Leo
Trotzki: Antwort an zwei Versöhnler, Anhänger des Genossen (10. Januar 1929) [Eigene Übersetzung nach dem russischen Text – bis auf den Mittelteil, dort nach der englischen Übersetzung – verglichen mit der (englischen und) französischen Übersetzung, dort unter dem Titel „Les arguments des conciliateurs“, Die Argumente der Versöhnler. Über die Empfänger Abuturow and Bojartschikow ist nichts weiter bekannt. Im russischen Text fehlten Fragezeichen.] Werte Genossen. Jetzt bin ich von einer fast vollständigen Postblockade umgeben. Ihren Brief – im Gegensatz zu anderen Briefen – stellte mir die Post zu, und zwar in sehr kurzer Zeit: fünfzehn Tage. Im Wesentlichen ist Ihr Brief eine zeitweise Plattform für ein neues Grüppchen, das sich von der Opposition löst. Es mag sehr wohl sein, dass Sie sich dessen nicht bewusst sind, aber diejenigen, die Ihnen diese „Plattform" angedreht haben, wissen anscheinend genau, wohin sie gehen. Ich antworte Ihnen kurz, denn die Überlegungen, die Sie bringen, sind alt, vor langer Zeit durch die ganze Erfahrung des Ideenkampfes1 widerlegt. 1. Sie schreiben über [„]nahe bevorstehende Kämpfe um die Revolution im Westen“. Das ist möglich, wenn auch unbewiesen. Aber was ist mit den im Kern falschen Beschlüssen und Berichten des VI. Kongresses? Mit dem eklektischen Programm – der Mischung aus Marxismus und Sozial-Nationalismus? Vielleicht sagt man Ihnen zu, sie in naher Zukunft zu ändern. Oder zum Mindesten, Ihnen die Seiten der Presse für die Diskussion über diese Themen öffnen? Indessen hängt von diesen Fragen das Schicksal der Komintern ab. 2. Die Partei Lenins – schreiben Sie – ging vom Rückzug zur Verteidigung, teilweise zur Offensive gegen die opportunistische Gefahr über. Das wird etwas zu feierlich und übertrieben gesagt, aber eine Verschiebung gibt es. Es geschah, nicht im kleinsten Maße, weil wir nicht den Versöhnlern, Sinowjewisten, Halbsinowjewisten und Viertelsinowjewisten nachgaben. Die Zentristen bewegen sich unter unserer Peitsche. Fazit: Die Peitsche nicht entfernen. Nein, sie ermutigen … mit drei Peitschen. 3. Sie schreiben, dass die Plattform die Wasserscheide zwischen der Rechten (Rykowisten) und den Zentristen (Stalinisten) korrekt identifiziert hat. „Die Rechten arbeiten für die Konterrevolution“ – schreiben Sie – „die Stalinisten arbeiten heute (!) für die Revolution. Es ist nicht erlaubt, das nicht zu verstehen." Streng gesprochen. „Heute", naja, und morgen. Oder berührt Sie das nicht? Und noch etwas: Wenn die Rykowisten für die Konterrevolution und die Stalinisten für die Revolution arbeiten, … arbeiten sie an den entscheidenden Orten (Politbüro, Rat der Volkskommissare) zusammen, und schwören der Partei, dass sie keine Unterschiede haben. Und zusammen zerstören sie uns. 4. Sie umgehen nicht nur feige die verstärkte Zerschlagung der Bolschewiki-Leninisten, sondern beginnen auch selbst, den Stalinisten in Hinsicht auf diese „Arbeit für die Revolution" zu helfen. Sie selbst beginnen, Handlungen wie „das Ankleben von Flugblättern, Streik, geheime Abstimmung in Gewerkschaften und Sowjets" zu denunzieren. Offensichtlich sind Sie gegen die Forderung nach geheimer Abstimmung2 im Allgemeinen. Was schlagen Sie vor, anstatt „anzukleben"? Verteilung von Hand? Postversand? Oder wurden Ihnen vielleicht die Seiten der Prawda geöffnet? Sie loben die Plattform. Vielleicht wurde sie legalisiert? Sie sollten offen sagen, was Sie denken – dass unsere Ansichten richtig sind, aber wir aufhören sollten, für sie zu kämpfen. So haben die Sinowjewisten angefangen. Und schauen Sie, wie sie endeten. 5. Oder sind unsere Ziele vielleicht schon erreicht? Vielleicht ist zumindest der heutige Zickzack nach links garantiert? Durch was? Durch Stalins „prinzipielle" Position? Oder durch die individuelle Zusammensetzung der Führung, die er dominiert? Wer das meint, sollte offen zu den Stalinisten übergehen. 6. Und genau dort sind Sie angekommen. Sie schreiben: „Bereits (?) führt der linke Flügel, bestehend aus den ehemaligen (?) Zentristen, einen Kampf gegen die Rechten." Wenn sich tatsächlich ein linker Flügel, bestehend aus den früheren (!!) Zentristen gebildet hat, dürfen sie keine gravierenden Unterschiede zu uns haben. Warum versuchen sie dann, uns zu zerstören? Ohne prinzipielle Basis. Ist es nur eine persönliche Rivalität? Das würde aber politisches Gangstertum bedeuten. Wollen Sie das über Stalins Fraktion sagen? Dann haben Sie eine schlechtere Meinung von ihr als die Opposition, mit der Sie brechen. Sie streifen ohne Reim oder Grund um die Frage herum, ob die Hauptgefahr von den Rechten oder den Stalinisten ausgeht. Die Hauptgefahr ist die Weltbourgeoisie. Danach die einheimische Bourgeoisie. Der rechte Flügel ist der Haken in unserem Fleisch, an dem die Bourgeoisie zerrt. Wir haben die Partei seit einigen Jahren auf diesen Haken aufmerksam gemacht. Die Stalinisten riefen „Verleumdung!" Später machten sie das so leichte Eingeständnis, dass ja eine richtige Gefahr besteht. Rykow? Kalinin? Bucharin? Woroschilow? Nein, das ist Verleumdung. Wer dann? Frumkin! In der Tat ein grausames, bedrohliches, hundertköpfiges Monster. Dies ist kein Kampf gegen die Rechte; es ist Possenreißerei und Betrug an der Partei. Es ist die Verschleierung der wahren rechten Führer vor der Partei. Wer macht das Verschleiern? Die Zentristen. Innerhalb der Partei besteht daher die Hauptgefahr im Zentrismus. Er deckt den rechten Flügel und versucht, den linken zu zerstören. Frumkin, Moisei Iljitsch (1878-1938) – war ein russischer Revolutionär und sowjetischer Staatsmann. 1894 wurde er in der Arbeiterbewegung aktiv und 1898 Sozialdemokrat. Er machte Parteiarbeit in Petersburg und Baku und wurde 1909 Vorsitzender der Moskauer Gewerkschaften. 1911 wurde er nach Sibirien verbannt. Nach der Februarrevolution war er in Sibirien tätig und wurde 1918 stellvertretender Volkskommissar für Lebensmittel und im Vorstand des Zentralverbandes der Genossenschaften, 1922-1929 und 1932-1935 stellvertrender Volkskommissar für Außenhandel der Sowjetunion. 1928-1930 gehörte er zur rechten Opposition. 1935-1937 hatte er untergeordnetere Wirtschaftsfunktionen, dann wurde er verhaftet und 1938 hingerichtet 38. Ein Arbeiter und Parteimitglied, der sich nun von einer Mitte-Rechts-Position zu einer Mitte-Links-Position bewegt, nähert sich der bolschewistischen Linie. Sie bewegen sich von der Opposition zu einer linkszentrischen Sichtweise, entfernen sich vom Bolschewismus. Wir werden uns mit dem zentristischen Arbeiter treffen, der sich nach links bewegt hat. Und mit Ihnen, fürchte ich, nicht. 9. Wenn wir die Zentristen angreifen – sagen Sie – helfen wir „den Rechten". – Diese Worte zeigen nur, dass Sie selbst vollständig zu den Zentristen abgeglitten sind. Sie wiederholen das Haupt-, wesentliche, einzige und völlig verfaulte Argument der Zentristen gegen die Linke. Das sagten die Liberalen immer den Sozialdemokraten, das sagen die Sozialdemokraten den Kommunisten, das sagen die Zentristen immer den wahren Bolschewiki. Indem wir mit unserer rücksichtslosen Kritik dem Arbeiterkern der Partei helfen, sich von der Halbheit und Falschheit des Zentrismus zu befreien, schaffen wir ein echtes, proletarisches Bollwerk gegen die rechte Gefahr. So hat der Bolschewismus immer gehandelt, sowohl im Großen als auch im Kleinen. 10. Der Sinn des von Ihnen unterzeichneten Plattförmchens ist der eine: „Es wäre gut, zur Partei zurückzukehren und Frieden und Eintracht zu schaffen." Aber durch welche Tür soll man zurückkehren? Es gibt zwei Türen: die sinowjewsche4, kapitulantische und die bolschewistische, durch die Fortsetzung und Ausweitung des Ideenkampfes. Eine dritte Tür gibt es nicht, gab es nicht und wird es auch nie geben. Pjatakow versuchte es, Safarow versuchte es, Sarkis versuchte es. Wer sind sie? Politische Tote. Wer wird ihnen vertrauen? Niemand. Sie vertrauen sich selbst nicht. Pjatakow wurde die Tür geöffnet, aber nicht zur Partei, sondern zur Bank5. Wir, die Opposition, sind viel mehr in der Partei als all diese kapitulantischen Brüder. 11. Sie schlagen vor, sich „entschieden von dezistischen Gefühlen zu distanzieren". Wirklich, Sie haben mich überrascht. Dies geschah in meinen Thesen vom Herbst 1926, und zwar nicht nur von „Stimmungen", sondern auch von Sichtweisen6 und Methoden. Neigungen zur Seite des Dezismus, soweit sie sich gefunden haben, haben wir begradigt und werden wir begradigen. Und mit Ihrer kapitularen Linie haben wir nichts zu tun. 12. Sie haben nicht nur eine neue Plattform zusammengestellt (vorübergehend und nicht7 für lange Zeit, denn dies ist nur eine Brücke zur Kapitulation), sondern auch eine exemplarische Liste von „Führern" erstellt. Außer mir führen Sie Smilga, Preobraschenski, Radek, Ischtschenko an. Strenge Auswahl. Aber soweit ich weiß, hat Genosse Ischtschenko nicht einmal unsere gemeinsame „Erklärung" für den VI. Kongress unterzeichnet. Politisch bedeutet dies, dass er die Opposition verlassen hat. Ischtschenko war bis zum 7. November [1927] extrem links. Dann korrigierte er es sofort. Während des 15. Parteitags glaubte er, dass wir ohne die Sinowjewisten sterben würden. Er schloss alle möglichen Blöcke: mit Pjatakow, mit Sarkis, mit Safarow, auf der Suche nach immer neuen Wegen „zur Partei". Aber alle seine Verbündeten verrieten die Opposition und sich selbst. Nach dem Februar begann Ischtschenko wieder zu klügeln. Nach dem Juli schwieg er. Jetzt eröffnet er sich wieder neue Wege. Prinzipiellen Inhalt in dieser Position gibt es nicht für einen Groschen8: Schwankungen und Verwirrung. Ischtschenko macht alles, um eine besonders Tür für sich in die Partei finden. Er wird sie nicht finden. Entweder durch die sinowjewsche Tür (zum Zentralverband der Konsumgenossenschaften, zur Bank und... zum politischen Tod), oder zusammen mit der Opposition auf dem großen Weg des prinzipiellen, unversöhnlichen bolschewistischen Ideenkampfes. Diese Straße wird nicht täuschen. Das ist es, was ich in wenigen Worten antworten kann. Mit antikapitulantischem Gruß Leo Trotzki P.S. Ja, ich vergaß fast Ihr weitreichendstes Argument. Da die Stalinisten den linken Flügel von der Partei abgehackt haben, müssen sie, nach Ihren Worten, jetzt selbst die Rolle des linken Flügels erfüllen. Das ist wirklich der reinste und heiligste.... Unsinn. Sie verstehen offensichtlich „linken Flügel" und „Zentrum" im parlamentarischen Sinne, d.h. im Sinne der Sitzanordnung, nicht im Klassensinne. Andernfalls hätte sich herausgestellt, dass je mehr die Opportunisten die Bolschewiki zerschlagen, sie sich desto mehr selbst verbolschewisieren. Selbst wenn die Zentristen alle proletarischen Revolutionäre aus der Partei vertreiben (was nicht ausführbar ist) und ihren „linken Flügel" bilden würden, bliebe dieser „linke Flügel" zentristisch. Das ist alles. Sie denken ja, dass der Kampf des Zentrums gegen die Rechten ein Kampf nicht auf Leben, sondern auf Tod ist. Die Zentristen selbst müssten also, indem sie die Rechten verdrängen und zerschlagen, sich selbst in die rechte Flanke verwandeln. Hier ist ein Körnchen Wahrheit. In dem Maße, in dem der Kampf gegen rechts und links geht, wird der Zentrismus rechtszentristische und linkszentrierte Elemente aus seiner Umgebung aussondern, d.h. sich auflösen, politisch differenzieren9. Bürokraten gehen nach rechts, Arbeiter – nach links. Das ist es, was wir brauchen. Je prinzipieller, fester, mutiger unsere Position sein wird, desto schneller und gesünder wird dieser Prozess der Differenzierung verlaufen. Er und nur er befördert den Tod des rechten Flügels. Die Versöhnler und Kapitulanten drohten längst, dass wir völlig „außerhalb der Partei" sein würden. Stalin musste auf dem Novemberplenum zugeben, dass neben 10.000 ausgeschlossenen Bolschewiki-Leninisten doppelt so viele in der Partei verblieben sind, nämlich 20.000. Wenn Stalin diese Zahl angibt, dann muss man sie mit mindestens zwei multiplizieren. Dies ist der linke Flügel im marxistischen, nicht topographischen Sinne. Das Abhacken dieses Flügels ist nicht mehr möglich, da anstelle jedes abgetrennten Kopfes zwei neue wachsen. Und dann wird der Moment kommen, in dem die besten Arbeiter in der Partei, die sich in breiten Massen von der Mitte nach links bewegen, mit den Unsrigen verschmelzen werden, so dass die Wasserscheide weggespült wird. Dies ist der wahre Weg zur Einheit der Partei auf leninistischer Basis. Alles andere ist Sinowjewerei und Safarowerei, d.h. Kleinkram, Eitelkeit, Mäusebalgerei, Mikadospiel. L.T. 1In der englischen und französischen Übersetzung hier und im Folgenden: „ideologischen Kampfes“ 2Hier beginnt im russischen Text eine Lücke 3Hier endet die Lücke im russischen Text 4Fehlt in der französischen Übersetzung 5In der englischen und französischen Übersetzung hier und im Folgenden: „Staatsbank“ 6In der englischen und französischen Übersetzung: „Ideen“ 7„nicht“ ergänzt nach der englischen und französischen Übersetzung, im russischen Text wohl ein Fehler. 8In der englischen Übersetzung: „zwei Cent“, in der französischen Übersetzung: „zwei Sous“, im russischen Original „grosch“ (грош). 9In der englischen Übersetzung: „sich politisch differenzieren und zerfallen“, in der französischen Übersetzung: „sich differenzieren und in Trümmer fallen“ |
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