Leo Trotzki: Erklärung für die „Vérité“1 [Von Trotzki nach Gesprächen mit französischen Genoss*innen verfasster Leitartikel für die Ausgabe der „Vérité" ("Wahrheit") vom 13. September 1929. Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen Übersetzung] Unsere Publikation ist für fortgeschrittene2 Arbeiter bestimmt. Wir haben keine anderen Aufgaben, außer der Aufgabe der3 Befreiung der Arbeiterklasse. Wir sehen keinen anderen Weg dafür, außer dem revolutionären Sturz der Bourgeoisie und der Errichtung der Diktatur des Proletariats. Der zeitgenössische demokratische Staat ist das Werkzeug der Herrschaft der Bourgeoisie. Das System der Demokratie hat die Aufgabe, die Herrschaft des Kapitalismus zu bewahren. Je weniger das mit den normalen Methoden der Demokratie gelingt, desto mehr greift die herrschende Klasse auf Gewalt zurück. Die französischen Sozialisten fahren fort hartnäckig zu behaupten, dass sie den Sozialismus mittels der Demokratie verwirklichen werden. Wir haben die sozialistischen Demokraten4 an der Macht gesehen und sehen sie. In Deutschland erschossen sie am 1. Mai [19]29 Arbeiter5 dafür, dass die Avantgarde des Berliner Proletariats am Tag der großen Demonstration des Proletariats auf die Straße gehen wollte, der auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale festgelegt worden war. In England liebedienerte die Arbeiterpartei6, als sie an die Macht kam, nicht nur vor dem Kapital, sondern auch vor der Monarchie und begann die „Demokratisierung" des Landes nicht mit der Liquidierung des House of Lords, sondern mit der Verleihung der Narrenwürde an den alten Fabier Webb.7 Die marxistische Einschätzung der Demokratie wird durch die Erfahrung voll und bis zum Ende getestet. Die Sozialdemokratie an der Macht bedeutet nicht einmal die Umsetzung von Reformen. Wenn sich die Bourgeoisie gezwungen sieht, Sozialreformen einzuführen, tut sie das selbst, doch überlässt sie eine solche Ehre nicht der Sozialdemokratie. Indem sie die Sozialisten sich selbst bedienen lässt, entzieht die Bourgeoisie ihnen sogar das Taschengeld für die Kosten von Reformmaßnahmen. Der Unterschied zwischen unserer und der Vorkriegsepoche zeigt sich politisch am deutlichsten am Schicksal der Sozialdemokratie. Vor dem Krieg befand sie sich in Opposition zur bürgerlichen Gesellschaft, und jetzt ist sie ihre zuverlässigste Stütze. In England und Deutschland wäre die Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitals ohne Sozialdemokratie undenkbar. Wenn es Unsinn ist, Sozialdemokratie und Faschismus gleichzusetzen – wie es die gegenwärtige Führung der Komintern oft macht, – dann ist der Gedanke unbestreitbar, dass sowohl die Sozialdemokratie als auch der Faschismus verschiedene, in mancherlei Hinsicht gegensätzliche, Werkzeuge sind, die zu verschiedenen Perioden letztlich ein und demselben Ziel dienen: der Erhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie in der imperialistischen Epoche. Die Erfahrung des revolutionären Sturzes der bürgerlichen Herrschaft wurde im Jahre 1917 von der Partei der Bolschewiki in Russland gemacht. Die Oktoberrevolution ist das gigantischste Faktum8 der Weltarbeiterbewegung und das größte9 Ereignis der Menschheitsgeschichte im Allgemeinen. Wir stehen voll und ganz auf der Grundlage der Oktoberrevolution. Das ist unsere Revolution. Die Februarrevolution von 1917 zeigte, dass die Demokratie, kaum aus der Revolution hervorgegangen, ihre Repression gnadenlos gegen die Arbeiter richtet, sobald sie das Privateigentum bedrohten. Auf der anderen Seite zeigte die Oktoberrevolution, dass selbst in einem rückständigen Land mit einer überwältigenden Mehrheit der Bauernbevölkerung das Proletariat an die Macht kommen kann, indem es alle werktätigen und10 unterdrückten Massen um sich herum vereint. Diese historische Lehre wurde dem internationalen Proletariat von der Partei der Bolschewiki unter Lenins Führung erteilt. Die Politik der Bolschewiki in der Oktoberrevolution ist die höchste Anwendung der Methoden des Marxismus. Sie bezeichnet einen neuen Ausgangspunkt für die Entwicklung der Arbeiterklasse11 nach vorne. Träume und Wirklichkeit nach dem Krieg Schritt für Schritt kommt Frankreich aus dem Rausch des Sieges heraus. Die Zeichen zerstreuen sich12, fantastische Hoffnungen brechen zusammen – es bleibt die grausame Realität. Die stolzen Träume des französischen Kapitals der Herrschaft über Europa und durch Europa über die Welt wurden zu Asche. In den ersten Jahren nach dem Krieg hielten es die Regierungen Englands und der Vereinigten Staaten13 noch für notwendig, dem nationalen Hochmut der französischen Bourgeoisie zu schmeicheln und ihm von Zeit zu Zeit dekorative Befriedigung zu geben. Aber diese Zeit ist vorbei. Die amerikanische Bourgeoisie schaffte es, die Tiefe des Falls Europas auszumessen und ist ihm gegenüber nicht mehr schüchtern14. Die englische Bourgeoisie, die von der amerikanischen brutale Tritte erhält, bringt immer offener ihre Wut über Frankreich zum Ausdruck. Die Lage der englischen Bourgeoisie ist charakterisiert durch den Widerspruch zwischen ihren Traditionen der Weltherrschaft und dem Rückgang ihres spezifischen Gewichts15 in der Weltwirtschaft. Die französische Bourgeoisie hat keine solchen Traditionen der Macht. Der Versailler Frieden ist eine Fieberfantasie eines kleinbürgerlichen Emporkömmlings. Für eine Weltrolle ist die materielle Basis Frankreichs völlig unzureichend, wenn sie nach einem zeitgenössischen, d.h. amerikanischen Maß gemessen wird. Das große Wachstum der Industrieausrüstung16 in Frankreich ist eine unbestreitbare Tatsache, ebenso wie die Rationalisierung der industriellen Methoden17. Aber gerade dieses Wachstum stellt die französische Bourgeoisie zunehmend von Angesicht zu Angesicht vor die Probleme des Weltmarktes. Die Sache geht nicht mehr um die Besetzung des Saargebiets oder der Ruhr, sondern um den Platz des französischen Imperialismus unter der Sonne18. Bei der ersten größeren Probe wird sich der Bankrott des französischen Imperialismus vollständig zeigen. Eine zu kleine Bevölkerung, ein zu begrenztes Territorium, eine zu starke Abhängigkeit von den Nachbarn, zu viele Schulden und eine noch größere Last des Militarismus. Wir werden hier keinen Fristen für weitere unvermeidliche Misserfolge, Rückzüge und Niederlagen des französischen Militarismus angeben. Aber wir sehen sie voraus, und wir haben keinen Zweifel daran, dass sie alle eine Quelle für interne Krisen und Erschütterungen sein werden. In pathetischen Reden kann man mit imaginären Größen operieren. Aber in der Weltarena klingen die Sophismen Poincarés, das Pathos Franklin-Bouillons oder die Beredsamkeit Briands wie klägliches Quieken. Amerika sagt: Bezahlen. England sagt: Bezahlen. Snowden, der Labour-Agent der City, findet in seinem Wortschatz die gröbsten Ausdrücke an die Adresse Frankreichs. Die Kommunistische Internationale sah diesen Ausgang voraus – in jener Periode, in der sie eine Führung hatte, die in der Lage war, den Gang der Entwicklung zu verstehen und den morgigen Tag19 vorherzusehen. Bereits 1920, als die Hegemonie des siegreichen Frankreichs unbestreitbar schien, besagte das Manifest des Zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale: „Berauscht von ihrem Chauvinismus und ihren Siegen, die sie für andere erfocht, fühlte sich die Bourgeoisie Frankreichs als die Besiegerin Europas. Eigentlich befand sich Frankreich seit Beginn seiner Existenz niemals in einer solchen sklavischen Abhängigkeit von stärkeren Staaten (England und Nordamerika) wie jetzt, Frankreich schreibt Belgien ein bestimmtes ökonomisches und militärisches Programm vor, verwandelt den schwächeren Verbündeten in eine unterjochte Provinz; aber gegenüber England spielt Frankreich selbst die Rolle Belgiens nur in etwas größerem Maßstabe.“ Das Nachkriegsjahrzehnt war in Frankreich ruhiger als in den meisten anderen europäischen Ländern. Aber es war nur ein Moratorium beruhend auf Inflation. Inflation war in allem: im Geldumlauf, im Staatshaushalt, im System des Militarismus, in den diplomatischen Plänen, in den imperialistischen Appetiten. Die große Geldreform Poincarés entdeckte nur das Geheimnis, dass der Wein der französischen Bourgeoisie zu vier Fünfteln mit Wasser verdünnt war. Das Moratorium endet. Die amerikanischen Aktien müssen bezahlt werden. Für die Freundschaft der Starken dieser Welt muss man bezahlen. Für die Leichen der französischen Arbeitern und Bauern muss man bezahlen. Die bürgerliche Republik tritt in die Periode der Zahlung ein. Die größte Rechnung präsentiert ihm das französische Proletariat. Die Krise der Kommunistischen Partei Die aufkommende Epoche der Krise in der Weltlage der französischen Bourgeoisie und folglich auch in ihrer inneren Lage fällt jedoch mit einer tiefen Krise der französischen Kommunistischen Partei zusammen. Die ersten Schritte der Partei wurden von vielversprechenden Erfolgen gekrönt. Die Führung der Komintern verband revolutionären Weitblick und Mut mit tiefer Aufmerksamkeit für die Besonderheiten jedes Landes. Nur auf diesem Weg waren Erfolge möglich20. Der schroffe Wechsel21 der Führung in der Sowjetunion, der unter dem Einfluss von Klassenkräften stattfand, hatte verheerende Auswirkungen auf das Leben der gesamten Internationale, darunter auch der französischen Partei. Die Kontinuität von Entwicklung und Erfahrung wurde mechanisch22 unterbrochen. Diejenigen, die während der Epoche Lenins die französische Kompartei und die Komintern führten, wurden nicht nur aus der Führung entfernt, sondern auch aus der Partei ausgeschlossen. In die Führung wurden danach nur noch diejenigen gelassen, die bereit waren, alle Zickzacks der Moskauer Führung automatisch23 nachzumachen. Der ultralinke Sinowjewsche Kurs der Jahre 1924-25 bedeutete, marxistische Analyse durch kreischende Phrasen zu ersetzen, das Auftürmen von Fehlern und die Umwandlung des demokratischen Zentralismus in eine geradezu polizeimäßige Karikatur. Als Ersatz für das Scheitern der Ultralinken kamen völlig unpersönliche und unterwürfige Beamte24, die in internationalen Fragen den Kurs auf Tschiang Kaischek und Purcell verfolgten, während sie in inneren Angelegenheiten den Reformisten hinterher trabten. Als die Stalinsche Fraktion25 unter dem Einfluss der wachsenden Gefahr von rechts und der Schläge der Kritik an der Opposition gezwungen war, ihren linken Zickzack zu machen, war es nicht einmal nötig, die Zusammesetzung der französischen Führung zu ändern: Leute, die demütig die halbsozialistische26 Politik der Jahre 1926-27 durchführten, wurde ebenso demütig Politiker des Abenteuers. Der Tag des 1. August ist dafür ein vernichtendes Zeugnis, In China, Deutschland und anderen Ländern hat die abenteuerliche Politik bereits zu blutigen Katastrophen geführt. In Frankreich hat sie bisher zu nichts geführt, außer zu lächerlichen27 Fiaskos. Aber wenn Lächerlichkeit wirklich jemanden tötet, dann die revolutionäre Partei vor allem anderen. 1 In der englischen Übersetzung: „Eine Erklärung von La Vérité“ 2 In der englischen Übersetzung: „Vorhut-“ 3 In der englischen Übersetzung: „unsere einzige Aufgabe ist die“ 4 In der englischen Übersetzung: „Sozialdemokraten“ 5 In der englischen Übersetzung: „am letzten Ersten Mai siebenundzwanzig“ 6 In der englischen Übersetzung: „Labouristen“ 7 In der englischen Übersetzung: „mit der Erhebung des alten Fabiers Webb unter die Farce-Würdenträger“, gemeint ist die die Ernennung von Sidney Webb zum Baron Passfield und damit zum erblichen Mitglied des House of Lords 8 In der englischen Übersetzung: „die größte Errungenschaft“ 9 In der englischen Übersetzung: „wird eines der größten Ereignisse … bleiben“ 10 In der englischen Übersetzung fehlt „werktätigen und“ 11 In der englischen Übersetzung: „der Arbeiterklasse auf ihrem Marsch“ 12 In der englischen Übersetzung: „die Geister fliehen“ 13 In der englischen Übersetzung: „Amerikas“ 14 In der englischen Übersetzung: „macht sich keine Sorgen mehr wegen ihm“ 15 In der englischen Übersetzung statt „spezifischen Gewichts“: „Platzes“ 16 In der englischen Übersetzung: „Industrie“ 17 In der englischen Übersetzung: „Verfahren“ 18 In der englischen Übersetzung: „auf der Welt“ 19 In der englischen Übersetzung: „ihre Ergebnisse“ 20 In der englischen Übersetzung eingefügt: „im Allgemeinen“ 21 In der englischen Übersetzung: „die Veränderungen“ 22 In der englischen Übersetzung: „automatisch“ 23 In der englischen Übersetzung: „schnell genug“ 24 In der englischen Übersetzung: „Nach dem Versagen der ultralinken Führung wurde sie durch fügsame Angestellte ohne Individualität ersetzt 25 In der englischen Übersetzung: „stalinistische Führung“ 26 In der englischen Übersetzung: „halb sozialdemokratische“ 27 In der englischen Übersetzung: „grotesken“ |
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