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Leo Trotzki 19290225 Meine Ausweisung aus Russland

Leo Trotzki: Meine Ausweisung aus Russland

Das ist der Lauf der Dinge"

[Nach Die Aktion, 19. Jahrgang, Heft 3-4 (Ende Mai 1929), Spalte 67-72]

Sensation ist der unvermeidliche Schatten der Politik. Meine Ausweisung aus Russland hat einen viel zu großen Schatten geworfen. Jede Politik mit einem hohen Ziel sollte Sensation vermeiden, und meine Absicht beim Schreiben dieses Artikels ist nicht, die Sensation zu vergrößern, sondern im Gegenteil, die Sensation zu unterdrücken und der Öffentlichkeit objektive Informationen zu geben, soweit Objektivität in politischen Dingen möglich ist.

Um bei dem Leser keinen Irrtum entstehen zu lassen, will ich ausdrücklich betonen, was eingeweihte Menschen bereits wissen. Nämlich, dass

meine Stellung zur Revolution, zum Sowjetstaat, zum Marxismus und zum Bolschewismus unverändert bleibt.

Politik ist nicht zu persönlichen Streitigkeiten geschaffen. Es ist nicht wahr, dass ich jetzt die öffentliche Meinung mit anderen Mitteln auf mich ziehe als bisher. Aber das liegt daran, dass ich jetzt in einer anderen Lage bin als je zuvor. Seit vielen Jahren ist mein Leben der Gegenstand unheimlicher Vorstellungen, Vermutungen und Erfindungen gewesen, über die ich manches Mal gelacht hätte, wären nicht die Wurzeln meines ganzen Lebens damit verbunden gewesen. Heute habe ich keinen Grund, mich mit einem Geheimnis zu umgeben; im Gegenteil, ich wünsche mehr als jemals, meinen Feinden ebenso wie meinen Freunden, die ganze Wahrheit zu sagen. Meine Sache ist nicht Propaganda, sondern einfache Wahrheit. Bevor ich daran ging, diesen Artikel zu schreiben, forderte ich vollkommene Freiheit des Wortes. Ich will sagen, was ich denke – oder nichts.

Ich schreibe in Konstantinopel, wohin mich der Sowjetdampfer „Iljitsch" am 12. Februar brachte. Obgleich einige Zeitungen das Gegenteil erklären, betone ich: ich bin nicht freiwillig hierher gegangen Die Genossen in Deutschland und Frankreich haben recht, wenn sie sagen, dass ich unter Zwang hierherkam. Kein Mensch war an Bord des Schiffes, außer meiner Familie und GPU-Agenten, und als ich landete, gab ich folgende schriftliche Erklärung ab, die ich an Kemal Pascha selbst richtete:

Mein Herr: ich erkläre öffentlich, dass ich nicht freiwillig Ihr Land betrete, sondern unter Zwang.

L. Trotzki."

Nachdem man mich aus Sowjetrussland verbannt hatte, hätte ich es natürlich vorgezogen, in ein Land zu gehen, von dem mir zumindest Sprache und Sitten bekannt sind. Aber die Interessen der Verbannten kommen selten in Betracht für die, die sie verbannen. 1916 schickte mich die französische Regierung nach Spanien, wo ich nichts von der Sprache verstand. Die liberale spanische Regierung ließ mir nicht die Zeit, sie zu erlernen, sondern beförderte mich bald über den Ozean. Wenn die Rache einen eigenen Platz in politischen Erwägungen hätte, könnte ich Genugtuung finden in der Tatsache, dass der französische Minister, der mich auswies, bald darauf selbst von Clemenceau ausgewiesen wurde.

Ein Führer der französischen politischen Polizei, dessen Empfehlungen meine Verbannung zum Erfolg hatten, wurde selbst 1918 in Russland festgenommen, während er einen geheimen Auftrag von nicht allzu freundlichem Charakter erfüllte. Als er zu mir gebracht wurde – ich war damals Führer der Armee – rief ich aus: „Aber wie ist das möglich!" Er antwortete: „Das ist der Lauf der Dinge." Ich hielt das für eine ausgezeichnete Antwort. Die Welt wird noch lange Zeit in einer Lage sein, in der dieser Satz bei vielen Gelegenheiten passen wird. Meine Verbannung aus Russland ist keinesfalls das letzte Wort – und ich spreche nicht über mein persönliches Schicksal. Die Ereignisse können einer wellenförmigen Linie folgen, ich habe in der Schule von Marx gelernt, wie man Geschichte zu betrachten hat. Wir wollen nun die Tatsachen prüfen, die die gegenwärtige Lage erklären. Der 15. Parteitag der Kommunistischen Partei – der in Wirklichkeit der der Mameluken Stalins war – verbannte im Januar 1928 alle Mitglieder der Opposition und bevollmächtigte die Regierung zu Maßnahmen gegen mich. Bald danach wurden mehrere Hundert (und kürzlich mehrere Tausend) Mitglieder der Opposition nach verschiedenen Teilen Sibiriens und Zentralasiens verschickt. Unter ihnen waren Rakowski, früherer Vorsitzender des Ukrainekommissariats und Gesandter in Frankreich, der seit 40 Jahren in Bulgarien, Russland, Frankreich und Rumänien für die Rechte des Proletariats gekämpft hat; Karl Radek, einer der bedeutendsten marxistischen Journalisten der Welt; Smirnow, ein früherer Abgeordneter und einer der Gründer der Partei; Preobraschenski, ein großer Ökonom, einer der Finanzsachverständigen in den Verhandlungen mit Frankreich; Mratskowski und Uradow, Organisatoren der Roten Armee und Generäle des revolutionären Krieges; Beloborodow, Kommissar des Innern vor seiner Verschickung; Sosnowski, der beste Propagandist der Partei; Kasparowa, die die Arbeit der Komintern unter den Frauen des Orients leitete; Boguslawski, früherer Präsident der Unterabteilung des Volkskommissariats. Ich nenne nur diese wenigen Namen, aber ich könnte viel mehr nennen, die an der Revolution von 1917 und an den beiden Revolutionen von 1918 teilgenommen haben. Die Leben einiger von ihnen würden Material für Dramen geben; aber, um politisch zu sprechen, will ich nur sagen, dass ihr revolutionärer Wert um einiges den revolutionären Wert derer überwiegt, die sie verschickt haben. Der Ort, der zu meiner Verbannung ausgewählt war, war die neue Hauptstadt von Kasachstan, Alma-Ata, eine Stadt der Malaria, der Erdbeben und Überschwemmungen, am Fuße der Tian-Schan-Berge gelegen, 1500 Meilen von Moskau und 150 Meilen von der nächsten Eisenbahnstation. Meine Frau und Sohn lebten hier mit mir und ein paar Büchern in wirklich wundervoller Natur. Briefe und Zeitungen kamen in Zwischenräumen von 14 Tagen, einem Monat, zwei Monaten oder länger, je nach der Jahreszeit oder den Launen der Regierung. Ich hatte dort viele Freunde, aber lebte ganz abseits von ihnen, weil jeder, der mit uns in Verbindung zu treten suchte, streng bestraft wurde. Unsere einzige Beschäftigung in der Außenwelt, mit der mein Sohn und ich uns zufrieden geben mussten, war die Jagd in Begleitung von Agenten der GPU. Wochenlang lebten wir ein Nomadenleben, schliefen unter .den Sternen oder in Ziegenwagen und ritten auf Kamelen Während der ersten 10 Monate unserer Verbannung erreichten unsere, natürlich zensierten Briefe, den Bestimmungsort in ungefähr fünf Monaten. Wenige wissen, was für einen weiten Weg die Briefe Verbannter haben. Manchmal wurden die unsrigen in Zeitungsartikel umgewandelt, in Russland und im Ausland veröffentlicht. Aber im letzten Oktober trat eine plötzliche Änderung ein. Unser Briefwechsel mit politisch Sympathisierenden und sogar mit persönlichen Freunden hörte plötzlich auf, und Telegramme erreichten uns nicht mehr. Später habe ich erfahren, dass Hunderte von Glückwunschtelegrammen an mich zum Jahrestag der Revolution in Moskau auf dem Telegraphenamt aufgespeichert lagen. Wir wurden mehr und mehr abgeschlossen. Man darf nicht vergessen, dass nicht nur die russischen Massen, sondern Stalins eigene Umgebung gegen eine solche Behandlung alter, jetzt verbannter Revolutionäre war. Aber sie wurden schnell durch die Autoritäten besänftigt, welche erklärten, dass diese Maßnahmen nötig seien, um die Parteieinheit aufrechtzuerhalten und der Regierung zu ermöglichen, ihre Ziele ungestört zu verfolgen. Stalins Organe dachten oder versprachen sich wenigstens, dass die Verschickung der oppositionellen Führer der Aktivität unserer Gruppe ein Ende machen würde, aber das war nicht der Fall. Das Jahr, das dem 15. Kongress folgte, war das unruhigste, das die Partei jemals erlebt hat. Wirklich, erst jetzt begannen die Massen wirklich interessiert zu sein an dem Streite unter den Führern, und sie bemerkten, dass große Meinungsverschiedenheiten bestanden, infolge deren Hunderte und Tausende von Führern verbannt worden waren. Trotz der Unterdrückung wuchs die Opposition im Jahre 1928 in großem Ausmaße, besonders in den Industriezentren. Das hatte weitere Maßnahmen zur Folge, u. a. das Verbot der Korrespondenz unter den verschickten Führern. Wir erwarteten noch weitere Knebelungen und wurden nicht enttäuscht. Am 16. Dezember kam ein Spezialkommissar der GPU an und händigte mir ein Ultimatum aus mit dem Befehl, alle oppositionelle Aktivität einzustellen, oder es würden andere Maßnahmen getroffen werden, um mich völlig vom politischen Leben zu isolieren. Von Verbannung wurde nichts gesagt, und ich vermutete, dass die Drohung ausschließlich auf innere Maßnahmen anspielte. Ich antwortete mit einem Brief an das Präsidium der Komintern, in welchem ich meine Grundsätze darlegte. Ich gebe die hauptsächlichsten Punkte dieses Briefes hier wieder:

Die an mich ergangene Forderung, alle politische Tätigkeit einzustellen, ist in Wirklichkeit eine Forderung, den Kampf für das Weltproletariat aufzugeben, den ich seit 32 Jahren ununterbrochen führe. Der Versuch, den Anschein zu erwecken, dass meine Tätigkeit konterrevolutionär ist, wird gerade von den Personen gemacht, die ich vor dem Weltproletariat anklage, die wahren Grundlagen der Lehren von Marx und Lenin über Bord geworfen zu haben, und die historischen Prinzipien der Weltrevolution, die Traditionen und Lehren der Oktoberrevolution vergewaltigt zu haben, und unbewusst, aber deswegen nicht weniger gefährlich, einen zweiten Thermidor vorzubereiten.

Die Periode der Reaktion kann nicht nur nach bürgerlichen Revolutionen, sondern auch nach proletarischen Revolutionen eintreten. Während der letzten 6 Jahre hat sich Sowjetrussland langsam aber sicher einer Reaktion auf die Oktoberrevolution entgegen bewegt und bereitet sich so für den Thermidor vor. Das deutlichste Zeichen dieser Reaktion ist die heftige und planmäßige Zerstörung des linken Flügels der Partei. Die Stalinisten haben in ihrem letzten schwachen Widerstand gegen die Reaktion keine anderen Waffen als die zerstreuten Überreste der Ideen der linken Opposition. Sie haben keine eigenen schöpferischen Ideen, Ihr Kampf gegen die Linken hindert sie an jeder konsequenten Politik. Ihre praktische Politik ist nicht aufbauend, sondern falsch, widersprechend und schwankend. Die vorgegebene Kampagne gegen die reaktionären Rechten ist zu offensichtlich eine bloße Maske, um vor den Augen der Masse die wahre zerstörende Kampagne gegen Bolschewisten und Leninisten zu verbergen."

Der Brief schließt so: „In unserer Erklärung an den 16. Kongress der Komintern antworteten wir auf die Anklage der Fraktionsbildung damit, dass wir sagten, der einzige Weg, die Fraktionsbildung zu verhindern, wäre die Widerrufung des Art, 58, der uns verräterisch aufgezwungen ist, und uns wieder in die Partei aufzunehmen, nicht als reuige Sünder, sondern als Revolutionäre, die niemals ihrer Fahne untreu geworden sind." Da wir ein Ultimatum, wie wir es heute erhalten, voraussahen, führen wir dann fort: „Nur die korrumpiertesten Bürokraten können von Revolutionären fordern, ihre politische Aktivität einzustellen, nur die niedrigsten Renegaten können ein derartiges Versprechen abgeben. – Ich habe nichts an diesen Sätzen zu ändern. Möge jeder seine eigene Verantwortung auf sich nehmen. Habt Ihr die Absicht, ein rebellisches Volk weiter mit Gewalt zu regieren? Was uns betrifft, wir kennen unsere Pflicht und werden sie bis zum Ende erfüllen." Dass die Stalinisten von mir eine andere Antwort erwartet hatten, möchte ich bezweifeln. Ein Monat verging nach diesem Brief. Alle Verbindungen mit der Außenwelt, auch die illegalen mit politischen Freunden, die es trotz der Wachsamkeit der Regierung bis Ende 1928 fertiggebracht hatten, mich mit ausführlichen Berichten über die Vorgänge in Moskau und anderen Orten zu versehen, waren völlig unterbrochen. Im Januar bekamen wir nur noch die Moskauer Zeitungen, die immer mehr von den Maßnahmen der Regierung gegen die Rechte meldeten, woraus wir ersahen, dass eine Offensive gegen die Linke bevorstand. Das ist so die Methode der Stalins.

Wolynski, der Agent der GPU, den Moskau nach Alma-Ata beordert hatte, war die Zeit über hiergeblieben, Befehle erwartend. Am 20. Januar erschien er, begleitet von verschiedenen bewaffneten GPU- Leuten, die sogleich alle Zugänge zum Hause absperrten, bei mir und überreichte mir folgenden Ukas der GPU vom 19. Januar:

Da der Bürger Leo Dawidowitsch Trotzki sich der Verletzung des Artikels 58 des Gesetzes über konterrevolutionäre Umtriebe dadurch schuldig gemacht hat, dass er eine illegale Partei gründete, die unlängst anti-sowjetische Revolten angestiftet und einen bewaffneten Aufstand gegen die Sowjetmacht vorbereitet hat, so wird hierdurch verfügt: Dieser Bürger Leo Dawidowisch Trotzki ist aus dem Territorium der USSR. ausgewiesen."

Da man von mir forderte, dass ich über den Empfang der Dokumente quittiere, schrieb ich:

Die Verfügung der GPU, verbrecherisch im Inhalt und gesetzwidrig in der Form, ist mir den 20. Januar 1929 zugestellt worden. Trotzki." Ich schrieb verbrecherisch, weil die Beschuldigung, ich hätte zum bewaffneten Aufstand gegen die Sowjetmacht Vorbereitungen getroffen, bewusst falsch war. Außerdem ist die Begründung, die Stalin anwandte, um meine Ausweisung zu rechtfertigen, der schlimmste Angriff auf die Sowjetmacht, den ich mir denken kann. Denn wäre es der Fall, dass die Opposition, der sämtliche Führer der Oktoberrevolution und die Schöpfer der Roten Armee angehören – wäre es der Fall, dass diese Opposition militärisch den Sturz der Sowjetmacht plane und vorbereite, dann spräche das von einer katastrophalen Situation des Landes. Und die ausländische Bourgeoisie würde sich mit Recht sagen müssen: „Wir haben uns nicht zu beeilen, um mit den Sowjets Handelsbeziehungen anzuknüpfen; warten wir, bis der Kampf der Waffen entschieden ist, der jetzt in Vorbereitung." Zum Glück aber ist die Begründung der GPU. nur eine freche Erfindung. Die Politik der Opposition hat mit Waffengewalt nichts gemein. Wir sind nach wie vor von der Existenzfähigkeit des Sowjetregimes absolut überzeugt. Mögen die inneren Schwierigkeiten der Sowjet-Republik heute auch noch so groß sein – und zwar nicht bloß der objektiven Hindernisse wegen, sondern auch als Resultat einer unfruchtbaren Zauderpolitik –, jene Elemente, die einen Zusammenbruch des Regimes heran nahmen sehen, werden abermals grausam enttäuscht werden …

Ich betonte in meiner Quittung ausdrücklich, dass die Verfügung der GPU auch gesetzwidrig sei. Ich hatte damit sagen wollen, dass man einem Bürger es zwar freistellen kann, zu wählen, ob er ein Land verlassen oder verurteilt werden wolle, dass er aber nach dem Gesetz nicht deportiert werden könne. Als ich die Frage stellte: „Wohin und wie soll ich deportiert werden?", wurde mir erwidert, das würde ich im europäischen Russland von einem anderen GPU- Agenten hören. Der folgende Tag war ausgefüllt mit Packen der Sachen, Manuskripte und Bücher. Beim Morgengrauen des 22. bestiegen meine Frau, mein Sohn und ich mit unserer Eskorte das Auto, das uns auf einem verschneiten Weg über das Kurda-Gebirge fuhr. Auf dem Gebirgspasse herrschte ein toller Schneesturm. Der riesige Traktor, der uns über die Berge schleppen sollte, versank mit den sieben Autos, die er zog, tief in den Schnee. Sieben Menschen kamen in dem Sturm ums Leben, ferner einige Pferde. Wir mussten die Wagen verlassen und auf Schlitten weiterfahren, und brauchten sieben Stunden für zwanzig Meilen. Als wir über dem Pass waren, nahmen uns sechs Automobile auf. Bei Pedscheweke bestiegen wir den Zug. Bei Aktjubinske erhielten wir die telegraphische Mitteilung, dass wir nach Konstantinopel geschafft werden sollten. Ich forderte, dass man mir die Möglichkeit geben möge, zwei meiner Familienmitglieder zu sehen, die in Moskau leben. Später wurden sie zu uns nach Rjagesk gebracht und demselben Regime unterworfen wie wir. Der neue Agent der GPU, Bulanow, der für unsere Person zu sorgen beauftragt war, suchte mir klarzumachen, dass Konstantinopel ein viel angenehmeres Exil sein würde, als Alma-Ata es war. Ich weigerte mich trotzdem mit aller Entschiedenheit, weiterzugehen. Bulanow depeschierte nun nach Moskau, wo man zwar alles mögliche erwartet hatte, nur dies nicht, dass ich mich weigern würde, freiwillig Russland zu verlassen. Unser Sonderzug fuhr auf ein Nebengeleise und machte bei einer einsamen kleinen Station Halt. Tag um Tag verging. Rund um den Zug häuften sich die geleerten Konservenbüchsen. Krähen erschienen in Schwärmen, um Futter zu suchen. Die Lokomotive fuhr täglich mit einem Waggon zur nächsten größeren Station und holte Lebensmittel. Die Grippe stellte sich ein. Wir verbrachten unsere Zeit mit Husten und Warten. Moskau beriet unseren Fall. Das Thermometer zeigte 38 Grad Reaumur. Die Lokomotive musste dauernd her und hin fahren, damit sie nicht einfror. So vergingen zwölf Tage und zwölf Nächte,

Den 8. Februar erklärte Bulanow: „Trotz aller Bemühungen der Moskauer Regierung hat die deutsche Regierung es strikt abgelehnt, Ihnen die Einreise nach Deutschland zu erlauben. Ich muss Sie deshalb nach Konstantinopel bringen." Ich erwiderte, ich würde nicht freiwillig hingehen und dies an der türkischen Grenze erklären.

Bulanow: „Das wird unsere Entscheidung nicht umstoßen. Sie werden nach der Türkei expediert." „Darf ich das so verstehen, dass ein Abkommen getroffen ist mit der türkischen Polizei, dass ich gegen meinen Willen in die Türkei gebracht werden soll?" „Ist uns nicht bekannt. Wir haben nur unsere Befehle auszuführen."

Und nun setzte sich unser Zug wieder in Bewegung. Er war jetzt etwas länger als vorher, da die Begleitmannschaft verstärkt worden war. Hinter Pchpeka durften wir den Wagen nicht mehr verlassen. Wir fuhren mit Volldampf gen Süden. War es nötig, Wasser und Kohlen einzunehmen, dann geschah das nur auf kleinen Stationen. Diese besonderen Vorsichtsmaßnahmen waren durch jene Demonstration verursacht, die auf dem Moskauer Bahnhof stattfand, als ich im Januar 1928 in die Verbannung gebracht wurde. Damals hinderte die Volksmenge den Zug am Abfahren, und erst am folgenden Tag konnte man mich heimlich wegschaffen. Der Dampfer „Kalinin" sollte mich aus Odessa wegbringen, doch er war eingefroren. Obgleich Moskau telegraphisch auf größter Eile bestand, vermochten die Eisbrecher nicht, ihn freizumachen. Deshalb wurde der Dampfer „Iljitsch" reisefertig gemacht. In der Nacht zum 10. Februar erreichte unser Zug Odessa. Vom Wagenfenster aus sah ich vertraute Stätten, da ich einst als Schuljunge sieben Jahre hier gelebt. Unser Wagen wurde bis ans Ufer rangiert. Trotz der schwarzen Nacht vermochte ich festzustellen, dass der Hafen voll gespickt war mit Truppen und GPU- Agenten.

Jetzt musste ich mich von den beiden Angehörigen verabschieden, die uns zwei Wochen lang begleitet hatten … Der „Iljitsch" verließ Odessa nachts um 1 Uhr. Er war ohne Ladung und hatte keine Passagiere außer uns. Ein Eisbrecher fuhr ihm voraus. Ein toller Sturm wütete. Den 12. Februar kamen wir in den Bosporus. Ich überreichte dem türkischen Kommissar, der über unser Kommen unterrichtet war, die bereits zitierte Erklärung, die feststellte, dass ich gewaltsam hier hergebracht worden war. Sie hatte keinen Erfolg. Nach 22 Tagen und 4000 Meilen waren wir nun in Konstantinopel.

Ende Februar 1929

Leo Trotzki

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