Leo Trotzki: An die russischen Arbeiter! [Nach Sonntagsblatt der New Yorker Volkszeitung, 28. April 1929, S. 3 und 5] Teure Genossen! Ich schreibe Euch, um Euch noch einmal zu sagen, dass die Stalin, Jaroslawski und Co. Euch betrugen. Man sagt Euch, dass ich mich an die bürgerliche Presse gewendet habe, um den Kampf gegen Sowjetrussland zu führen, für dessen Errichtung und Verewigung ich Hand in Hand mit Lenin gearbeitet habe. Man betrügt Euch. Ich habe mich an die bürgerliche Presse gewandt, um die Interessen der Sowjetrepublik gegen Lügen, Hinterlist und Treubruch von Seiten der Stalin und Co. zu verteidigen. Man will, dass Ihr meine Artikel verurteilt. Habt Ihr sie gelesen? Nein, Ihr habt sie nicht gelesen. Man gibt Euch eine verfälschte Wiedergabe einzelner Bruchstücke. Meine Artikel sind in russischer Sprache in einer Broschüre erschienen, ganz so, wie ich sie geschrieben habe. Fordert, dass Stalin sie abdruckt, ohne Kürzungen und Vermischungen. Er wird es nicht wagen! Mehr als alles fürchtet er die Wahrheit. Hier will ich den grundlegenden Inhalt meiner Artikel darlegen. 1. In der Verfügung der GPU für meine Ausweisung wird gesagt, dass ich „die Vorbereitung eines bewaffneten Kampfes gegen die Sowjetrepublik" leite. In der „Prawda" sind die Worte über den bewaffneten Kampf ausgelassen. Warum? Warum hat Stalin sich nicht entschlossen, in der „Prawda" (Nr. vom 1. Februar 1929) das zu wiederholen, was in der Verfügung der GPU steht. Warum: Weil er gewusst hat, dass ihm niemand glauben wird. Nach der Geschichte mit dem Wrangel-Offizier, nach der Bloßstellung des Agent-Provokateurs, den Stalin zu den Oppositionellen geschickt hat. Um sie zu einer Militärverschwörung zu gewinnen, wird niemand glauben, dass die Bolschewiki-Leninisten, die die Partei von der Richtigkeit ihrer Anschauungen überzeugen wollen, einen bewaffneten Kampf vorbereiten. Das ist der Grund, warum Stalin es nicht wagte, in der „Prawda" das zu drucken, was in der Verfügung der GPU vom 18. Januar steht. Aber warum war es dann notwendig. diese offensichtliche Lüge in die Verfügung der GPU hineinzubringen? Nicht für Sowjetrussland, sondern für Europa, für die ganze Welt. Durch die Tass-Agentur arbeitet Stalin systematisch, tagtäglich in der bürgerlichen Presse der ganzen Welt mit. indem er seine Verleumdungen gegen die Bolschewiki-Leninisten verbreitet. Stalin konnte die Ausweisung und die unzähligen Verhaftungen nicht anders erklären als durch den Hinweis auf die Vorbereitung eines bewaffneten Kampfes durch die Opposition. Durch diese ungeheure Lüge hat er der Sowjetrepublik ungemein geschadet. Die ganze bürgerliche Presse sprach davon, dass Trotzki, Rakowski. Smilga, Radek, J. N. Smirnow. Beloborodow, Muralow. Mratschkowski und viele andere, die die Republik aufgebaut und verteidigt haben, jetzt einen bewaffneten Kampf gegen die Sowjetrepublik vorbereiten. Es ist klar, wie sehr dieser Gedanke die Sowjetrepublik in den Augen der ganzen Welt schwächen muss! Um die Repressalien zu rechtfertigen, muss Stalin ungeheure Legenden erfinden und bringt damit Sowjetrussland unermesslichen Schaden. Das ist der Grund, warum ich es für notwendig hielt, in der bürgerlichen Presse zu schreiben und der Welt zu sagen: Es ist nicht wahr, dass die Opposition einen bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht führen will. Die Opposition hat einen erbarmungslosen Kampf für die Sowjetmacht gegen alle Feinde geführt und wird ihn weiterführen. Diese meine Erklärung ist in Millionen Exemplaren in den Sprachen der ganzen Welt gedruckt worden. Sie dient zur Festigung der Sowjetrepublik. Stalin will seine Lage verstärken, indem er die Sowjetrepublik schwächt. Ich will die Sowjetrepublik stärken, indem ich die Lügen der Stalinleute bloßstelle. 2. Stalin und seine Presse verbreiten schon lange in der Presse der ganzen Welt, dass ich erklärt hätte. Sowjetrussland sei ein bürgerlicher Staat geworden, die proletarische Macht habe aufgehört zu existieren u. a. In Sowjetrussland wissen die Arbeiter, dass dies eine böswillige Verleumdung ist. die sich auf falsche Zitate stützt. Ich stellte diese Fälschung in mehreren Briefen, die von Hand zu Hand gingen, fest. Aber die bürgerliche Presse glaubt diese Lüge oder macht so, als ob sie glauben würde. Alle verfälschten Stalinzitate wandeln durch die Spalten der Zeitungen der ganzen Welt, als Beweis dessen, dass Trotzki den unvermeidlichen Sturz der Sowjetmacht erkannt habe. Dank dem großen Interesse der ganzen Welt, vor allem der breiten Volksschichten, an dem, was in der USSR vor sich geht, waren die bürgerlichen Zeitungen, geleitet durch materielle Interessen, durch die Sorge um Vermehrung des Absatzes durch den Druck der Leser gezwungen, meine Artikel zu drucken. In diesen Artikeln sagte ich der ganzen Welt, dass die Sowjetmacht in den Massen tief verwurzelt ist, dass sie sehr stark sei und ihre Feinde überleben werde, trotz der unrichtigen Politik des Stalinregimes. Es darf nicht vergessen werden, dass die erdrückende Mehrheit der Arbeiter in Europa und besonders in Amerika noch immer nur die bürgerliche Presse liest. Ich machte zur Bedingung, dass meine Artikel ohne jede Änderung erscheinen. Es ist wahr, dass einige Zeitungen in einigen Ländern dieser Bedingung nicht Rechnung getragen haben, aber die Mehrzahl der Zeitungen hat sie erfüllt. Jedenfalls waren alle Zeitungen gezwungen, zu veröffentlichen, dass trotz der Lügen und Verleumdungen der Stalinleute Trotzki von der tiefen, inneren Kraft des Sowjetregimes überzeugt ist und fest daran glaubt, dass es den Arbeitern gelingen werde, mit friedlichen Mitteln die jetzige falsche Politik zu ändern. Im Frühling 1917 hat Lenin, der in der Schweiz wie in einem Käfig eingeschlossen war, den plombierten Waggon der Hohenzollern „benutzt"', um zu den russischen Arbeitern zu gelangen. Die chauvinistische Presse hetzte auf Iljitsch, indem sie ihn nicht anders nannte als „deutschen Söldling" und „Herrn Lenin". Eingeschlossen durch die Thermidorianer in den Käfig von Konstantinopel, benutzte ich den plombierten Wagen der bürgerlichen Presse, um der ganzen Welt die Wahrheit zu sagen. Die Hetze der Stalinleute gegen „Mister Trotzki" ist in ihrer Hemmungslosigkeit dumm und stellt nur eine Wiederholung der bürgerlichen Presse und der Presse der „Sozialrevolutionäre" gegen „Herrn Lenin" dar. Wie Lenin habe auch ich nur ruhige Verachtung für die öffentliche Meinung der Kleinbürger und Beamten, deren Seele Stalin repräsentiert. 3. Ich habe in meinen Artikeln, die von Jaroslawski verfälscht wurden, erzählt, warum und unter welchen Bedingungen ich aus der UdSSR ausgewiesen wurde. Die Stalinisten verbreiten in der europäischen Presse das Gerücht, man hätte mich auf mein Ansuchen ins Anstand fahren lassen. Ich stellte auch diese Lüge bloß. Ich erzählte, dass man mich gewaltsam ins Ausland gebracht hat. im Wege eines vorherigen Übereinkommens zwischen Stalin und der türkischen Polizei. Darin handelte ich nicht nur in meinem persönlichen Interesse, um mich vor Verleumdung zu schützen, sondern vor allem im Interesse der Sowjetrepublik. Wenn die Oppositionellen in der Tat bestrebt wären, die Grenzen der Sowjetunion zu verlassen, so würde die ganze Welt meinen, wir hielten die Lage der Sowjetregierung für hoffnungslos. Daran kann man aber nicht einmal im entferntesten denken. Die Stalinpolitik versetzte nicht nur der chinesischen Revolution, der englischen Arbeiterbewegung und der ganzen Komintern schreckliche Schläge, sondern auch der inneren Festigkeit des Sowjetregimes. Das ist zweifellos. Aber die Lage ist absolut nicht hoffnungslos. Die Opposition denkt nicht daran, Sowjetrussland zu verlassen. Ich weigerte mich kategorisch, ins Ausland zu fahren, indem ich vorschlug, mich im Gefängnis einzusperren. Die Stalinleute wagten nicht, zu diesem Mittel zu greifen; sie fürchteten, dass die Arbeiter energisch meine Befreiung fordern würden. Sie zogen es vor, mit der türkischen Polizei ein Übereinkommen zu treffen, und siedelten mich gewaltsam in Konstantinopel an. Das brachte ich zur Kenntnis der ganzen Welt. Jeder denkende Arbeiter wird sagen, wenn Stalin im Wege von Tass die bürgerliche Presse tagtäglich mit Verleumdungen gegen die Opposition versorgt, ich meinerseits verpflichtet bin, diese Verleumdung öffentlich zu entkräften. 4. In Millionen von Exemplaren habe ich der ganzen Welt mitgeteilt, dass mich weder die russischen Arbeiter noch die russischen Bauern oder die Rotgardisten ausgewiesen haben. Nicht die haben mich ausgewiesen, mit denen wir gemeinsam die Macht erobert und Schulter an Schulter an allen Fronten des Bürgerkriegs gekämpft haben. Ich wurde von den Apparatmenschen ausgewiesen, die die Macht in ihre Hände gerafft haben. Diese Apparatmenschen haben sich zu einer bürokratischen Kaste, die durch gegenseitige Bürgschaft gebunden ist, entwickelt. Um die Oktoberrevolution, die Sowjetrepublik und die revolutionäre Ehre der Bolschewiki-Leninisten in Schutz zu nehmen, sagte ich vor der ganzen Welt die Wahrheit über Stalin und seine Leute. Ich habe noch einmal daran erinnert, dass Lenin in seinem reiflich überlegten „Testament" Stalin unloyal hat. Dieses Wort ist in allen Sprachen der Welt verständlich. Mit diesem Wort als gewissenloser oder unehrlicher Mensch bezeichnet, der in seinen Handlungen von schlechten Impulsen geleitet wird, ein Mensch, dem man nicht trauen kann. So hat Lenin Stalin charakterisiert, und wieder sehen wir, wie richtig Lenins Warnung war. Für einen Revolutionär gibt es kein größeres Verbrechen als den Betrug an seiner Partei, als das Vergiften des Bewusstseins der Arbeiterklasse durch fortgesetzte Lügen. Ehen darin besteht jetzt die Hauptbeschäftigung Stalins. Er belügt die Komintern und die Arbeiter der ganzen Welt, indem er der Opposition konterrevolutionäre Absichten und Handlungen gegen Sowjet-Russland unterschiebt. Gerade wegen dieser inneren Neigung Stalins zu einer solchen Handlungsweise nannte Lenin ihn illoyal, gerade deswegen schlug er der Partei vor, Stalin seines Amtes an entheben. Umso mehr ist es jetzt, nach alledem, was vorgefallen ist. notwendig, der ganzen Welt klar zumachen worin sich die Illoyalität, d. h. die Gewissenslosigkeit und die Unehrlichkeit Stalins gegenüber der Opposition geäußert hat. 5. Die Verleumder (Jaroslawski u. a. Agenten Stalins) machen Lärm wegen der Dollars. Unter anderen Verhältnissen hätte es sich kaum gelohnt, sich mit diesen Schmutzereien zu beschäftigen. Aber ein Teil der bürgerlichen Presse, der aller böswilligste, wühlt mit besonderem Vergnügen im Schmutz von Jaroslawski. Meine Artikel^übergab ich einer amerikanischen Zeitungsagentur in Paris. Solchen Agenten haben Lenin ebenso wie ich mehre Mal Interviews gegeben und unsere Ansichten über diese oder jene Frage schriftlich dargelegt. Wegen meiner Ausweisung und der geheimnisvollen Gerüchte, die sie umgaben, war das Interesse in dieser Angelegenheit kolossal. Die Agentur rechnete auf einen guten Verdienst. Sie schlug mir die Hälfte des Gewinnes vor. Ich antwortete, dass ich persönlich keinen Groschen dafür nehmen werde, dass aber die Agentur sich verpflichten müsse, die Hälfte der Einnahmen von meinen Artikeln nach meiner Anweisung zu übergeben, und dass für dieses Geld eine ganze Reihe von Werken Lenins (seine Reden. Artikel. Briefe), die durch die Stalinzensur in der Sowjetrepublik verboten sind, in russischer Sprache und in fremden Sprachen herausgegeben werde. In gleicher Weise werde ich für dieses Geld eine ganze Reihe wichtigster Parteidokumente (die Protokolle der Konferenzen, der Parteitage, Briefe, Artikel u. a.), die nur deswegen vor der Partei geheimgehalten werden, weil sie die ganze theoretische und politische Haltlosigkeit Stalins deutlich zeigen, herausgeben. Das ist die „konterrevolutionäre" Literatur (nach Stalins und Jaroslawski Aussprüchen), die ich herauszugeben beabsichtige. Ein genauer Ausweis über die für diesen Zweck ausgegebenen Gelder wird zur richtigen Zeit veröffentlicht. Jeder Arbeiter wird sagen, dass es unvergleichlich besser ist. für das Geld – dem der Bourgeoisie zufällig entnommenen Tribut – Lenins Werke zu veröffentlichen, als für das Geld, das von den Arbeitern und Bauern gesammelt ist, Verleumdungen über die Bolschewiki-Leninisten zu verbreiten. Vergesst nicht, Genossen: Lenins „Testament" bleibt nach wie vor in der USSR. ein konterrevolutionäres Dokument, für dessen Verbreitung man verhaftet und ausgewiesen wird. All dies ist kein Zufall: Stalin führt den Kampf gegen den Leninismus in internationalem Maßstabe. Es gibt fast kein Land, in dem an der Spitze der Kommunistischen Partei heute diejenigen Revolutionäre stehen, die diese Partei zu Lenins Lebzeiten leiteten. Fast alle diese Revolutionäre sind aus der Komintern ausgeschlossen. Lenin leitete die ersten vier Kongresse der Komintern. Zusammen mit Lenin arbeitete ich die grundlegenden Dokumente der Komintern aus. Am vierten Kongress 1922 teilte sich Lenin mit mir zu gleichen Hälften in dem grundlegenden Bericht über die neue ökonomische Politik und die Perspektiven der internationalen Revolution. Nach Lenins Tod wurden fast alle Teilnehmer der ersten vier Kongresse, jedenfalls alle einflussreichen Teilnehmer, ohne Ausnahme aus der Komintern ausgeschlossen, überall stehen an der Spitze der Komm. Parteien neue, zufällige Menschen, die noch vor kurzem im Lager der Gegner und Feinde standen. Um eine antileninistische Politik zu führen, war es notwendig, die leninistische Leitung zu stürzen. Stalin tat es, indem er sich auf die Bürokratie, auf die neuen kleinbürgerlichen Kreise, auf den Staatsapparat, auf die GPU und auf die materiellen Mittel des Staates stutzte. Dies geschah nicht nur in der UdSSR, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien. USA und Skandinavien, mit einem Wort fast in allen Ländern. Nur ein Blinder kann den Sinn der Tatsache missverstehen, dass Lenins nächste Mitarbeiter und Mitkämpfer in der RKP und in der ganzen Komintern, fast alle Leiter der Kommunistischen Parteien in den ersten schweren Jahren, fast alle Teilnehmer und Leiter der ersten vier Kongresse ihrer Posten enthoben, verleumdet und ausgeschlossen sind. Diesen wilden Kampf gegen die leninistische Führung braucht Stalin und seine Anhänger, um die antileninistische Politik durchzuführen. Als man an das Niederwerfen der Bolschewiki-Leninisten ging, suchte man die Partei damit zu beruhigen, dass man sagte, jetzt werde die Partei einheitlich sein. Ihr wirst, dass die Partei mehr als je zuvor zerklüftet ist. Und es bleibt nicht dabei stehen. Auf dem Wege der Stalinschen Politik gibt es keine Rettung. Man kann entweder die Politik von Ustrjalow, die folgerichtig thermidorianische Politik, verfolgen oder die leninistische. Die zentristische Politik von Stalin führt unausbleiblich zur Häufung der größten wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten und zum ständigen Zerfall der Partei. Es ist noch nicht zu spät, den Kurs zu ändern. Es ist notwendig, scharf die Politik und das Parteiregime im Geiste der Plattform der Opposition zu ändern. Es muss Schluss gemacht werden mit der schamlosen Verfolgung der besten revolutionären Leninisten in der RKP und in der ganzen Welt. Die leninistische Führung muss wieder eingeführt werden. Die illoyalen, das heißt, die gewissenlosen und unehrlichen Methoden des Stalinapparates müssen verurteilt und abgeschafft werden. Die Opposition ist bereit, dem proletarischen Kern der Partei mit allen Mitteln zu helfen, diese Lebensaufgabe zu erfüllen. Die wilde Hetze, die unehrliche Verleumdung und die Repressalien können unsere Haltung zur Oktoberrevolution und zu der internationalen Leninpartei nicht trüben. Wir bleiben beiden treu bis ans Ende – in den Gefängnissen von Stalin, in der Verschickung und in der Verbannung. Mit bolschewistischem Gruß L. Trotzki. Konstantinopel, den 27. März 1929. |
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