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Leo Trotzki 19290711 Brief an Maurice Paz

Leo Trotzki: Brief an Maurice Paz

11. Juli 1929

[eigene Übersetzung der englischen Übersetzung, dort unter dem Titel „How Revolutionaries are Formed“, Wie Revolutionäre geformt werden]

Werter Genosse Paz,

Dem gemeinsamen Brief – den ich in meiner Antwort nicht so charakterisieren muss, wie es angemessen wäre, da ich sicher bin, dass ich mit der Mehrheit der Unterzeichner zusammenarbeiten werde, die versehentlich unterzeichnet haben – diesem Brief fügen Sie einen privaten Brief hinzu, der mir die Möglichkeit gibt, Ihnen in völliger Offenheit, völliger Freiheit und sogar völliger Brutalität zu antworten.

Sie nennen mich den „Chef" und nehmen sich mit dieser Bezeichnung das Recht, mich anzuweisen und zu führen. Sie weisen mich bei jeder Gelegenheit darauf hin, wie sich ein „Chef" verhalten soll, wie er seine Zeit organisieren soll, welche Arbeiten er aufgeben soll, um sich anderen zu widmen, die Sie ihm zuweisen. Vielleicht gestatten Sie mir, Sie zu fragen, ob Ihre Zeit und Ihre Kräfte nach dieser großen revolutionären Aufgabe organisiert sind, deren „Achse" Sie sein wollen? Denn Ihr Brief beschäftigt sich nur mit dieser Frage: Wer wird die Achse sein? Und Ihr Bruch mit der Wochenzeitung, die Feindseligkeit, die Sie ihr entgegenbringen, Ihre Anschuldigungen gegen Gourget und jetzt gegen Rosmer, drehen sich um dieselbe „Achse".

Ich weiß nicht, ob ich der „Chef" bin und vor allem, ob ich der Chef bin, den Sie für richtig halten. Ich denke eher nicht. Aber in meinen Beziehungen zu meinen Freunden wie auch zu meinen Feinden habe ich keine andere Überlegung als die revolutionäre Sache. Persönliche Vorurteile sind mir absolut fremd. Wie ich schon oft gesagt habe, wollte ich, dass Contre le Courant eine Wochenzeitung wird. In Konstantinopel hatten Sie diesem Projekt bisher nur den finanziellen Aspekt entgegengesetzt. Sie haben mir zur Bestätigung dessen, was ich bereits wusste, gesagt, dass die Ausgaben von Contre le Courant durch die von der russischen Opposition bereitgestellten Summen gedeckt sind und dass die Fortsetzung der Zeitung als Wochenzeitung nach der Erschöpfung dieser Mittel Schwierigkeiten bereite. Dieses Argument erschien mir seltsam. Ich konnte es nicht verstehen. Ich sagte zu mir selbst: „Es ist eine beiläufige Bemerkung. Ich sollte ihre Bedeutung nicht übertreiben." Es ist richtig, dass ich Ihren Vorschlag einer Halbmonatszeitung akzeptieren musste, aber es ging mir (und Ihnen) um eine befristete Maßnahme, für zwei oder drei Monate äußerstenfalls. In Wirklichkeit wurde die Entscheidung für eine Wochenzeitung getroffen, mit der Perspektive einer Tageszeitung, und das wird sogar in Ihrem Notizbuch angezeigt. Aber Sie haben sich nicht einmal einer Tages-, einer Wochen-, oder auch nur einer Halbmonatszeitung angenähert. Contre le Courant ist zu einer Sammlung russischer Dokumente geworden, jetzt mehr denn je. Aus dieser Zeitung erfährt man nichts über die französische Bewegung. Wir hatten auch andere Projekte für die Massenarbeit ausgearbeitet. Es wurde nichts realisiert. Ich kann in Contre le Courant nicht die geringste Spur der zu diesem Zweck geleisteten Arbeit sehen. Und nachdem ich vier Monate lang geduldig gewartet habe, nachdem ich beharrlich wiederholt habe, dass wir hinter den verschlossenen Türen hervorkommen müssten, und Sie nur mit Geschichten über Treint und Souvarine geantwortet haben – nach vier Monaten präsentieren Sie mir einen Auszug aus Ihrem Notizbuch, um Ihre Dokumentation zu rechtfertigen. Aber das ist das Verhalten eines Notars, nicht eines Revolutionärs. Und hier ist der entscheidende Punkt. Um unsere Dokumente in Russland zu veröffentlichen, haben unsere Freunde alles gegeben, was sie hatten, und alles geopfert, was Menschen, die sich ihrer Sache widmen, opfern konnten. In Paris ging es nicht darum, so viel zu tun. Um die Wochenzeitung zu produzieren, wären insgesamt zweitrangige und unbedeutende Opfer erforderlich gewesen: Opfer an Zeit und Geld. Man beginnt, man geht mit gutem Beispiel voran, und dann stellt man Forderungen an andere, weil man das Recht hat, Forderungen im Namen einer gemeinsamen Sache zu stellen. Aber Sie haben damit begonnen, das Fehlen einer finanziellen Basis zu erklären, und dann, um die Theorie der Enthaltung zu „vertiefen", haben Sie das Fehlen einer theoretischen Basis hinzugefügt. Alles, was bis heute gesagt und getan wurde, ist unwirksam und inoperabel. Um etwas „Solides" zu tun, müssen wir auf Ihre Broschüre warten. Oh, es ist ein unerhörter Vorwand, und Sie selbst hätten sich unter anderen Umständen nicht für dieses unerhörte Argument entschieden, wenn Sie sich nicht in eine prekäre Situation gebracht hätten, in der Sie um jeden Preis den Anschein einer Argumentation finden mussten.

Sie finden keine Ausdrücke, die kraftvoll genug sind, um die fünf Genossen zu verunglimpfen, die sich „von Konstantinopel inspirieren ließen". Dieser Sarkasmus ist fehl am Platz und hat einen schlechten Geschmack. Diese Genossen, wie sehr sie auch damit beschäftigt waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, kamen auf eigene Initiative und auf eigenes Risiko zu mir, hierher, nach Konstantinopel, in einer sehr schwierigen Zeit. Ihre Hilfe war für mich von unschätzbarem Wert. All das ist richtig. Aber es gibt noch einen weiteren Teil der Geschichte. Ich sagte mir, nachdem ich sie genau beobachtet hatte, dass Genossen, die zu einer solchen Initiative und einem solchen persönlichen Opfer fähig sind, Revolutionäre sind oder werden können, denn auf diese Weise, Genosse Paz, werden Revolutionäre geformt. Man kann Revolutionäre haben, sowohl weise als auch ignorant, intelligent oder mittelmäßig. Aber man kann keine Revolutionäre haben, denen die Bereitschaft, Hindernisse zu zerschlagen, die Hingabe und den Geist des Opferns fehlen. Ich habe mich nicht geirrt. Diese jungen Genossen erklärten sich bereit, ihre Zeit, ihre Kräfte, ihre Mittel für eine Wochenzeitung und anderes zu mobilisieren. Sie tun also, was sie versprochen haben, und Sie sabotieren ihre Arbeit, anstatt ihnen zu helfen. Und das immer wegen der Frage nach der „Achse".

Aber wie stellen Sie sich den Platz einer Wochenzeitung vor, die dazu bestimmt ist, eine Tageszeitung in einer Bewegung zu werden, die überall Auswirkungen haben muss? Glauben Sie, dass die Aufgabe erfüllt werden kann, indem man ihr die Zeitreste einer sehr beschäftigten Anwaltskanzlei widmet? Glauben Sie, dass Sie die Bewegung oder auch nur eine mit der Bewegung verbundene Wochenzeitung im Vorbeigehen wie eine Nebenaufgabe verwalten können? Ich habe eine andere Vorstellung von der revolutionären Achse. Ich glaube, dass die Person, die eine Arbeiterzeitung leitet, insbesondere in einer Situation mit hoher Verantwortung wie der unseren, sich nur mit dieser Aufgabe befassen sollte. Ich habe mich mit dieser Frage seit Ihrem Aufenthalt in Konstantinopel sehr beschäftigt, als ich zum ersten Mal von Ihnen selbst erfahren habe, dass Sie ein sehr beschäftigter Anwalt sind. Aber ich habe mir gesagt, dass Sie, da Sie die Wochenzeitung verwalten wollten, natürlich die notwendigen Konsequenzen ziehen müssten. Und da ich unsere Beziehung nicht als die eines Chefs zu einem Sklaven betrachtete, habe ich Sie nicht darauf hingewiesen, wie die Aufteilung Ihrer Zeit zwischen der Revolution und dem Gerichtsgebäude sein müsse. Ich nehme an, Sie wissen, dass Haase, als er eine der Achsen der deutschen Partei werden wollte, es für notwendig hielt, seine Kanzlei in Königsberg aufzugeben. Auf dem Parteitag in Jena gab es viel Lob für Haase – auch von Bebel –, dass er das Opfer seines Jahreseinkommens von dreißigtausend Mark gebracht habe. Wir Russen – ich selbst war beim Parteitag anwesend – waren ziemlich verärgert über diese Lobpreisungen, die uns völlig kleinbürgerlich erschienen. Ich habe sogar in einer meiner Interventionen über diesen Vorfall gesprochen, um den Mangel an revolutionärem Geist der deutschen Partei zu charakterisieren. Und dennoch war Haase nicht auf die revolutionären Situationen und den harten Lauf der Ereignisse vorbereitet.

Ich werde nicht auf die Bilanz der russischen Partei in Zeiten illegaler Arbeit eingehen. Die Person, die zur Bewegung gehörte, gehörte zu ihr nicht nur mit ihren materiellen Mitteln, sondern auch mit Körper und Seele. Sie identifizierte sich offen mit der Sache, der sie diente, und durch einen solchen Erziehungsprozess konnten wir die Kämpfer schaffen, die zu den vielen „Achsen" der proletarischen Revolution wurden.

Genosse Paz, ich spreche offen und sogar brutal, um das zu retten, was noch zu retten ist. Es ist nicht mehr Zeit für Worte, denn die Lage ist zu ernst. Ich bin weder ein Fanatiker noch ein Sektierer. Ich kann einen Menschen sehr gut verstehen, der mit der kommunistischen Sache sympathisiert, ohne sein Milieu zu verlassen. Eine solche Unterstützung kann für uns sehr wertvoll sein. Aber es ist die Hilfe eines Sympathisanten. Ich habe diese Frage in einem Brief an meine amerikanischen Freunde diskutiert. Eastman hatte mir geschrieben, ohne die Sache zu beschönigen, dass dies seine persönliche Lage sei. Er bezeichnet sich selbst als „Weggefährten", strebt nach seinen eigenen Worten keine führende Rolle in der Bewegung der Opposition an und begnügt sich damit, sie zu unterstützen. Er macht Übersetzungen, er hat seine Urheberrechte an den Militant weitergegeben, etc. Und warum? Weil er sich nicht ganz der Bewegung hingeben kann. Und er hat richtig gehandelt.

Sie müssen verstehen, dass die Person, die die „Achse" ist, d.h. der Führer oder einer der Führer der revolutionären Bewegung, das Recht hat, die Arbeiter aufzufordern, die größten Opfer zu bringen, auch das ihres Lebens. Dieses Recht beinhaltet nicht weniger wichtige Verpflichtungen. Andernfalls wird sich jeder intelligente Arbeiter unweigerlich fragen: „Wenn X, der mich zu den größten Opfern aufruft, vier Fünftel oder zwei Drittel seiner Zeit behält, nicht um meinen Sieg zu sichern, sondern um seine bürgerliche Existenz zu sichern, zeigt das, dass er kein Vertrauen in die bevorstehende Revolution hat". Und dieser Arbeiter hätte Recht.

Lassen Sie das Programm beiseite, bitte! Es handelt sich nicht um eine Frage des Programms. Es geht um revolutionäre Aktivitäten im Allgemeinen. Marx sagte einmal, dass ein einziger Schritt vorwärts für die Bewegung mehr als zehn Programme wert ist. Und Marx war ein Experte für Programme, die genauso gut sind, und sogar für Manifeste, mindestens so sehr wie Sie und ich!

Zum Schluss. Ihre Briefe und vor allem Ihre politische Haltung zeigen mir, dass der Kommunismus für Sie eine aufrichtige Idee und keine dominante Lebensüberzeugung ist. Und doch ist diese Vorstellung sehr abstrakt. Jetzt, da es im Moment notwendig ist (es wäre vor langer Zeit notwendig gewesen), Maßnahmen zu ergreifen, die Sie bis zum Ende einbeziehen, fangen Sie instinktiv an, sich ihnen wegen eines doppelten Verhaltensstandards entgegenzustellen. Wenn Sie zur Teilnahme eingeladen werden, antworten Sie: „Keine Ressourcen und unzureichende Kräfte." Und wenn die anderen anfangen, nach den Ressourcen und Kräften zu suchen, sagen Sie: „Wenn ich nicht die Achse bin, bin ich dagegen." Was Sie tun, ist unerhört. Selbst wenn Sie kein Vertrauen in die Wochenzeitung haben, sollten Sie ruhig warten und sie nicht sabotieren! Sie haben keine Erfahrung in diesen Angelegenheiten, und Siegehen blind auf eine neue Katastrophe zu! Morgen werden Sie sich auf theoretische, philosophische, politische und philologische Differenzen berufen, um Ihre Position zu rechtfertigen. Es ist nicht schwer zu verstehen, wie das enden wird! Wenn Sie nicht in die Listen einsteigen wollen, warten Sie still, halten Sie eine freundliche Neutralität ein und präsentieren Sie nicht das traurige Schauspiel einer prinzipienlosen Opposition, die ausschließlich von persönlichen Gründen diktiert wird.

Mit dem größten Wunsch, unsere politische Freundschaft zu retten.

L. Trotzki

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