Leo Trotzki: Vorwort zum Buch „Entstellte Revolution" Nach der im Trotzki- Archiv in der Harvard University aufbewahrten Kopie, Ordner bMs Russ 13 T-3161. Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der französischen und englischen Übersetzung] Der vorliegende Band skizziert die Etappen des sechsjährigen Kampfes der jetzt in der UdSSR herrschenden Fraktion gegen die linke Opposition (Bolschewiki-Leninisten) im Allgemeinen und den Autor dieses Buches im Besonderen. Ein wesentlicher Teil des Bandes widmet sich der Widerlegung von Anschuldigungen und direkter Verleumdung, die sich gegen mich persönlich richten. Was gibt mir das Recht, mit diesem Material die Aufmerksamkeit des Lesers zu bemühen? Der Umstand, dass mein Privatleben eng mit den Ereignissen der Revolution verbunden ist, würde an sich nicht rechtfertigen, dass dieses Buches ans Licht kommt. Wenn der Kampf der Fraktion Stalins gegen mich nur ein persönlicher Machtkampf wäre, würde die Geschichte dieses Kampfes nichts allzu Lehrreiches enthalten: Die parlamentarische Geschichte ist voll vom Kampf der Fraktionen und Einzelpersonen um die Macht um der Macht willen. Aber es ist Tatsache, dass der Kampf von Individuen und Gruppen in der UdSSR untrennbar mit den verschiedenen Phasen der Oktoberrevolution verschmolzen ist. Die historische Gesetzmäßigkeit1 offenbart sich nie mit einer solchen Macht wie in einer Revolutionsepoche, die die Klassenbeziehungen enthüllt und alle Probleme und Widersprüche zu äußerster Schärfe treibt. Der Kampf der Ideen stellt sich in solchen Perioden als direktestes Werkzeug feindlicher Klassen oder von Teilen ein und derselben Klasse dar. Genau diesen Charakter erhielt der Kampf gegen den „Trotzkismus" in der russischen Revolution. Die Verbindung von manchmal völlig scholastischen Spitzfindigkeiten mit materiellen Interessen von Klassen oder Schichten war in diesem Fall so offensichtlich, dass diese historische Erfahrung eines Tages als besonderes Kapitel in die Schulbücher des historischen Materialismus aufgenommen werden wird. Lenins Krankheit und Tod teilt die Oktoberrevolution in zwei Perioden, die sich umso dramatischer voneinander unterscheiden werden, je weiter wir uns von ihnen entfernen. Die erste Periode war die Zeit der Machteroberung, der Errichtung und Konsolidierung der Diktatur des Proletariats, deren militärischer Verteidigung, deren wichtigster Schritte bei der Bestimmung des wirtschaftlichen Weges. Die Partei als Ganzes weiß sich als Trägerin der Diktatur des Proletariats und schöpft aus diesem Bewusstsein ihre innerlich Zuversicht. Die zweite Periode ist charakterisiert durch wachsende Elemente der Doppelmacht im Lande. Das Proletariat, das im Oktober die Macht erobert hatte, wird infolge einer Reihe materieller und geistiger2 Gründe nationaler und internationaler Ordnung beiseite geschoben und zur Seite und nach hinten gedrängt. Neben ihm, hinter ihm, manchmal vor ihm rücken andere Elemente, andere Schichten, Teile anderer Klassen vor, die einen erheblichen Teil, wenn nicht der Macht, so doch des direkten Einflusses auf die Macht wegnehmen. Diese anderen Schichten: Staats-, Gewerkschafts- und Genossenschaftsbeamte, Angehörige freier Berufe, Händler und3 Mittelsmänner bilden zunehmend ein System kommunizierender Röhren4. Gleichzeitig sind sie nach Lebensbedingungen, Alltagssitten und Denkgewohnheiten vom Proletariat getrennt oder trennen sich zunehmend von ihm. Dazu gehören letztlich auch Parteibeamte, da sie eine geschlossene Kaste bilden, die nicht so sehr durch innere Mittel als vielmehr durch Mittel des Staatsapparats für ihre Nichtentfernbarkeit5 sorgt. Nach ihrer Herkunft und Tradition, nach den Quellen ihrer heutigen Kraft stützt sich die Sowjetmacht weiterhin auf das Proletariat, wenn auch immer weniger direkt. Durch die oben genannten sozialen Schichten steht sie zunehmend unter dem Druck bürgerlicher Interessen. Dieser Druck wird umso spürbarer, als ein wesentlicher Teil nicht nur des Staats-, sondern auch des Parteiapparates, wenn nicht bewusster, so doch in jedem Fall gutwilliger Sachwalter6 bürgerlicher Sichtweisen und Hoffnungen ist. So schwach unsere innere Bourgeoisie an sich auch sein mag, sie erkennt sich zu Recht als Teil der Weltbourgeoisie und ist ein Transmissionsmechanismus des Weltimperialismus. Aber auch die innere7 Basis der Bourgeoisie ist nicht unbedeutend. In dem Maße, wie sich die bäuerliche Wirtschaft auf individuellen Grundlagen des Marktes entwickelt, sondert sie zwangsläufig aus sich ein zahlreiches ländliches Kleinbürgertum aus. Ein wohlhabender Muschik8, oder ein Muschik, der nur reich werden will und auf Hindernisse in der sowjetischen Gesetzgebung stößt, ist ein natürlicher Träger der Tendenzen des Bonapartismus. Dies wird durch den gesamten Verlauf der neuesten Geschichte bewiesen und erneut an den Erfahrungen der Sowjetrepublik getestet. Dies sind die sozialen Quellen der Elemente der Doppelmacht, die das zweite, nach-Leninsche9 Kapitel der Oktoberrevolution färben. Natürlich war die erste Periode – 1917-23 – auch nicht einheitlich in ihrer gesamten Länge. Auch damals gab nicht nur Offensiven, sondern auch Rückzüge. Auch damals machte die Revolution große Zugeständnisse: an die Bauernschaft auf der einen Seite, an die Weltbourgeoisie auf der anderen Seite. Der erste Rückzug der siegreichen Revolution war die Brest-Litowsker Friede. Dann ging die Revolution zu einer neuen Offensive über. Die Politik der Handels- und Industriekonzessionen, so bescheiden auch ihre praktischen Resultate waren, stellte im Prinzip ein ernstes Rückzugsmanöver dar. Der größte Rückzug war jedoch die Neue Ökonomische Politik in ihrer Gesamtheit (NEP). Mit der Wiederherstellung des Marktes schuf die NEP die Voraussetzungen für die Wiederbelebung der Kleinbourgeoisie und die Transformation ihrer einzelnen Elemente und Gruppen in eine Mittelbourgeoisie. Auf diese Weise wurden die Möglichkeiten der Doppelmacht in der NEP gelegt. Aber sie lagen nur in wirtschaftlicher Potenz. Wirkliche Macht entwickelten sie erst im zweiten Kapitel, die im Großen und Ganzen durch Lenins Krankheit und Tod und den Beginn des konzentrierten10 Kampfes gegen den „Trotzkismus" begann. Für sich genommen verletzen Zugeständnisse an die bürgerlichen Klassen natürlich nicht die Diktatur des Proletariats. Es gibt überhaupt keinen chemisch reinen Klassenstaaten in der Geschichte. Die Bourgeoisie stützt sich auf andere Klassen, unterwirft sie, besticht sie oder schüchtert sie ein. Sozialreformen zugunsten der Arbeiter an sich verletzen nicht die Selbstherrschaft11 der Bourgeoisie im Lande. Jedem Kapitalisten im Einzelnen scheint es, das stimmt, dass er nicht mehr der vollständige Herr seines Hauses, d.h. des Betriebs und12 der Fabrik sei, weil er rechtliche Beschränkungen seiner eigenen Hausherrendiktatur13 berücksichtigen muss. Aber diese Beschränkungen dienen nur dazu, die Macht der Klasse als Ganzer zu erhalten und zu stützen. Die Interessen der einzelnen Kapitalisten geraten auf jeden Schritt in Widerspruch zu den Interessen des kapitalistischen Staates nicht nur in Fragen der Sozialgesetzgebung, sondern auch in Fragen der Steuern, der Staatsverschuldung, von Krieg und Frieden usw. usf. Das Übergewicht bleibt bei den Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit. Gerade letztere entscheidet, welche Reformen und in welchem Grade man sie zugestehen kann, ohne die Grundlagen ihrer Herrschaft zu verletzen. Analog stellt sich die Frage auch in Beziehung auf die Diktatur des Proletariats. Chemisch rein könnte sie nur im luftleeren Raum14 sein. Das herrschende Proletariat muss mit den anderen Klassen rechnen und je nach Kräfteverhältnis innerhalb des Landes oder in der internationalen Arena Zugeständnisse an andere Klassen machen, um seine Herrschaft zu behalten. Die ganze Frage ist, in welchen Grenzen und mit welchem Grad an Bewusstsein diese Zugeständnisse gemacht werden. Die Neue Ökonomische Politik hatte zwei Seiten. Erstens entstammte sie aus der Notwendigkeit, dass das Proletariat selbst für die Leitung der Industrie und der Wirtschaft als Ganzes die Methoden und Techniken einsetzt, die vom Kapitalismus entwickelt wurden. Zweitens bedeutete es ein Zugeständnis an die Bourgeoisie, unmittelbar15 an das Kleinbürgertum, weil es ihm die Möglichkeit gab, seine Wirtschaft in der ihm eigenen Form von Kauf-Verkauf zu leiten. In Russland mit seiner vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung hatte diese zweite Seite der NEP entscheidenden Charakter. Mit der Verzögerung der revolutionären Entwicklung in anderen Länder war die NEP als breiter und längerer Rückzug absolut unvermeidlich. Wir führten ihn unter Lenins Führung ziemlich einmütig durch. Der Rückzug wurde für alle vernehmlich16 als Rückzug bezeichnet. Die Partei und durch sie die Arbeiterklasse verstanden richtig, um was es sich 17handelte. Die Kleinbourgeoisie bekam innerhalb bestimmter Grenzen die Möglichkeit zur Akkumulation. Aber die Macht und damit auch das Recht, die Grenzen der Akkumulation festzulegen, blieb wie zuvor in den Händen des Proletariats. Wir haben vorhin gesagt, dass es eine Analogie zwischen den sozialen Reformen im Interesse des Proletariats, zu deren Durchführung sich die herrschende Bourgeoisie gezwungen sieht, und den Zugeständnissen an die bürgerlichen Klassen gibt, die das herrschende Proletariat macht. Diese Analogie muss man jedoch, wenn wir Fehler vermeiden wollen, in einen bestimmten historischen Rahmen stellen. Die bürgerliche Macht existiert seit Jahrhunderten, sie hat einen Weltcharakter, sie basiert auf riesigem akkumuliertem Reichtum, sie verfügt über ein mächtiges System von Institutionen, Verbindungen und Ideen. Die Jahrhunderte18 der Herrschaft haben eine Art Herrschaftsinstinkt geschaffen, der die Bourgeoisie mehr als einmal unter schwierigen Bedingungen geleitet hat. Die Jahrhunderte der bürgerlichen Herrschaft waren Jahrhunderte der Unterdrückung für das Proletariat. Er hatte keine historischen Herrschaftstraditionen, noch weniger einen Machtinstinkt. Er kam an die Macht in einem der ärmsten und rückständigsten Länder Europas. Das bedeutet, dass die Diktatur des Proletariats unter den gegebenen historischen Bedingungen in dieser Etappe weit weniger abgesichert ist als die Macht der Bourgeoisie. Eine richtige Politik, eine realistische Einschätzung ihrer eigenen Schritte, darunter unvermeidliche Zugeständnisse an die bürgerlichen Klassen, sind für die Sowjetmacht eine Frage von Leben und Tod. Das nach-Leninsche Kapitel der Oktoberrevolution ist durch das Wachstum sowohl sozialistischer als auch kapitalistischer Kräfte der sowjetischen Wirtschaft gekennzeichnet. Die Frage entscheidet sich durch das dynamische Verhältnis zwischen ihnen. Die Prüfung dieses Verhältnisses liefern nicht so sehr Statistiken, als vielmehr der tägliche Verlauf des Wirtschaftslebens. Die gegenwärtige tiefe Krise, die die paradoxe Form eines Mangels an landwirtschaftlichen Produkten im Ackerbauland angenommen hat, ist ein objektiver und unverkennbarer Beweis für die Verletzung der grundlegenden wirtschaftlichen Proportionen. Bereits im Frühjahr 1923, auf dem 12. Parteitag, warnte der Autor dieses Buches vor den Folgen, zu denen unsachgemäße Wirtschaftsleitung führen kann: Das Zurückbleiben der Industrie führt zu einer „Schere" bei den Preisen von Industrie- und Agrarprodukten, was wiederum zu einer Verzögerung in der Entwicklung der Landwirtschaft führt. Das Eintreten dieser Folgen bedeutet an sich nicht die Unvermeidlichkeit geschweige denn das unmittelbare Bevorstehen des Zusammenbruchs des Sowjetregimes. Es bedeutet nur – aber völlig gebieterisch – die Notwendigkeit einer Änderung der Wirtschaftspolitik. In einem Land, in dem die wichtigsten Produktivkräfte Staatseigentum sind, ist die Politik der Staatsführung ein direkter und für eine bestimmte Etappe entscheidender Wirtschaftsfaktor. Die Frage läuft daher darauf hinaus, ob die Führung in der Lage ist, die Notwendigkeit einer politischen Veränderung zu verstehen und ob sie die Kraft hat, eine solche Veränderung in der Tat durchzuführen. Wir kommen hier erneut auf die Frage zurück, in welchem Maße sich die Staatsmacht noch in den Händen des Proletariats und seiner Partei befindet, d.h. inwieweit sie noch die Macht der Oktoberrevolution ist. Antworten auf diese Frage kann man nicht a priori. Die Politik hat keinen mechanischen Maßstab. Die Kräfte von Klassen und Parteien finden sich im Kampf. Und der Kampf ist noch ganz vor uns. Eine Doppelmacht, d.h. das parallele Bestehen der Macht oder Halbmacht19 zweier antagonistischer Klassen – wie zum Beispiel in der Epoche Kerenskis – kann nicht lange andauern. Ein solcher kritischer Zustand muss in die eine oder andere Richtung gelöst werden. Die Behauptung von Anarchisten oder Anarchistelnden, wonach die UdSSR bereits ein bürgerliches Land sei, wird am besten widerlegt durch die Haltung der Bourgeoisie selbst, der in- und ausländischen, gegenüber der Frage. Weiter als zum Anerkennen von Elementen der Doppelmacht zu gehen, wäre theoretisch falsch, politisch gefährlich, ja sogar selbstmörderisch. Seinerseits bedeutet das Problem der Doppelmacht für den gegebenen Moment die Frage, in welchem Maße die bürgerlichen Klassen in den sowjetischen Staatsapparat eingedrungen sind und in welchem Maße bürgerliche Ideen und Tendenzen in den Parteiapparat des Proletariats eingedrungen sind? Denn von diesem Grad hängen die Manövrierfreiheit der Partei und die Möglichkeit für die Arbeiterklasse ab, im notwendigen Maße zu Verteidigung und Angriff zu schreiten. Das zweite Kapitel der Oktoberrevolution charakterisiert sich nicht nur durch das Wachstum der wirtschaftlichen Positionen des Kleinbürgertums von Stadt und Dorf20, sondern auch durch einen viel gefährlicheren und akuteren Prozess der theoretischen und politischen Abrüstung des Proletariats, parallel zum Wachstum des politischen Selbstbewusstseins bürgerlicher Schichten. In Übereinstimmung mit dem Stadium, das diese Prozesse durchlaufen, bestand und besteht noch ein politisches Interesse der wachsenden kleinbürgerlichen Klassen daran, ihren Fortschritt soweit wie möglich zu verbergen, ihre Erfolge mit einer sowjetischen Schutzfärbung anzustreichen und ihre Unterstützungsbasen21 als integrale Bestandteile des sozialistischen Aufbaus darzustellen. Die bekannten und obendrein bedeutenden Fortschritte der Bourgeoisie auf der Grundlage der NEP waren unvermeidlich und obendrein notwendig für den Erfolg des Sozialismus selbst. Aber ein und dieselben wirtschaftlichen Errungenschaften der Bourgeoisie sind von völlig unterschiedlicher Bedeutung und stellen völlig unterschiedliche Gefahrenstufen dar, je nachdem, inwieweit die Arbeiterklasse und vor allem ihre Partei die Prozesse und Veränderungen im Land richtig einschätzen und inwieweit sie das Steuer fest in ihren Händen halten22. Politik ist konzentrierte Ökonomie. Im gegebenen Stadium werden wirtschaftliche Frage der Sowjetrepublik mehr denn je politisch entschieden. Der fehlerhafte Charakter der nach-Leninschen Politik besteht nicht so sehr darin, dass sie große neue Zugeständnisse an verschiedene Schichten der Bourgeoisie innerhalb des Landes23, in Westeuropa24 und in Asien gemacht hat. Einige dieser Zugeständnisse waren notwendig oder unvermeidlich, wenn auch nur als Resultate früherer Fehler. Solche neue Zugeständnisse an den Kulaken im April 1925: die Erlaubnis, Land zu pachten und Arbeitskräfte einzustellen. Andere dieser Zugeständnisse waren an und für sich fehlerhaft, schädlich und sogar verderblich. Solche waren: die Kapitulation vor den bürgerlichen Agenten in der britischen Arbeiterbewegung und am schlimmsten die Kapitulation vor der chinesischen Bourgeoisie. Aber das Hauptverbrechen der nach-Leninschen und anti-Leninschen25 Politik war, dass ernste Zugeständnisse als Erfolge des Proletariats herausgestellt wurden; dass Rückzüge als Bewegungen vorwärts dargestellt wurden; und dass das Wachstum innerer Schwierigkeiten als ein triumphaler Fortschritt in Richtung einer nationalen26 sozialistischen Gesellschaft interpretiert wurde. Diese dem Wesen der Sache nach verräterische Arbeit der theoretischen Zerstörung der Partei und des Erstickens der politischen Wachsamkeit des Proletariats wurde in den letzten sechs Jahren unter dem Deckmantel des Kampfes mit dem „Trotzkismus“ vollzogen. Die Eckprinzipien27 des Marxismus, die Grundmethoden der Oktoberrevolution, die wichtigsten Lehren der Leninschen28 Strategie wurden einer erbitterten und rabiaten Revision unterzogen, in der das ungeduldige Bedürfnis des privilegierten Beamten und des wiederhergestellten Kleinbürgers29 nach Ruhe und Ordnung seinen Ausdruck fand. Die Idee der permanenten Revolution, d.h. die untrennbare und reale Verbindung zwischen dem Schicksal der Sowjetrepublik und dem Verlauf der proletarischen Revolution auf der ganzen Welt, war für die neuen konservativen Schichten am aufreizendsten30, die innerlich überzeugt waren, dass die Revolution, nachdem sie sie nach oben gebracht hatte, damit ihre Bestimmung erfüllt hätte. Meine Kritiker aus dem sozialdemokratischen und demokratischen Lager haben mir mit großer Autorität erklärt, dass Russland „nicht reif" für den Sozialismus sei und dass Stalin völlig Recht habe, seine Zickzacks auf den Weg des Kapitalismus zu lenken. Es ist wahr, dass das, was die Sozialdemokraten mit voller Befriedigung Wiederherstellung des Kapitalismus nennen, Stalin den Aufbau des nationalen Sozialismus31 nennt. Aber da sie von ein und demselben Prozess sprechen, sollte der Unterschied in der Terminologie die Identitäten im Wesen nicht vor unseren Augen verbergen. Selbst wenn Stalin seine Arbeit bewusst machte, wovon bisher noch nicht die Rede ist32, wäre er dennoch um Reibungen abzuschwächen gezwungen, den Kapitalismus Sozialismus zu nennen. Er tut dies umso wohlgemuter, je weniger er sich im Wesen der historischen Prozesse zurechtfindet. Blindheit befreit ihn in diesem Fall von der Notwendigkeit der Heuchelei33. Die Frage läuft jedoch nicht darauf hinaus, ob Russland in der Lage ist, mit eigenen Mitteln den Sozialismus aufzubauen. Eine solche Frage existiert für den Marxismus überhaupt34 nicht. Alles, was die stalinistische Schule dazu gesagt hat, gehört vom theoretischen Typus her in das Gebiet der Alchemie und Astrologie. Der Stalinismus als Doktrin taugt nur fürs theoretische Völkerkundemuseum35. Die Hauptfrage besteht darin, ob der Kapitalismus Europa aus der historischen Sackgasse herausführen kann. Kann Indien aus Knechtschaft36 und Armut herauskommen, ohne aus dem Rahmen des friedlichen kapitalistischen Fortschritts auszubrechen? Kann China die Höhen der amerikanischen und europäischen Kultur ohne Revolutionen und Krieg erreichen? Können die Vereinigten Staaten ihrer eigenen Produktivkräfte Herr werden37, ohne Europa zu erschüttern und eine schreckliche militärische Katastrophe für die Menschheit als Ganzes vorzubereiten? So steht die Frage nach dem künftigen Schicksal der Oktoberrevolution. Wenn man annimmt, dass der Kapitalismus immer noch eine fortschrittliche historische Kraft ist; dass er mit seinen Methoden und Kunstgriffen die Hauptprobleme, die historisch an der Reihe sind, lösen und die Menschheit noch um mehrere Stufe heben kann, dann wäre nicht die Rede von der Verwandlung der Sowjetrepublik in ein sozialistisches Land. Dann würde der sozialistische Überbau38 der Oktoberrevolution unweigerlich zerstört werden, und als Erbe nur seine agrarisch-demokratischen Errungenschaften39 hinterlassen. Das würde einen Abstieg von der proletarischen Revolution zur bürgerlichen Revolution durch die Stalin-Fraktion oder einen Teil dieser Fraktion bedeuten, oder es wäre ein neuer politischer Wechsel erforderlich, oder nicht nur einer40 – das sind alles Fragen zweiter Ordnung. Ich habe bereits mehr als einmal geschrieben, dass die politische Form einer solchen Abstiegs höchstwahrscheinlich Bonapartismus sein würde – keineswegs41 Demokratie. Die Hauptfrage besteht jedoch darin, ob der Kapitalismus noch fortschrittlich ist als Weltsystem. Genau in dieser Frage zeigen unsere sozialdemokratischen Gegner einen erbärmlichen, schlaffen und hilflosen Utopismus – eine Utopismus der Reaktion, nicht der Vorwärtsbewegung Stalins Politik ist „Zentrismus", d.h. eine Strömung, die zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus schwankt. Die wichtigsten „theoretischen" Anstrengungen der Stalinschule, die erst nach Lenins Tod entstand, zielten darauf ab, das Schicksal der Sowjetrepublik von der Weltentwicklung als Ganzer zu trennen. Das hieß, die Oktoberrevolution von sich selbst zu befreien42. Das theoretische Problem der Epigonen nahm die Form einer Gegenüberstellung von Trotzkismus und Leninismus an. Um sich vom internationalen Wesen des Marxismus zu befreien und ihm gleichzeitig vorerst43 in Worten treu zu bleiben, war es notwendig, die Waffen an erster Stelle gegen diejenigen zu richten, die die Träger der Ideen der Oktoberrevolution und des proletarischen Internationalismus waren. Der erste Platz gehörte hier44 Lenin. Aber Lenin starb an der Grenze der beiden Etappen der Revolution. Er konnte die Sache seines Lebens nicht mehr verteidigen. Die Epigonen zerschnitten seine Bücher in Zitate, begannen mit diesen Waffen gegen den lebendigen Lenin zu kämpfen und errichteten sein Grabmausoleum nicht nur auf dem Roten Platz, sondern auch im Bewusstsein der Partei. Als ob er das Schicksal seiner Ideen in der nächsten Etappe vorausgesehen hätte, begann Lenin sein Buch über den Staat mit den folgenden Worten über das Schicksal der großen Revolutionäre: „Nach ihrem Tode versucht man, sie zu harmlosen Heiligenbildern zu machen, sie sozusagen zu kanonisieren, ihrem Namen einen gewissen Ruhm einzuräumen zum ,Trost' und zur Nasführung der unterdrückten Klassen, indem man den Inhalt der revolutionären Lehre kastriert, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie verflacht." (Band 14, Teil45 2, S. 299) Zu diesen prophetischen Worten bleibt nur noch hinzuzufügen, dass N. K. Krupskaja einmal die Entschlossenheit gefunden hat, sie der Stalinfraktion ins Gesicht zu schleudern. Die zweite Hälfte der Aufgabe der Epigonen bestand darin, die weitere Verteidigung und Entwicklung der Ideen Lenins als eine Lenin feindliche Doktrin darzustellen. Diesen historischen Dienst erfüllte der Mythos des „Trotzkismus". Soll ich hier wiederholen, dass ich die Schaffung einer speziellen Doktrin nicht beanspruchte und nicht beanspruche? Theoretisch bin ich ein Schüler von Marx. In Bezug auf die Methoden der Revolution ging ich an die Schule Lenins. Ich kenne den Trotzkismus nicht.46 Oder, wenn man will, kenne ich den „Trotzkismus“ als die Bezeichnung, die den Ideen von Marx und Lenin von den Epigonen gegeben wird, die diese Ideen um jeden Preis loswerden wollen, es aber nicht wagen, dies offen zu tun. Das vorliegende Buch zeigt einen Teil des ideologischen Prozesses, durch den die derzeitige Führung der Sowjetrepublik ihre theoretische Haut47 in Übereinstimmung mit der Veränderung ihres sozialen Wesens ablöste. Ich zeige, wie ein und dieselben Leute über ein und dieselben Fakten, Ideen oder Persönlichkeiten48 unter Lenin und nach Lenin geradezu das Gegenteil nachplapperten. Ich muss in diesem Buch viele Zitate bringen, was, wie ich im Vorbeigehen feststelle, meinen üblichen literarischen Techniken widerspricht. Jedoch im Kampf gegen Politiker, die sich hastig und diebisch49 von ihrem gestrigen Tag lossagen und ihm gleichzeitig Treue schwören, ist es unmöglich, ohne Zitate auszukommen, denn sie spielen in diesem Fall die Rolle direkter und unwiderlegbarer Beweise. Wenn ein ungeduldiger Leser daran Anstoß nimmt, dass er einen Teil seines Weges über Unebenheiten50 nehmen muss, dann möge er zumindest in Betracht ziehen, dass diese Zitate zu sammeln51, die lehrreichsten von ihnen auszuwählen und sie in den notwendigen politischen Zusammenhang zu bringen, unermesslich mehr Mühe gekostet hat, als diese dokumentarischen Beweise für den Kampf zwischen zwei so nahen und so unvereinbaren Lagern sorgfältig zu lesen. Der erste Teil dieses Buches ist mein Brief an das Institut für Partei- und Revolutionsgeschichte (Istpart)52, den ich anlässlich des 10. Jahrestages des Oktoberumsturzes geschrieben habe. Das Institut schickte mein Manuskript unter Protest zurück, das wie ein Fremdkörper53 in die Arbeit der unerhörten historischen Fälschung eindrang, mit dem sich diese Institution im Kampf gegen den Trotzkismus befasst. Der zweite Teil des Buches besteht aus vier Reden, die ich vor den höchsten Institutionen54 der Partei von Juni bis Oktober 1927 gehalten habe, d.h. während der Zeit des konzentrierten Ideenkampfes55 zwischen der Opposition und der Fraktion Stalins. Ich habe aus vielen Dokumenten der letzten Jahre die Stenogramme dieser vier Reden ausgewählt, sowohl weil sie eine gedrängte Wiedergabe der umkämpften Ansichten geben als auch weil sie in ihrer chronologischen Abfolge in der Lage sind, so scheint es mir, dem Leser die dramatische Dynamik des Kampfes selbst näher zu bringen. Ich will noch hinzufügen, dass häufige Analogien zur französischen Revolution die historische Orientierung des französischen Lesers erleichtern können. Ich nahm an den Texten der Reden beträchtliche Kürzungen vor, um sie von Wiederholungen zu befreien, die immer noch in diesem oder jenem Maße unvermeidlich sind. Alle notwendigen Erklärungen werden von mir in Form von einleitenden Bemerkungen zu den Reden selbst gegeben, die in dieser Ausgabe zum ersten Mal in der Presse erscheinen. In der UdSSR bleiben sie verbotene Manuskripte. Abschließend gebe ich ein kleines Pamphlet, die ich bereits in der Verbannung, in Alma-Ata 1928, geschrieben habe, als Antwort auf einen mahnenden Brief56, der von einem der wohlmeinenden Gegner an mich gerichtet wurde. Es scheint mir, dass dieses Dokument, das im Manuskript von Hand zu Hand ging, dem ganzen Buch die notwendige Vervollständigung verleiht und den Leser in die allerletzte Phase des Kampfes einführt, unmittelbar vor meiner Verbannung57. Dieses Buch befasst sich mit dem gestrigen Tag58. Aber nur dazu, um ihn mit dem heutigen59 zu verbinden. Nicht einer der Prozesse, von denen hier die Rede ist, ist abgeschlossen, und auch keine der Fragen gelöst.60 Jeder neue Tag wird zusätzliche Nachprüfungen der kämpfenden Konzeptionen bringen. Dieses Buch ist der aktuellen Geschichte gewidmet, d.h. der Politik. Es betrachtet die Vergangenheit nur als eine direkte Einführung in die Zukunft. L. Trotzki Konstantinopel, 1. Mai 1929 1In der englischen und französischen Übersetzung: „Determinismus“ 2In der französischen Übersetzung: „materieller und moralischer“, In der englischen Übersetzung: „objektiver und subjektiver“ 3 In der englischen und französischen Übersetzung fehlt: „Händler und“ 4 In der englischen Übersetzung: „mit einander verbundenes System“ 5 In der englischen Übersetzung: „Permanenz“ 6In der englischen und französischen Übersetzung: „Agent“ 7In der englischen und französischen Übersetzung: „niedrigere“, ein Lesefehler beim Druck der ursprünglichen französischen Übersetzung (inférieure statt intérieure) der sich fortschleppt? 8 In der englischen Übersetzung zwei mal: „Bauer“ 9In der englischen und französischen Übersetzung: „nach dem Tode Lenins [folgende]“ 10Fehlt in der englischen und französischen Übersetzung 11Im russischen Original steht nicht „samoderschawie“ [самодержавие], das gängige Wort für Selbstherrschaft, sondern „edinoderschawie“ [единодержавие], was man vielleicht wörtlich mit „Einherrschaft“ wiedergeben könnte, was aber üblicherweise auch mit Selbstherrschaft übersetzt wird. In der englischen und französischen Übersetzung: „absolute Souveränität“ 12 „des Betriebs und“ fehlt in der englischen und französischen Übersetzung 13In der englischen und französischen Übersetzung: „wirtschaftlichen Diktatur“ 14In der englischen Übersetzung: „in der imaginären Welt“ 15In der französischen Übersetzung: „in erster Linie“, in der englischen Übersetzung: „besonders“ 16In der englischen und französischen Übersetzung: „vor der ganzen Welt“ 17In der englischen und französischen Übersetzung: „im allgemeinen Sinne“ 18Trotzki verwendet erst das Wort „stoletie“ [столетие], hier und zu Beginn des nächsten Absatzes das viel gängigere Wort „wek“ [век] für Jahrhundert. Ich wüsste nicht, wie sich dieser Unterschied im Deutschen wiedergeben ließe. Die französischen und englischen Übersetzungen haben nicht versucht, ihn wiederzugeben. 19In der englischen Übersetzung: „Quasimacht“ 20In der englischen und französischen Übersetzung: „Land“ 21In der englischen und französischen Übersetzung: „Siege“ 22In der englischen Übersetzung: „fest an der Spitze stehen“ 23In der englischen Übersetzung: „zu Hause“ 24In der englischen und französischen Übersetzung: „im Westen“ 25In der englischen und französischen Übersetzung: „antileninistischen“ 26In der englischen Übersetzung: „im nationalen Maßstab“ 27In der englischen und französischen Übersetzung: „Eckpfeiler“ 28In der englischen und französischen Übersetzung: „leninistischen“ 29In der englischen und französischen Übersetzung statt „des privilegierten Beamten und des wiederhergestellten Kleinbürgers“: „des wiederhergestellten kleinbürgerlichen Funktionärs“ 30In der englischen und französischen Übersetzung: „irritierte am meisten“ 31In der englischen Übersetzung: „,Aufbau des Sozialismus im nationalen Maßstab'“ 32In der englischen Übersetzung: „was nicht für einen Moment möglich ist“ 33In der englischen und französischen Übersetzung: „Lüge“ 34In der englischen Übersetzung: „im Allgemeinen“ 35In der französischen Übersetzung: „theoretische Museum der Naturgeschichte“, n der englischen Übersetzung: „Museum der Naturgeschichte, gewidmet der Theorie“. Im russischen Original steht kunstkamera (Кунсткамера/Kunstkammer), der Name des in Petersburg seit dem 18. Jahrhunderts bestehenden Museums für Anthropologie und Ethnographie. 36In der englischen und französischen Übersetzung: „Sklaverei“ 37In der englischen und französischen Übersetzung: „die Grenzen ihrer Produktivkräfte “ 38In der englischen und französischen Übersetzung: „Struktur“ 39In der englischen Übersetzung: „demokratischen Agrarreformen“ 40In der englischen und französischen Übersetzung in Frageform 41In der englischen Übersetzung: „nicht“ 42In der englischen und französischen Übersetzung: „von der Weltrevolution zu trennen“ 43In der englischen und französischen Übersetzung: „bis auf weitere Befehle“ 44In der englischen Übersetzung: „damals“ 45In der französischen Übersetzung: „Kapitel“, in der englischen Übersetzung fehlt die ganze Quellenangabe 46In der englischen und französischen Übersetzung fehlt der Satz. 47In der englischen und französischen Übersetzung: „Kleidung“ 48In der englischen und französischen Übersetzung: „[politischen] Aktivisten“ 49In der englischen und französischen Übersetzung: „listig“ 50In der englischen und französischen Übersetzung: „in kurzen Märschen/Reisen“ 51In der englischen und französischen Übersetzung: „wenn er diese Zitate gesammelt hätte“ etc. 52In der englischen Übersetzung: „Büro für Parteigeschichte“, in beiden Übersetzungen ohne die Abkürzung in Klammern 53In der englischen und französischen Übersetzung: „störendes Element“ 54In der französischen Übersetzung: „Instanzen“, in der englischen Übersetzung: „Gremien“ 55In der englischen und französischen Übersetzung: „ideologischen Kampfes“ 56In der englischen Übersetzung: „Einwände“ 57In der englischen Übersetzung: „aus der UdSSR“ 58In der englischen und französischen Übersetzung: „jüngsten Vergangenheit“ 59In der englischen und französischen Übersetzung: „Gegenwart“ 60In der englischen und französischen Übersetzung: „Mehr als einer der Prozesse, von denen hier die Rede ist, ist nicht abgeschlossen, mehr als eine der Fragen nicht gelöst.“ |
Leo Trotzki > 1929 >