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Leo Trotzki 19290331 Über die Gruppierungen in der kommunistischen Opposition

Leo Trotzki: Über die Gruppierungen in der kommunistischen Opposition

[Nach Fahne des Kommunismus, 3. Jahrgang, Nr. 16, 26. April 1929, S. 124 f.]

Teure Freunde,

Ich habe noch immer nicht die Möglichkeit, einigermaßen planmäßig zu arbeiten. Bis jetzt bin ich noch viel zu wenig mit der Literatur der europäischen Opposition bekannt geworden. Daher bin ich gezwungen, die allgemeine Beurteilung der oppositionellen Strömungen auf eine spätere Zeit zu verschieben,

Wir gehen so schweren Zeiten entgegen, dass uns jeder Gesinnungsgenosse, selbst jeder, der möglicherweise als Gesinnungsgenosse in Betracht kommt, teuer sein muss. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, einen Gesinnungsgenossen und noch mehr eine Gruppe von Gesinnungsgenossen durch eine unvorsichtige Abschätzung, parteiliche Kritik oder durch die Übertreibung der Gegensätze abzustoßen.

Nichtsdestoweniger halte ich es für unbedingt notwendig, einige allgemeine Erwägungen vorzubringen, die für die Beurteilung dieser oder jener Gruppen oder der Strömungen innerhalb der Opposition in meinen Augen als entscheidend gelten müssen.

Gegenwärtig bildet sich die Opposition auf der Grundlage der

prinzipiellen Scheidung

und nicht auf der der Massenaktion. Das entspricht dem Charakter der gegenwärtigen Periode. Ähnliche Prozesse hatten in der russ. SD in den Jahren der Konterrevolution und in der internationalen SD während des Krieges stattgefunden. Eine Massenaktion verwischt gewöhnlich nebensächliche und zufällige Gegensätze und fördert die Vereinigung der freundschaftlichen und naheliegenden Richtungen. Dagegen zeigen prinzipielle Gruppierungen in der Periode der Stockung oder der Ebbe immer eine große Neigung zur Differenzierung, zur Spaltung, zum inneren Kampf. Wir können der Periode, in der wir leben, nicht ausweichen. Man muss sie mitmachen. Eine klare, deutliche Scheidung auf prinzipieller Grundlage ist unbedingt notwendig. Sie bereitet Erfolge für die Zukunft vor.

Wir haben die allgemeine Linie der Führung der Komintern schon öfters als Zentrismus bezeichnet. Es ist klar, dass der Zentrismus, besonders wenn er mit dem ganzen Arsenal der Repressalien bewaffnet ist, nicht nur die konsequenten proletarischen Elemente, sondern auch die konsequenteren Opportunisten in Opposition treiben muss.

Der kommunistische Opportunismus äußert sich in unserer Zeit in der Neigung, die Vorkriegssozialdemokratie wiederherzustellen. Besonders deutlich sieht man es in Deutschland. Die jetzige SD ist von der Bebelpartei unendlich weit entfernt. Aber die Geschichte bezeugt, dass die Bebelpartei schon in der Vorkriegszeit unzureichend war. Um so mehr erscheint der Versuch, bei jetzigen Verhältnissen die Bebelpartei oder sogar den linken Flügel dieser Partei wiederherstellen zu wollen, als hoffnungslos. Trotzdem gipfeln, soviel ich beurteilen kann, darin die Bemühungen Brandlers, Thalheimers und ihrer Freunde. Weniger konsequent, aber doch scheinbar auf dieselbe Seite neigt auch Souvarine.

Ich halte dafür, dass es drei klassische Fragen gibt, die ein entscheidendes Kriterium zur Beurteilung der Strömungen im internationalen Kommunismus bilden. Diese Fragen sind 1. Die Politik des Anglo-russischen Komitees. 2. der Kurs in der chinesischen Revolution und 3. die Wirtschaftspolitik in der UdSSR im Zusammenhang mit der Theorie des Sozialismus in einem Lande.

Einige Genossen werden sich vielleicht wundern, dass ich die

Frage des Parteiregimes

nicht dazurechne. ich tue es nicht aus Vergesslichkeit, sondern ganz bewusst. Das Parteiregime hat keine selbständige Bedeutung. Es ist von der Parteipolitik vollkommen abhängig. Ganz verschiedene Elemente sympathisieren mit dem Kampf gegen den Stalinschen Bürokratismus. Auch die Menschewiki sind nicht abgeneigt, dieser oder jener unserer Attacke gegen die Bürokratie Beifall zu klatschen. Unter anderem ist auch die alberne Gaukelei der Stalinleute darauf begründet, indem sie versucht, unsere Position an diejenige der Menschewiki anzugliedern. Für einen Marxisten ist die Demokratie in der Partei sowie im Lande keine Abstraktion. Die Demokratie ist immer durch den Kampf der lebendigen Klassenkräfte bedingt.

Die opportunistischen Elemente verstehen sehr oft unter dem Namen Bürokratismus den revolutionären Zentralismus. Es ist klar, dass sie nicht unsere Gesinnungsgenossen sein können. Die vermeintliche Solidarität ist hier auf die Verwirrung der Ideen oder auch öfters auf einer bösartigen Spekulation gegründet.

1. Über das

Anglo-russische Komitee

hatte ich oft Gelegenheit zu schreiben. Ich weiß nicht, was davon im Auslande abgedruckt wurde. Es wurde mir berichtet, es seien im Auslande Gerüchte verbreitet, das ich gegen das Sprengen des anglo-russischen Komitees war, ich hätte nur Sinowjew und Kamenew nachgegeben In Wirklichkeit verhält es sich umgekehrt. Die Stalinpolitik in der Frage des a.r.-Komitees bleibt für immer ein klassisches Muster der Politik des Zentrismus, der nach rechts rutscht und der tatsächlich Verrätern in den Sattel hilft, wofür er Beulen und Fußtritte bekommt. Anders verhält es sich mit der Frage über den politischen Block mit den Führern der englischen Trade-Unionisten. Hier haben wir es mit den grundlegenden Problem der europäischen Politik zu tun. In dieser Frage war der Stalinkurs einer der schreiendsten der zynischsten Verletzungen der Grundlagen des Bolschewismus und des theoretischen ABC des Marxismus. Das Experiment des anglo-russischen Komitees hat die erzieherische Bedeutung der großen Streiks vom Jahre 1926 fast illusorisch gemacht und hat die Entwicklung der englischen Arbeiterklasse auf Jahre hinaus aufgehalten. Wer dies bis jetzt nicht verstanden hat, der ist kein Marxist, kein revolutionärer Politiker des Proletariats.

2. Über die

chinesische Frage

schrieb ich in den letzten zwei Jahren sehr viel. Vielleicht wird es mit gelingen, das Geschriebene in einem Buche zu vereinigen. Das Studium der Probleme der chinesischen Revolution ist eine unumgängliche Bedingung für die Erziehung der Opposition und für die prinzipielle Scheidung innerhalb ihrer Reihen. Diejenigen Elemente, die in dieser Frage keine klare und genaue Einstellung eingenommen haben, offenbaren damit ihre nationale Beschränktheit, die an und für sich ein unfehlbares Zeichen des Opportunismus ist.

3. Und endlich die

russische Frage.

Dank den Bedingungen, die durch die Oktoberrevolution geschaffen wurden, sind folgende drei klassische Tendenzen des Sozialismus in Sowjetrussland am deutlichsten und prägnantesten ausgedruckt, d. h. haben einen wirklich sozialen Inhalt: die marxistische, die zentristische und die opportunistische.

In der UdSSR sehen wir den rechten Flügel, der mit der qualifizierten Intelligenz und den kleinen Eigentümern verbunden ist. Das Zentrum, das innerhalb des Apparates zwischen den Klassen balanciert, und den linken Flügel. der die Elite der proletarischen Avantgarde in der Epoche der Reaktion ist. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass der linke Flügel frei von Fehlern ist, und dass er einer ernsten und offenen Kritik entbehren kann. Aber dieser Kritik muss eine klare Klasseneinstellung zugrunde liegen, d.h. sie muss sich auf eine der drei obengenannten Tendenzen stützen. Der Versuch, das Vorhandensein dieser Tendenzen und ihren Klassencharakter zu leugnen, der Versuch, sich über die Tendenzen zu stellen, wird unausweichlich mit einer kläglichen Niederlage enden. Am öftesten betreten diesen Weg die rechtsstehenden Elemente, die sich ihrer selbst noch nicht bewusst sind oder die daran interessiert sind ihre eigene rechte Flanke nicht vor der Zeit abzustoßen.

Soviel nur bekannt ist, vertraten Brandler und Thalheimer alle diese Jahre die Anschauung, dass die Politik des ZK der WKP in wirtschaftlichen Fragen ganz richtig sei. So verhielt es sich bis zum Stalinschen Zickzackkurs nach links. Im Wesentlichen müssen sie jetzt mit der Politik sympathisieren, die besonders offen in den Jahren 1924-1927 gemacht wurde und die jetzt Rykow, Bucharin u.a. vertreten. Augenscheinlich neigt auf diese Seite auch Souvarine.

Hier kann ich natürlich nicht den ganzen Umfang der wirtschaftlichen Probleme der UdSSR erörtern. Unsere Plattform behält ihre ganze Kraft. Es wäre nur von Nutzen, wenn die rechte Opposition eine genaue und klare Kritik unserer Plattform in dieser Frage gebe. Um diese Arbeit zu erleichtern, werde ich einige grundlegende Erwägungen in den Vordergrund stellen.

Die Rechten nehmen an, dass, wenn man der individuellen Bauernwirtschaft mehr Spielraum gebe, dass dann unsere jetzigen Schwierigkeiten zu überwinden wären Die Einstellung auf den kapitalistischen Pächter (den europäisierten oder den amerikanisierten „Kulak") wird unzweifelhaft Früchte tragen, aber es werden kapitalistische Früchte sein, die auf einer ziemlich neuen Etappe zur politischen Niederlage der Sowjetmacht führen werde. Die Einstellung auf den kapitalistischen Pächter hat in den Jahren 1924-26 nur ihre ersten Schritte gemacht. Nichtsdestoweniger führte sie zu einer abnormen Erhöhung des Selbstbewusstseins der Kleinbürger in Stadt und Land, die auch die unteren Sowjets an sich rissen zur Erhöhung der Kraft und des Selbstbewusstseins der Bürokratie, zum Druck auf die Arbeiter und zur vollen Unterdrückung der Parteidemokratie. Wer die wechselseitige Bedingtheit dieser Tatsachen nicht versteht, der versteht überhaupt nichts von der revolutionären Politik. Die Züchtung der kapitalistischen Pächter ist mit der Diktatur des Proletariats nicht vereinbar. Hier muss gewählt werden.

Wenden wir uns aber der rein wirtschaftlichen Seite dieser Frage zu. Zwischen der Industrie und der Bauernwirtschaft bestehen dialektische Wechselwirkungen. Aber als bewegender Faktor erscheint die Industrie. die eine unvergleichbar größere dynamische Triebkraft besitzt als die Landwirtschaft. Der Bauer braucht die Industriewaren als Tauschobjekt für sein Getreide. Die demokratische Revolution unter der Leitung der Bolschewiki gab dem Bauer das Land. Die soziale Revolution gibt dem Bauer unter derselben Leitung noch immer weniger Waren und zu einem höheren Preise, als es ihm seinerzeit der Kapitalismus gab. Daher ist eben die sozialistische Revolution im Gegensatz zu ihrer demokratischen Basis gefährdet. Auf den Mangel der Industriewaren antwortet der Bauer mit einem passiven Streik; er führt das vorhandene Getreide nicht auf den Markt und vergrößert nicht die Saatflächen, die Rechten erlauben, dass man den kapitalistischen Tendenzen des Dorfes mehr Bewegungsfreiheit geben, das Dorf weniger besteuern und das Tempo der Entwicklung der Industrie verlangsamen soll. Aber das würde bedeuten, dass es mehr landwirtschaftliche Produkte auf dem Markt geben würde, die Anzahl der Industriewaren aber noch kleiner wäre. Die Disproportion zwischen den beiden Wirtschaftszweigen, die die Grundursache unserer wirtschaftlichen Krise ist, würde sich noch erweitern. Der mögliche Ausgang aus dieser Krise würde darin bestehen, dass das Getreide der Pächter ins Ausland kommt und dass dafür fertige europäische Waren für die Pächter, d.h. für die reicheren Bauern, eingeführt werden. Das bedeutet mit anderen Worten eine Verbindung der exportierenden Pächterwirtschaft mit dem Weltkapitalismus, anstatt der Verbindung (Smytschka) der kooperativen Bauernwirtschaft mit der sozialistischen Industrie. Der Staat wird zum Mittelsmann zwischen dem inneren und internationalen Kapitalismus, statt ein Baumeister der sozialistischen Wirtschaft zu sein. Es kann kein Zweifel bestehen, dass diese beiden Kontrahenten diesen Mittelsmann sehr bald zurückdrängen werden, indem dabei natürlich mit dem Monopole des Außenhandels begonnen wird.

Es ist im Grunde falsch, zu behaupten, Stalin hätte die wirtschaftlich« Plattform der Opposition durchzuführen versucht, Die Plattform der Opposition schließt vor allem die Linie der geschlossenen, isolierten Wirtschaft aus. Das Bestreben, die Sowjetwirtschaft vom Weltmarkt durch eine steinerne Mauer abtrennen zu wollen, ist unsinnig. Das Schicksal der Sowjetwirtschaft wird vom allgemeinen Tempo ihrer Entwicklung (die Landwirtschaft inbegriffen) entschieden, und absolut tut dies nicht der Grad der Unabhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung. Bis jetzt wurde der ganze wirtschaftliche Plan der Stalinschen Führung auf die Verringerung des Außenhandels in den nächsten 5 bis 10 Jahren aufgebaut. Man kann es nicht anders als kleinbürgerlichen Kretinismus nennen. Die Opposition hat mit einer solchen Einstellung nichts zu tun. Aber dafür entspringt sie direkt aus der Theorie des Sozialismus in einem Lande.

Stalins Bestrebung, die Industrialisierung zu heben, nähert ihn äußerlich der Opposition. Aber nur äußerlich. Die sozialistische Industrialisierung setzt einen großen, allseits durchdachten Plan voraus, in dem die Richtung der inneren Entwicklung mit der immer wachsenden Ausnutzung des Weltmarktes verbunden ist. Bei unbeirrbarem Festhalten des Außenhandelsmonopols. Nur auf diesem Wege können die Widersprüche der sozialistischen Entwicklung in der kapitalistischen Umzäunung zwar nicht liquidiert, nicht beseitigt, aber gemildert. die ökonomische Macht der Sowjetrepublik gestärkt, die wirtschaftlichen Beziehungen verbessert, und die Diktatur des Proletariats befestigt werden. Die Stalinsche Politik des empirischen Zickzack kann die Lage nur verschlechtern.

Das sind die drei grundlegenden Kriterien für die innere Scheidung der Opposition. Diese drei Kriterien aus den Erfahrungen dreier Länder genommen. Natürlich haben die übrigen Länder jedes einzelne ihre eigenen Probleme. Das Verhalten diesen Problemen gegenüber wird die Position jeder einzelnen Gruppe sowie jedes einzelnen Kommunisten bestimmen. Einige von diesen neuen Fragen können schon morgen im Vordergrund erscheinen und alle anderen in den Hintergrund rücken. Aber heute erscheinen mir diese drei genannten Fragen als die entscheidendsten. Ohne klare Stellung zu diesen Fragen kann man sich zu keiner der grundlegenden Gruppierungen des Kommunismus gesellen.

Vorläufig ist das alles, was ich bezüglich der von Euch gestellten Fragen sagen kann. Wenn sich erweisen sollte, dass ich wegen meiner geringen Kenntnis der einschlägigen Literatur Brandler, Souvarine und ihre Gesinnungsgenossen falsch verstanden habe, so werde ich mich selbstverständlich beeilen, in meiner Beurteilung Korrekturen vorzunehmen, die aus den Tatsachen und Dokumenten, auf die man mich verweisen wird, abzuleiten sein werden.

Konstantinopel, den 31. März 1929.

L. Trotzki.

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