Leo Trotzki‎ > ‎1929‎ > ‎

Leo Trotzki 19290314 Interview durch den Daily Telegraph

Leo Trotzki: Interview durch den Daily Telegraph

14. März 1929

[eigene Übersetzung nach dem englischen Text]

Leo Trotzki (oder „Herr Sadoff", wie er besteht, sich zu nennen), hat nun das Mysterium, mit dem er sich seit seiner Deportation aus Russland umgeben hat, aufgegeben. Seit gestern [14. März] hat er begonnen, ausländische Zeitungsvertreter zu empfangen.

Bisher war er vollständig verborgen. Dies lag entweder an den Maßnahmen, die seine Gefängniswärter beim sowjetischen Konsulat für seine Abgeschiedenheit ergriffen haben, oder um seine Verpflichtung gegenüber seinen Presseagenten in Paris zu erfüllen, oder an beidem. Der ehemalige Oberkommandierende Sowjetrusslands ist nicht länger ein Gefangener der Bolschewiki. In Konstantinopel ist er jetzt in jeder Hinsicht ein gewöhnlicher Besucher und wohnt in dessen besten Hotel, Tokatlians.

Trotzki empfing mich heute Nachmittag in seinem Schlafzimmer, nachdem meine Identität von seinem Botschafter, seinem Sohn, bestätigt worden war. Aufgrund der umlaufenden Berichte über seine schlechte Gesundheit erwartete ich einen gebrechlichen und gebrochenen Mann. Aber ich war erstaunt, als ich einen Trotzki traf, der anscheinend gesund und gewiss herzhaft war – glatt rasiert, mit geradem Rücken und festem Schritt und in keiner Weise unzufrieden mit seinem Los.

Sein Aussehen muss jedoch etwas trügerisch sein. Er sagte mir, er wolle sich unbedingt in die Hände seiner deutschen Ärzte begeben, da er ärztliche Hilfe benötige. Auf seinen Antrag auf Erlaubnis zum Aufenthalt in Deutschland ist noch keine Antwort eingegangen. Der rote Ex-Führer hat jedoch wenig Zweifel daran, dass letztendlich ein Visum eintreffe. Er erklärt, dass die lange Verzögerung wahrscheinlich auf die gegenwärtige Kabinettskrise in Berlin zurückzuführen sei.

Berichte, wonach er Visumsanträge an Frankreich, Holland und die Tschechoslowakei gerichtet habe, seien absolut falsch, versicherte er mir. Deutschland sei der einzige Ort, an dem er wohnen möchte, sagte er. Er fügte jedoch hinzu, dass er irgendwann sehr gerne das British Museum besuchen würde, das in der ganzen Welt nicht seines gleichen habe und „wo ich, wie Victor Hugo sagte, ,als dieses Jahrhundert zwei Jahre alt war', sechs glückliche Monate mit Studium und Schreiben eines meiner Bücher verbrachte.

Angenommen, ich erbäte die Erlaubnis der britischen Regierung, nach London zu gehen, um das British Museum erneut zu besuchen. Denken Sie, ich sollte sie erhalten?", fragte er mich.

Ich antwortete, dass es im Bereich der Möglichkeit liege. Daraufhin ergriff er ein leeres Telegrammformular und fragte: „Wollen Sie im Namen Ihrer Zeitung, die mir feindlich gesinnt ist, eine Empfehlung unterzeichnen, dass mir dieses Privileg gewährt wird?" Natürlich lehnte ich dies ab.

Daraufhin bezog sich Trotzki auf die in den Zeitungen in Klammern gesetzte Notiz „Großes Gelächter", bei Gelegenheit einer Frage, die kürzlich von einem Mitglied des Unterhauses gestellt wurde. Diese war, ob es wohlwollend geprüft würde, wenn Trotzki in England Zuflucht suchte und ob seine Anwesenheit geduldet würde.

Was in diesem ,großen Gelächter' zum Ausdruck kommt, ist, dass die Möglichkeit, dass ich jemals nach England eingelassen werde, derart ist, dass sie nichts anderes als Heiterkeit hervorruft."

Es ist kein Zweifel, dass Trotzki das Erlangen eines Visums nach England als einen großen persönlichen Sieg ansehen würde. Wenig, folgere ich, weil er die Briten liebte; aus der Art und Weise zu schließen, in der er sich in Erinnerungen an die Attraktionen des British Museum erging, ist ebenso sicher, dass er die Gelegenheit schätzen würde, wieder von ihnen zu profitieren.

In Bezug auf die tatsächliche anglo-russische Lage machte Trotzki einige deutliche Kommentare zu dem, was er als von Großbritannien gezeigte mangelnde Weitsicht bezeichnete, wenn es darauf beharre, Sowjetrussland zu ignorieren.

Es ist eine vorrangige Notwendigkeit (für England)", sagte er, „die diplomatischen und kommerziellen Beziehungen zu Sowjetrussland wieder aufzunehmen und für jeden Vergangenes vergangen sein zu lassen – bis zu einem gewissen Grade."

Meine Beobachtung, dass ich glaubte, dass es bestimmte Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung gebe, die noch einer Lösung bedürften, brachte die Bemerkung hervor, dass es für England sinnlos wäre, erneut mit dem Aufstellen und der Vorlage einer Aufstellung der offenen Forderungen zu beginnen.

Es wird nirgendwohin führen", sagte er. „Und was ist mit den Milliarden Pfund, die Russland wegen Großbritannien verloren hat? Warum? Britische Soldaten und britisches Gold waren allein für den Bürgerkrieg in Russland verantwortlich. Wenn ihre Intervention nicht gewesen wäre, wäre Russlands Revolution unblutig gewesen. Denn bis die Briten intervenierten und die Weißen aufhetzten, übernahmen die Roten die Kontrolle der Regierungsmaschine in vollkommen geordneter Weise und stießen auf keinen Widerstand. Nein, Großbritannien ist kein unbestrittener Gläubiger.“

Hier wurde offensichtlich, was als unvermeidliche Propaganda erschien. Denn Trotzki skizzierte, was England industriell und politisch zu verlieren drohte, wenn es im Rennen mit den Vereinigten Staaten um die Gunst der Sowjets ins Hintertreffen geriete.

Der Tag wird kommen – und er ist nicht weit entfernt, und es liegt bei Großbritannien, ob es zu spät sein wird oder nicht –, wenn es an die Tür Russlands klopfen muss. Es ist in großer Gefahr, von Amerika aus einen tödlichen Stoß zu erhalten, und wenn letzteres sich mit Russland versöhnt, wird die zukünftige Entwicklung Großbritanniens sehr bewölkt sein.

Russland benötigt natürlich einen Auslandsmarkt in Großbritannien oder Amerika: Welcher es ist, ist für es unerheblich, aber für sie lebenswichtig. Obendrein stünde Großbritannien – das die Ausdehnung des Kommunismus in seinem Hoheitsgebiet befürchtet, wie es der Fall ist, und dies zu einem Grund macht, Distanz zu halten – mit der Wiederaufnahme der Beziehungen nicht schlechter da als jetzt. Es ist Herr in seinem eigenen Haus und sollte in der Lage sein, es in Ordnung zu halten. Nur Kinder sind vor Angst gelähmt; Regierungen sollten sie aus eigener Kraft überwinden.“

Trotzki erklärt, er sei mit aktiver Politik fertig und meint, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er erzählt mir, dass er Angebote für Artikel aus der ganzen Welt erhalten habe und dass sein zukünftiger Lebensunterhalt durch seine Feder gesichert sei. Er beschäftigt sich jetzt mit seiner Autobiografie.

Kommentare