Leo Trotzki‎ > ‎1929‎ > ‎

Leo Trotzki 19290824 Fragen an die Leitung des Leninbunds

Leo Trotzki: Fragen an die Leitung des Leninbunds

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen Übersetzung]

Kopien an La Vérité, La Lutte de Classes, Le Communiste (Belgien), Militant (Ver[einigte] Staaten), etc.1

Werte Genossen!

Dieser Brief ist nicht für den Druck bestimmt. Er ist bestimmt als Versuch, die Strategie der Opposition zu Hauptfragen zu klären. Das ist nicht mein erster Versuch. In mehreren Briefen versuchte ich, die prinzipiellen Linie von „Volkswille“ und Leninbund zu klären, da ich mir durch die extrem widersprüchlichen Artikel keine Klarheit verschaffen konnte. Das letzte Mal wandte ich mich offiziell mit einer Anfrage an die Leitung des Leninbunds am 13. Juni 1929. Mir wurde eine Antwort versprochen. Aber auf die Antwort warte ich auch dieses Mal vergeblich. Die Sache geht natürlich hier nicht um mich persönlich. Die kommunistische Opposition als Ganzes, sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern, hat das Recht zu wissen, auf welcher Position die Leitung des Leninbunds zu den Hauptfragen der internationalen Revolution steht.

Die Opposition ist eine kleine Minderheit. Für den Erfolg der Opposition kann nur durch eine klare Linie gesorgt werden. Der Leninbund hat keine solche Linie. Das muss leider zunächst einmal konstatiert werden. Sowohl in inneren deutschen als auch in internationalen Fragen schwankt der „Volkswille“ zwischen Brandler und Korsch. Zur Position der Leitung des Leninbunds zu inneren deutschen Fragen hoffe ich in einer besonderen Arbeit gründlicher zu sprechen. Hier möchte ich nur von neuem die Fragen wiederholen und präzisieren, die ich schon wiederholt aber vergeblich der Redaktion des „Volkswillen“ und der Leitung des Leninbunds gestellt habe.

Sie haben nicht nur einmal die russische Opposition dessen beschuldigt, dass sie „nicht weit genug geht", weil sie nicht verstehe, dass der Thermidor bereits geschehen sei. Ich habe Sie mehrfach gefragt: Was bedeutet das? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die internationale Opposition im Verhältnis zur UdSSR?

Wenn der Thermidor „sich vollzogen hat", bedeutet das, dass die Entwicklung in Russland schließlich den Weg des Kapitalismus betreten hat. Eine andere Bedeutung kann Ihre These nicht haben. Wie treten Sie dann dem Beginn der Planwirtschaft gegenüber? der Gesetzgebung, die die kapitalistische Zirkulation beschränkt und die private Akkumulation verhindert? Wie verhalten Sie sich zum Außenhandelsmonopol? Aus dem Blickwinkel der kapitalistischen Entwicklung sind all diese Dekrete, Institutionen und Maßnahmen utopische und reaktionäre Hindernisse auf dem Weg der Entwicklung der Produktivkräfte. Welchen Blickwinkel nehmen Sie ein?

Sie stellen die Losung der Koalitionsfreiheit2 für die UdSSR wie auch für die kapitalistischen Länder auf. Es ist erneut völlig unmöglich zu verstehen, was das heißt. Die Koalitionsfreiheit war keine isolierte Losung und kann keine sein. Die Koalitionsfreiheit ist ein Bestandteil des Regimes der bürgerlichen Demokratie. Koalitionsfreiheit ist undenkbar ohne Versammlungs-, Presse- und so weiter -freiheit, und, folglich, auch ohne parlamentarische Institutionen und Parteienkampf. Wie ist Ihre Position zu diesen Fragen? Trotz all meiner Versuche konnte ich immer noch nichts dazu herausfinden.

Ebenso unklar ist Ihre Haltung zur Frage der Verteidigung der UdSSR gegen den Imperialismus. Die außerordentliche Bedeutung dieser Frage wurde erneut unter dem Anstoß des sowjetisch-chinesischen Konflikts deutlich. Eine Reihe von oppositionellen Publikationen nahmen zu dieser Frage eine klar irrige Position ein. Der Leitartikel in „Contre le Courant" Nr. 35 vom 28. Juli trieb diesen Fehler an seine äußerste Grenze.

Wie verfuhr in diesem Fall die Redaktion von „Volkswille“ und „Die Fahne des Kommunismus“? Sie nahm eine Doppelposition ein. Sie eröffnete eine Diskussion. Der Korschist H. P. wie der Marxist Landau wurden in dieser Diskussion mit gleichem Recht zugelassen. Und die Redaktion „erhebt sich“ über den Marxismus und.... den Korschismus. Der3 grob fehlerhafte Artikel von „Contre le Courant" wird an vorderster Stelle in der „Fahne des Kommunismus" veröffentlicht, und es4 wird besonders betont, dass der Artikel die offizielle Meinung der französischen Redaktion ist. Aber hat eine kommunistische Publikation das Recht, sich darüber auszuschweigen, dass dieser Artikel, wenn er auch zehnmal offiziell ist, ein himmelschreienden Bruch mit dem Marxismus ist? In einem zugespitzten Moment eines internationalen Konflikts erweisen sich die Leser Ihrer Publikation als ideenmäßig5 entwaffnet. Ihnen wird eine Wahl angeboten: entweder die Ansichten der russischen Opposition oder die von Korsch, der wiederum nur die Argumente der Sozialdemokratie wiederholt.

Man kann unmöglich den Gedanken zulassen, dass Ihr gesamter Vorstand und umso mehr alle Mitglieder des Leninbunds diese Position oder dieses Fehlen einer Position teilen. Leider kann man nach dem „Volkswillen“ unmöglich über das innere Ideenleben des Leninbunds urteilen. Ich kann nicht für eine Minute zulassen, dass es dieses innere Ideenleben nicht gibt. Aber ich muss zu dem Schluss gelangen, dass der „Volkswille" es nicht widerspiegelt. Das für sich ist schon ein in höchsten Maße beunruhigendes Anzeichen.

Eine herrschende Mehrheit im Staat oder in der Partei, die über einen starken Apparat, eine gut gefüllte Kasse oder eine reiche Presse verfügt, kann lange von Unausgesprochenem, vom Schwanken, von Zweideutigkeiten leben. Der beste Beweis dafür ist Stalins bürokratischer Zentrismus. Aber jede oppositionelle Minderheit, die den Zentristen nacheifert, wäre unweigerlich zum Tode verurteilt sein und würde das Banner kompromittieren, unter dem sie steht6. In seiner jetzigen Gestalt kann der Leninbund nicht selbst die Avantgarde des deutschen Proletariats führen oder auch nur die Avantgarde dieser Avantgarde. Der Leninbund muss sich ideenmäßig umrüsten und seine Reihen entsprechend umbauen. Die erste Bedingung dafür ist prinzipielle Klarheit der Position. Ich glaube nicht, dass Sie länger vermeiden können, die oben genannten Fragen zu beantworten. Sie erschöpfen bei weitem nicht die ganze Bandbreite der Probleme der internationalen Revolution, aber die Antwort auf sie schafft die Voraussetzung für den richtigen Umgang mit einer Reihe anderer Fragen. Der Leninbund braucht eine Plattform. Seine Publikationen sollten, statt ihre Spalten Jimmy Higgins zu widmen und aktuellen Sensationen nachzujagen7, zu einem Werkzeug für die Entwicklung einer marxistischen Plattform der deutschen kommunistischen Linken werden.

Mit kommunistischen Grüßen,

L. Trotzki

24. August 1929

1 Fehlt in der englischen Übersetzung

2 In der englischen Übersetzung: „Organisationsfreiheit“

3 In der englischen Übersetzung: „Auf der einen Seite wird der …“

4 In der englischen Übersetzung: „auf der anderen Seite wird …“ – aber die Veröffentlichung eines Artikels an herausgehobener Stelle und der Hinweis auf seinen redaktionellen Charakter ist ja kein einerseits – andererseits, sondern eine Verstärkung!

5 In der englischen Übersetzung hier und im Folgenden statt „ideenmäßig“ oder „Ideen-“: „ideologisch“

6 In der englischen Übersetzung: „kompromittiert das Banner, unter dem sie steht, und wird unausweichlich zur Zerstörung verdammt sein“

7 In der englischen Übersetzung: „Jimmy Higgins und aktuellen Sensationen zu widmen“

Kommentare