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Leo Trotzki 19290500 An die amerikanischen Bolschewiki-Leninisten (Opposition)

Leo Trotzki: An die amerikanischen Bolschewiki-Leninisten

(Opposition)

An die Redaktion der Zeitung „Militant“

[Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen Übersetzung]

Werte Freunde,

Ich verfolge ihre Zeitschrift mit großem Interesse und freue mich sehr über ihren Kampfgeist. Die Geschichte der Entstehung der amerikanischen Opposition selbst ist für sich genommen sehr charakteristisch und lehrreich. Es erforderte nach fünf Jahren des Kampfes gegen die Opposition die Reise von Mitgliedern des Zentralkomitees der Amerikanischen Partei und sogar ihres Politbüros zum Kongress nach Moskau, um zum ersten Mal zu erkennen, was der sogenannte „Trotzkismus“ ist. Allein diese Tatsache enthält in sich eine vernichtende Anklage gegen das Polizei- und vergiftete Fälschungsregime der Partei. Lovestone und Pepper schaffen dieses Regime nicht, aber sie sind seine hauptberuflichen Beamten. Ich habe Lovestone einer hässlichen Ideenfälschung überführt (siehe mein Buch „Europa und Amerika"). In jedem normalen Regime würde dies allein ausreichen, um einen Menschen für eine lange Zeit, wenn nicht gar für immer, zu begraben oder ihn zumindest zwingen, seine Schuld zu bekennen. Aber unter dem derzeitigen Regime muss Lovestone, um seine Position zu stärken, seine Fälschung nur beharrlich wiederholen, obwohl sie offengelegt wurde. Sie tun dies mit völliger Schamlosigkeit und imitieren ihre derzeitigen Lehrer oder, besser gesagt, ihre Verwaltungsvorgesetzten. Der Geist Lovestones und Peppers steht völlig dem Geist der proletarischen Revolution entgegen. Die Disziplin, nach der wir streben – und wir streben nach eiserner Disziplin –, kann nur auf bewusst gewonnener Überzeugung beruhen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Ich hatte noch nie die Gelegenheit, mit anderen Führungselementen der amerikanischen Kommunistischen Partei zusammenzutreffen, außer, meinetwegen1, mit Foster. Dieser letztere schien mir immer aus hochwertigerem Material gemacht zu sein2 als die Lovestones und Peppers. An der Kritik Fosters an der offiziellen Parteiführung gab es immer viel Wahres und Treffsicheres. Aber soweit ich verstehe, ist Foster ein Empiriker. Er will oder kann seine Gedanken nicht zu Ende führen und auf der Grundlage seiner Kritik die notwendigen Verallgemeinerungen machen. Deshalb ist mir nicht immer klar, auf welche Seite Foster seine Kritik stößt: nach links oder nach rechts von der Linie des offiziellen Zentralismus. Schließlich gibt es außer der marxistischen Opposition auch eine opportunistische (Brandler, Thalheimer, Souvarine etc.). Die gleiche Empirie gibt Foster anscheinend seine gesamte Handlungsweise vor, die darin besteht, gestützt auf Satan gegen den kleinen Teufel zu kämpfen. Foster versucht, sich mit der Schutzfärbung des Stalinismus zu bedecken, um sich auf diesem halben Schmuggelweg der Führung der Amerikanischen Kommunistischen Partei zu nähern. In revolutionärer Politik führte Versteckspiel nie zu ernsthaften Resultaten. Ohne gemeinsame prinzipielle Einstellungen zu den Hauptfragen der Weltrevolution und vor allem in der Frage des Sozialismus in einem Lande ist es unmöglich, tragfähige und ernsthafte revolutionäre Siege zu erzielen. Man kann nur bürokratische Erfolge haben wie Stalin3. Aber diese vorübergehenden Erfolge werden durch die Niederlagen des Proletariats und den Zerfall der Komintern bezahlt. Ich denke, dass Foster nicht einmal die von ihm angestrebten Nebenziele erreichen wird, denn für die Durchführung der Politik des bürokratischen Zentrismus werden Lovestone und Pepper besser angepasst sein, weil sie nichts in der Seele haben und bereit sind, jeden Zickzack in 24 Stunden gemäß den administrativen Erfordernissen des Stalinschen4 Stabs zu machen.

Die Arbeit, die die amerikanische Opposition vollbringen muss, ist von weltgeschichtlicher5 Bedeutung, denn in letzter historischer Bilanz werden alle Fragen unseres Planeten auf dem Boden Amerikas gelöst. Man kann viel darüber sagen, dass Europa und der Osten in Bezug auf die revolutionäre Reihenfolge vor den Vereinigten Staaten stehen. Aber nicht ausgeschlossen ist auch ein solcher Gang der Ereignisse, bei dem es sich erweisen kann, dass die Reihenfolge der Ereignisse zugunsten des Proletariats der Vereinigten Staaten durchbrochen wird. Jedoch selbst wenn man davon ausgeht, dass Amerika, das jetzt die ganze Welt erschüttert, selbst als letztes in der Reihe erschüttert wird, bleibt dennoch mit ganzer Kraft die Gefahr bestehen, dass die revolutionäre Lage in den Vereinigten Staaten die Vorhut des amerikanischen Proletariat überraschend erwischt, wie es in Deutschland im Jahre 1923, in England im Jahre 1926, in China in den Jahren 1925-27 war. Man sollte nicht eine Minute aus dem Blick verlieren, dass die Macht des amerikanischen Kapitalismus zunehmend auf dem Fundament der Weltwirtschaft mit ihren Widersprüchen, Krisen, Kriegen und Revolutionen6 beruht. Das bedeutet, dass eine soziale Krise in den Vereinigten Staaten viel früher kommen kann, als viele denken, und zu einer fieberhaften Entwicklung führen kann. Daher die Schlussfolgerung: Man muss sich vorbereiten.

Soweit ich sagen kann, hat die offizielle Kommunistische Partei nicht wenige Merkmale von der alten Sozialistischen Partei geerbt. Das ist mir klar geworden, seit es Pepper gelungen ist, die Kommunistische Partei Amerikas in das skandalöses Abenteuer mit der La-Follette-Partei hineinzuziehen. Die minderwertige Politik des parlamentarischen Opportunismus wurde durch „revolutionäres" Geschwätz überdeckt, dass die soziale Revolution in den Vereinigten Staaten nicht das Proletariat, sondern das ruinierte Farmertum machen werde. Als Pepper mir diese Theorie erklärte, als er aus den Vereinigten Staaten zurückkehrte, dachte ich, ich hätte es mit einem seltsamen Fall von individueller geistiger Umnachtung zu tun. Nur mit Mühe wurde mir klar, dass dies ein ganzes System war, und die amerikanische Kommunistische Partei in dieses System eingebunden war. Dann wurde mir klar, dass sich diese kleine Partei ohne tiefe innere Krisen, die sie vor Pepperismus und anderen schweren Krankheiten schützen, nicht entwickeln könne. Ich kann sie nicht Kinderkrankheiten nennen. Im Gegenteil, es sind Alterskrankheiten, Krankheiten bürokratischer Verwüstung und revolutionärer Impotenz.

Deshalb vermute ich, dass die Kommunistische Partei in vielerlei Hinsicht die Sitten der Sozialistischen Partei übernommen hat, die mich trotz ihrer Jugend mit den Merkmalen der Altersschwäche überraschte. Für die Mehrheit dieser Sozialisten – ich habe die führende Schicht im Blick – ist ihr Sozialismus eine Neben- und zweitrangige Beschäftigung, für die sie ihre Freizeit verwenden. Solche Herren widmen sich sechs Tage in der Woche ihrem freiberuflichen oder kaufmännischen Beruf, um nicht ohne Erfolg ihr Vermögen abzurunden, und am siebten Tag haben sie nichts dagegen, sich um die Seelenrettung zu kümmern. In meinem Memoirenbuch habe ich versucht, den Typ dieses sozialistischen Babbitts zu skizzieren. Anscheinend haben sich viele dieser Herren erfolgreich in Kommunisten umgefärbt. Das sind keine Ideengegner, sondern Klassenfeinde. Die Opposition nimmt Kurs nicht auf den kleinbürgerlichen Babbitt, sondern auf den proletarischen Jimmy Higgins, für den die Idee des Kommunismus, wenn er von ihr durchdrungen ist, zum Inhalt seines ganzen Lebens und Handelns wird. Es gibt nichts Ekelhafteres und Gefährlicheres bei revolutionärer Tätigkeit als kleinbürgerlichen Dilettantismus, konservativ, egoistisch, selbstsüchtig und unfähig, Opfer für eine große Idee zu bringen. Es ist notwendig, dass die fortgeschrittenen Arbeiter sich eine einfache, aber unfehlbare Wahrheit aneignen: jene Führer oder Kandidaten für Führer, die in friedlichen, alltäglichen Zeiten nicht in der Lage sind, ihre Zeit, ihre eigene Kraft, ihre Mittel für die Sache des Kommunismus zu opfern, werden sich in Zeiten der Revolution meist in direkte Verräter verwandeln oder sich in einem Lager befinden, das abwartet, auf welcher Seite der Sieg ist. Wenn solche Elemente an der Spitze der Partei stehen, werden sie sie sicher ruinieren, wenn eine große Prüfung kommt. Überhaupt nicht besser sind jedoch die ideenlosen Beamten7, die einfach im Dienste der Komintern stehen, wie sie einem Notar dienen würden, und sich unterwürfig nach dem nächsten Hausherrn richten.

Natürlich mag es bei der Opposition, d.h. die Bolschewiki-Leninisten, auch ihre eigenen Weggefährten geben, die sich nicht der Revolution zur Gänze hingeben, aber der Sache des Kommunismus diese oder jene Hilfe leisten. Es wäre sicherlich falsch, sie nicht zu nutzen. Sie mögen der Sache großen Nutzen bringen. Aber Weggefährten, selbst die ehrlichsten und ernsthaftesten, sollten nicht die Führung beanspruchen. Bei den Leitenden muss ihre ganze tägliche Arbeit mit den Geleiteten verbunden sein, ihre Aktivitäten sollten vor den Augen der Massen8 stattfinden, egal wie klein diese Masse im gegebenen Moment auch sein mag. Einen Groschen Wert ist9 eine Leitung, die per Telegramm aus Moskau oder von einem anderen Ort entfernt werden kann – so dass die Massen es auch nicht bemerken. Eine solche Führung bedeutet, dass im Voraus für Bankrott gesorgt ist. Wir brauchen einen Kurs auf den jungen Proletarier, der wissen und kämpfen will, fähig zu Begeisterung und Opfer ist. Aus diesem Umfeld muss man echte Kader für die Partei des Proletariats gewinnen und schulen.

Jedes Mitglied der Oppositionsorganisation muss verpflichtet sein, unter seiner Leitung mehrere junge Arbeiter, Jugendliche im Alter von 14-15 Jahren und darüber, zu haben, ständige Verbindung mit ihnen zu halten, ihnen bei der Selbstschulung zu helfen, sie den Fragen des wissenschaftlichen Sozialismus zu widmen und sie systematisch in die revolutionäre Politik der proletarischen Vorhut einzuführen. Ein Oppositioneller, der selbst nicht ausreichend auf diese Arbeit vorbereitet ist, muss von ihm rekrutierte junge Proletarier an seine entwickelteren und erfahreneren Genossen weitergeben. Wer Angst vor Kärrnerarbeit hat, den brauchen wir nicht. Der Titel10 eines bolschewistischen Revolutionärs erlegt Pflichten auf. Die erste der Aufgaben besteht darin, um die proletarische Jugend zu kämpfen, sich selbst den Weg zu den am meisten unterdrückten und gekränkten Schichten von ihnen zu ebnen. Sie werden als erste unter unserem Banner sein.

Die Beamten der Trade-Unions wie auch des falschen Kommunismus leben in der Atmosphäre aristokratischer Vorurteile der Oberschicht der Arbeiter. Wehe, wenn die Oppositionellen sich mit diesen Eigenschaften bis zu einem gewissen Grad anstecken. Man muss diese Vorurteile nicht nur ablehnen und verurteilen, sondern man muss sie auch aus seinem Bewusstsein ausbrennen. Man muss nach einem Weg zu den entrechtetsten, den niedergedrücktesten Schichten des Proletariats suchen, angefangen mit den Negern, die von der kapitalistischen Gesellschaft zu Parias gemacht werden und lernen müssen, in uns ihre revolutionären Brüder zu sehen. Dies hängt ganz von unserer Energie und Hingabe an die Sache ab.

Aus dem Brief des Genossen Cannon sehe ich, dass Sie der Opposition eine besser organisierte Form geben werden. Das kann ich nur begrüßen. Dieses Ziel liegt auf der Linie der oben dargelegten Ansichten. Bei der Arbeit, die Sie durchführen, ist die Formalisierung der Organisation notwendig. Das Fehlen von klaren organisatorischen Beziehungen entspringt aus Ideenverwirrung11 oder führt umgekehrt zu ihr. Das Gezeter über eine zweite Partei und eine IV. Internationale ist einfach lächerlich und kann uns am wenigsten aufhalten. Wir identifizieren die Kommunistische Internationale nicht mit der stalinistischen Bürokratie, d.h. mit der Hierarchie Peppers, die in unterschiedlichem Maße demoralisiert ist. Der Internationale liegt eine bestimmte Summe von Ideen und Prinzipien zugrunde, die die Schlussfolgerung des gesamten Kampfes des Weltproletariats darstellen. Diese Summe von Ideen vertreten wir, die Opposition. Wir verteidigen sie gegen die schrecklichen Fehler und Gewalttaten des Fünften, Sechsten Kongresses und gegen den usurpatorischen Apparat der Zentristen, die auf der einen Flanke vollständig in die Reihen der Thermidorianer übergehen. Es ist jedem12 Marxisten nur zu klar, dass trotz der enormen materiellen Ressourcen des stalinistischen Apparats die derzeitige führende Fraktion der Komintern politisch und theoretisch bereits tot ist. Das Banner von Marx und Lenin befindet sich in den Händen der Opposition. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die amerikanische Abteilung der Bolschewiki unter diesem Banner einen würdigen Platz einnehmen wird.

Mit festen oppositionellen Grüßen

L. Trotzki.

Konstantinopel.

1In der englischen Übersetzung: „natürlich“

2In der englischen Übersetzung: „Er beeindruckte mich immer als vertrauenswürdiger“

3In der englischen Übersetzung: „wie sie Stalin hat“

4In der englischen Übersetzung: „stalinistischen“

5In der englischen Übersetzung: „internationaler historischer“

6In der englischen Übersetzung: „Krisen, militärischen und revolutionären“

7In der englischen Übersetzung: „hirnlosen Bürokraten“

8In der englischen Übersetzung hier und im Folgenden: „Mitgliedschaft“

9In der englischen Übersetzung: „Ich würde keinen Cent geben auf“

10In der englischen Übersetzung: „Beruf“

11In der englischen Übersetzung: „intellektueller Verwirrung“

12In der englischen Übersetzung: „einem“

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