Leo
Trotzki: Ist die Ablösung der Sowjets durch die parlamentarische Demokratie wahrscheinlich? [Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen und französischen Übersetzung] „Wenn die Sowjetmacht mit immer mehr Schwierigkeiten kämpft, wenn sich die Krise der Führung der Diktatur verschlimmert, wenn die Gefahr des Bonapartismus nicht ausgeschlossen ist, ist es dann nicht besser, den Weg der Demokratie einzuschlagen?" Diese Frage findet sich entweder offen ausgesprochen oder gemeint in vielen Artikeln über die jüngsten Ereignisse in der Sowjetrepublik. Ich bin hier ganz und gar nicht, um darüber zu urteilen, was besser und was nicht besser ist. Ich versuche zu eröffnen, was wahrscheinlich ist, d.h., was aus der objektiven Entwicklungslogik folgt. Und ich komme zu dem Schluss, dass am wenigsten wahrscheinlich, richtiger gesagt, völlig unmöglich der Übergang von den Sowjets zur parlamentarischen Demokratie ist. Viele Zeitungen erklären mir freundlich und populär, dass meine Ausweisung das Ergebnis des Fehlens von Demokratie in Russland sei und dass ich mich daher nicht beschweren dürfe. Aber erstens habe ich mich bei niemandem beschwert. Und zweitens habe ich es erlebt, auch aus 1Demokratien ausgewiesen zu werden. Dass die Gegner die aktuelle akute Führungskrise in der UdSSR als unvermeidliche Folge des Diktaturregimes – für das ich natürlich voll verantwortlich bin2 – ansehen, liegt in der Ordnung der Dinge. Im allgemeinen Sinne ist dies wahr. Am wenigsten von allem werde ich aus Anlass meiner Ausweisung den historischen Determinismus umstürzen. Aber wenn die Führungskrise nicht zufällig aus der Diktatur erwuchs, dann erwuchs auch die Diktatur nicht zufällig aus der kurzzeitigen Demokratie, die im Februar 1917 den Zarismus ersetzte. Wenn die Diktatur schuld an der Unterdrückung und allen anderen Unglücken ist, warum war die Demokratie dann machtlos, das Land vor der Diktatur zu schützen? Und wo sind die Daten, dass sie in der Lage sein wird, die Diktatur zu beseitigen3, wenn sie sie ersetzt? Um die eigenen Gedanken klarer auszudrücken, muss ich ihren geografischen Rahmen erweitern und zumindest einige Tendenzen in der politischen Entwicklung Europas nach der Zeit des Krieges erwähnen, der keine Episode, sondern ein blutiger Prolog einer neuen Epoche war. Fast alle Führer des Krieges sind noch am Leben. Die Mehrheit von ihnen sagte seinerzeit, dass dies der letzte Krieg sei, dass danach das Reich der friedlichen Demokratie anbrechen werde. Einige von ihnen glaubten an das, was sie sagten. Nicht einer von ihnen wird es jedoch wagen, diese Worte jetzt zu wiederholen. Warum nicht? Weil der Krieg uns in eine Epoche großer Spannungen, großer Kämpfe mit der Perspektive auf neue große Kriege geführt hat. Auf den Schienen der Weltherrschaft rasen mächtige Züge aufeinander zu. Man kann nicht unsere Epoche am Maßstab des 19. Jahrhunderts messen, das vorrangig das Jahrhundert der Ausweitung der Demokratie war. Das zwanzigste Jahrhundert wird sich in vielerlei Hinsicht vom neunzehnten Jahrhundert mehr unterscheiden als die gesamte neue Geschichte vom Mittelalter. In einer Wiener Zeitung listete Herriot kürzlich Fakten des Rückzugs der Demokratie vor der Diktatur auf. Nach der Gründung der revolutionären Macht in Russland und der Niederlage revolutionärer Bewegungen in einer Reihe anderer Länder erlebten wir die Errichtung der faschistischen Diktatur im Süden und Osten Europas. Was erklärt dieses Verlöschen der „Altäre4“ der Demokratie? Sie verweisen manchmal darauf, dass wir es hier mit rückständigen und unreifen Staaten zu tun haben. Diese Erklärung gilt für Italien kaum. Aber auch in jenen Fällen, in denen sie wahr ist, erklärt sie nichts. Im 19. Jahrhundert betrachtete man es als Gesetz, dass rückständige Länder die Treppe der Demokratie hinaufsteigen. Warum drängt das 20. Jahrhundert sie auf den Weg der Diktatur? Wir glauben, dass die Erklärung aus den Fakten selbst entspringt. Die demokratischen Institutionen haben gezeigt, dass sie dem Druck der modernen Widersprüche nicht standhalten können, mal der internationalen, mal der nationalen, häufiger – dieser und jener zusammen. Mag es gut oder schlecht sein, ist es doch ein Faktum. In Analogie zur Elektrotechnik kann Demokratie definiert werden als ein System von Schaltern und Sicherungen gegen zu starke Ströme des nationalen oder sozialen Kampfes. Keine andere Epoche der Menschheitsgeschichte war auch im entferntesten Grade so voller Gegensätze wie die unsere. Überladene Ströme finden sich zunehmend an verschiedenen Punkten des europäischen Netzes. Unter zu hoher Spannung der Klassen- und internationalen Widersprüche schmelzen oder explodieren die Schalter der Demokratie. Das ist das Wesen des Kurzschlusses der Diktatur. Als erste geben natürlich die schwächsten Schalter nach. Aber die Stärke der inneren und internationalen Widersprüche schwächt sich nicht ab, sondern wächst. Es gibt kaum Grund sich damit zu beruhigen, dass der Prozess nur die Peripherie der kapitalistischen Welt erfasst hat. Gicht beginnt mit dem kleinen Finger der Hand oder der großen Zehe, aber einmal begonnen, erreicht sie das Herz. Wie auch immer sich die Sache mit den Ländern des starken Kapitalismus und der alten Demokratie verhalten mag – diese Frage fällt nicht in den Kreis unseren Überlegungen –, das oben gesagte wirft, wie uns scheint, genügend Licht auf die im Titel dieses Artikels gestellte Frage. Wenn sie den Sowjets die Demokratie gegenüberstellen, haben sie eigentlich das parlamentarische System im Blick. Sie vergessen die andere, obendrein entscheidende, Seite der Sache, nämlich, dass der Oktoberumsturz5 die größte demokratische Revolution der Menschheitsgeschichte eröffnete. Die Konfiszierung der gutsbesitzenden Grundeigentümer, die vollständige Liquidierung von Standesprivilegien und -unterschieden6, die Zerstörung des zaristischen bürokratischen und militärischen Apparats, die Durchsetzung der nationalen Gleichheit und der nationalen Selbstbestimmung – das sind die wesentlichen demokratischen Arbeiten, an die die Februarrevolution kaum herantrat und die sie fast vollständig als Erbe dem Oktoberumsturz hinterließ. Nur der Bankrott der liberal-sozialistischen Koalition machte die sowjetische Diktatur auf der Grundlage des Bundes von Arbeitern, Bauern und unterdrückten Nationalitäten möglich. Die selben Gründe, die unsere historisch verspätete, schwache Demokratie daran gehindert haben, ihre wichtigste historische Aufgabe zu lösen, werden ihr auch in Zukunft nicht erlauben, an der Spitze des Landes zu stehen. Denn die Aufgaben und Schwierigkeiten sind in dieser Zeit mehr geworden, aber die Demokratie – weniger. Das Sowjetsystem ist keine bloße Staatsform, die man abstrakt mit der parlamentarischen Form vergleichen könnte. Es ist vor allem ein neues System von Eigentumsbeziehungen. Die Frage geht im Grunde um das Eigentum an Land, Banken, Bergwerken, Betrieben und Eisenbahnen. Die werktätigen Massen erinnern sich sehr gut daran, was der Herr, der Gutsbesitzer, der Beamte, der Wucherer, der Kapitalist, der Eigentümer im zaristischen Russland war. Bei den Massen gibt es zweifellos viel legitime Unzufriedenheit mit der aktuellen Lage im Sowjetstaat. Aber die Massen wollen keinen Gutsbesitzer, keinen Beamten oder Eigentümer. Diese „Kleinigkeit" darf man nicht vergessen, besoffen von allgemeinen Phrasen über Demokratie. Gegen die Rückkehr des Gutsbesitzers wird der Bauer auch heute, wie vor zehn Jahren, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Aus der Emigration auf seinen Landbesitz zurückkehren kann der Gutsbesitzer nur auf einer Kanone reitend, und er müsste in Zukunft auch die Nacht auf ihr verbringen. Es ist wahr, der Bauer würde sich viel leichter mit der Rückkehr des Kapitalisten aussöhnen, weil die staatliche Industrie den Bauern immer noch mit Industrieprodukten zu ungünstigeren Bedingungen versorgt als der Kaufmann früher. Darin, bemerken wir in Klammern, besteht auch die Grundlage aller inneren Schwierigkeiten. Aber der Bauer erinnert sich, dass Gutsbesitzer und Kapitalist die siamesischen Zwillinge des alten Regimes waren; dass sie zusammen gegangen sind; dass sie während des Bürgerkriegs gemeinsam gegen die Sowjets gekämpft haben; dass in den von den Weißen besetzten Gebieten der Fabrikant sich die Fabrik zurückgab, der Gutsbesitzer sich das Land. Der Bauer versteht, dass der Kapitalist nicht allein zurückkehren wird, sondern zusammen mit dem Gutsbesitzer. Deshalb will er weder den einen noch den anderen. Dies ist eine zwar negative, aber mächtige Kraftquelle für das Sowjetregime. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Die Frage geht nicht um die Einführung einer körperlosen Demokratie, sondern um die Rückkehr Russlands auf den Weg des Kapitalismus. Aber was wäre eine zweite Ausgabe des russischen Kapitalismus? In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich das Bild der Welt grundlegend verändert. Die Starken wurden unermesslich stärker, die Schwachen unvergleichlich schwächer. Der Kampf um die Weltherrschaft nahm titanische Ausmaße an. Die Etappen dieses Kampfes werden auf den Knochen schwacher und rückständiger Völker aufgeführt. Ein kapitalistisches Russland könnte im Weltsystem nicht einmal jene drittrangige Stellung einnehmen, die der Verlauf des Weltkriegs für das zaristische Russland vorherbestimmte. Ein russischer Kapitalismus wäre jetzt ein versklavter7, halbkolonialer Kapitalismus ohne Perspektive. Russland Nr. 2 würde jetzt einen Platz irgendwo zwischen Russland Nr. 1 und Indien einnehmen. Das Sowjetsystem mit seiner verstaatlichten Industrie und Außenhandelsmonopol ist trotz aller Widersprüche und Schwierigkeiten ein System zur Schirmung der wirtschaftlichen und kulturellen Unabhängigkeit des Landes. Dies verstanden auch viele Demokraten, die auf die Seite der Sowjetmacht nicht der Sozialismus sondern der Patriotismus zog, die die elementaren Lehren der Geschichte gelernt hatten. In diese Kategorie gehören zahlreiche technische Kräfte der inneren Intelligenz und eine neue Schule von Schriftstellern, die ich mangels eines angemesseneren Namens einmal „Mitläufer" genannt habe. Eine Handvoll kraftloser Doktrinäre wünscht sich Demokratie ohne Kapitalismus. Aber ernsthafte gesellschaftliche Kräfte, die dem Sowjetregime feindlich gesinnt sind, wünschen Kapitalismus ohne Demokratie. Dies gilt nicht nur für enteignete Eigentümer, sondern auch für wohlhabende Bauern. Soweit sie sich gegen die Revolution wandten, waren sie immer Stütze des Bonapartismus. Die Sowjetmacht entstand durch die größten Widersprüche in der internationalen und inneren Ordnung. Es ist hoffnungslos zu denken, dass die demokratischen Schalter liberalen oder sozialistischen Typs diesen Widersprüchen standhalten können, die im letzten Vierteljahrhundert zur äußersten Spannung gebracht wurden; oder dass sie den Durst nach Rache und Restauration auf Seiten der gestürzten Klassen „regulieren" können, die eine Kette bilden, in der der Industrielle und der Kaufmann sich an den Kulaken klammern, der Gutsbesitzer an den Kaufmann, die Monarchie sich an ihnen festhält, aber die ausländischen Gläubiger vorläufig den Schwanz bilden, 8die im Falle eines Sieges im Lande den ersten Platz einnehmen werden. Napoleon hat die Dynamik einer Revolutionsepoche mit ihrer Dominanz der Extreme richtig erfasst, als er sagte, dass Europa republikanisch oder kosakisch sein werde. Heute kann man mit noch größerer Rechtfertigung sagen: Russland wird sowjetisch oder bonapartistisch sein. Das oben Gesagte zeigt, dass ich nicht zu behaupten beabsichtige, dass absolute Garantien für die Unzerstörbarkeit9 der Sowjetmacht bestünden. Wenn wir dies dächten, dann besäße der Kampf keinen Sinn, den die Opposition gegen die Gefahr des Bonapartismus führt. Noch weniger geneigt bin ich zu behaupten, dass die soziale Stärke des Sowjetsystems nicht von der konkreten Politik der sowjetischen Regierung abhänge. Die Schärfe unseres inneren Kampfes zeigt, für wie gefährlich wir den Stalinschen Zickzackkurs für die Sowjetmacht halten. Aber gerade das Faktum unseres Kampfes ist Zeugnis dafür, wie weit wir vom sogenannten Pessimismus entfernt sind. Wir gehen von der Überzeugung von großen inneren Ressourcen und Reserven des Sowjetsystems aus. Der Kurs der Opposition ist nicht auf den Zusammenbruch der Sowjetmacht, sondern auf ihre Festigung und Entwicklung. Schlussbetrachtungen kann man in Gestalt einiger kurzer Bestimmungen formulieren. 1. Das Sowjetregime hat, unabhängig von seinen sozialistischen Aufgaben, deren Träger vor allem der fortgeschrittene Teil des Industrieproletariats ist, tiefe soziale und historische Wurzeln in den Volksmassen, ist eine Sicherung gegen eine Restauration und eine Garantie für eine unabhängige, d.h. nichtkoloniale Entwicklung. 2. Der wesentliche historische Kampf gegen die Sowjetunion wie auch der Kampf in ihr gegen die kommunistische Macht10 ist nicht im Namen der Ersetzung der Diktatur durch die Demokratie, sondern der Ersetzung des derzeitigen Übergangsregimes durch ein kapitalistisches Regime, das unvermeidlich abhängig und halbkolonial ist. 3. Unter diesen Bedingungen könnte eine Wendung auf kapitalistische Geleise nicht anders erreicht werden als auf dem Weg eines langen, brutalen, andauernden Bürgerkriegs, mit offener oder getarnter Intervention von außen. 4. Die politische Form eines solchen Umsturzes könnte nur eine Militärdiktatur sein, eine zeitgenössische Form des Bonapartismus. Aber in der konterrevolutionären Diktatur steckte von Anfang an die Sprungfeder eines neuen Oktoberumsturzes11. 5. Der Kampf der Opposition entfaltet sich nicht nur ganz und gar auf sowjetischer Grundlage, sondern ist auch eine direkte Fortsetzung und Entwicklung der Grundlinie des Bolschewismus. Die aktuelle Etappe dieses Kampfes ist nicht entscheidend, sondern sozusagen konjunkturell. 6. Die weitere Entwicklung des Sowjetsystems und damit das Schicksal der Opposition hängt nicht nur von Faktoren der inneren Ordnung ab, sondern – zu einem großen Teil – auch von der weiteren Entwicklung der gesamten Weltlage. Welche Richtung wird die Entwicklung der kapitalistischen Welt nehmen? Wie werden die stärksten, der Expansion bedürfenden, Staaten auf dem Weltmarkt Platz finden? Wie werden in den kommenden Jahren die Beziehungen der europäischen Ländern untereinander sein? Und was unermesslich wichtiger ist: das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa und vor allem zu Großbritannien? Es gibt eine sehr große Anzahl von Propheten, die ohne zu denken, die Frage des Schicksals der Sowjetrepublik entscheiden, aber über die unmittelbaren Schicksale12 des kapitalistischen Europas schweigen. Indessen sind diese beiden Fragen antagonistisch, aber untrennbar miteinander verbunden. L. Trotzki. 25. Februar 1929, Konstantinopel. 1In der englischen und französischen Übersetzung eingefügt: „mehreren“ 2In der englischen und französischen Übersetzung: „volle Verantwortung übernehme“ 3In der englischen und französischen Übersetzung: „zurückzudrängen“ 4In der englischen und französischen Übersetzung: „Altarflammen“ 5In der englischen und französischen Übersetzung hier und ein paar Zeilen später: „Oktoberrevolution“ 6In der englischen Übersetzung und französischen Übersetzung: „die vollständige Beseitigung traditioneller Klassenprivilegien und Unterscheidungen der russischen Gesellschaft“ 7In der englischen und französischen Übersetzung: „abhängiger“ 8In der englischen und französischen Übersetzung: „Sie alle streben im Falle eines Sieges den ersten Platz einzunehmen“ 9In der englischen und französischen Übersetzung: „permanente Stabilität“ 10In der englischen und französischen Übersetzung: „Herrschaft“ 11In der englischen und französischen Übersetzung: „Oktoberrevolution“, Trotzki verwendet aber das gleiche Wort „переворот“ (pereworot) wie im ersten Satz von Punkt 4. 12In der englischen und französischen Übersetzung: „das vorherrschende Schicksal“ |
Leo Trotzki > 1929 >