagodas, Deribasse usw. – würden gerade in diese Richtung drängen. Und Klim würde, wenn er den Generalsekretär gestürzt hätte und sich auf diese stützen würde, selbstverständlich auf den Stab, aber nicht auf die Partei und nicht einmal auf das Orgbüro, sich damit rechtfertigen, dass es notwendig wäre, „wenigstens irgendetwas zu retten“. Dies wäre aber die Formel auch anderer ehemaliger Leute von verschiedenem Grad der Verwesung, hier natürlich einschließlich Pjatakows, Radeks usw. Eine Militärdiktatur Klims in Verbindung mit einigen Resten des Sowjetsystems wäre auch unsere vaterländische Form des Bonapartismus in seinem ersten Stadium. Es ist klar, in welchem Maße alle diese Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten die Chance reformistischer Wege vermindern. Aber diese Chance kann man dennoch a priori nicht ausmessen. Das Wesen des plebiszitär-Stalinschen Regimes besteht doch auch darin, dass es die Möglichkeit irgendeiner konkreten vorhergehenden politischen Orientierung ausschließt. In dem Maße, in dem die nächste Partei- und politische Krise allem Anschein nach mit Elementen eines Staatsumsturzes verbunden wäre, würde sie kaum ohne Bürgerkrieg vorbeigehen. Aber in was für einem Maßstab? Entlang was für welcher Linien? In welchen „Rechts-“Formen? Dies kann man nicht im Voraus genau voraussagen, umso weniger von weitem, wenn man nicht das ganze Rein und Raus des Apparats, die Verbindung seiner verschiedenen Gruppen und Fraktionen mit parteilosen Gruppierungen, zuallererst im Staatsapparat, aber dieser letzteren mit den Klassen kennt. Es ist auf alle Fälle vollkommen klar, dass die Bolschewiki-Leninisten im Angesicht der nahenden Erschütterungen, für den Erhalt und die Beibehaltung des Erbes der Oktoberrevolution stehen, d.h. zuallererst der Elemente der Diktatur des Proletariats und der leitenden Rolle der Partei. In diesem grundlegenden Sinne bleiben wir auf dem Wege der Reform. Dies bedeutet insbesondere, dass alles dafür getan werden muss, dass der revolutionäre proletarische Kern des Kommunismus im Falle eines Bürgerkriegs, eine legale Ausgangsposition einnimmt, d.h. unter dem offiziellen Banner Elemente der Oktoberrevolution im existierenden Regime verteidigen würde, gegen jene, welche gegen das Regime insgesamt anstürmen oder in der ersten Zeit „bloß“ die Elemente des Oktobers im bestehenden Regime angreifen würden. Darauf läuft auch die derzeitige Linie der Reform in der Vorbereitungsperiode auf die Krise hinaus. Diesen Gedanke zu illustrieren hilft eine Teilfrage. Uns wurde vor einigen Monaten geschrieben, dass sich Ch. G. Rakowski für die Losung eines Koalitions-ZK, d.h. eines aus Rechten, Zentristen und Linken aussprach. Da die Rechten auch jetzt dem ZK angehören, würde das faktisch eine Einbeziehung der Linken bedeuten. Es kann natürlich keine Rede davon sein, dass die Stalinisten einer solchen Kombination früher als 24 Stunden vor einer offenen Krisen zustimmen würden. Heute führen sie weiter den gemein-rasenden Kampf gegen die Linke im internationalen Maßstabе. Aber darum geht es nicht.2 Der proletarische Kern der Partei wittert die nahende Gefahr und sucht einen Ausweg und wird ihn suchen, wird ihn nicht anders suchen können, als gerade auf Wegen der Reform. Dieser Kern kann sich nicht die Aufgabe der Übergabe der Führung und Macht an die linke Opposition stellen: er hat nicht dieses Vertrauen zu ihr, aber wenn er es auch hätte, dann würde ein solcher radikaler Wechsel der Führung für die Parteimasse mehr einem Umsturz als einer Parteireform ähneln. Die Losung eines Koalitions-ZK ist viel geeigneter, am Vorabend einer Krisen oder in ihrem Moment die Losung breiter Kreise der Partei zu werden. Kann es auf unserer Seite prinzipielle Widersprüche gegen diese Losung geben? Wir sehen sie nicht. Wir sagten immer, und das war keine Phrase, dass wir zur Verfügung der Partei bleiben. Aus dem Zentralkomitee traten wir nicht aus eigenem Willen aus. Sie schlossen uns deshalb aus, weil wir nicht zustimmten, auf unsere Ansichten oder auf ihre Verteidigung zu verzichten. Selbstverständlich setzt die Losung eines Koalitions-ZK auf unserer Seite volle Treue zur Oppositions-Plattform und Bereitschaft für sie auf der Grundlage der Partei mit Parteimitteln zu kämpfen voraus. Nur so können wir auch die Frage stellen. Die breite öffentliche Meinung der Partei kann in einem bestimmten Moment die Idee einer Dreierkoalition als einziges Mittel der Rettung vor dem vollen Zerfall der Partei aufgreifen, der alles zu begraben droht. Es ist vollkommen offensichtlich, dass sich die Rechte Bucharinschen Typs nicht weniger als wir vor der Fraktion der ermutigten Lakaien fürchten muss, obgleich gerade die Bucharinisten und die Stalinisten diese Bruderschaft mir ihrer geistigen Milch3 groß zogen. Die Partei ist jetzt so rückständig, gespalten, niedergedrückt und vor allem desorientiert, dass ihr Erwachen sich in den ersten Zeiten unter elementarsten Losungen vollziehen wird. „Mögen sich Stalin, Molotow, Bucharin, Rykow, Rakowski, Trotzki vereinigen, um zumindest Partei und Staatsapparat von Lumpenpack zu zu säubern“. Egal wie primitiv dieser Gedanke ist, er kann doch eine ernsthafte Rolle spielen, falls er rechtzeitig weite Kreise der Partei, und zuallererst natürlich ihren proletarischen Kern ergreift. Wir könnten in eine solche Kombination – falls sie sich allgemein als durchführbar erweist – natürlich4 im Namen viel breiterer Aufgaben eintreten. Wir würden auf nichts verzichten. Umgekehrt müssten andere auf einiges (auf vieles) verzichten. Aber die Rede ist jetzt nicht davon, wie diese Losung in der Praxis durchgeführt wird (oder nicht durchgeführt wird, was wahrscheinlicher ist). Jetzt ist wichtig, dass diese Losung, wenn sie rechtzeitig aufgestellt wird, die Parteimasse aus dem Starrkrampf hinausführen kann, aber die linke Opposition – aus ihrer derzeitigen Isolation, welche die Hauptgefahr der ganzen Lage ist. Zum Abschluss bleibt zu sagen, dass das Aufstellen dieser oder jener Losungen, einschließlich auch solcher Teil- und Hilfslosungen wie Koalitions-ZK, die Fähigkeit der Opposition zu planmäßiger Arbeit voraussetzt, aber das verlangt unter den derzeitigen Bedingungen Organisation. Gerade diese Frage muss man auch in ihrer ganzen Schärfe stellen. Egal wie groß die Schwierigkeiten sind, sie müssen überwunden werden. Jetzt wirkt noch die Trägheit der Niederlage. Aber die Möglichkeiten sind zweifellos mehr und weiter, als vielen scheint. Man muss die Arbeit anpacken, wie es sich ziemt. 31. Oktober 1930 1 „русский“ (russkij) heißt „russisch“. Der Begriff „российский“ (rossijskij) wurde in der Arbeiter*innenbewegung im zaristischen Russland in Bezug auf das russische Reich im Unterschied zu ethnischen Russ*innen verwendet und wird im Deutschen oft mit „russländisch“ nachempfunden. Hier parodiert Trotzki das Wort „российский“ mit „рассейский“ (rassejskij), um russische Chauvinist*innen zu verspotten. Ich habe das mit „russenländisch“ nachzuempfinden versucht. Die englische Übersetzung schreibt „grand R-R-Rooshian“ und verweist darauf, dass die Wurzel „рассей“ zugleich zerstreuen, wegfegen bedeutet. 2 In der englischen Übersetzung fehlt der Satz 3 In der englischen Übersetzung: „Blödsinn“ 4 In der englischen Übersetzung: „nur“ |
Leo Trotzki > 1930 >