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Leo Trotzki 19290824 Aus einem Brief an einen Oppositionellen in Russland

Leo Trotzki: Aus einem Brief an einen Oppositionellen in Russland

[eigene Übersetzung nach dem russischen Text, Bulletin der Opposition (Bolschewiki-Leninisten), Nr. 3-4, verglichen mit der englischen Übersetzung]

Werter Genosse,

Ihren Brief vom 8. August erhielten wir am 22. Das ist natürlich nicht so schnell wie die Überfahrt von Europa nach Amerika auf der „Bremen“, aber man kann sich nicht beklagen.

Sie schreiben, dass die Kapitulantenstimmung auch einige „gute Jungs" erfasst habe. Man müsste sich wundern, wenn es nicht so wäre. Die Opposition lebt jetzt ohne Verbindung, ohne Literatur. Sie liest nur die „Prawda". Für viele unserer Gleichgesinnten sind die stalinistische Wendung und die gewisse Dauerhaftigkeit dieser Wendung unerwartet. Die internationale Perspektive gerät völlig aus den Augen. Indessen im „Bolschewik“ die Verkündung des Beginns einer Periode offener revolutionärer Kämpfe: die erste Etappe – die Maitage in Berlin, die zweite Etappe – die August-Tage auf der ganzen Welt, etc. Diese Perspektive soll nicht nur das Gewissen von halb kaputten „Alten" beruhigen, sondern auch „gute Jungs" einfangen, d.h. Jugendliche, die der Verbindung, Information, Literatur usw. beraubt sind.

Sie schreiben über die Schwankungen von I. N., darüber, dass er seinen Entwurf eines Appells an das ZK verschickt, der eine Reihe sehr lobenswerter Wünsche und Hoffnungen enthält, „die“, wie Sie schreiben, „zu streichen sie ihn sicherlich nötigen werden“. I. N. kennen wir alle sehr gut, sowohl mit seinen prachtvollen als auch mit seinen schwachen Seiten. Wir riskierten mehr als einmal, ihn auf den vergangenen Wendungen des Weges zu verlieren. Aber es endete günstig. Ob wir ihn diesmal verlieren werden, weiß ich nicht, aber selbst wenn wir ihn verlieren, werden wir ihn früher oder später zurückbekommen. Wir werden auch viele andere zurückbekommen. Natürlich, wenn wir nicht selbst ihren Schwankungen nacheifern.

Dass wir bereit sind, jeden Schritt der Zentristen nach links zu unterstützen, haben wir zehn Mal gesagt. Wir können es natürlich ein elftes Mal wiederholen. Diese Frage entscheidet das nicht. Wir brauchen unsere eigene Literatur, unerlässliche theoretische Klarheit, politische Verbindungen im internationalen Maßstab – daran entscheidet sich jetzt die Frage. Aber dies sofort zu erreichen ist unmöglich. Hier muss man unter den größten Schwierigkeiten gegen den Strom Schritt für Schritt machen. Weniger hartnäckige, weniger erfahrene Menschen schwangen und fallen ab.

Für einen ernsthaften Marxisten ist es klar, dass für die Wendung der Zentristen nach links nur unseren Kampf gesorgt hat. Das ist richtige, echte, revolutionäre Unterstützung. In den kritischsten Momenten schwankte der Zentrismus auf dem Drahtseil und wusste nicht, wohin er den nächsten Sprung machen sollte. Wenn in den Jahren 26-27 die rechte Fraktion ein Zehntel der Angriffsenergie gezeigt hätte, die wir gezeigt haben, hätten die Stalinisten im Februar des Jahres 28 eine Wendung nach rechts und nicht nach links gemacht, aus den gleichen objektiven Ursachen. Wer das nicht versteht, den … wie kann ich das höflicher ausdrücken? sollte man einen kompletten Narren nennen.

Was sonst kann man von Marxisten fordern zur „Unterstützung“ linker Schritte des Zentrismus? Ich kenne nichts anderes. Was Radek, Preobraschenski und die Kapitulentenbrüder im Allgemeinen betrifft, so stellen sie sich ihre Sache wie folgt vor: Der eine nimmt Jaroslawski von rechts unter dem Arm, der andere von links, und beide geben sie ihm "Unterstützung" und flüstern, wohin er den Fuß setzen soll. Mal sehen, mal sehen, wie das in der Praxis aussehen wird.

Sie fragen, welche Art von Artikel Genosse Urbahns über den Konflikt mit China veröffentlichte, der Ihnen solchen Schaden zufügt? Der Artikel ist unbrauchbar: eine Verbindung von Ultralinkstum und Sozialdemokratie. Es wurde als Diskussionsbeitrag gedruckt. Danach wurde ein völlig richtiger Artikel des Genossen Landau gedruckt, aber auch in der Eigenschaft eines Diskussionsbeitrags. Die Sichtweise der Redaktion selbst bleibt unbekannt. Wenn Sie den „Volkswillen“ erhalten, dann ist es für Sie kein Geheimnis, dass solche Fehler der Redaktion kein Zufall sind. Genosse Urbahns hat nicht nur einmal erklärt, dass er mit der russischen Opposition nicht zu hundert Prozent einverstanden sei. Das fordert auch niemand1. Aber in einer Reihe von Fragen, zu denen sehr wichtige gehören, stimmt er uns zu weniger als fünfzig Prozent zu. Und das ist etwas zu wenig2. Seine eigene Sichtweise formulierte Genosse Urbahns zu keiner der strittigen3 Fragen irgendwo klar und deutlich. Man darf sich nicht mit dem Gedanken trösten, dass wir in Gestalt des Leninbundes eine ideenmäßig geformte4 Organisation hätten, die sich auf der gleichen prinzipienfesten Position befände wie auch wir. Dem sind wir noch nicht nahe. Bevor stehen nicht wenige ernsthafte Schlachten, auch innerhalb der Opposition. Dekorative Politik brauchen wir nicht. Wir brauchen revolutionäre Klarheit. Wir werden nach ihr trachten und streben.

Leider ist Urbahns nicht allein mit seinem Fehler. Genosse Paz schrieb einen völlig unzulässigen Artikel über dieselbe Frage und zeigte, dass die allgemeinen Formeln des Marxismus zu wiederholen und sie in der Praxis anzuwenden, nicht ein und dasselbe ist.

Eine völlig richtige Position nahm in Frankreich die Gruppe „La Vérité" ein, die eine Wochenzeitung herausgibt, um die jetzt die Gruppierung der kommunistischen Linken in Frankreich stattfindet. Ich denke, diesem Organ steht das Spielen einer großen Rolle in Frankreich bevor. Dank ihm hat bereits eine ernsthafte Umgruppierung der Kräfte begonnen; Elemente revolutionären Handelns werden sich unter diesem Banner gruppieren; Skeptiker und auch Philister, die sich mit dem Banner der Opposition zudecken, werden zwangsläufig in dem Lager landen, in das sie von Rechts wegen angehören.

Was die „dritte Periode" betrifft, die vom VI. Kongress verkündete wurde, so haben Sie völlig Recht: dazu muss man mehr schreiben. Jetzt ist die Formel der dritten Periode buchstäblich zu einer Schlinge um den Hals der Komintern geworden5. Praktische Aufgaben leiten sich nicht aus dem tatsächlichen Stand der Dinge ab, sondern aus der Abstraktion der dritten Periode. Um dem Bürokratismus im Bereich der Taktik möglichst vollständigen Ausdruck zu verleihen, stimmen sie die Aufgaben der Bewegung zeitlich nicht mit Ereignissen, sondern mit Kalenderdaten ab. Auf den 1. Mai folgte der 1. August. L'Humanité verkündet nun einen antiimperialistischen September, mit Blick darauf, dass in diesen Monat das Jubiläumsdatum des Komsomol6 fällt. Dann wird der antiimperialistische Kampf mit dem Jahrestag der Oktoberrevolution zeitlich abgestimmt und so weiter. Dieser Perspektive sind Artikel und Manifeste gewidmet. Das Begehen dieser Kalenderdaten soll einen „immer revolutionäreren Charakter" erhalten, der seinerseits nicht aus der tatsächlichen Entwicklung des Klassenkampfes, sondern aus der metaphysischen Formel der dritten Periode entströmt. Kann man sich eine größere Karikatur auf den Leninismus vorstellen?

An dieser Stelle schaltet sich in die Kette Sinowjew ein. Er schrieb vor kurzem in der Prawda einen Artikel über den sowjetisch-chinesischen Konflikt. Der Artikel prangerte zu Recht die internationale Sozialdemokratie an, die unter der Losung der nationalen Selbstbestimmung die Verteidigung Tschiang Kaischeks auf sich nimmt. Aber der Artikel geht weiter. Für Sinowjew ist China natürlich auch in die „dritte Periode" eingetreten. Und die Herrschaft Tschiang Kaischeks? Sinowjew bringt das nicht in Verlegenheit. Tschiang Kaischeks, das ist – Koltschak, und „Koltschak errang auch vorübergehend Siege“. Aber Koltschak bedeutete einen provinziellen konterrevolutionären Aufstand gegen die siegreiche Diktatur des Proletariats? So scheint es doch? In China gibt es jedoch keine proletarische Diktatur und es gab keine. Dem chinesischen Proletariat wurde untersagt, auch nur daran zu denken. Tschiang Kaischek beherrscht die wichtigsten Zentren des Landes. Was hat das mit Koltschak zu tun? Es schadet nicht, daran zu erinnern, dass Sinowjew im Jahre 1924 schrieb, dass der deutsche General Seeckt auch Koltschak sei. Warum? Wozu? Zur Ermutigung. Der echte Koltschak wurde von der Revolution weggefegt, die aufwärts ging. Sinowjew glaubte, dass sich dies im Jahre 1924 auch in Deutschland ereignen würde. Zum Ruhme der Dritten Periode würde es sich geziemen, auch Mussolini zum Koltschak zu ernennen. Für das italienische Proletariat ließe es sich sofort leichter atmen. Wahrlich, die Köpfe dieser Menschen sehen aus wie eine Schiefertafel, auf der viele in verschiedenen Handschriften geschrieben haben, längs und quer, krumm und schief7. Diese Schriftzeichen auseinander zu klamüsern8, ist eine undurchführbare Arbeit.

Aber was davon die Rede sein muss, liegt noch vor uns.

Mit kommunistischem Gruß

L. Trotzki.

Konstantinopel, 24. August 1929

1 In der englischen Übersetzung: „Nichts ist von ihm zu erwarten“

2 In der englischen Übersetzung: „nichts“

3 In der englischen Übersetzung: „debattierbaren“

4 In der englischen Übersetzung: „offizielle“

5 In der englischen Übersetzung: „hat buchstäblich begonnen, die Komintern zu erwürgen“

6 In der englischen Übersetzung: „der Kommunistischen Jugendliga“

7 In der englischen Übersetzung: „auf und ab, auf der ganzen Fläche“

8 In der englischen Übersetzung: „zu entziffern“

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